Elke Erb hören

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Elke Erb ist eine poetische Autorität. Ihre Freiheit im Umgang mit Sprache, ihre Unabhängigkeit von Moden und Trends machen sie zu einer Autorin, an der sich Kollegen messen. Für Elke Erb existieren Genregrenzen für Texte nicht. »Poesie existiert nicht nur im Gedicht, sondern auch in anderen Literaturgattungen oder Künsten sowie außerhalb der Künste.« »MEINS«, herausgegeben von Christian Filips, bestätigt dies aufs Neue: Ein Band voller kurzer Texte, die sich jeder Definition entziehen, Notizen aus den Jahren 2003 bis 2009, Beobachtungen aus dem Alltag. Sie bewegen sich sprachwandlerisch und lautmalend, sie sind rau, sie wecken Neugier. Der Leser kann die Autorin begleiten, sich auf das Sprach-Abenteuer einlassen, er kann die Welt mit ihren Augen sehen.

Das Buch gibt es immer noch hier, ausnahmsweise sogar in einer zweiten Auflage.

 

 

 

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Haushaltsfragen – Elke Erb und Christian Filips lesen gemeinsam

 

Elke Erb und Christian Filips verbindet die Lyrik und eine Wohngemeinschaft. Ihre Küche haben sie für PROSANOVA mitgebracht und lesen zusammen mit ihrem Gast, dem Komponisten und Performer Bo Wiget, aus ihren Gedichten und ihrem Putzplan, zu hören auf Litradio.

 

Urs Engeler: Laudatio auf Elke Erb

Liebe Beatrice Stoll, geehrte Elke Elke, verehrtes Publikum

Die Bedingungen, unter denen wir heute Abend hier zusammenkommen, haben etwas Eigenartiges: Elke Erb reist von Berlin, ihrem Wohnort, zu den verschiedenen Literaturhäusern in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz, sie reist nach Leipzig, Salzburg, Graz, Hamburg, sie reist in Berlin vom Wedding nach Charlottenburg, sie reist nach Rostock, München, Stuttgart, Zürich, Frankfurt und Köln, sie reist, um aus ihren Texten vorzulesen, und an jeder ihrer Stationen hört sie die Rede eines Laudators auf sich und ihr Werk.

Insofern, als es in diesen Bedingungen eine Konstante gibt, nämlich Elke Erb als die Vorlesende, und wechselnde Milieus, in denen sie liest, also ein immer anderes Haus mit einem immer wechselnden Publikum, könnte man von einer Versuchsanordnung sprechen. Diese Versuchsanordnung nennt sich Preis der Literaturhäuser.

Versuchsanordnungen sind Elke Erbs natürliche Umgebung. Ich erinnere nur an eines ihrer letzten Bücher, um deutlich zu machen, wie sehr sie an Versuchen und Verfahren, wie stark sie an Versuchsanordnungen interessiert ist: Der Band Sonanz ist mit 5-Minuten-Notate untertitelt, weil die Versuchsanordnung seiner Produktion war, sich Tag für Tag hinzusetzen und 5 Minuten lang zu schreiben, was ihr in den Kopf und von da unter die Feder, oder eher: was ihr unter die Feder und von da in ihren Kopf kam.

Versuchsanordnungen sind nötig, um über das Bekannte hinauszugehen. Sie sind der Versuch einer neuen, einer andern Ordnung. Versuchsanordnungen sind eine natürliche Weise, unnatürliche oder eigenartige Bedingungen zu schaffen, um mehr und anderes über die Natur zu erfahren. Bei Elke Erb, und deshalb ist sie mit der Versuchsanordnung Preis der Literaturhäuser 2011 bedacht worden, geht es um eine Erprobung der Natur von Literatur.

„Elke Erbs Werk hinterlässt Spuren”, lautet die Begründung der Jury, die den Preis der Literaturhäuser 2011 vergab, “Spuren im Leser, den die Gedichte zum Leben brauchen und den sie deshalb suchen, mit aller Kraft.” Das ist es, was diese Versuchsanordnung erweisen will: das Hinterlassen von Spuren in Lesern durch das Vorlesen von Gedichten.

