Mütze #5 ist da

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Gegen Ende dieses prächtigen Sommers (den ich hauptsächlich im Schatten der Platane verbrachte und am Abend an der Aare) erscheint die fünfte Mütze: Sie bringt einen Aufsatz von Guy Davenport zum Maler Balthus und einen Text von Stephan Broser zur Geburt der Psychoanalyse, eine “Ohrenperformance mit LiveQuide” von Brigitte Oleschinski und das Ende des ersten Kapitels von “Absalom, Absalom!” von William Faulkner im amerikanischen Original und der Neuübersetzung von Günter Plessow. Bestellt werden kann sie hier: http://muetze.me/muetze-bestellen.html

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Rosmarie Waldrop / Reiche Abwesenheit: Edmond Jabès, erinnert und wiedergelesen

Waldrop

Rosmarie Waldrop, die viele von Edmond Jabès Büchern ins Amerikanische übertragen hat, erzählte mir einmal, dass es Jean Daives Buch über seine Begegnungen und seine Arbeit mit Paul Celan, “Sous la coupole”, gewesen war, das ihr die Möglichkeit eröffnete, über ihre Beschäftigung mit Edmond Jabès zu schreiben. (Waldrop hat Jean Daives “Sous la coupole” schliesslich auch in ihrer “Serie d’Ecriture: Current French writing in English translation” bei Burning Deck als #22 veröffentlicht. Ihr Buch “Lavish Absence: Recalling and Rereading Edmond Jabèsist deshalb ein in mehrfacher Hinsicht sehr persönliches Buch. Rosmarie Waldrop schreibt in einer Jabès gemässen Weise, sie schreibt in Bruchstücken, in kleinen Erzählungen und Anekdoten, in Reflexionen und Betrachtungen über ihre Begegnungen mit dem Menschen Jabès und dem, was sein Leben als Text bedeutet, und dem, was sein Text für unsere Leben bedeuten kann. Rosmarie Waldrop schreibt und beschreibt mit Edmond Jabès, was es heisst, zu leben und zu schreiben. „’Du bist derjenige, der schreibt und der geschrieben wird’“, steht am Anfang des Buches der Fragen. Angesichts einer unentzifferbaren Welt brechen wir auf, Sprache zu schaffen, einen Ort, an dem menschliche Rede auftauchen kann und wir als menschliche Wesen zu existieren beginnen; wo wir, zugleich, eine Beziehung unterhalten können zu dem, was uns übersteigt, zum Unentzifferbaren, dem ultimativ Anderen, zu dem wir als dem Namen Gottes sprechen.” Ich habe die ersten Seiten von Rosmaries Buch “Lavish Absence: Recalling an Rereading Edmond Jabès” übersetzt.

Hut ab: Michael Braun bespricht die erste „Mütze“ im Tagesspiegel

„Mit diesem Coup hat der Schweizer Lyrik-Editor Urs Engeler alle überrascht. Die Skeptiker glaubten an seinen allmählichen Rückzug, als der poesiebesessene Lyrik-Vermittler kürzlich nach zwanzig Jahren seine exzellente Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ einstellte. Nun zeigt es sich, dass der mittlerweile in Solothurn ansässige Engeler eine hervorragende Alternative buchstäblich aus dem Hut gezaubert hat.

Seine neue Zeitschrift nennt sich „Mütze“, und sie folgt in der technischen Ausstattung wie der Distribution über das Internet dem Konzept der von Urs Engeler 2010 begonnenen „roughbooks“ Reihe, die mittlerweile Titel von Autoren wie Tim Turnbull, Elke Erb, Ulf Stolterfoht, Michael Stauffer oder Konstantin Ames umfasst.

Diese neue „Mütze“ setzt man sich gerne auf, belebt sie doch den Kopf mit aufregenden Texten. Das verdankt sich auch einer neuen thematischen Offenheit. Die „Mütze“ versteht sich als „literarische Zeitschrift“ nicht nur für die Königsdisziplin Lyrik, sondern für alle Gattungen. Ein poetischer Essay von Werner Hamacher thematisiert im ersten Heft die Verbindung von Sprache und Feuer. Bereits im biblischen Buch Mose kam die Sprache der Offenbarung ja aus dem Feuer – aus dem brennenden Dornbusch sprach Gott zu Moses.

In der „Mütze“ finden sich noch weitere Texte, die brennen: eine erste Übersetzungsprobe eines radikal obszönen Epos des französischen Avantgardisten Pierre Guyotat („Grabmal für fünfhunderttausend Soldaten“). Krieg und Begehren, Gewalt und Sexualität werden hier verbunden wie einst in den Schriften des Philosophen Georges Bataille. Hinzu kommen Gedichte von Simone Kornappel und Tim Turnbull, letztere in der hervorragenden Übersetzung von Dagmara Kraus.

Fünfmal im Jahr mit einem Umfang von jeweils 52 Seiten soll die neue, von Marcel Schmid gestaltete Zeitschrift erscheinen, wesentlich häufiger also als das finanziell aufwendige Lyrik-Periodikum „Zwischen den Zeilen“. Was in den kommenden Ausgaben der Zeitschrift folgen könnte, sagt der Titel eines Lyrikbands von Ernst Jandl aus dem Jahr 1978. Er lautet: „Die Bearbeitung der Mütze“. Das nächste Heft widmet sich dem Thema „Affaire“.“ (Der Artikel steht hier.)

