Elke Erb: Gedichtverdacht

Elke Erb: Gedichtverdacht. Der jüngste Gedichtband von Elke Erb beginnt mit einem älteren Text, „Die Olympiade“ von 1970, wie alle Texte in diesem Buch im Sommer, den Elke Erb jeweils in Wuischke verbringt, „aus dem Tagebuch geholt“ und hier zum ersten Mal veröffentlicht: „Jammerschade, dass es nicht gelingt, diesen Traum zu erzählen …“ Das letzte Gedicht, „Das mit dem Baum“ vom „12.12.18, halb sieben“, ist den Bäumen gewidmet: „Sie werden mich übersterben. / Meine Handflächen meinen: Schade um sie.“ Von Traum zu Baum, dem Faden der Geduld entlang, mit dem Elke Erb das Alltäglichste und das Wunderbarste miteinander verbunden hat. Das ist „Poesie“: „Ich sagte plötzlich beim Frühstück mit den beiden hier auf dem Land: / Man ist ja irgendwie immer elf, und Geli: stimmt, sie sei immer 12. / Ei!“

roughbook 048, 94 Seiten, Euro 10,-/ sFr. 12.-

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Elke Erb: Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012

Im Sommer habe ich im Tagebuch über Roswitha Gandersheim notiert:

Bin bei der Legende „Theophilus“. Habe das Gefühl, Roswithas gesamter Text sei so anmutend wie der Frühling. Es ist wohl der gute Wille, ihrer. Ich empfinde das durch die Übersetzungen hindurch, und in Unkenntnis ihres mittellateinischen Originals. Durch den Original-Text hätte ich aber wohl auch hindurch empfinden müssen, denn sie entschuldigt sich selbst für Unvollkommenheiten und bittet um Verbesserung, zunächst bei ihrer Äbtissin Gerberga, später senden sie beide die Texte auch an weitere Kompetente, sich an sie um Hilfe wendend. Obwohl ich den mittellateinischen Text noch nicht kenne, meine ich, daß sie wirklich um Hilfe fragt, denn die Frische ihrer Textbewegung läßt bei aller üblichen Ehrerbietung nicht den Verdacht zu, daß sie sich nur aus Sittsamkeit bescheiden gibt.

Ich sehe deutlich und mit wiederholtem Aufmerken auf die konkrete Schreib-Arbeit, die sprachliche, handwerkliche Bewegung ihrer literarischen Werkstatt.

Von so weit her! Vom 21. Jahrhundert ins zehnte! Es überraschte mich. Es ergab eine elementare Sympathie, die zu ihr hin in diese Ferne strömte, auch sie führt an einem Anschein devoter Demut geradewegs vorbei.

Ich sah ja von Anfang an die Lust der selbständigen Bewegung während der ersten Erfahrungen bei den Legenden, und später, bei den Dialogen, erkannte ich, daß  sich Schreib-Erfahrung angesammelt hat und ein Ausprobieren im Ganzen unternommen wird.

Vorher hatte ich bei meinem Vater über Rhrotswith von Gandersheim nachgelesen, er meinte, die Legenden seien Nacherzählungen, unanschaulich, ängstlich, klebten am Stoff; doch schon, als er die Sujets mitteilte, dachte ich: „Wie auch immer, die Thematik wirkt frisch. Ganz so verklemmt kann es nicht sein.“ Und als ich die Legenden dann selbst zu lesen anfing, hatte ich zu konstatieren: Ach, er hat das Handwerkliche nicht erkannt, die Poetik des dichterischen und erzählerischen Handwerks ist ihm fremd. Das ist bei Literaturwissenschaftlern nicht ungewöhnlich.

Beispiele für die Sujets:

Ein Kleriker verführt die Frau Gongolfs, eines jungen hohen Beamten, der dem Edelmut lebt. Das kalte Wasser einer Wunderquelle verbrennt die Hand der Frau und erweist so vor Gongolf ihre Schuld. Er betraft sie nicht, verbannt aber den Kleriker. Dieser schleicht sich wieder in sein Haus, verführt die Frau abermals und verletzt Gongolf tödlich. Dessen Edelmut trägt ihn durch den Tod in den Himmel, so wird er der Heilige Gongolf.

