Spiegel und Stein

„Mit der Entgegensetzung von Spiegel und Stein ist hier eine glückliche Formulierung gefunden, die in zwei Worten den Unterschied zwischen der üblichen und der trunkenen Wahrnehmungsweise der Dinge zusammenfasst. Tatsächlich gibt es zwei grundlegende Bezugsmöglichkeiten in Hinblick auf das Reale: den rauhen Bezug, der über die Dinge stolpert und daraus nur das Gefühl ihrer schweigenden Präsenz ableitet und den glatten, blanken, formvollendeten Bezug im Spiegel, der die Präsenz der Dinge durch ihre bildliche Erscheinung ersetzt. Der rauhe Bezug ist einer ohne Double; der glatte Bezug existiert nur dan des Double. Der trunkene Bezug gehört zur ersten Kategorie: rauhe Wahrnehmung, unfähig doppelt zu sehen (und das, um es noch einmal zu wiederholen, trotz der gelegentlichen Verdoppelung der Bilder in der trunkenen Sehweise, die aber nur einen Oberflächenbezug darstellt).“

Clément Rosset: Die Idiotie des Realen

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Bertram Reinecke macht was mit Büchern

Und sagt sehr interessante Dinge wie z.B.: „Die Arbeitskontexte sind immer zerfaserter geworden. Ich muss zusehends an mehreren völlig verschiedenen Projekten gleichzeitig werkeln. Das liegt daran, dass gerade das Feld der Lyrik in immer mehr Initiativen und Grüppchen fragmentiert. Als Lyriker begrüße ich diese gewachsene Vielfalt, andererseits muss man immer besser strukturiert sein, was Mehrfachnutzungen der eigenen Arbeit und effektive Ressourceneinsatz betrifft.“ Oder: „Ich beobachte, dass unter heutigen Bedingungen Autoren zusehends schlecht als Marken funktionieren. (Einzelne Titel dringen natürlich noch schlechter durch.) Daraus ergibt sich, entgegen dem Trend zur Autorenselbstvermarktung, eine Verschiebung der Marktbalance hin zu vermittelnden und „ordnenden“ Instanzen (Herausgeber, Verleger, Kuratoren etc). Verlage etwa setzen in der grafischen Gestaltung eher auf Wiedererkennbarkeit von Reihen und des Verlagsprogramms. Sie betonen somit das Gemeinsame. Dieser Trend stellt damit das Problem, das er zu lösen vorgibt, nämlich die Unsichtbarkeit des einzelnen Autoren oder Titels, teils selbst mit her.“

Die Überlegungen von Bertram Reinecke stehen auf der Blogseite „Ich mache was mit Büchern„.

Konstantin Ames: (Preiskarusselllyrikkommentare« 22.4.2012)

Diese Zitronentart ist ein Gedicht!

Wie man sieht, dreht sich das Preiskarussell in der KostBar auf eher niedrigem Level und neben einer gut sortierten Weinkarte finden sich Kulmbacher Biere.

Das Preiskarussell an der Zapfsäule dreht sich schneller und schneller.

Selbst Schüler mischen im Preiskarussell mit und treiben damit manche Branchen an den Rand des Ruins.

Neue Brenner sind zwar sparsamer als alte, dem Preiskarussell entkommt man damit jedoch nicht.

Ich weiß, dass dies ein Langzeitspiel ist und auch der Markt nach Angebot und Nachfrage funktioniert und auch das Preiskarussell sich danach richtet.

Das Preiskarussell an der Zapfsäule dreht sich schneller und schneller.

Mir sagte mal ein Frauenzimmer, Symmetrie sei die Ästhetik der geistig Minderbemittelten.

Diese Zitronenhaie haben Finnen.