Unklar ist vielleicht, was Elke Erbs Rolle in diesem Versuch ist: Ist sie das Kaninchen, das von einem Ort zum andern springt, oder ist sie diejenige, die das Kaninchen beim Springen beobachtet, die die Reaktionen eines immer je andern Milieus auf sein Springen beobachtet, die die verschiedenen Antworten der Laudatoren auf seine Sprünge beobachtet? Bin ich das Kaninchen? Oder sind Sie die Kaninchen? Wer auch immer das Kaninchen ist: Elke Erb beobachtet es mit Sicherheit.

Zweifel habe ich daran, ob die Reden der Laudatoren sich tatsächlich so sehr voneinander unterscheiden. Deshalb habe ich es vorgezogen, die Reden der andern, die meiner bereits im Internet vorausgeeilt sind, nicht zu lesen. Es ist gut möglich, dass ich die Rede eines andern wiederhole. Wenn ich hier wiederhole, will ich es in aller Selbstverständlichkeit tun. Wiederholung gewisser Gedanken, vielleicht sogar Wiederholungen Wort für Wort sind nicht auszuschliessen, denn schliesslich denken wir alle in Worten und geleitet von Worten, und wir denken von Wort zu Wort. Das kann man bei Elke Erb lernen, diese unwillkürlichen, diese oft leidigen, weil erlittenen, bevormundenden Lautleiten von einem Wort zum andern kann man bei ihr studieren. Und da sich alle diese Gedanken auf Elke Erb und auf ihr Werk beziehen, ist es wahrscheinlich, dass sie gewisse Dinge wieder und wieder hören wird.

Und das ist wahrscheinlich ein bisschen langweilig. Und Langeweile können Kaninchen ebenso wenig leiden wie Bevormundung. Wer sie zu bevormunden sucht, dem entweichen sie in Sprüngen. Laudationes sind immer Bevormundung. Da ist ein Mund, der vor dem eigentlichen Mund spricht. Und Laudationes sprechen ihrem Gegenstand nach dem Mund. Ich ziehe es vor, den Kaninchen beim Springen zuzuschauen.

Aber Wiederholung ist nicht wirklich ein Problem. Wiederholung ist notwendig. Wiederholung gehört zu Versuchsanordnungen. Man wiederholt, um das Resultat zu erproben. Man wiederholt, um die Richtigkeit des Resultats zu erweisen. Man wiederholt, um zu verifizieren. Man wiederholt, um sicher zu gehen. Man wiederholt, um über das Sichere hinaus zu gehen. Man wiederholt, um Neues zu erfahren. Man wiederholt, um sich zu wundern.

Wiederholungen und das Bilden von Reihen gehören auch zu den Verfahren von Elke Erb. In der Vorbemerkung zu dem eben erwähnten Band Sonanz schreibt sie: Von selbst hätte ich mit dem Gesumm wohl auch nicht angefangen: Eines Tages im Herbst 2002 sagte Ulrike Draesner, sie schreibe jeden Tag fünf Minuten lang etwas nieder. Als ich meinte, ich könne das nicht, sagte sie: Wenn du nicht weiter weißt, schreibe einfach immer das letzte Wort, bis die Zeit um ist. Eben dies war (nicht die Ermunterung, sondern) der auslösende Reiz: das Nichts, das die Hemmung wegstrich.

Ich wiederhole: Die Wiederholung ist der Reiz, die Wiederholung ist das Nichts, das die Hemmung wegstreicht. Die Wiederholung ist das Wunder. Die Wüste ist nichts für sie.