Der spätere heilige Pelagius wird grausam gequält, weil er sich den homoerotischen Gelüsten des Sarazenischen Fremdherrschers widersetzt.

Bei den auf die Legenden folgenden sechs Dialogen  geht der Titelheld des vierten, der Eremit Abraham als vorgeblicher Liebhaber in ein Freudenhaus, um sein Mündel, Maria, aus den Klauen des Teufels zu retten. Der hatte sie solange betört, bis sie, zu weltlicher Lust entflammt, durch das Fenster ihrer Zelle, in welche sie eingemauert war, entfloh. Vor Abraham im Freudenhaus übermannt sie Reue und Verzweiflung. (Ich lerne und sehe ein, daß Verzweiflung ebenso eine Sünde ist wie der Grund der Reue). Die Rettung gelingt natürlich.

Roswitha wagt sich in heikle Sujets.

So auch bei der letzten, der achten, Legende: Agnes widersteht der heftigen  Begierde  des Sohns des heidnischen Präfekten, der läßt sie aus Rache nackt in ein Freudenhaus führen und dort gefangen halten. Diese Geschichte will ich nun mit Zitaten und Kommentaren ausführlicher wiedergeben, um ein Beispiel ihrer Werkstatt-Arbeit vorzuführen.

Sie beginnt mit einem großartigen Vorspruch. geltend für jene, die um Christi willen, mit des heiligen Schleiers Zeichen versehen, Christus allen anderen Freunden vorziehen – / ihn, der, über die Maßen schimmernd wie Gold; auffallend schön in lieblicher Wohlgestalt, / aus gutem Grund aller Weiber Söhne übertrifft.

Übertrifft er sie, ist das ein guter Grund, meine ich, sich für ihn zu entscheiden.

(Ich zitiere aus der Übersetzung von Otto Baumhauer. Sie gibt das Original ohne Reim und ohne Hexameter wieder).

So hebt der Text an:

Die Jungfrau, die der Welt – einstürzen wird sie – eitles Gepränge / und des vergänglichen Fleisches Ausschweifungen zu verachten begehrt, / verdient, Braut des immerwährenden Königs genannt zu werden, / wenn sie wünscht, für die Ehre engelhafter Jungfräulichkeit, / in des himmlischen Bräutigams gestirntem Palaste / den Himmelsbewohnern beigegeben, in glänzender Krone zu strahlen / und, dem Lamme folgend, das schallende Lied zu singen.

Zum Lamm möchte ich ein eigenes Gedicht zitieren:

Gar sehr Jesus

Unterm Kuppelmosaik der Apsis ein Streifen Schafe,
Hammel, je sechs von links und von rechts.

Das in der Mitte
aus der Art geschlagene kleine,
das dreizehnte  –

wie geschrumpft
unter heimlicher Drosselschnur  –

lädt jene andern mit innerem Licht auf so,
daß deren Rücken zu fliegen scheinen.

Santa Maria in Trastevere, Rom
8.3.95

Rom ist auch der Ort der Legende. Die schöne Agnes, selbst edler Geburt, aber für Christus bereit. des ehelosen Lebens hartes Ringen anzutreten, wird heftig begehrt vom Sohne des Stadtpräfekten Sempronius, sie antwortet dem Heidensohn:

O Sohn des immerwährenden Todes, zu Recht verdammenswert, / o Zunder des Frevels und Verächter des Allmächtigen, / scheide von mir […].

