Hinweis: Jean Daive

Deutschlandradio Kultur bringt am 16. Dezember „Erzählung des Gleichgewichts 4: W“ von Jean Daive, übersetzt von Werner Hamacher, als zweisprachige Hörspielfassung von Ulrich Lampen, mit Musik von Ulrike Haage:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/hoerspiel/1926329/

W. ist die Aufschrift auf einem Papierbündel und einem Paket, in dem eine störende Schwester, ein stummer Vater, eine entfernte Mutter auf die Post gebracht und verschickt werden, um vom Adressaten – einem Leser/Hörer – Stück für Stück einverleibt zu werden. W, ein gezahnter Buchstabe, ist sein Biss. Er richtet sich gegen alles, was W sonst noch ist oder andeutet: das Weiß, auf das es geschrieben ist, Wien als den Ort einer bestimmten, Psychoanalyse genannten Hör- und Sprechpraxis, das Weh, das mit der Sprache und mit ihrem Fehlen verbunden ist.

W., das Gedicht, ein paranalytischer Parcours, eine Übung in gehemmter Dissoziation, eine stenographische Erzählung von einem, der sich zur Sprache zu bringen versucht und, da er viele ist, nur zu verschiedenen, geteilten und widersprüchlichen Sprachen kommen kann.
Als Vorbereitung zur Sendung strahlt Deutschlandradio Kultur am 9. Dezember (im Anschluss an ein Hörspiel von Claude Simon) ein Gespräch mit Jean Daive aus: „Jean Daive, französischer Lyriker, Schriftsteller, Übersetzer, Journalist„, Werkraum von Carsten Hueck zur Ursendung am 16. Dezember 18.30 Uhr
Jean Daive, geboren 13. Mai 1941 in Bonsecours, französischer Lyriker, Romancier und Übersetzer, u.a. von Paul Celan. War seit 1975 Redakteur bei France Culture, initiierte das Magazin „Visuelle Künste“, Direktor des cipM (centre international de poésie Marseille). Lebt in Paris

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Die Gottheit Internet – Paul Bogaert

Du arbeitest jetzt selbständig und aus eigenem Antrieb
an deinen Angaben und wirst auf Lebenszeit derart
mit der Database intim,
vom Input berauscht, von Scores geküsst.
Du verbesserst / bestätigst, was abweicht,
wenn verlangt.
Wer an nichts glaubt oder
länger nichts einsingt,
sackt weg.
Du profitierst indes davon, sehr viel zu bestellen.
Bei dir selbst kannst du unmöglich tot ankreuzen.
Da ist ein persönliches Textfeld für Zweifel.

Quelle: De Slalom Soft, Paul Bogaert
Aus dem Niederländischen übersetzt von Christian Filips

crackdown stoppen!

Die abschreckende Einschüchterungs-Kampagne seitens Regierungen und Konzernen gegen WikiLeaks, die wahrscheinlich gegen kein Gesetz verstoßen, ist ein Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie. Wir brauchen dringend einen massiven öffentlichen Aufschrei, um den Crackdown zu stoppen – lassen sie uns in dieser Woche 1 Million Stimmen sammeln und ganzseitige Anzeigen in US-Zeitungen schalten.

Das Internet ist Gott (Blog-Poetik II)

„Das Internet ist für mich die größte emanzipatorische Erfindung der Menschheit seit der Erfindung der Schrift. (…) Es hat seit der Erfindung des Telegraphen und des Telefons nichts Vergleichbares gegeben, und das Netz schlägt diese Erfindungen ja noch, weil jeder mit jedem ganz nach eigenem Wunsch in Verbindung treten kann. Es ist ein verwirklichter Traum. Und jeder hat Zugang zu jedem. Ich bin eine begeisterte Anhängerin des Netzes. Und die schärfsten Restriktionen von Regierungen können immer auch von technisch Versierten umgangen oder ausgeschaltet werden. Das Netz ist demokratisch und subversiv zugleich. Es ist Gott.“

Quelle: Elfriede Jelinek in einer E-Mail-Korrespondenz mit Rita Thiele, abgedruckt im Programmheft zu „Das Werk. Im Bus. Ein Sturz“, Schauspielhaus Köln, 2010., via mlrm 

Die Gottheit Internet (Blog-Poetik I)

„Die Notwendigkeit einer globalen Sprache ist nicht von der Hand zu weisen, wir dürfen aber auch nicht vergessen, was für eine Gefahr sie für die ethnischen, nicht nur für die sprachlichen Minderheiten darstellt. (…) Tatsächlich laufen alle, die nicht zumindest ein broken English flüssig beherrschen, Gefahr, von jeder Form der Macht ausgeschlossen zu sein. Und leider werden sich nicht alle, auch wenn sie seit der Volksschule Englisch gelernt haben, die notwendige full immersion und die damit verbundene kostspielige Reise leisten können und auf diese Weise zu Ausgeschlossenen werden – so wie bis vor zwei oder drei Jahrzehnten die ausgeschlossen waren, die nur den Dialekt ihrer Region sprachen und kaum oder nur schlecht die Hochsprache beherrschten. Bleibt nur zu hoffen, dass ihnen eine full submersion erspart bleibt. Aber vielleicht werden wir alle diese Untiefen früher überwunden haben, als wir denken, und zwar dank der allgegenwärtigen Informatik, mithilfe pfingstlicher Maschinen, die augenblicklich – noch während wir sprechen – übersetzen. Die diesbezügliche Forschung macht zwar nur langsam Fortschritte, doch Sony oder irgendein anderer Konzern wird strahlend das Ziel erreichen; funktioniert nicht auch schon die Gottheit Internet, von der man sich wer weiß welche Überraschungen erhoffen darf?“  (1995)

Andrea Zanzotto, Schluss seines 1995 verfassten Essays EUROPA. GRANATAPFEL DER SPRACHEN, soeben in deutscher Übersetzung erschienen: „Die Welt ist eine andere“, Urs Engeler/Folio Verlag 2010. Zu bestellen hier