Und weiter schreibt Elke Erb in ihrer Vorbemerkung: In der Regel wußte ein neues Notat nichts von dem davor, es begann aus dem Nichts (ich erinnere an und wiederhole: das Nichts, das die Hemmungen wegstreicht) mit keiner Überschrift, nur dem Datum … Der assoziative Ablauf beförderte eine unwillkürliche (oft leidige, weil erlittene, bevormundende) Lautleite von einem Wort zum andern. Unerwartet aber produzierten sie von selbst ideelle, poetologische Reize … Erst während der Bearbeitung erkannte ich nach und nach, daß diese halbautomatischen Wortfolgen sogar aktuelle, schlechthin existentielle ebenso wie auch theoretische, Themen / Aufgaben behandelten, und zwar an einem Tag um den andern, fortschreitend. Hell und schnell, im Vergleich etwa zur Traumarbeit, geführt von Reiz wie Lust. Ende Zitat.

In diesen wenigen Worten steckt, was Elke Erb interessiert, was sie antreibt, was sie ausmacht, was sie anmacht, was sie entfacht: Schreiben ist Reiz und Lust, Schreiben ist Aufgabe, Schreiben ist existentielle Praxis, Schreiben ist Alltag, Schreiben ist Poesie, Poesie ist Poetologie, Poetologie ist Theorie, Theorie ist Alltag, Alltag ist Aufgabe, Aufgabe ist Reiz, Reiz ist Lust.

So kann die Reihe weitergehen. Was ihr hilft ist Assoziation. Nichts steht für sich allein. Alles ist in Verbindung. In Berührung. Was ihr weiter hilft sind Sprünge. Nichts steht fest. Alles kann springen. Sich verändern. Uns verwandeln. Berühren.

Darauf kommt es an. Auf Berührung. Bewegung. Mitmachen. Mitgehen. Verstehen. Vergehen. Adieu. Lesen von einem zum andern. Klärung. Punktuell. Thema. Nichts geht verloren. Nichts steht fest. Alles kann springen. Ruht nicht. Geleitet. Fluch ruhig, die Wolken ziehn.

Das eben war eine Reihe, eine Reihe im Stile von Elke Erb, und es war eine Reihe reeller Überschriften, die sich in Elke Erbs letzter Veröffentlichung finden, in “Meins”. Letztlich ist alles ihres. Wendet sie sich allem zu. Verwandelt sie sich alles an. Die Wüste ist nichts für sie.

Ich fürchte allerdings, die Versuchsanordnung Preis der deutschen Literaturhäuser ist keine, wie  Elke Erb sie sich ausdenken würde, dafür ist sie nicht streng genug, ist sie zu wenig Prozess, zu sehr auf Repräsentation und zu wenig auf Produktion ausgerichtet. 11 Lesungen, das ist gerade mal ein Beginn, gerade ausreichend, um mit der Versuchsanordnung, um mit ihren Regeln, den Konstanten und Eventualitäten, den Schwierigkeiten und Möglichkeiten angefangen zu haben und bekannt geworden zu sein. Nach 11 Lesungen geht es erst wirklich los. Will der Preis der Literaturhäuser Ernst machen mit seinem Versuch, dann ist er mit den elf Lesungen nicht abgefeiert, dann muss er sich fortsetzen und erneuern in der Gründung von 111 neuen und andern Literaturhäuser. Elke Erb wird wissen, wie die funktionieren können. Deshalb macht man ja den Versuch: um Spuren zu hinterlassen in den Lesern. Man muss die Kaninchen und seine Beobachterin befragen, um den Versuch auszuwerten. Das Kaninchen, warmes, wolliges Kaninchen, warmes, wolliges, fernes, ferne hockendes, graues. Die Wüste ist nichts für es. Wir brauchen mehr Literaturhäuser.

Und dafür springt das Kaninchen von Ort zu Ort: weil es beim Preis der deutschen Literaturhäuser um ein bestimmtes Verfahren geht, um ein Verfahren der Wiederholung und Veränderung, der Fortsetzung und Erneuerung, der Tradition und Innovation. Der Preis der Literaturhäuser 2011 passt also ausgezeichnet zu Elke Erb und zu ihren Verfahren. Liebe Literaturhäuser, die Ihr Euch diesen Preis ausgedacht habt: Ich gratuliere Euch, mit Elke Erb habt ihr Euch die richtige Autorin zur Selbsterneuerung und Selbsterfindung gewählt.

Und Dir, liebe Elke, gratuliere ich nicht minder. Auch wer sein Revier im Ungesicherten hat, kann hin und wieder Bestätigung gebrauchen. Du hast sie sehr verdient.

Gerne würde ich auch sagen: Wir brauchen mehr Kaninchen. Auch wir hätten es verdient. Aber ich weiss, dass sie nicht vom Himmel fallen. Es geschehen keine Wunder. Wir können froh sein, dass es wenigstens eine Elke Erb gibt. Und die werden wir jetzt vorlesen hören.

(Einige andere der Laudationes sind gleichfalls zu lesen auf literaturhaus.net.)

Elke Erb auf Tour

Elke Erb hat ihre Bereisung der Literaturhäuser in Leipzig begonnen. Auf jeder Station erhält sie einen andern Laudator, in Leipzig machte Peter Gosse den Anfang (und erinnert Michael Gratz in der Lyrikzeitung an die erste Begegnung mit Gedichten von Elke Erb). Seine Rede gibt es beim Poetenladen.

Die weiteren Stationen werden sein:

Salzburg 4.4.
Graz 5.4.
Hamburg 7.4.
Berlin 15.4.
Rostock 3.5.
München 23.5.
Stuttgart 24.5.
Zürich 25.5.
Frankfurt 30.5.
Köln 31.5.

Das Buch zur Tour ist roughbook 013: Deins.

A Poem A Day – Bert Papenfuß

Schonen


Für „Flip-out-Elke“

 

 

Bin in Altes Lager gewesen; allet schubbert ab.

Das Pferd ist zu Fuß ein Tusch hinterm Tod.

Ich habe Ales stenar gesehen, steht zwar noch,

aber die Steine sind wie die Wörter verrutscht:

Der Tusch ist ein Pferd hinterm Tod zu Fuß.

So bastelt man kein Sonnenobservatorium.

 

„Gedanken wie Reisig zu Füßen“[1]

„Es fängt an dunkel zu werden

Es hört auf hell zu sein“[2]

„Meine eigenen, störrische Zweige,

zum Winter geworfen“[3]

„Es hört auf dunkel zu sein

Es fängt an hell zu werden

Und zwei ist eins“[4]

 

Von der Erbin[5] lernen, heißt erben lernen: Odin war nur

ein Führer, Loki ist Anrührer, Anführer und Aufrührer!

Schoningers Adler resp. Rabe – „ist Greif“[6].

Zu allem, was recht ist, paßt – was einseift.

Dann sorgt die Biathletin[7] für Ordnung:

Frauen ins Land, Männer an den Strand.

 

Eins ist zwei und

Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es

„Lieblicher sprachst du […]

als du in dein Bett mich entbotst:

nicht darf ichs verschweigen,

 

wenn unsre Schandtaten wir / sollen nennen genau.“[8]

Frieden ist ewiger Streit, ruhig rollt das Rad,

auf Preis folgt Nachlaß, dann Preisgabe,

Zurücktritt, Unterwerfung des Geistes:

Eingeschworen ist die Pik Zehn,

auf die einheizende Herz Neun.

 

 

Gedanken wie Geschling zwischen den Zehen:

„Es fängt an dunkel zu werden

Es hört auf hell zu sein“.

Gletsch, Gleiß und Giersch zu ihrer Zeit,

der Film fängt gleich an:

„Es hört auf dunkel zu sein

Es fängt an hell zu werden

Und zwei ist eins“

 

„Unser Gelächter war urböse […],

gespeist von dem Urquell des Unmotivs,

und wir versuchten vergebens,

den Schutzherrn unseres Gemütes zu betrüben.“[9]

Nach dem Schlangenverderben

beginnt des Wurmes Werden.

 

Eins ist zwei und

Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es

„Lieblicher sprachst du […]

als du in dein Bett mich entbotst:

nicht darf ichs verschweigen …“

 

Wann sorgt die Biathletin für Ordnung?“ –

„Welche Ordnung?“ – „Die Mutter der Ordnung!“ –

„Einmal genannt ist die Mutter der Ordnung

jede Ordnung.“ – „Eine spontane Ordnung!“

„Was heißt Regel beim Dichten? – Zweierlei heißt es.

– Was denn? – Normal und Abgewandelt!“[10]

 

Gedanken wie Geäst zwischen den Zeiten:

„Es fängt an dunkel zu werden

Es hört auf hell zu sein“.

„Die fünfte Freiheit ist Zeitenwechsel[11]

in der Halbstrophe.“[12] Für janz Doofe:

„Es hört auf dunkel zu sein

Es“ fing „an hell zu werden

Und zwei ist eins“

 

Pferdeschwänze drehen am Rad, betrauern

gefallene Adoranten, Schiffsheber, Akrobaten,

Krieger und Dollentrolle, die sich selbst ausheben.

Unterstrapazierte Kindergermanen geben kein Gas;

säen und ernten nicht, sparen keinen Strom.

AIDS riskieren oder Arsch abfrieren.

 

Eins ist zwei und

Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es

Anzufangen auf hört es

Aufzuhören an fängt es

Zuzuhören auf hört es

Zuzugreifen an fängt es

 

Nokia: „Ich habe jede Möglichkeit so antizipiert,

dass mich Alleen voll Gehängter nicht stören werden,

ein Ziel zu verfolgen, das bei mir immer wiederkehrte.

Den Menschen das abbetteln, was sie nicht geben wollen,

habe ich kein Talent, weil ich an die innere Überwältigung glaube.“[13]

Die Unterwerfung des Geistes, dem es an Opfern gebricht.

 

In der Schonung haben wir gefickt.

„Es fängt an dunkel zu werden

Es hört auf hell zu sein“.

Aus der Lichtung bricht die Schneise – wüßte der Dadaskalde[14]

noch die Richtung; brunzt die Scheiße, ich wüßt’s wohl balde:

„Es hört auf dunkel zu sein

Es“ fing „an hell zu werden

Und zwei ist eins“

 

Dann steigt der Greif und Donner fährt ins Gebirge.

Der Winterwanderer[15] beschreibt ein Sommergewitter:

Brachst die Knochen der Spielgefährtin,

machst den Dreigewaltigen zum Hoschi,

barbiertest den mächtigen Kampfbart,

malträtierst die leblosen Schreihälse.

 

Eins ist zwei und

Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es

Anzufangen auf hört es

Aufzuhören an fängt es

Zuzuhören auf hört es

Zuzugreifen an fängt es

 

Verschiedene sich angelegentlich kreuzende Wege resp. Verse

führen zu der Straße resp. Strophe in das Gebiet resp. Gedicht,

in dem steht, was in Schonen und rund um Schonen rum abgeht:

Abgedrehte Vegetationszyklen und jeweiliges Wetter beugen sich

über schräge Großsteingräber und zerfurchte Felszeichnungen.

Die allgemeine und spezielle Poëtologie, die Erörterung zwischen-

 

menschlicher Beziehungen hingegen,

die – zugegeben, innere – Überwältigung

des spröden Geistes, und der Kommunismus

folgen genauso auf dem Fuß wie der Formalismus.

In der Schonung knospt’s –

„Es hört auf dunkel zu sein

Es“ wird angefangen geworfen sein „hell zu werden

Und zwei ist eins“.

 

Der Feind des Trichterbechermannes ist der Steinschläger,

Trassen hauend – „Hucker,“ die wir sind, „nicht Maurer“[16]

für Paperbacks? „Wir gehn über die grauen Wiesen.