 

Der, sich in maßlosem Schmerz verzehrend, heuchelt nun Krankheit, die Ärzte finden nichts und merken, daß verschmähte Liebe der Grund ist. Der Vater spricht zu Agnes, wirbt und droht, umsonst. Dann bietet er ihr tückisch an, wenn sie keusch bleiben wolle, Opferpriesterin der Göttin Vesta zu werden. Weigere sie sich, befehle er, sie in der Verborgenheit eines unsittlichen Hauses einzusperren, […] damit du […] die ganze Schande und Bestürzung der Deinen bist.“

 

Sie, obwohl in Unruhe und Angst, antwortet kühn (ich kürze ab): „ich hoffe[…], alle Unflätigkeiten des hinfälligen Fleisches zu überwinden.“

Christus hilft prompt. Der Präfekt läßt Agnes von ihren Kleidern entblößen, nackt am ganzen Körper zum Freudenhaus schleppen, das Volk strömt herzu, aber da wuchsen sogleich ihre Haare und verdichteten sich trefflich, / in langen Wellen flossen sie oben vom Scheitel, / wallten herab, bis sie der Füße zarte Sohlen berührten.

 Das befriedigt, nicht wahr?

 

Weiter Zitat:

Und als sie auf die Schwelle des widerlichen Bordells trat, / nahm sie im Augenblick die Süße des lieblichen Wohlgeruchs wahr, nämlich ein Engel erscheint und bringt ein in schneeweißem Glanze funkelndes Gewand, […] ihren Maßen genau angepaßt.

 

Nun eilen, in sinnlicher Begier rasend, / von allen Seiten Jünglinge in vollem Lauf herbei, aber angesichts der Strahlen wunderbar schimmernden Lichts […] und des aufblitzenden Gleißens von des Engels Gewand, werfen sie sich der Reihe nach vor ihr nieder und sind zu ihrem Glauben bekehrt.

Frohlockend kommt der Sohn des Präfekten, meint, er könne sie nun haben, aber er stürzte jäh, die Glieder erschlafft, / in unvorhergesehenem Tode: durch Christi Macht vernichtet.

Als sein erbärmlicher Vater davon hört, kommt er, weint und beschimpft sie – und, das ist werkstattlich neu, in derselben Art, wie Roswitha in den Texten sonst die Bösen beschimpft: „du knirschst mit den Zähnen wie ein wildes Tier“; „O maßlos grausames Weib, Wildheit wohnt in dir, / […] / zart ist dein Körper, doch du knirschst mit den Zähnen wie ein wildes Tier […] Offen zu Tage liegt es daher, daß dein maßlos lasterhafter Sinn / voll Gier ist nach den Strömen tückischer Zauberei.

Sie läßt also, erkenne ich, hier zum ersten Mal zwei Religionen sich begegnen. So setzt es sich auch fort: Sie antwortet milde, er selbst sei schuld, nicht sie, schickt alle hinaus und bittet, um ihres Gottes Gnadenmacht zu zeigen, Christus um die Auferstehung des Toten. Der Sohn kehrt ins Leben zurück und glaubt nun an ihren Gott, und auch der Vater ist einsichtig.

Mit einer solchen Vergebung erhellt uns Roswitha oft das mitleidende Gemüt. Die Logik ist: Christus hat uns von den Sünden erlöst, wir leben in der Gnade. Und die Autorin verfügt erzählerisch recht uneingeschränkt über diese strahlende Gnade.

Aber jetzt treten die Vertreter des anderen Glaubens in Aktion, seine Priester verlangen mit grausamem Herzen, Agnes schnell unter blutigen Martern umzubringen. Der Präfekt kann sich nicht dazu entschließen und überläßt seine Befehlsgewalt einem andern, der das Richteramt mit wölfischer Wildheit ausübte.

Sie wird ins Feuer geworfen, da jedoch ihren Körper der fleischlichen Liebe Glut nicht entflammte, verletzte dieses Feuer ihn nicht, sondern, wogend brachen die Flammen hervor und rasten unmäßig,/ vernichteten zuerst alle Henkersknechte, verbrannten sie; / dann bedeckten sie nach allen Seiten hin das ungläubige Volk, / das im Kreise herumstand, warfen im Fluge viele Scharen zu Boden.

