roughbook 034: Rainer René Mueller, POEMES – POETRA, ausgewählte Gedichte 1981–2013

Mueller POEMES POETRA

„Anfang der achtziger Jahre schien Rainer René Mueller dabei zu sein, als junger Dichter im Literaturbetrieb zu reüssieren […] Auf die günstige Ausgangssituation folgte dann aber, was äußere Erfolge angeht, nicht viel. Rainer René Muellers poetische Position, die Errungenschaften Celans aufgreift und weiter entwickelt, sein Arbeiten mit einer querliegenden, stockenden Sprache drang nicht durch, seine Stimme schien verloren zu gehen und kaum jemanden gestreift zu haben. Mir war sie wichtig, sie ist mir wichtig geblieben“, schreibt der Herausgeber Dieter M. Gräf in seinem Nachwort zu den Gedichten von Rainer René Mueller, die dieser aus seinem Gesamtwerk als seine wichtigsten ausgewählt hat. „Mueller spricht nicht über etwas, er lässt das Verhandelte in die Sprache einsinken, sie angreifen, an ihr reißen. Im Sinne von Jandl zeigt sich hier das beschädigte Leben auch in einer beschädigten Sprache […] Nur wenige Dichter haben der deutschen Sprache so viel zugemutet wie Rainer René Mueller, es ist offensichtlich, dass er dies nicht aus reiner Experimentierlust tat, sondern der Not gehorchend. Wer nach Auschwitz Gedichte schreibt, sollte nicht nur zeigen, dass er das weiß und spürt, es muss doch auch die Wohlklangplatte vom Teller, jedenfalls muss etwas damit geschehen, sofern man der Meinung ist, Dichtung solle ein Instrument der Wahrheitsfindung sein und nicht eines des Vertuschens.“
Bestellen: Rainer René Mueller: POEMES – POETRA, ausgewählte Gedichte 1981–2013, herausgegeben von Dieter M. Gräf, 108 Seiten, Euro 9,- / sFr. 10.-

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Jan Kuhlbrodt über „Die Seele“ von Christian Prigent, Christian Filips und Aurélie Maurin

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/christian-prigent/die-seele:

Das Innerste

Prigent nimmt uns die Seele auseinander. Filips und Maurin helfen ihm dabei.
Französische Lyrik, zeitgenössische französische Lyrik spielt derzeit im deutschen Sprachraum keine sehr große Rolle. Immer wieder schieben wir hier die Texte der verstorbenen Giganten hin und her und nicken wissend bei Namen wie Mallarmé und Baudelaire. Ein wenig geht die Wahrnehmung noch über die klassische Moderne hinaus, wir wissen das eine oder andere vom Surrealismus, aber dann wird der Wortfluss schon kleiner, wird zum tröpfelnden Bach. Umso wichtiger also sind Bücher wie dieses. Als roughbook 31 erschienen: Die Seele. Von Christian Prigent.

dann schliefen wir im gras
zur welt aber kamen die dinge
die landschaft im erwachen
stank der grund war gas das
ist die seele sagt sie mir
mach da mal kein rosen-
heckmeck draus schlaf ein.

So heißt eine Passage auf Seite 85, also ungefähr in der Mitte des Buches, die anklingen lässt, was mich am Text besonders interessiert.

Ein langes Gedicht, oder ein Zyklus, so genau kann ich das für mich im vorliegenden Fall nicht entscheiden. Jedenfalls dreht es sich auch ca. 180 Seiten um ein Thema, das spätestens seit Descartes im gelehrten abendländischen Diskurs verankert ist, und zwar auf eine sehr rationalistische Weise. Die Seele wurde gesucht. Descartes wies ihren Sitz einer Drüse zu, deren Sinn er sich sonst nicht erklären konnte. Ihr Gewicht wurde bestimmt, indem man den Körper eines Sterbenden kurz vor dem Eintritt des Todes wog und mit dem Gewicht des Leichnams verglich. Dem romantisch deutschen Wesen musste und muss ein solcher Zugang barbarisch erscheinen und welche Barbarei deutsch Romantik barg, ist bekannt. Ich würde bei einem original deutschen Text, der Die Seele heißt, auch eher Kitsch oder bestenfalls Ironie vermuten. Wieviel mehr hingegen ist dieser Text von Prigent.