Wir grüßen den lautlosen Regen über dem Leunawerk.“[17]

Fehlt dem Raubein das gryphische Element,

hat er glatt die Schiffssetzung verpennt –

 

„die monologe gehen fremd“[18].

Vorbeigefahren, eingeschliffen:

Eins ist zwei und null zugleich.

„Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es“

Mainstream ist woanders.

 

„Ich nehme keine Befehle entgegen. Ich folge dem Ratschluß

meiner“[19] Schwänze. „Ich sehe den Zauber der Entzauberung.“[20]

„Frauen, die unser Leben teilen, in den enteigneten Betrieben.

[…] nicht gedrückt in die winterliche Struktur.“[21]

„Die Poesie verwandelt ihre Widerstände in Siege.

[…] Je knapper die Siege sind, desto besser.“[22]

 

Schonen … ist die Herausforderung meiner Wassersuppe![23]


[1] Aus: Schonen. In: Elke Erb. Meins. Hg. v. Christian Filips. roughbook 006, Wuischke, Berlin und Holderbank SO, Juni 2010, S. 126. http://www.roughbooks.ch

[2] Aus: SPIELRAUM. In: Elke Erb. Kastanienallee. Texte und Kommentare. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1987, S. 77. SPIELRAUM ist ein Black Metal-Lyric der reinsten Form – seiner Zeit weit voraus.

[3] Aus: Schonen, s. Anm. 1

[4] Aus: SPIELRAUM, s. Anm. 2

[5] In seinem Essay Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität (In: Sinn und Form, Rütten & Loening, Berlin, 5. Heft, 1985, S. 978 – 998) spielt Volker Braun auf Elke Erbs Engagement für die damals jungen Autoren an. Seit 1983 arbeitete sie zusammen mit Sascha Anderson an einer Anthologie, die diese Generation versammelt, sie erschien 1985 unter dem Titel Berührung ist nur eine Randerscheinung bei Kiepenheuer & Witsch in Köln – also im Westen. Der von Braun durchaus aufmunternd für die junge Dichterschar gemeinte Essay ergeht sich in mehr oder minder kryptischen Anspielungen auf die „Szene“: „Unsere vermeintlichen Neutöner, Hausbesetzer in den romantischen Quartieren (wo sie sich ordentlich führen), sind wohl gute Anschaffer, die fleißig auf den Putz hauen. Hucker, nicht Maurer. […] Technisch die Wiederholung des geistlosen Handbetriebs der Avantgarde, niedrige Verarbeitungsstufe.“ (S. 990) Er nennt keine Namen, zitiert einmal eine Zeile von Anderson ohne Angabe von Autor und Quelle (S. 983), spielt jedoch auf Elke Erb an, er nennt sie „die Erbin“ (S. 996) und „unsere Flip-out-Elke“ (ebd.). In dem Text Sehen. Notate zu Volker Brauns Rimbaud-Essay schreibt der damalige Herausgeber von Sinn und Form Max Walter Schulz: „Braun verlangt’s nach ‚radikaleren Sätzlein‘ als den in der ‚Erb-Sache‘ gebrauchten.“ (S. 1009) Richtig ist wohl die oft geäußerte Annahme, daß Braun versuchte, in der „Szene“ die Spreu von Weizen zu trennen und den Weizen zu ermutigen. Seine vagen Anspielungen, selbst für gewiefte Zwischen-den-Zeilen-Leser unter den Germanisten unverständlich, riefen eine vergleichsweise engagierte Reaktion der „Szene“ hervor. Anderson polemisierte hyperverschroben mehr oder minder gegen Braun (in dem Untergrund-Blatt SCHADEN 8/1985), Leonhard Lorek nahm etwas weniger verschroben teils Position für Braun, teils gegen Anderson ein (in SCHADEN 9/1985), Elke Erb schrieb einen Brief an Sinn und Form (auszugsweise dokumentiert in: K. Michael/Th. Wohlfahrt (Hg.). Vogel oder Käfig sein. Druckhaus Galrev, Berlin, 1992, S. 293) usw. – weitere essayistische Texte erwähnten den Anlaß der Debatte nicht mal mehr. Volker Braun hatte einen Sturm im Wasserglas angezettelt. Alle waren irgendwie beleidigt – und die Spreu trennt sich bis auf den heutigen Tag vom Weizen. Und Elke? Elke Erb war, ist und bleibt ausgeflippt, dem Teufel sei’s gedankt.