Das ärgert mich, aber da  ich meine vermutlich junge Kollegin nicht tadeln will, denke ich etwas spitzfindig, auf Liebesglut, die des Sohns, antwortet Gnade, auf Vernichtung Vernichtung.

Bei anderen Stellen, wo ich nicht umhin konnte, einen Bauteil in ihren Erzählungen als unhaltbar zu kritisieren, half ich mir mit der folgenden Erwägung heraus: Es handelt sich nicht um Realismus oder eine Dialektik in der Sache selbst, sondern allein um die Wahrnehmung der erzählenden Stimme. Gerade die literarische Unwahrscheinlichkeit  bewirkt vielleicht die Annehmbarkeit des vorgetragenen Glaubens, in recht feinen Balancen.

Die Legende endet logisch so: um in den Himmel zu kommen, zu ihrem Bräutigam, muß sie sterben, Christus erfüllt ihr den Wunsch: der ungerechte Richter, / wutschnaubend. weil sie noch lebte, durchbohrt ihre Kehle. Dem Herrn gab sie im Sterben den letzten Atemzug zurück. Engelscharen erscheinen, und sie trugen die Seele fröhlich durch die Lüfte empor.

 

Zuletzt geht es noch um den toten Körper, der ja in der Reliquienverehrung eine große Wirkung tut. Öfter ist es auch so bei ihren Texten, daß am Grabe schöne Wunder geschehen: der Lahme geht, der Blinde sieht, der Taube hört.

Die Eltern begraben sie mit großer Pracht und ganzer Ehrerbietung / in der Erde Schoß, sie erscheint ihnen in einer Engelsschar, strahlend wie die Engel, die Eltern trockneten die Tränen […] und sangen nach der Psalmen Weise mit wohlklingender Stimme Lobgesänge dem Herrn, / der seinen heiligen Blutzeugen nach harten Kämpfen / milde des ewigen Lebens Lohn gewährt. Amen.

Ich danke Ihnen für den Roswitha-Preis und nicht weniger auch für die ebenso unerwartete Freude, sie zu lesen.

A Poem A Day – Bert Papenfuß

Schonen


Für „Flip-out-Elke“

 

 

Bin in Altes Lager gewesen; allet schubbert ab.

Das Pferd ist zu Fuß ein Tusch hinterm Tod.

Ich habe Ales stenar gesehen, steht zwar noch,

aber die Steine sind wie die Wörter verrutscht:

Der Tusch ist ein Pferd hinterm Tod zu Fuß.

So bastelt man kein Sonnenobservatorium.

 

„Gedanken wie Reisig zu Füßen“[1]

„Es fängt an dunkel zu werden

Es hört auf hell zu sein“[2]

„Meine eigenen, störrische Zweige,

zum Winter geworfen“[3]

„Es hört auf dunkel zu sein

Es fängt an hell zu werden

Und zwei ist eins“[4]

 

Von der Erbin[5] lernen, heißt erben lernen: Odin war nur

ein Führer, Loki ist Anrührer, Anführer und Aufrührer!

Schoningers Adler resp. Rabe – „ist Greif“[6].

Zu allem, was recht ist, paßt – was einseift.

Dann sorgt die Biathletin[7] für Ordnung:

Frauen ins Land, Männer an den Strand.

 

Eins ist zwei und

Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es

„Lieblicher sprachst du […]

als du in dein Bett mich entbotst:

nicht darf ichs verschweigen,

 

wenn unsre Schandtaten wir / sollen nennen genau.“[8]

Frieden ist ewiger Streit, ruhig rollt das Rad,

auf Preis folgt Nachlaß, dann Preisgabe,

Zurücktritt, Unterwerfung des Geistes:

Eingeschworen ist die Pik Zehn,

auf die einheizende Herz Neun.

 

 

Gedanken wie Geschling zwischen den Zehen:

„Es fängt an dunkel zu werden

Es hört auf hell zu sein“.

