Spiegel und Stein

„Mit der Entgegensetzung von Spiegel und Stein ist hier eine glückliche Formulierung gefunden, die in zwei Worten den Unterschied zwischen der üblichen und der trunkenen Wahrnehmungsweise der Dinge zusammenfasst. Tatsächlich gibt es zwei grundlegende Bezugsmöglichkeiten in Hinblick auf das Reale: den rauhen Bezug, der über die Dinge stolpert und daraus nur das Gefühl ihrer schweigenden Präsenz ableitet und den glatten, blanken, formvollendeten Bezug im Spiegel, der die Präsenz der Dinge durch ihre bildliche Erscheinung ersetzt. Der rauhe Bezug ist einer ohne Double; der glatte Bezug existiert nur dan des Double. Der trunkene Bezug gehört zur ersten Kategorie: rauhe Wahrnehmung, unfähig doppelt zu sehen (und das, um es noch einmal zu wiederholen, trotz der gelegentlichen Verdoppelung der Bilder in der trunkenen Sehweise, die aber nur einen Oberflächenbezug darstellt).“

Clément Rosset: Die Idiotie des Realen

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Offener Antwortbrief an Stefan Weidle und die Kurt-Wolff-Stiftung

Lieber Stefan

Heute hat mich Deine E-Mail erreicht, die ich hier, weil sie mir eine Sache von öffentlichem Interesse zu betreffen scheint, wiederholen und beantworten will:

„Lieber Urs, wir hatten uns bei der Kalkulation des neuen Katalogs der Stiftung vertan und mußten einen Verlag rausnehmen. Leider hat es Dich getroffen. Der Grund ist, daß wir doch einige feste Bedingungen setzen: Die Bücher müssen eine ISBN haben und der Verlag eine Auslieferung. Und die Bücher müssen der Preisbindung unterliegen. Alle Kriterien erfüllen Deine Bücher nun nicht. Außerdem scheint Roughbooks ein Schweizer Verlag zu sein (auf Deiner Website fehlt das Impressum!). Deshalb mußten wir, als es darum ging, einen Verlag zu streichen, aus formalen Gründen den Deinen wählen. – Sehen wir uns denn in Frankfurt? Herzlich, Dein Stefan“

Nicht, dass ich wirklich enttäuscht bin, nicht im „Katalog der Stiftung“ zu stehen. Ich fand die formalen Vorgaben, denen man sich zu beugen hat, immer schon sehr beengend und das Resultat entsprechend uninspiriert. Sehr zweifelhaft scheint mir überdies Reichweite und Wirksamkeit der Broschüre. Ich bin also nicht gegen den Ausschluss. Ich finde sogar, er trifft in mir, der dem Bemühenden solcher Veranstaltungen immer fern und ferner steht, den richtigen.

Peinlich überrascht bin ich aber von Deinen Gründen: keine ISBN, keine Auslieferung, keine Buchpreisbindung, und dann auch noch Schweizer!

Eine E-Mail von Dir als Vorsitzendem des Vorstandes der Kurt-Wolff-Stiftung in der Sache „es geht um das Buch“ des Inhalts: Wir beginnen an der Wirksamkeit unserer Publikation  zu zweifeln, und wir würden uns deshalb mit Dir als einem Verleger, der nach neuen Wegen und Ideen sucht, gerne über andere Möglichkeiten unterhalten – eine solche mail hätte ich produktiver gefunden.

Es könnte der Stolz der Kurt-Wolff-Stiftung sein, dass sie Verleger auszeichnet und fördert, die in schwieriger Lage (in denen sich wohl fast alle Bücher und ihre Macher und Verkäufer befinden) Neues, auch Ungewohntes und Unübliches, versuchen. Es müsste Teil der Arbeit der Kurt-Wolff-Stiftung sein, die Erfahrungen mit diesen neuen Wegen und Ideen auszuwerten und Interessierten zu vermitteln. Es geht schliesslich um das Buch.

Aber offenbar geht es eher um den Börsenverein des deutschen Buchhandels.

Das ist sehr bedenklich.

Wenn Du mal in die buchpreisbindungsfreie Schweiz fahren willst, dann bist Du mir in Solothurn herzlich willkommen. Ich weiss, Du magst guten Wein, und ich koche gern. Dann können wir fern vom Reich des Börsenvereins über Bücher sprechen – und über das, worum es geht.

Mit herzlichem Gruß
Urs

PS: Hier die Seite roughbooks, die die Kalkulation von „es geht um das Buch“ zu sprengen droht.

Aus der Lyrikzeitung & Poetry News

60. Verlagsranking

Die kleinen Lyrikverlage sind die Träger der neuen Lyrikszene, das ist oft gesagt worden und richtig. Auch unser Rankingspiel belegt das. Urs Engeler und Kookbooks befüttern die Szene seit Jahren, neuere wie Poetenladen, Luxbooks, Fixpoetry, Reinecke und Voß drängen nach. Die großen Traditionsverlage sind weit zurückgetreten – freilich mit einer Ausnahme. Suhrkamp ist auch nach dem Umzug voll im Geschäft. In diesem Jahr führen sie klar vor allen anderen, und auch in den letzten Jahren war Suhrkamp mit Büchern von Ann Cotten, Barbara Köhler, Katharina Hacker präsent, mit Oswald Egger, Friederike Mayröcker und Marion Poschmann gewann der Verlag in 5 Jahren dreimal den Huchelpreis. Die kleine Liste zeigt zweierlei: Suhrkamp hält „seinen“ Autoren die Treue über Jahrzehnte, und der Verlag setzt in jedem Jahrzehnt seit den 50er Jahren immer auch auf Lyrik-Debütanten. Der Verlag Brechts, Eichs, Huchels, Celans, Enzensbergers oder der Bachmann verlegte auch Robert Schindel, Volker Braun, Thomas Brasch, Werner Söllner, Thomas Rosenlöcher, Ulrike Draesner, Uwe Kolbe,  Durs Grünbein, Thomas Kling, Marcel Beyer… Das muß man auch mal loben.

Hier die Auswertung unseres Rankingspiels (Zahl der vertretenen Titel / Zahl der Stimmen):

  • Suhrkamp  (4/42)
  • Berlin Verlag (2/26)
  • Poetenladen (2/25)
  • roughbook (2/25)
  • Reinecke und Voß (1/10)
  • Kiepenheuer & Witsch (1/8)
  • Hanser (1/6)
  • Kookbooks (1/5)
  • Peter Engstler (1/5)

Text / Axt

„Ich nehme mir vor, Holz zu hacken, wenn ich nicht vorwärts komme mit dem Text. Eine Axt müsste in der Werkstatt sein, Holz zum zerschlagen hat es genug in der Halle, genug Holz für ein Menschenleben.“ (aus: Arno Camenisch, Letzte Tage)