Bruno Steiger: Letzte Notizen 132

Letzte Notiz für zwei Unberücksichtigte

Die fünf gängigsten Traubensorten im Traum,
noch vor dem Frühstück eine weitere.
Den Vormittag über einer französischen Übersetzung
des Worts Saalsporthalle verbracht, dann nichts mehr.
Dann die letzte Stunde des Abends, zehn
Meter unter der Erde, probehalber ausgestreckt
neben dem Operationstisch, die Stirnlampe auf die
Erinnerung an den kostbarsten Halsschmuck
der Welt gerichtet. Später der Entwurf für Liz T.,
(semifiktional), dann die Ruder über dem See, das
Schweben zweier schwarzer Blätter, ungespiegelt.
Anderntags der Anruf aus Sion statt aus Visp.

Bruno Steiger: Letzte Notizen 132

Für eine „schwache“ Hermetik IV

Angenommen, Dichten wäre eine Form von Äusserung. Es würde damit ein biologisches Konzept von „Geist“ entweder behauptet oder eliminiert. Es liefe auf ein Spiel zwischen Diskretion und Anstand hinaus.

Bruno Steiger: Letzte Notizen 130

Heft E/1
undatiert

Sie zogen meine Finger aus dem Staub im Hintergrund
meiner Welt, ich schlich grölend davon. So klein

können Menschen gar nicht sein, sagte ich mir. Primaten
unter Blumensträußen, geduckt um eine Zimmernummer
bittend.

Mit einer weissen Kirsche in der Gurgel floss ich aus, süss und
zwei Meter
über Meer, ein Leben in Monaco, ein Steuerfreier, bis heute das
Älteste in meiner Post.

Hier starben, rief ich, 150
Münder unter meinen Streicheleinheiten, hier hat eine Zeit
gelebt. Ich floss aus. Ich hatte mich gesehen. Weiches kaltes Gras
hätte mich auf ein Schicksal als Gesetzgeber vorbereiten
müssen, während ich an meiner Lieblingsspeise (Dörr-
bananen) weiterschliff.

Bruno Steiger: Letzte Notizen 129

Für eine „schwache“ Hermetik III

III.1.
Was unser Sehnen nach Nichtwissen unerfüllbar macht, sind die „Einsichten“ in unser Wissen, nicht Wissen als solches?

III.2.
Es sind die Fragen, die täuschen, nicht all die Antworten.

III.3.
Eine „schwache“ Hermetik erhielte sich da, wo sich Frage wie Antwort erübrigen, ohne auf ein Modell von Einstimmen (oder Staunen) reduziert worden zu sein. Man könnte es Entgeisterung nennen; Betonung auf „Ent“. Mystik der lahmsten, ja lümmelhaften Art, nah einer simulierten Selbstkreuzigung.