Um Missverständnissen vorzubeugen, es handelt sich hier nicht um ein naturwissenschaftliches Lehrgedicht, vielmehr liegt mit Prigents Text eine Art lyrische Diskursanalyse vor. Der Begriff Seele wird im Kontext seiner eingeführten sprachlichen Struktur und Verwendung und auch dagegen untersucht. Dabei spielt die Eigengesetzlichkeit der Sprache, die sich im Rhythmus und Reim fügt, sich dabei immer wieder der Semantik verweigert, eine zentrale Rolle. Das Unfassliche des Begriffes Seele schlägt sich mithin in sprachlichen Volten nieder. Und was in meinem Text hier vielleicht etwas trocken anklingt, wird in Die Seele auf höchst humorvolle Weise zelebriert.

das gleiche gilt für zweigeteilten vers
nachwachsende molche stellen sich
die frage ist das der kopf oder
schwanz wo sich die seele
verkopft da bockt sie auf mit allen sinnen

Da ich kein Französisch verstehe, kann ich nur über den übersetzten Text schreiben, Angefertigt haben die Übersetzung das Duo Auélie Maurin und Christian Filips. Und die beiden haben mir einen großen Gefallen getan.  Denn der Text wird mir auf diese Weise sehr nahe gebracht:

es lächelt die seele und sagt:

der papenfuß ist keine
blume laß ab
von munkeln
dem furunkel
das furore macht

Vielleicht setzen die beiden dem Originalhumor noch einen Übersetzungshumor hinzu, aber das soll mir nur recht sein, denn es macht Spaß. Und vielleicht hat es was mit dem zu tun, was das französische Wort Esprit bezeichnet. Ich fühle mich jedenfalls auf vergnügliche Weise an den  Text Von den Aufgaben des Übersetzers erinnert, in dem  Walter Benjamin fordert, Übersetzung solle die Sprachen kommunizieren lassen. Im Buch tun sie es anscheinend, auch wenn ich nur die deutsche Übersetzung verstehe und mir das Französisch auf der linken Seite eher wie eine Hieroglyphenschrift vorkommt.

Christian Prigent, Die Seele

Aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Christian Filips und Aurélie Maurin
roughbook 022

188 Seiten · 15,00 Euro, kann hier bestellt werden: http://roughbooks.ch/roughbook031/christian_prigent/die_seele.html

 

Monika Rinck zu „Der Soft-Slalom“ von Paul Bogaert

Softslalom: Ein durchnummeriertes Langgedicht, das vordergründig vom Alltag in einer Badeanstalt handelt. Doch scheint diese Anstalt auf der Kippe zu stehen. Wir treffen auf Kontrolle sowie auf Spuren katastrophischen Kontrollverlustes, auf seltsame Routinen und deren Überschreitung, auf das Hallenbad als Kulisse einer aberwitzigen Posse mit menschlichen und unmenschlichen Agenten.

Das Langgedicht offenbart freimütig seine Absichten bei jeder vollen großen Nummer – und beginnt wie jedes Roughbook zur maximalen Ausnutzung des Buchraums bereits auf dem Buchdeckel mit den ersten Zeilen des Gedichtes. Ich zitiere verknappt aus den Vorausschauen, die das Poem strukturieren: Kapitel 1) worin das Tagwerk beginnt und jeder, der nicht arbeitet, zum Kunden wird, Kapitel 2) Wo bröckchenweise das Verhör beginnt, Kapitel 3) der Softslalom, worin die Argumente verschwinden, Kapitel 4) worin ein Verteidigungsversuch abgelöst wird durch einen Sprung in der Zeit, schließlich Kapitel 5) worin eine andere Umgebung zu Einsichten führt.

Der Softslalom beginnt am frühen Morgen, wir wohnen sogar seiner Namensfindung bei und wir lernen: „Wo Textil ist, da sind auch Gespenster“ – treffen dann auf den Panther Argwohn, einige Kollegen aus der Badeanstalt, den Azubi, den Mister Chlorschlauch, auf die Klabauterdusche, den doppelten Massagestrahl, den mechanischen Wellengang, auf grausige Röchler, die Farben und Klänge des Bades, den unzähmbaren Hall und viele andere mehr.

Die Zeilen schlagen wild herum wie Schläuche unter Wasserdruck, die niemand mehr hält, bilden Schlingen, störrische Kringel. Doch es ist eine Freude zu erleben, wie es Paul Bogart gelingt, daraus eine beklemmend schlüssige und gleichermaßen abgründig komische Atmosphäre entstehen zu lassen, einzelne Beschreibungen ragen stochernd ins Ganze hinein: ein dysfunktional routinierter Arbeitsalltag, wo hinter jeder Biegung eine Feedbackrunde wartet, in der das, was eigentlich nicht funktioniert, kontrollsüchtig von fahlem Frohsinn verschleiert wird.