Gletsch, Gleiß und Giersch zu ihrer Zeit,

der Film fängt gleich an:

„Es hört auf dunkel zu sein

Es fängt an hell zu werden

Und zwei ist eins“

 

„Unser Gelächter war urböse […],

gespeist von dem Urquell des Unmotivs,

und wir versuchten vergebens,

den Schutzherrn unseres Gemütes zu betrüben.“[9]

Nach dem Schlangenverderben

beginnt des Wurmes Werden.

 

Eins ist zwei und

Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es

„Lieblicher sprachst du […]

als du in dein Bett mich entbotst:

nicht darf ichs verschweigen …“

 

Wann sorgt die Biathletin für Ordnung?“ –

„Welche Ordnung?“ – „Die Mutter der Ordnung!“ –

„Einmal genannt ist die Mutter der Ordnung

jede Ordnung.“ – „Eine spontane Ordnung!“

„Was heißt Regel beim Dichten? – Zweierlei heißt es.

– Was denn? – Normal und Abgewandelt!“[10]

 

Gedanken wie Geäst zwischen den Zeiten:

„Es fängt an dunkel zu werden

Es hört auf hell zu sein“.

„Die fünfte Freiheit ist Zeitenwechsel[11]

in der Halbstrophe.“[12] Für janz Doofe:

„Es hört auf dunkel zu sein

Es“ fing „an hell zu werden

Und zwei ist eins“

 

Pferdeschwänze drehen am Rad, betrauern

gefallene Adoranten, Schiffsheber, Akrobaten,

Krieger und Dollentrolle, die sich selbst ausheben.

Unterstrapazierte Kindergermanen geben kein Gas;

säen und ernten nicht, sparen keinen Strom.

AIDS riskieren oder Arsch abfrieren.

 

Eins ist zwei und

Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es

Anzufangen auf hört es

Aufzuhören an fängt es

Zuzuhören auf hört es

Zuzugreifen an fängt es

 

Nokia: „Ich habe jede Möglichkeit so antizipiert,

dass mich Alleen voll Gehängter nicht stören werden,

ein Ziel zu verfolgen, das bei mir immer wiederkehrte.

Den Menschen das abbetteln, was sie nicht geben wollen,

habe ich kein Talent, weil ich an die innere Überwältigung glaube.“[13]

Die Unterwerfung des Geistes, dem es an Opfern gebricht.

 

In der Schonung haben wir gefickt.

„Es fängt an dunkel zu werden

Es hört auf hell zu sein“.

Aus der Lichtung bricht die Schneise – wüßte der Dadaskalde[14]

noch die Richtung; brunzt die Scheiße, ich wüßt’s wohl balde:

„Es hört auf dunkel zu sein

Es“ fing „an hell zu werden

Und zwei ist eins“

 

Dann steigt der Greif und Donner fährt ins Gebirge.

Der Winterwanderer[15] beschreibt ein Sommergewitter:

Brachst die Knochen der Spielgefährtin,

machst den Dreigewaltigen zum Hoschi,

barbiertest den mächtigen Kampfbart,

malträtierst die leblosen Schreihälse.

 

Eins ist zwei und

Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es

Anzufangen auf hört es

Aufzuhören an fängt es

Zuzuhören auf hört es

Zuzugreifen an fängt es

 

Verschiedene sich angelegentlich kreuzende Wege resp. Verse

führen zu der Straße resp. Strophe in das Gebiet resp. Gedicht,

in dem steht, was in Schonen und rund um Schonen rum abgeht:

Abgedrehte Vegetationszyklen und jeweiliges Wetter beugen sich

über schräge Großsteingräber und zerfurchte Felszeichnungen.

Die allgemeine und spezielle Poëtologie, die Erörterung zwischen-

 

menschlicher Beziehungen hingegen,

die – zugegeben, innere – Überwältigung

des spröden Geistes, und der Kommunismus

folgen genauso auf dem Fuß wie der Formalismus.