[6] Aus: SPIELRAUM, s. Anm. 2. – „Und Greifswalds Vogel ist Greif“

[7] Skaði

[8] Aus: Lokis Zankreden. In: Edda. Götterdichtung und Spruchdichtung. Übertragen von Felix Genzmer. Eugen Diederichs Verlag, Jena, 1934, S. 58.

[9] Aus: Das Gesicht. In: Angela Rohr. Der Vogel. Gesammelte Erzählungen und Reportagen. Hg. v. Gesine Bey. BasisDruck Verlag, Berlin, 2010, S. 97 f.

[10] Aus: Strophenverzeichnis [Háttatal]. In: Snorri Sturluson. Die jüngere Edda mit dem sogenannten ersten grammatischen Traktat. Übertragen von Gustav Neckel und Felix Niedner. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf u. Köln, 1966, S. 273.

[11] „Wechsel von Gegenwart und Vergangenheit. – Manchmal bewegt sich die erste Halbstrophe in der Vergangenheit, die zweite in der Gegenwart; das gilt nicht als Freiheit, sondern als etwas Natürliches.“

[12] Ebd., S. 281

[13] Aus einem Brief von Ernst Fuhrmann an Gertrud Osthaus vom 26. 1. 1920. Quelle: Karl Ernst Osthaus-Museum, Fuhrmann-Archiv, F 3.15.

[14] Eyjólfr dáðaskáld, der „Skalde der Taten“, schrieb (vermutlich im frühen 11. Jahrhundert in Island) die Bandadrápa, ein Preislied auf den Sproß des norwegischen Adelsgezüchts Erik Håkonsson, Herrscher von Dingsdal und Bumsdalsborg.

[15] Vetrliði Sumarliðason, isländischer Skalde des 10. Jahrhunderts. Wurde, angeblich wegen seiner heidnischen Weltanschauung, von dem deutschen Missionar Þangbrandr (Dankbrand) ermordet. Überliefert ist eine Strophe, die Thor glorifiziert: „Leggi brauzt þú Leiknar, / lamðir Þrívalda, / steypðir Starkeði, / stéttu of Gjalp dauða.“ – „Leikn du erlegtest, / Ließ’st fall’n Thriwaldi. / Starkard du stürztest, / Stundst ob Gjalp, toter.“ (Aus: Die Dichtersprache [Skáldskaparmál]. In: Die jüngere Edda, s. Anm. 10, hier S. 139)

[16] Nach: Volker Braun. Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität. In: Sinn und Form, Rütten & Loening, Berlin, 5. Heft, 1985, S. 990.

[17] Ebd., S. 993.

[18] Aus: S[ascha] Anderson. Jeder Satellit hat einen Killersatelliten. Rotbuch Verlag, Berlin, 1982, S. 49.

[19] Aus: Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität, s. Anm. 16, hier S. 992.

[20] Aus: Max Walter Schulz. Sehen. Notate zu Volker Brauns Rimbaud-Essay. In: Sinn und Form, Rütten & Loening, Berlin, 5. Heft, 1985, S. 1009.

[21] Aus: Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität, s. Anm. 16, hier S. 993.

[22] Aus: Elke Erb. Sätze zur Poetologie 3 (16. 7. 2010). Quelle: https://roughbooks.wordpress.com/category/satze-zur-poetologie-elke-erb (26. 7. 2010)

[23] Elke Erb versicherte mir am 20. September 2010 nachdrücklich, „daß wir wesentlich mehr können, als wir uns zutrauen“ – bzw. uns zugemutet wird.