(Preiskarusselllyrikkommentare« 22.4.2012)

Bald: Bezzel, roughbook 022 (Mai 2012)

daß alles. das.
das ist, das ist da. (da capo.)
och kapiere die idee des ganzen huhns,
vom ei bis zum schlachtvieh.
es lacht und ist da.
es gibt nichts gutes, es denn, man
tut es. (jetzt.) isolde tuts nicht.
daß das tuten und blasen auf dem
bleichwasen (breughel) die welt.
bis an der welt ende bissig, ich.
soll nicht aufhören das
grasen und ragen und rasen. (radar
ratzt.)
„und fehlet dir die sinnenbrunst, so koket-
tierst du ganz umsunst.“
isolde treibt die dolde.
daß tristan trist ist triest.
trient, isolde
flennt.

(aus: Chris Bezzel, tristan und isolde, roughbook 022)

Offener Antwortbrief an Stefan Weidle und die Kurt-Wolff-Stiftung

Lieber Stefan

Heute hat mich Deine E-Mail erreicht, die ich hier, weil sie mir eine Sache von öffentlichem Interesse zu betreffen scheint, wiederholen und beantworten will:

„Lieber Urs, wir hatten uns bei der Kalkulation des neuen Katalogs der Stiftung vertan und mußten einen Verlag rausnehmen. Leider hat es Dich getroffen. Der Grund ist, daß wir doch einige feste Bedingungen setzen: Die Bücher müssen eine ISBN haben und der Verlag eine Auslieferung. Und die Bücher müssen der Preisbindung unterliegen. Alle Kriterien erfüllen Deine Bücher nun nicht. Außerdem scheint Roughbooks ein Schweizer Verlag zu sein (auf Deiner Website fehlt das Impressum!). Deshalb mußten wir, als es darum ging, einen Verlag zu streichen, aus formalen Gründen den Deinen wählen. – Sehen wir uns denn in Frankfurt? Herzlich, Dein Stefan“

Nicht, dass ich wirklich enttäuscht bin, nicht im „Katalog der Stiftung“ zu stehen. Ich fand die formalen Vorgaben, denen man sich zu beugen hat, immer schon sehr beengend und das Resultat entsprechend uninspiriert. Sehr zweifelhaft scheint mir überdies Reichweite und Wirksamkeit der Broschüre. Ich bin also nicht gegen den Ausschluss. Ich finde sogar, er trifft in mir, der dem Bemühenden solcher Veranstaltungen immer fern und ferner steht, den richtigen.

Peinlich überrascht bin ich aber von Deinen Gründen: keine ISBN, keine Auslieferung, keine Buchpreisbindung, und dann auch noch Schweizer!

Eine E-Mail von Dir als Vorsitzendem des Vorstandes der Kurt-Wolff-Stiftung in der Sache „es geht um das Buch“ des Inhalts: Wir beginnen an der Wirksamkeit unserer Publikation  zu zweifeln, und wir würden uns deshalb mit Dir als einem Verleger, der nach neuen Wegen und Ideen sucht, gerne über andere Möglichkeiten unterhalten – eine solche mail hätte ich produktiver gefunden.

Es könnte der Stolz der Kurt-Wolff-Stiftung sein, dass sie Verleger auszeichnet und fördert, die in schwieriger Lage (in denen sich wohl fast alle Bücher und ihre Macher und Verkäufer befinden) Neues, auch Ungewohntes und Unübliches, versuchen. Es müsste Teil der Arbeit der Kurt-Wolff-Stiftung sein, die Erfahrungen mit diesen neuen Wegen und Ideen auszuwerten und Interessierten zu vermitteln. Es geht schliesslich um das Buch.

Aber offenbar geht es eher um den Börsenverein des deutschen Buchhandels.

Das ist sehr bedenklich.

Wenn Du mal in die buchpreisbindungsfreie Schweiz fahren willst, dann bist Du mir in Solothurn herzlich willkommen. Ich weiss, Du magst guten Wein, und ich koche gern. Dann können wir fern vom Reich des Börsenvereins über Bücher sprechen – und über das, worum es geht.

Mit herzlichem Gruß
Urs

PS: Hier die Seite roughbooks, die die Kalkulation von „es geht um das Buch“ zu sprengen droht.