Bertram Reinecke macht was mit Büchern

Und sagt sehr interessante Dinge wie z.B.: „Die Arbeitskontexte sind immer zerfaserter geworden. Ich muss zusehends an mehreren völlig verschiedenen Projekten gleichzeitig werkeln. Das liegt daran, dass gerade das Feld der Lyrik in immer mehr Initiativen und Grüppchen fragmentiert. Als Lyriker begrüße ich diese gewachsene Vielfalt, andererseits muss man immer besser strukturiert sein, was Mehrfachnutzungen der eigenen Arbeit und effektive Ressourceneinsatz betrifft.“ Oder: „Ich beobachte, dass unter heutigen Bedingungen Autoren zusehends schlecht als Marken funktionieren. (Einzelne Titel dringen natürlich noch schlechter durch.) Daraus ergibt sich, entgegen dem Trend zur Autorenselbstvermarktung, eine Verschiebung der Marktbalance hin zu vermittelnden und „ordnenden“ Instanzen (Herausgeber, Verleger, Kuratoren etc). Verlage etwa setzen in der grafischen Gestaltung eher auf Wiedererkennbarkeit von Reihen und des Verlagsprogramms. Sie betonen somit das Gemeinsame. Dieser Trend stellt damit das Problem, das er zu lösen vorgibt, nämlich die Unsichtbarkeit des einzelnen Autoren oder Titels, teils selbst mit her.“

Die Überlegungen von Bertram Reinecke stehen auf der Blogseite „Ich mache was mit Büchern„.

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Konstantin Ames: (Preiskarusselllyrikkommentare« 22.4.2012)

Diese Zitronentart ist ein Gedicht!

Wie man sieht, dreht sich das Preiskarussell in der KostBar auf eher niedrigem Level und neben einer gut sortierten Weinkarte finden sich Kulmbacher Biere.

Das Preiskarussell an der Zapfsäule dreht sich schneller und schneller.

Selbst Schüler mischen im Preiskarussell mit und treiben damit manche Branchen an den Rand des Ruins.

Neue Brenner sind zwar sparsamer als alte, dem Preiskarussell entkommt man damit jedoch nicht.

Ich weiß, dass dies ein Langzeitspiel ist und auch der Markt nach Angebot und Nachfrage funktioniert und auch das Preiskarussell sich danach richtet.

Das Preiskarussell an der Zapfsäule dreht sich schneller und schneller.

Mir sagte mal ein Frauenzimmer, Symmetrie sei die Ästhetik der geistig Minderbemittelten.

Diese Zitronenhaie haben Finnen.

(Preiskarusselllyrikkommentare« 22.4.2012)

Halsbrecherische Improvisationskunst

Wie man heute Lyrik verlegt, ohne ein finanzielles Desaster zu erleben: Urs Engelers „Roughbooks“ gibt es nur im Netz zu kaufen.

Auf dem stetig schrumpfenden Markt der Gegenwartslyrik geht heute nichts mehr ohne halsbrecherische Improvisationskunst. Die wenigen unabhängigen Lyrik-Verleger sind radikale Querköpfe, die sich mit Gedichten die Möglichkeit erhalten, eigensinnig in der Welt zu sein und sich wie die von ihnen verlegten Texte gegen die Zweckrationalität ihrer Lebenswelt abgrenzen.

Fünfzehn Jahre lang hatte der Lyrik-Editor Urs Engeler, zunächst in Basel, später dann im Solothurner Holderbank, seinen verlegerischen Alleingang gegen die poesiefeindlichen Marktgesetze durchgehalten. Dann drohte im Frühjahr 2009 das Ende seines Experiments, denn sein Mäzen, der ihm seinen ästhetisch kompromisslosen Kurs ermöglicht hatte, zog sich zurück – und die schöne Utopie eines nur der Sprachkunst verpflichteten Literaturprogramms war plötzlich unfinanzierbar geworden.

