Haushaltsfragen – Elke Erb und Christian Filips lesen gemeinsam

 

Elke Erb und Christian Filips verbindet die Lyrik und eine Wohngemeinschaft. Ihre Küche haben sie für PROSANOVA mitgebracht und lesen zusammen mit ihrem Gast, dem Komponisten und Performer Bo Wiget, aus ihren Gedichten und ihrem Putzplan, zu hören auf Litradio.

 

Christian Filips: Neue Heiße Fusionen

Eben gerade ist das letzte Exemplar von Christian Filips‘ Heiße Fusionen (roughbook 005) nach Jena weg. Das Buch gelangt damit in seine zweite Phase, Neue Heiße Fusionen (roughbook 025) gemäß seiner Selbstankündigung:

Dies ist ein Buch, das sich verändert, von Mal zu Mal. Als ein Kind der digitalen Revo­lution, die seine ­Existenz in Frage stellt, übernimmt es sich stets. Wird übernommen. In sie, die Krise, verschlungen, verschlingt es sich selbst. Setzt auf etwas. Setzt ab. Hat Zeit zu üben. Hat keine. Lässt zu. Lässt sein. Auf. Zu. Auf! Auf! Auf bald. Wenn Sie wissen wollen, wie es weitergeht:

Instant Aufschwung mit authentischem Murx

Und wieder weht mein Windhund in den Gewerbezweigen.

Was mach ich mit der Gage? Kläff ich ihn sinnlos an.

Er stinkt so nach Gelage. Drei Tage nicht daheim.

Die Ecke, wo der Bäcker zu mir mal freundlich war:

da steht er jetzt verwaist. Und will es denen zeigen.

Zeigt sich dabei nicht besser, kaum besser, als er kann.

Das Komitee der Ahnen steht leider ihm nicht an.

Vertan! Muss ichs wohl selber, muss ich mich selbst vergeigen.

Ab sofort hier.

Christian Filips: Neue heiße Fusionen

Surplus, Surplus, reinster Überschuss.
Sperma von Giraffen. Rassenhunden.
Artischockenherzen. Liebe, unverlangt.
So viel, das uns umgibt. Mir träumte eben
Leer und weiß vom Dung, vom Dunst von Schafen.
Inmitten der Herde, der heiligsten Wolken-Kommune
Erschienst auch Du mir, wollte bei Dir schlafen,
Aber im Fell meiner Beine warst Du bald nicht mehr zu sehen,
Verschwunden aus Angst vor dem Schwanz, Dein extravagantes
Tönendes Blöken, das mähte uns hin
Alle die schöne Aurora-Kosmologie!

Zwei Skizzen zum Privatvermögen

Heißes. Apartes. Böses. Beflecktes.
Sittliches. Zartes. Meistens Privates.
Tägliches. Mögliches. Billiges. Stilles.
Konisches. Rundes. Gemengtes. Erspartes.
Erspähtes. Tödliches. Tätliches. Hartes.
Des Staates. Verschafftes. Verpufftes.
Erschlafftes. Privates! Privates! Privates!

*

So ging die kleine Kipper-,
die Wipperzeit dahin:
Waage wippte, Münze
kippte, Schnitt. Verschnitt.
Ja, was die Hände hielten, Saat
und Ernte, alles, was da ging
und kam und nie verloren schien
und wieder kam, ging weg wie nie,
wie die Historiker sagen –
die Scheidemünzen schieden
den eignen Leib vom Herrn,
 
Lufft machet eygen, Wildfang […],
Bachstelze, je nach Jahr und Tag.
Aber Stadtlufft machet frey.
Ach, alte Mittelgabe
immer bestimmterer Wünsche!
Seit sieben Jahren lebt er
(es folgt Bekenntnisprosa)
unangemeldet in Berlin.
Zahlt keine Steuern folglich.
Ungeheuer! Gestern saß er

in einem Theater, da fragte
Antonio Negri ihn, wohin
ist nun der Klassenkampf? Seither
fragt er sich sehr: was tun mit mir
und dem Privatvermögen?
Werde ich ein edler Ideologe,
geb ich meinen Leib,
psychisch entstellte Münze,
besser rasch zur nächsten Analyse,
entfache ich den Straßenkampf
oder werd ich einfach, was ich bin:

Institution?

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Dieser Text gehört zu den Ergebnissen der Konferenz Idee des Kommunismus an der Volksbühne Berlin

O Pommery! O Pomerol!

O Pommery! O Pomerol!
Ich weiß nicht, wie ich weiterleben soll.
Seh ich Euch zwei hier vor mir stehn,
dann trink ich. Ihr vergeht. Ich trink

noch paarmal von dem Satz, la lie,
bis ebenso ich geh. Ins Bett
als Letzter. Immer wieder mich:
wie das Verstehen lerne ich?

Gefragt. Und wenn verstanden: wie
verkraften alles das? Vergehen
kann lustig auch am Morgen sein
und lieblich sein, am Abend ja

gewaltig winselnd wieder sein:
Das Echo der herzeignen Scherze
hinter der Bienenwachskerze
wäre nur ein Summen des Dekors,

ein summendes Dekor im Ohr
brennt alles hin, brennt ab, bevor.
O Pomerol. O Pommery.
Wie soll ich weiterleben? Wie?

Aus: Heiße Fusionen, Christian Filips

Die akustische Fassung findet sich hier

Skizze zu einem nationalen Lehrgedicht

Wald. Bach. Mauer. Schuld.
Rhein. Reinheit. Autobahn.
Fahrkontrolle. Pusten bitte!
Den Dichtern aber allezeit
freie Fahrt, dann Schlenker:
Die Mordsgemüter mit Motiv
des Schrebergartens grüne Zonen mähen.
Die gelben Zonen werden neu besät.
Da hat ja wohl der Hasso hingepinkelt.
Elektrozaun! Elektrozaun! empfiehlt
ein Nachbar, nah mit mir verwandt,
der um seinen Teich, gedemütigtes Wasser,
Installationen spannt, weil Katzen,
Reiher oder fremde Kinder
schnappten, haschten nach den Kois.
Andere Anwohner meiden indes
schon lange diese Diskussion. Sie nehmen
lieber den Zebrastreifen zur Eckkneipe.
Auch die Zwerge, nebenbei,
die sonst schweigend stehn,
laufen nunmehr los bei Rot.
Kippen alle Fusel, der das Denken
eindeutscht, heftig eindeutscht.
Jetzt kann man den Ersten reihern sehn.
Karpfenlaich und Tresenleich.
Deutsch – die Sprache der Ideen.*

*Eine Initiative des
Auswärtigen Amtes, 2010.

Als AUDIO hören

Christian Filips
Aus: Heiße Fusionen. Gesänge von der Krisis.
Roughbook 005, Holderbank / Juni 2010