Nur am Ende irrt Michael Braun: die Hefte haben keine andern als implizite Themen, Affaire verweist auf das, was noch zu machen bleibt: à faire.

3 Gedichte von Simone Kornappel

Simone Kornappels Gedichte “brauchen”, schreibt sie mir, “immer zwei „trigger“, zeilen aus fremden gedichten, die dann keine pastiche, sondern eine ganz neue szenerie generieren sollen, also einen eigenen text forcieren.” Ihr erster Gedichtband soll im Herbst bei luxbooks erscheinen. Simone Kornappel gibt ausserdem die Zeitschrift [randnummer] mit heraus und ist seit 2012 verantwortlich für die website lyrikritik.

Pierre Guyotat / Grabmal für fünfhunderttausend Soldaten, aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock

Guyotat

Ein Werk, ein Kontinent ist zu entdecken: Pierre Guyotat. Bis auf eine kleine Übersetzungen bei Matthes & Seitz (in: Ich gestatte mir die Revolte, herausgegeben von Bernd Mattheus und Axel Matthes) ist bisher nichts auf Deutsch erschienen, was umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, wie gerne deutsche Verleger sich in Frankreich umsahen (zumindest in den 60er und 70er-Jahren) und welcher Klang der Name Guyotat in Frankreich hatte und hat. Guyotats Buch “Eden Eden Eden” von 1970 wurde sofort nach Erscheinen verboten und kam erst 1981 wieder frei, nachdem sich zuvor zahlreiche Künstler und Autoren (unter ihnen Pier Paolo Pasolini, Jean-Paul Sartre, Pierre Boulez, Joseph Beuys, Jean Genet, Michel Foucault, Jacques Derrida, Roland Barthes, Michel Leiris, Philippe Sollers, Maurice Blanchot, Max Ernst, Italo Calvino, Simone de Beauvoir, Nathalie Sarraute…) in einer öffentlichen Petition dafür eingesetzt hatten. Sein Werk ist von einer monumentalen Kraft und Intensität, und es wird mit den Jahren immer differenzierter und vielfältiger. Etwa in der Halbzeit von Urs Engeler Editor begann ich mich nach Prosaautoren umzusehen, um der Falle zu entgehen, die der Buchhandel mit Gedichten verwechselte. Dass das Buch, mit dem ich den Durchbruch wagen wollte, die 500 Seiten dichtester Blocksatz mit dem Titel “Tombeau pour cinq cent mille soldats”, nach meinem Rechtekauf bei Gallimard sich dann auf einer Leseliste wiederfand, die die hundert wichtigsten Gedichtbände der französischen Gegewartspoesie versammelt (cent titres – à l’usage des bibliothécaires, libraires & amateurs, das PDF gibt es dort zum runterladen) scheint mir eine Ironie zu sein, die eines Poesieverlages würdig ist. Ein paar Jahre vergingen mit der Suche nach einem geeigneten Übersetzer (einer, der mir damals geeignet erschien, Jürg Laederach, lehnte ab mit der Bemerkung, “ein Mann kann nicht ein paar Jahre seines Lebens mit der Nase am Arschloch eines andern Mannes verbringen”), bis mich Anne Weber auf Holger Fock aufmerksam machte, der ein paar Jahre zuvor bereits erfolglos nach einem Verleger für Pierre Guyotat gesucht hatte. Dass seine Übersetzung nun im Frühjahr 2013 bei Diaphanes erscheinen wird, gehört zu den vielen Umwegen auf Guyotats Weg in die deutsche Sprache. Ich bin sicher, er wird dort eines Tages ankommen. Auf dem Weg dorthin schätze ich mich glücklich, ihn und sein Werk ein paar Schritte lang durch diese erste Veröffentlichung aus Holger Focks Übersetzung und durch weitere, für die nächsten Mützen geplante Beiträge zu begleiten.

Sieben Gedichte von Tim Turnbull

Turnbull

Das erste roughbook brachte das Gesamtwerk des Meisters der Kettensäge und des wohlgesetzten Verses, die erste Mütze bringt sieben neue Gedichte von Tim Turnbull: Gedichte zur Hellsichtigkeit und zum Ennui, zu Schlagzeilen und zum Sündenfall, zu historischen und aktuellen Gestalten des englischen Pandämoniums, im Original (aus Caligula on Ice and Other Poems) und übersetzt von Dagmara Kraus. Tim Turnbull lebt in Schottland, wo er an seinem ersten Roman schreibt. Dagmara Kraus hat dieses Frühjahr bei kookbooks ihren ersten Gedichtband veröffentlicht und Übersetzungen von Miron Białoszewski bei Reinecke&Voss.

Werner Hamacher: Brouillon zu einer Phantasie über Sprache und Feuer. Für Jean Daive

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Werner Hamacher schreibt in seiner grossen, freien und gebundenen, Jean Daives Buch “Le grand incendie de l’homme” verbundenen Improvisation “Brouillon zu einer Phantasie über Sprache und Feuer” für den Reim als Methode der Verlebendigung. Sein Aufsatz erschien zuerst in einer französischen Übersetzung im “cahier critique de poésie” des centre international de poésie Marseille, das Jean Daive zur Zeit präsidiert. Werner Hamacher, der an der Universität Frankfurt am Main das Institut für Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft leitet, hat von Jean Daive „Die Erzählung des Gleichgewichts 4 – W“ übersetzt.