Aber Engeler hat sich vom „stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ (Karl Marx) nicht erpressen lassen. Stattdessen hat er nach einem Jahr der Selbstbesinnung ein neues Verlagskonzept entwickelt, das die Standards des Buchmarkts aushebelt. Mit seinem neuen Format „Roughbooks“ ignoriert Engeler seit dem Frühjahr 2010 alle lästigen, weil kostentreibenden Begleitumstände des Büchermachens. Statt den Üblichkeiten der Branche zu folgen und sich über Zwischenbuchhändler und die sogenannten Barsortimente im Buchhandel zu platzieren, hat er alle externen Kostenfaktoren eliminiert und sucht seine Leser über den Direktvertrieb via Internet. Seine „Roughbooks“ sind handliche quadratische Boschuren, die im kostengünstigen Digitaldruck hergestellt werden und gestalterisch nichts von der Attraktivität der Urs Engeler Editor-Bücher eingebüßt haben. Und siehe da: Die kühne Entscheidung, auf Verlagsvorschauen, Buchvertreter, auf die branchenüblichen ISBN-Nummern und kostenfrei verschickte Presseexemplare zu verzichten, hat sich bislang bewährt.

Nach der Etablierung der „Roughbooks“-Reihe waren zwar sofort die Unkenrufer zur Stelle, die das neue Konzept für nicht überlebensfähig hielten und eine sektiererische Einkapselung der Lyrik-Community in einer winzigen Internet-Nische befürchteten. Aber der Untergang fand nicht statt, im Gegenteil. Nach den ersten zwölf „Roughbooks“ verweist Engeler mit berechtigtem Stolz auf die guten Verkaufszahlen und avisiert sein Konzept als zukunftsträchtiges Erfolgsmodell. „Ich sehe aber eine Gefahr für den Buchhandel heraufkommen“, so Engeler nicht ohne Spott, „wenn sich herumspricht, wie gut das Roughbooks-Konzept funktioniert.“

Dabei verweist er auf die starke Resonanz, auf die selbst die Bände der ungestümen jungen Poeten Christian Filips („Heiße Fusionen“) und Konstantin Ames („Alsohäute“) stießen. Die zweihundert gedruckten Exemplare der „Heißen Fusionen“ sind bereits vergriffen und von den erst im Dezember erschienenen Gedichten des sprachverrückten Konstantin Ames ist bereits die Hälfte der Auflage verkauft. Natürlich kann man mit Auflagen von 200 oder 300 Exemplaren keine fühlbaren Renditen erzielen, aber selbst avancierte Suhrkamp-Gedichtbände erreichen in der Regel kaum höhere Verkaufszahlen. Nur in Ausnahmefällen erreicht die verkaufte Auflage eines zeitgenössischen Gedichtbands noch die berühmte „Enzensbergersche Konstante“ von 1354 Lesern.

Die beiden jüngsten „Roughbooks“ repräsentieren die gegensätzlichen Pole des Engeler-Programms. Der Leipziger Konstantin Ames (Jahrgang 1979) favorisiert ein assoziationswütiges, zergliederndes Schreiben, das auf die „Ironiefähigkeit“ der lyrischen Rede vertraut. Als Roughbook 0012 ist zudem eine kollektive poetische Annäherung an die mittelalterliche Mystikerin Mechthild von Magdeburg erschienen. Fünf Dichter, darunter literarische Schwergewichte wie Franz Josef Czernin und Oswald Egger, vergewissern sich einer sympathetischen Nähe zu den religiösen Visionen Mechthilds. Es handelt sich letztlich um Wiederbelebungen sakralisierender Poetiken, in denen viel von „Vision“, „Ergriffenheit“, „Offenbarung“ und „Geheimnis“ die Rede ist: Die Poesie ist also wieder legitimiert, an der Wiederverzauberung der Welt arbeiten.

07. Februar 2011

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.

von: Michael Braun

 

Text / Axt

„Ich nehme mir vor, Holz zu hacken, wenn ich nicht vorwärts komme mit dem Text. Eine Axt müsste in der Werkstatt sein, Holz zum zerschlagen hat es genug in der Halle, genug Holz für ein Menschenleben.“ (aus: Arno Camenisch, Letzte Tage)