Elke Erb live und on air

on air:

SWR2 Literatur

Poesie ist eine Erkenntniskraft

Dienstag, 09. November 2010
22.05 – 23.00 Uhr | SWR2

Ein Tischfeuerwerk
Mit Valžhyna Mort, Monika Rinck und Elke Erb
Von Frank Kaspar

Valžhyna Mort, in Minsk geboren und Dozentin für Lyrik in Baltimore, betrachtet das eigene Handwerk mit Skepsis: „dichter sind keinen deut besser als züchter / die ihre gepflegten hunde vorführen“. Dichtung als Dressurakt? „Poesie ist eine Erkenntniskraft“, sagt die Autorin und Übersetzerin Elke Erb. „Eine richtige Dressur sollte einen mit mehr Möglichkeiten begaben“, meint die Schriftstellerin Monika Rinck, „und eine falsche Dressur wäre eine, wo man am Ende als One-Trick-Pony steht“. Drei Autorinnen, die zwischen Lyrik und Essay zu Hause sind, erkunden, wie Literatur die Wahrnehmung schärft und eine Polyphonie von Stimmen und Ideen erzeugt, so dass im besten Fall ein „Feuerwerk im geschlossenen Raum“ (Rinck) losgeht.

 

live:

Di 16.11. um 20:00 Poesiegespräch: Elke Erb »MEINS« in der literaturwerkstatt Berlin

In Lesung und Gespräch Elke Erb Autorin, Berlin 
Moderation Nico Bleutge Autor und Literaturkritiker, Berlin

Poesiegespräche bieten die Möglichkeit eines tiefen Einblicks in Schreibstätten und Konzepte von Dichtern, zumal wenn es um deren neuestes Buch geht. Nico Bleutge, selbst Dichter, wird als kritisch begleitender Gesprächspartner auch die dritte Veranstaltung in dieser Reihe moderieren.
Im Zentrum des Abends steht die Berliner Dichterin Elke Erb und ihr neuer Band »MEINS«, der jüngst als »roughbook« bei Urs Engeler erschienen ist. Über ihn wird diskutiert, aus ihm gelesen.
Elke Erb ist eine poetische Autorität. Ihre Freiheit im Umgang mit Sprache, ihre Unabhängigkeit von Moden und Trends machen sie zu einer Autorin, an der sich Kollegen messen. Für Elke Erb existieren Genregrenzen für Texte nicht. »Poesie existiert nicht nur im Gedicht, sondern auch in anderen Literaturgattungen oder Künsten sowie außerhalb der Künste.« »MEINS«, herausgegeben von Christian Filips, bestätigt dies aufs Neue: Ein Band voller kurzer Texte, die sich jeder Definition entziehen, Notizen aus den Jahren 2003 bis 2009, Beobachtungen aus dem Alltag. Sie bewegen sich sprachwandlerisch und lautmalend, sie sind rau, sie wecken Neugier. Der Leser kann die Autorin begleiten, sich auf das Sprach-Abenteuer einlassen, er kann die Welt mit ihren Augen sehen.
Elke Erb (*1938 Scherbach, Eifel) ist Dichterin, schreibt Kurzprosa, prozessuale Texte, macht Übersetzungen. Ihre Bände sind »Gänsesommer« (2005) »Sonanz« (2008, beide Urs Engeler Editor). Elke Erb ist vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem  Peter-Huchel-Preis 1988 und dem Hans-Erich-Nossak-Preis 2007 für ihr Gesamtwerk.
Neu ist nicht nur Elke Erbs jüngster Band, neu ist auch, dass Elke Erb in einem Blog »Sätze zur Poetologie« veröffentlicht: »Die Poesie weckt die Intelligenz, die Intelligenz weckt die Poesie. Sie ergreift. Sie erfreut. Sie befreit.«