Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Stiftung Lyrik Kabinett präsentieren ihre Lyrik-Empfehlungen des Jahres 2012

Eine Jury aus 11 Lyrikerinnen und Lyrikern, Kritikerinnen und Kritikern hat aus den Neuerscheinungen des Jahres 2012 ihre Empfehlungen deutschsprachiger oder ins Deutsche übersetzter Dichtung ausgewählt.

Unter diesen Neuerscheinungen:

roughbook019: Bertram Reinecke/Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst, ausgewählt von Florian Kessler. Seine Begründung lautet: “  Stil ist hier, keinen Stil zu haben. Der Leipziger Verleger und Essayist Bertram Reinecke, Jahrgang 1974, fahndet seit Jahren nach den Innovationsansprüchen derzeitiger Lyrik. Seine „Schlüssel für die hochdeutsche Sprachkunst“ sind nicht eigens von ihm erfunden, sondern bei anderen Dichtern aufgefunden und immer wieder anders montiert. Das ist durchaus als Anschlag auf jede Vorstellung vom eigenen Dichterton zu lesen – und eine wimmelnde Multitude poetischer Möglichkeiten in einem einzigen Stück Poesie.“

Der Jury gehören an: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Monika Rinck, Daniela Strigl und Jan Wagner.

Die Empfehlungsliste für Lyrik ist Bestandteil der zwischen der Stiftung Lyrik Kabinett und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vereinbarten Kooperation. Ihre Zusammenarbeit wurde 2012 mit der Veranstaltungsreihe „Das Lyrische Quartett“ begründet und hat zum Ziel, die Stimmenvielfalt der gegenwärtigen Poesie stärker ins öffentliche Gespräch zu bringen. Die Empfehlungsliste für Lyrik erscheint jährlich im Januar und bezieht sich jeweils auf Neuerscheinungen des zurückliegenden Jahres. Sie wird auf www.daslyrischequartett.de veröffentlicht. Die Jury ist auf zwei Jahre gewählt.

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Empfehlungen

Lyrische Neuerscheinungen des Jahres 2012

Begründungen zur Auswahl Lyrik-Empfehlungen_Neuerscheinungen_2012 (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und Stiftung Lyrik Kabinett).

Hier die Kurzübersicht:

 

Michael Braun:

Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Heinrich Detering:

Wolfgang Bächler: Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Katja Bächler und Jürgen Hosemann. Mit einem Nachwort von Albert von Schirnding. S. Fischer Verlag 2012.

Maria Gazzetti:

Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Felix Philipp Ingold. Dörlemann 2012.

Ursula Haeusgen:

István Géher: In Jahre gegossene Jahre. Aus dem Ungarischen von Daniella Jancsó und Wolfgang Berends. Wenzendorf, Stadtlichter Presse 2012.

Harald Hartung:

Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Florian Kessler:

Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. roughbooks 2012.

Michael Krüger:

Adam Zagajewski: Unsichtbare Hand. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag 2012.

Kristina Maidt-Zinke:

Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Monika Rinck:

Kerstin Preiwuss: Rede. Gedichte. Suhrkamp 2012.

Daniela Strigl:

Roberta Dapunt: Nauz. Gedichte und Bilder. Aus dem Ladinischen von Alma Vallazza. Folio 2012.

Jan Wagner:

Ezra Pound: Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse. Ediert und kommentiert von Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. Zweisprachige Ausgabe. Arche Verlag 2012.

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Vom Aufmischen getrockneter Tinte – Dominik Dombrowski bespricht für fixpoetry „Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst“ von Bertram Reinecke

Wir zitieren den Anfang und den Schluss von Dombrowskis Besprechung:

Der Lyriker und Herausgeber Axel Kutsch schrieb unlängst in dem von Michael Gratz betreuten Blog „Lyrikzeitung.com“, Bertram Reinecke sei wohl „einer der originellsten Lyrikbände der deutschsprachigen Literatur unserer Tage“ gelungen. Woran liegt das? Das Originelle an Reineckes Gedichtband rührt möglicherweise daher, dass er durch seinen retrospektiven, stilpluralisierenden Ansatz die Strömungen heutiger Gedichtsschreibung erfrischend konterkariert. Mit seinen unterschiedlichen „Schlüsseln“ für die hochdeutsche Sprachkunst taucht Reinecke tief in den Lyrikkanon ein, um mit ein paar Jahrhunderten Poeterey zu experimentieren, angefangen bei Dante, Dach und Andreas Gryphius über Hölderlin bis hin zu Rilke, den Expressionisten und schließlich Gegenwartslyrikern wie Norbert Lange, Elke Erb oder Jürgen Becker, um nur ein paar wenige zu nennen. Es sind Aufmischungen lang getrockneter Tinte, die uns Reinecke präsentiert, Einflußnahmen in die Vergänglichkeit. […] Es würde zu kurz greifen, in Reineckes Lyrik etwa nur ein retromanisches Phänomen zu sehen, nach der Devise, je gegenwartsverweigernder, desto moderner, denn der Dichter zeigt uns virtuos die unausgeschöpften Möglichkeiten der Dichtkunst, auch der vermeintlich vergangenen, gerade an dem Punkt, an dem sich die heutige Lyrik oft an ihrer Verwechselbarkeit reibt. In dieser Monotonie bekommt die Reineckesche Dichtung beinahe etwas Alchemistisches, Rebellisches. Vielleicht liegt darin der Grund ihrer Originalität.

Die vollständige Besprechung steht hier bei fixpoetry.

Bertram Reinecke: Spraakkunst und Tulpenkrise

In der Zusammenfassung der lyrikzeitung:

21 anspruchsvolle Titel liegen bei Roughbooks mittlerweile vor. Bertram Reineckes “Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst” ist die Nummer 19. Der Titel trägt eine doppelte Botschaft. Einmal ist es der namentliche Verweis auf ein historisches Sprachlehrbuch. In einer kleinen Textserie montiert Reinecke Phrasen aus dem Lehrbuch aneinander, mit dem einst junge Menschen nicht nur Hochdeutsch lernten, sondern auch eine Welt von Sitten, Weltsichten und Vorurteilen kennen lernten. Denn selbst wenn sich Lehrbuchautoren Mühe geben: Sie kommen nicht aus ihrer Haut. Selbst die einfachsten Aussagesätze verraten ihren Ursprung. “Welchen Besen hat der Bediente?” – “Er hat den seinigen.” Ganz verräterisch sind die Besitzanzeigen. Manche dieser kurzen Texte lesen sich in der Raffung, die Reinecke vornimmt, wie die Suche der Polizei nach einem ganz gewieften Dieb.

Um Dieberei geht es auch in anderen Texten. Denn nichts war ja in den letzten Jahren der Faulen-Kredite-Blase so hochaktuell wie die holländische Tulpenkrise von 1637/1638, die Reinecke im Stil eines Sonetts von Andreas Gryphius verarbeitet: “O Teur erworben Gut!” Womit man schon mittendrin ist in Reineckes Art, mit den Themen der Gegenwart umzugehen: Er collagiert. Das tun auch andere Dichter. Manche variieren dann auch, persiflieren, imitieren, zitieren, schreiben Hommagen oder nutzen einfach die Stilmittel ihrer Vorbilder, und zwar so, dass der Leser es merkt. Denn darum geht es: Man akzeptiert den Lesenden als Gleichgesinnten und traut ihm zu, die Wurzeln der Gedichte zu kennen und wiederzuerkennen. …

Wenn Reinecke dann freilich die Dichter des 17. Jahrhunderts – Simon Dach etwa – zum technischen Muster nimmt, um ein moderneres Thema und das Motiv eines heutigen Dichters zu verarbeiten, wird spürbar, wie komplex Sprachmaterial tatsächlich funktioniert und wie stark es mit dem Gestus der Epoche (hier des deutschen Barock) verquickt ist. Was zumindest bei den großen deutschen Barockdichtern bis heute eine nicht geringe Faszination ausmacht. Schon eins der nächsten Gedichte im Stil der Christiana Mariana von Ziegler zeigt, wie sehr nur ein Jahrhundert später der Stil über den Inhalt dominierte. Die Zieglerin, Tochter des Leipziger Bürgermeisters Romanus, wird zwar zur Aufklärung gezählt. Doch gerade in der Lyrik konnten sich die deutschen Dichter in der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht dazu durchringen, wieder wesentlich zu werden, wie es Lessing forderte. Man tändelt und disputiert und reimt mehr über Dichterey, als dass man dichtet.

Was Reinecke in fröhlicher Variation persifliert, bis hin zum Schäfergetändel der Zeit: “Ob gleich die, so er liebt, ihn nur mit Worten speist”. / Ralf Julke, Leipziger Internet Zeitung

 

Jürgen Buchmann über Bertram Reineckes „Sleutel voor de hoogduitse Spraakkunst“

„Herausgegeben von Ulf Stolterfoht als roughbook 019 ist im Februar 2012 Bertram Reineckes Sleutel voor de hoogduitse Spraakkunst erschienen, eine Sammlung höchst ungewöhnlicher und, wie mir scheint, exemplarischer poetischer Experimente […] Ich habe hier keinesfalls alle poetischen Experimente dieses ungewöhnlichen Buchs aufgezählt, zu dessen Glanzlichtern die Rückübersetzung eines Rilke­gedichts aus dem Englischen ins Deutsche gehört. Reineckes Bemühung um die Wiedergewinnung der Originalsprache des Gedichts liefert einen erfinderischen und augenzwinkernden Beitrag zu der Debatte, wie authentisch ein Dichter zu sein habe. “ Die ganze Besprechung hier im Poetenladen.

Andreas Gryphius im Jahre 1638, als er sahe, wie sie zu Holland Tulipan for Gold genommen

de buurkamer, Streifzüge durch die niederländische Literatur und Kultur, berichtet:

Der Gedichtband „Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst“ von Bertram Reinecke füllt auch bedeutende Lücken der Literaturgeschichte auf: Andreas Gryphius reiste 1638, ein Jahr nach dem ‚Tulpenkrach‚, dem ersten Börsencrash der Weltgeschichte, nach Leiden, wo er das rechtliche und finanzielle Chaos der Folgezeit erlebte. Bereits 1614 hatte Roemer Visscher die Tulpenliebhaber und Spekulanten in seinen Sinnepoppen vergeblich gewarnt: Een dwaes en zijn gelt zijn haest ghescheijden („Ein Narr und sein Geld sind eilends geschieden.“). Reinecke hat jetzt endlich das Gryphius-Sonett nachgereicht, das der Meister selbst nie schrieb.

Gedicht und Bericht hier.

roughbook019: Bertram Reinecke/Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst

Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. Mit Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst erscheint nach 9 Jahren Bertram Reineckes dritter Lyrikband. Gemeinsam ist den Gedichten des Bandes, dass sie alle fremde Textquellen verwenden. Ein Grossteil sind Centos. Bei diesem Verfahren werden Texte vollständig aus ganzen Zeilen fremder Texte zusammengesetzt. Dieses Verfahren war von der Antike bis zu Conrad Celtis in der lateinischen Lyrik im Gebrauch, geriet danach aber etwas in Vergessenheit. Im Kontext der Ästhetik der Moderne mit ihren Cut-up und Montagetechniken gewinnt es jedoch wieder an Aktualität. Auch wo dieses sehr strenge Verfahren nicht zum Einsatz kommt, bleiben die Texte externen Quellen verpflichtet, entweder bei Vervollständigungen von Benn-Fragmenten bei der Rückübersetzung aus dem Englischen oder bei poetischen Listen. Die Spannweite der Quellen reicht von der Antike, von mittelalterliche Urkunden, gelehrten Traktaten der Renaissance- und Barockzeit über Sprachlehrbücher und vergessene Dramen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bis zu Gedichten der Gegenwart.

94 Seiten, Euro 8,50 / sFr. 10.50