Monika Rinck zu „Der Soft-Slalom“ von Paul Bogaert

Softslalom: Ein durchnummeriertes Langgedicht, das vordergründig vom Alltag in einer Badeanstalt handelt. Doch scheint diese Anstalt auf der Kippe zu stehen. Wir treffen auf Kontrolle sowie auf Spuren katastrophischen Kontrollverlustes, auf seltsame Routinen und deren Überschreitung, auf das Hallenbad als Kulisse einer aberwitzigen Posse mit menschlichen und unmenschlichen Agenten.

Das Langgedicht offenbart freimütig seine Absichten bei jeder vollen großen Nummer – und beginnt wie jedes Roughbook zur maximalen Ausnutzung des Buchraums bereits auf dem Buchdeckel mit den ersten Zeilen des Gedichtes. Ich zitiere verknappt aus den Vorausschauen, die das Poem strukturieren: Kapitel 1) worin das Tagwerk beginnt und jeder, der nicht arbeitet, zum Kunden wird, Kapitel 2) Wo bröckchenweise das Verhör beginnt, Kapitel 3) der Softslalom, worin die Argumente verschwinden, Kapitel 4) worin ein Verteidigungsversuch abgelöst wird durch einen Sprung in der Zeit, schließlich Kapitel 5) worin eine andere Umgebung zu Einsichten führt.

Der Softslalom beginnt am frühen Morgen, wir wohnen sogar seiner Namensfindung bei und wir lernen: „Wo Textil ist, da sind auch Gespenster“ – treffen dann auf den Panther Argwohn, einige Kollegen aus der Badeanstalt, den Azubi, den Mister Chlorschlauch, auf die Klabauterdusche, den doppelten Massagestrahl, den mechanischen Wellengang, auf grausige Röchler, die Farben und Klänge des Bades, den unzähmbaren Hall und viele andere mehr.

Die Zeilen schlagen wild herum wie Schläuche unter Wasserdruck, die niemand mehr hält, bilden Schlingen, störrische Kringel. Doch es ist eine Freude zu erleben, wie es Paul Bogart gelingt, daraus eine beklemmend schlüssige und gleichermaßen abgründig komische Atmosphäre entstehen zu lassen, einzelne Beschreibungen ragen stochernd ins Ganze hinein: ein dysfunktional routinierter Arbeitsalltag, wo hinter jeder Biegung eine Feedbackrunde wartet, in der das, was eigentlich nicht funktioniert, kontrollsüchtig von fahlem Frohsinn verschleiert wird.

Es zeigt sich: Gedichte müssen nicht narrativ sein, um jede Menge von Geschichten freizusetzen. Das Langgedicht Softslalom ist wie ein sehr gut gemachtes Puzzle, das motivisch eine zehnjährige Anstellung in einer Badeanstalt darstellt, wobei zwar mindestens jedes zweite Teilchen fehlt, was aber nur dazu führt, dass sich die Intuition des Lesers und der Leserin in die Lücken hineinwirft, als springe sie vom Drei-Meter-Brett ins Springerbecken. Man werfe schaudernd einen Blick in die für Besucher nicht vorgesehenen Kammern und fremden Versorgungseinheiten. Was für ein Sprachraum! „Schau, das alles steht hier, schwarzweiß, auf Papier“, schreibt Bogaert und überrascht nach zwei Dritteln des Weges mit einer seltsam verschobenen, aber seriösen Selbstkritik des Bandes.

Vom Drama sich zunehmend dem Trauma zuneigend, werde ich angesprochen, ich werde geduzt. Zwischen aus dem Ruder gelaufenen Anweisungen zur Optimierung der Arbeitsorganisation, chemischen Substanzen, Ansprachen, Kacheln werden langsam die Konturen eines Unglücks deutlich. Unterlassene Hilfeleistung? Hat der Bademeister versagt? Ist jemand ertrunken? Nach zwei Jahren und 20 Minuten taucht der knallblaue Geist der Ertrinkenden auf. Und dann? Lesen Sie selbst – und freuen Sie sich über eine ausgezeichnete Übersetzung, die dem Aberwitz auch sprachlich Genüge tut, ohne ihn in allein ins Zentrum zu stellen.

Paul Bogaert: Der Soft-Slalom. Aus dem Flämischen von Christian Filips. Rougbook # 27, Berlin, Solothurn 2013

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Empfehlung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Stiftung Lyrik Kabinett

Sehr geehrter Herr Engeler,

auf die Frage, welche Gedichtbücher des Jahres 2013 besonders bemerkenswert waren, haben elf kundige Leserinnen und Leser auf Einladung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Stiftung Lyrik Kabinett geantwortet. Zu den Kundigen zählen Kritiker, Lyriker und Vertreter literarischer Institutionen – das sind: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Holger Pils, Monika Rinck, Daniela Strigl und Jan Wagner.

Ihre Veröffentlichung Paul Bogaert: Der Softslalom gehört zu den ausgewählten Büchern.