Es zeigt sich: Gedichte müssen nicht narrativ sein, um jede Menge von Geschichten freizusetzen. Das Langgedicht Softslalom ist wie ein sehr gut gemachtes Puzzle, das motivisch eine zehnjährige Anstellung in einer Badeanstalt darstellt, wobei zwar mindestens jedes zweite Teilchen fehlt, was aber nur dazu führt, dass sich die Intuition des Lesers und der Leserin in die Lücken hineinwirft, als springe sie vom Drei-Meter-Brett ins Springerbecken. Man werfe schaudernd einen Blick in die für Besucher nicht vorgesehenen Kammern und fremden Versorgungseinheiten. Was für ein Sprachraum! „Schau, das alles steht hier, schwarzweiß, auf Papier“, schreibt Bogaert und überrascht nach zwei Dritteln des Weges mit einer seltsam verschobenen, aber seriösen Selbstkritik des Bandes.

Vom Drama sich zunehmend dem Trauma zuneigend, werde ich angesprochen, ich werde geduzt. Zwischen aus dem Ruder gelaufenen Anweisungen zur Optimierung der Arbeitsorganisation, chemischen Substanzen, Ansprachen, Kacheln werden langsam die Konturen eines Unglücks deutlich. Unterlassene Hilfeleistung? Hat der Bademeister versagt? Ist jemand ertrunken? Nach zwei Jahren und 20 Minuten taucht der knallblaue Geist der Ertrinkenden auf. Und dann? Lesen Sie selbst – und freuen Sie sich über eine ausgezeichnete Übersetzung, die dem Aberwitz auch sprachlich Genüge tut, ohne ihn in allein ins Zentrum zu stellen.

Paul Bogaert: Der Soft-Slalom. Aus dem Flämischen von Christian Filips. Rougbook # 27, Berlin, Solothurn 2013

Empfehlung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Stiftung Lyrik Kabinett

Sehr geehrter Herr Engeler,

auf die Frage, welche Gedichtbücher des Jahres 2013 besonders bemerkenswert waren, haben elf kundige Leserinnen und Leser auf Einladung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Stiftung Lyrik Kabinett geantwortet. Zu den Kundigen zählen Kritiker, Lyriker und Vertreter literarischer Institutionen – das sind: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Holger Pils, Monika Rinck, Daniela Strigl und Jan Wagner.

Ihre Veröffentlichung Paul Bogaert: Der Softslalom gehört zu den ausgewählten Büchern.

Softslalom: Ein durchnummeriertes Langgedicht, das vordergründig vom Alltag in einer Badeanstalt handelt. Wir treffen auf Kontrolle sowie auf Spuren katastrophischen Kontrollverlustes, auf lose Routinen und deren Überschreitung. „Wo Textil ist, da sind auch Gespenster“. Wie es Paul Bogaert gelingt, eine beklemmend schlüssige und gleichermaßen abgründig komische Atmosphäre entstehen zu lassen, ist großartig. Einzelne Beschreibungen ragen stochernd ins Ganze hinein: ein dysfunktional routinierter Arbeitsalltag, wo hinter jeder Biegung eine gespenstige Feedbackrunde wartet. Es zeigt sich: Gedichte müssen nicht narrativ sein, um jede Menge Geschichten freizusetzen. „Schau, das alles steht hier, schwarzweiß, auf Papier“, schreibt Bogaert und überrascht nach zwei Dritteln des Weges mit einer seltsam verschobenen, aber seriösen Selbstkritik des Bandes. Vom Drama sich zunehmend dem Trauma zuneigend, werden nun die Konturen eines Unglücks deutlich. Ist jemand ertrunken? Lesen Sie selbst – und freuen Sie sich über eine ausgezeichnete Übersetzung. (Monika Rinck)

Die Liste, die seit gestern auf der Seite  www.daslyrischequartett.de abrufbar ist, wird auch im Rahmen der Buchmesse Leipzig präsentiert – mit Carl-Christian Elze, Martina Hefter, Erik Lindner, Katharina Narbutovic, Monika Rinck, Jan Wagner und als Moderatoren Heinrich Detering und Holger Pils:

Samstag, den 15. März 2014

16 Uhr: Literaturforum Halle 4, Messegelände

und

20 Uhr: Sächsische Akademie der Wissenschaften, Villa Klinkhardt /Karl-Tauchnitz-Str. 1, 04107 Leipzig

Mit herzlichem Dank und freundlichen Grüßen,
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung