Das roughbook-Jahr

2009 sind die ersten roughbooks erschienen: Es lebt! von Tim Turnbull und die Soforthilfe von Michael Stauffer. 10 Jahre später sind wir immer noch da, das Geschäftsmodell der roughbooks, das Abo-System, half sofort und hilft uns immer weiter, dass Bücher wie diese erscheinen und gelesen werden können: Christian Filips schrieb seine Heißen Fusionen als Beta-Album fort (roughbook 045), Dagmara Kraus widmete sich Frank O’Haras Lunch-Poems als Aby Ohrkranf’s Hunch Poem (roughbook 046), Werner Hamacher übersetzte Jean Daives fut bâti als ward gebaut (roughbook 047), Elke Erb nährte uns mit ihrem Gedichtverdacht (roughbook 048), Norbert Lange folgte Jerome Rothenberg auf den Spuren seiner Vorfahren in Polen/1931 (roughbook 049) und Matthias Friedrich schliesslich machte die 50 voll mit Thanatos von Svein Jarvoll (roughbook 050). Wie es weitergeht? Das erfahren Sie, wenn Sie die roughbooks abonnieren, und wie alle Abonnenten erhalten Sie Svein Jarvolls „Thanatos“ als Geschenk. Schreiben Sie eine E-Mail an urs@engeler.de und sagen Sie einfach: Thanatos schickt mich. Dann weiss ich Bescheid.

Svein Jarvoll: Thanatos

Svein Jarvoll: Thanatos. Svein Jarvolls „polyphones Gedicht“ Thanatos, 1984 veröffentlicht, lässt in unterschiedlichen Zeiten, Epochen und Stilen die Verstorbenen zu Wort kommen: In einer Art Gryphius-Deutsch kündet es von des Menschen Sterblichkeit; es singt Cants de Mort à la Ausiàs March; es erzählt von Odysseus‘ in der Unterwelt stattfindender Begegnung mit seiner Mutter Antikleia und stattet der Anakreontik und der aphoristischen Dichtung Stippvisiten ab. Mal liedhaft, mal belehrend, mal mit melancholisch-obszönem Vokabular jonglierend, bewegt sich das Gedicht durch ebenjene lebenssatte Todeslandschaft, in der auch Jarvolls barock-postmoderner Roman Eine Australienreise von 1988 spielen wird.

Aus dem Norwegischen übersetzt von Matthias Friedrich
100 Seiten, Euro 10,-/ sFr. 12.-

Jarvoll Thanatos

Jerome Rothenberg: Polen/1931

Jerome Rothenberg: Polen/1931. In den Gedichten des Bandes Poland/1931 beschwört der 1931 in New York geborene US-amerikanische Dichter Jerome Rothenberg das Jahr seiner Geburt, die Sprache seiner Ahnen, die Orte seiner Herkunft. In den achtziger Jahren ist Rothenberg nach Polen gereist, um dort nach den Spuren seiner jüdischen Vorfahren zu suchen. Seine dabei entstandene vielsprachige Ethnopoesie folgt einem Prinzip der „Grand Collage“ (Robert Duncan) und beginnt mit der Beschwörung einer Sprache, die fast ausgelöscht wurde. Das polnische Jiddisch des Jahres 1931 ist wenige Jahre später zu einer Sprache der Geister, der Dibbuks, der ermordeten Juden geworden. In seiner obsessiven Ahnenfeier sucht Rothenberg die Dokumente und Sprechweisen seiner Vorfahren auf, überblendet die Zeiten, folgt den Emigranten in die „Amerikakatastrophe“ und wiederholt die alten jüdischen Rituale für eine Gegenwart, die nicht vergessen sollte: „Mein Geist ist gestopft mit Tischtüchern & mit Ringen doch mein Geist träumt sich nach Polen gestopft mit Polen.“ Norbert Langes Übersetzung überträgt das Amerikanische in die Sprache der deutschen Invasoren. Umso deutlicher behauptet sich dabei das Jiddische jener Geister, die von sich sagen: „polyn polyn polyn polyn polyn zaynen mir nid.“

Herausgegeben und aus dem Amerikanischen übersetzt von Norbert Lange
232 Seiten, Euro 14,-/ sFr. 17.-

Rothenberg Polen:1931.jpg

Auf YouTube:

Jerome Rothenberg: 'Vot Em I Doink Here?' [Work in Progress] 

 

Elke Erb: Gedichtverdacht

Elke Erb: Gedichtverdacht. Der jüngste Gedichtband von Elke Erb beginnt mit einem älteren Text, „Die Olympiade“ von 1970, wie alle Texte in diesem Buch im Sommer, den Elke Erb jeweils in Wuischke verbringt, „aus dem Tagebuch geholt“ und hier zum ersten Mal veröffentlicht: „Jammerschade, dass es nicht gelingt, diesen Traum zu erzählen …“ Das letzte Gedicht, „Das mit dem Baum“ vom „12.12.18, halb sieben“, ist den Bäumen gewidmet: „Sie werden mich übersterben. / Meine Handflächen meinen: Schade um sie.“ Von Traum zu Baum, dem Faden der Geduld entlang, mit dem Elke Erb das Alltäglichste und das Wunderbarste miteinander verbunden hat. Das ist „Poesie“: „Ich sagte plötzlich beim Frühstück mit den beiden hier auf dem Land: / Man ist ja irgendwie immer elf, und Geli: stimmt, sie sei immer 12. / Ei!“

roughbook 048, 94 Seiten, Euro 10,-/ sFr. 12.-

Bestellen: http://www.roughbooks.ch/elke_erb/gedichtverdacht.html

 

Jean Daive: ward gebaut

Jean Daive: ward gebaut. „fut bâti“ ist der zweite Gedichtband von Jean Daive, den Werner Hamacher 1979/80 übersetzt und dem Suhrkamp Verlag zur Veröffentlichung angeboten hatte, wo bereits Decimale Blanche, die „Weiße Dezimale“ in der Übersetzung von Paul Celan, erschienen war. Suhrkamp lehnte ab. Jetzt aus dem Nachlass von Werner Hamacher im Deutschen Literaturarchiv in Marbach herausgegeben von Urs Engeler, zweisprachig Französisch und Deutsch, mit einer Vorbemerkung von Werner Hamacher zur Ankündigung des Buches. „Ward gebaut spannt sich aus in der Perspektive vom Schrei bis zum Satz, siebenmal unterbrochen von sieben Zyklen, bis zum Rück-Schrei von Körper und Erinnerung, der siebenmal versucht, ein Substantiv zu artikulieren, Sprache zu finden. Die Geschichte der Sprache wird durch den Körpertext erzählt, während die Geschichte der Sprache durch den Körpertext gebrochen wird. Doppelte Bewegung einer Sprache, die dazu neigt, ihre eigene Erzählung zu formulieren, die versucht zu erscheinen: ward gebaut, was nicht ist.“ (Jean Daive)

roughbook 047, 172 Seiten, Euro 12,- / sFr. 14.-

Bestellen: http://www.roughbooks.ch/jean_daive/ward_gebaut.html

Vincent Sauer bespricht die „Heißen Fusionen“ von Christian Filips

Eine sehr schöne, weil triftige Besprechung widmet Vincent Sauer den Heißen Fusionen von Christian Filips: „Filips‘ Gedichte sind nicht Arbeitsnachweis oder ewig verlängerte Abschlussarbeit, sondern radikal subjektive, oft narrative, selbstreflexive ‚poetische Gedanken statt rhetorischer Reflexionen‘ (Marx) … größtenteils – einige sind vielleicht auch schlicht kluge Witze.“ Am liebsten würde ich die ganze Besprechung kopieren, begnüge mich aber mit dem Schluss und verweise auf die Seite der SIGNATUREN, wo die Besprechnung in ihrer Gänze zu lesen steht: „Filips‘ Schreiben geht Wagnisse ein. So billig das klingt: Gerade deshalb, weil sie ein Interesse daran haben, dass man sie versteht. Das funktioniert. Ein Literat aus Fleisch und Blut, der in unserer Zeit eine Biografie hat, dem sich die Welt und er selbst aufdrängen, ist am Werk. In vielen Gedichten heute, die vielleicht Angst haben, pubertär zu wirken, soll dieser Eindruck ja nie niemals nicht aufkommen. Es ist gut, ja aufklärerisch, wenn man beim Lesen immer wieder realisiert, dass man da ist.“