Softslalom: Ein durchnummeriertes Langgedicht, das vordergründig vom Alltag in einer Badeanstalt handelt. Wir treffen auf Kontrolle sowie auf Spuren katastrophischen Kontrollverlustes, auf lose Routinen und deren Überschreitung. „Wo Textil ist, da sind auch Gespenster“. Wie es Paul Bogaert gelingt, eine beklemmend schlüssige und gleichermaßen abgründig komische Atmosphäre entstehen zu lassen, ist großartig. Einzelne Beschreibungen ragen stochernd ins Ganze hinein: ein dysfunktional routinierter Arbeitsalltag, wo hinter jeder Biegung eine gespenstige Feedbackrunde wartet. Es zeigt sich: Gedichte müssen nicht narrativ sein, um jede Menge Geschichten freizusetzen. „Schau, das alles steht hier, schwarzweiß, auf Papier“, schreibt Bogaert und überrascht nach zwei Dritteln des Weges mit einer seltsam verschobenen, aber seriösen Selbstkritik des Bandes. Vom Drama sich zunehmend dem Trauma zuneigend, werden nun die Konturen eines Unglücks deutlich. Ist jemand ertrunken? Lesen Sie selbst – und freuen Sie sich über eine ausgezeichnete Übersetzung. (Monika Rinck)

Die Liste, die seit gestern auf der Seite  www.daslyrischequartett.de abrufbar ist, wird auch im Rahmen der Buchmesse Leipzig präsentiert – mit Carl-Christian Elze, Martina Hefter, Erik Lindner, Katharina Narbutovic, Monika Rinck, Jan Wagner und als Moderatoren Heinrich Detering und Holger Pils:

Samstag, den 15. März 2014

16 Uhr: Literaturforum Halle 4, Messegelände

und

20 Uhr: Sächsische Akademie der Wissenschaften, Villa Klinkhardt /Karl-Tauchnitz-Str. 1, 04107 Leipzig

Mit herzlichem Dank und freundlichen Grüßen,
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

Jan Kuhlbrodt bespricht Paul Bogaert, Der Soft-Slalom

Kuhlbrodts Besprechung für fixpoetry beginnt so:

„Ganz Mitteleuropa ist zum Themenpark geworden, und wir wissen manchmal nicht, auch wenn wir gerade erwachen, ob wir noch hier wohnen oder schon Angestellte sind, was aber in letzter Konsequenz auf das gleiche hinausläuft. Die Bedrohungen, die lauern, wirken meist inszeniert, und für alles gibt es eine Anleitung, die man sich aus dem Internet aufs Smartphone herunterladen kann.“

Und endet so:

„Paul Bogaert schildert in fünf Abschnitten einen Tagesablauf. Allerdings braucht die so entworfene Realität, traum- wie alptraumhaft, eben das Gedicht, das sie zusammenhält. Denn auch der Traum ist eine Zwangsvorstellung, worin deutlich wird, dass es im Gasthaus Zum Torschluss keine Besuchszeiten gibt.

Die vorgestellte Welt ist am Zerfließen, sie verliert Kontur, die analytischen Setzungen verlieren ihre Gültigkeit, und so verleiht ihr das Gedicht in seiner Formstrenge Festigkeit, die sie von selbst nicht mehr aufbringen kann.

Dem Leser allerdings ist das ein Fest.

P.S.: es lebe das lange Gedicht.“

Alles zwischen Anfang und Ende steht hier. Das Buch selbst gibt es über die Webseite der roughbooks (die übrigens nach wie vor in Solothurn erscheinen).


roughbook027: Paul Bogaert, der Soft-Slalom

Das Jahr der Suppe. Das Atmosphäre im Büro ist angespannt. Namen müssen erdacht werden und die Klimaanlage funktioniert nicht wie sie soll. Im Badeparadies herrscht ein enthusiastisches, ja erregtes Klima, vor allem in den Rutschen. Bis der Bademeister in Schwierigkeiten kommt. Er wird verhört von Ertrunkenen und persönlichen Coaches. Der Bademeister versucht sich zu konzentrieren. Aber das Niveau ist gesackt. Das Böse ist geschehen. In „der Soft-Slalom“ richtet Paul Bogaert den Fokus auf den diplomierten Arbeiter in seiner erhitzten Glocke, der bei jedem kleinen Scheiß auf Abruf von hier nach da sputet, in der „possierlichen Langes-Schöpfnetz-Choreographie“. „Der Soft-Slalom“ ist ein langes, eng gefügtes Gedicht, bequem aufgeteilt in lauter einzelne Gedichte, die sich dann aber wieder zu einem ungeheuren, krakenarmigen Ganzen gruppieren. Herausgegeben und übersetzt von Christian Filips.

Bogaert softslalom

Bestellen: Paul Bogaert, Der Soft-Slalom

66 Seiten, Euro 9,-/ sFr. 11.-