In der Schonung knospt’s –

„Es hört auf dunkel zu sein

Es“ wird angefangen geworfen sein „hell zu werden

Und zwei ist eins“.

 

Der Feind des Trichterbechermannes ist der Steinschläger,

Trassen hauend – „Hucker,“ die wir sind, „nicht Maurer“[16]

für Paperbacks? „Wir gehn über die grauen Wiesen.

Wir grüßen den lautlosen Regen über dem Leunawerk.“[17]

Fehlt dem Raubein das gryphische Element,

hat er glatt die Schiffssetzung verpennt –

 

„die monologe gehen fremd“[18].

Vorbeigefahren, eingeschliffen:

Eins ist zwei und null zugleich.

„Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es“

Mainstream ist woanders.

 

„Ich nehme keine Befehle entgegen. Ich folge dem Ratschluß

meiner“[19] Schwänze. „Ich sehe den Zauber der Entzauberung.“[20]

„Frauen, die unser Leben teilen, in den enteigneten Betrieben.

[…] nicht gedrückt in die winterliche Struktur.“[21]

„Die Poesie verwandelt ihre Widerstände in Siege.

[…] Je knapper die Siege sind, desto besser.“[22]

 

Schonen … ist die Herausforderung meiner Wassersuppe![23]


[1] Aus: Schonen. In: Elke Erb. Meins. Hg. v. Christian Filips. roughbook 006, Wuischke, Berlin und Holderbank SO, Juni 2010, S. 126. http://www.roughbooks.ch

[2] Aus: SPIELRAUM. In: Elke Erb. Kastanienallee. Texte und Kommentare. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1987, S. 77. SPIELRAUM ist ein Black Metal-Lyric der reinsten Form – seiner Zeit weit voraus.

[3] Aus: Schonen, s. Anm. 1

[4] Aus: SPIELRAUM, s. Anm. 2

[5] In seinem Essay Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität (In: Sinn und Form, Rütten & Loening, Berlin, 5. Heft, 1985, S. 978 – 998) spielt Volker Braun auf Elke Erbs Engagement für die damals jungen Autoren an. Seit 1983 arbeitete sie zusammen mit Sascha Anderson an einer Anthologie, die diese Generation versammelt, sie erschien 1985 unter dem Titel Berührung ist nur eine Randerscheinung bei Kiepenheuer & Witsch in Köln – also im Westen. Der von Braun durchaus aufmunternd für die junge Dichterschar gemeinte Essay ergeht sich in mehr oder minder kryptischen Anspielungen auf die „Szene“: „Unsere vermeintlichen Neutöner, Hausbesetzer in den romantischen Quartieren (wo sie sich ordentlich führen), sind wohl gute Anschaffer, die fleißig auf den Putz hauen. Hucker, nicht Maurer. […] Technisch die Wiederholung des geistlosen Handbetriebs der Avantgarde, niedrige Verarbeitungsstufe.“ (S. 990) Er nennt keine Namen, zitiert einmal eine Zeile von Anderson ohne Angabe von Autor und Quelle (S. 983), spielt jedoch auf Elke Erb an, er nennt sie „die Erbin“ (S. 996) und „unsere Flip-out-Elke“ (ebd.). In dem Text Sehen. Notate zu Volker Brauns Rimbaud-Essay schreibt der damalige Herausgeber von Sinn und Form Max Walter Schulz: „Braun verlangt’s nach ‚radikaleren Sätzlein‘ als den in der ‚Erb-Sache‘ gebrauchten.“ (S. 1009) Richtig ist wohl die oft geäußerte Annahme, daß Braun versuchte, in der „Szene“ die Spreu von Weizen zu trennen und den Weizen zu ermutigen. Seine vagen Anspielungen, selbst für gewiefte Zwischen-den-Zeilen-Leser unter den Germanisten unverständlich, riefen eine vergleichsweise engagierte Reaktion der „Szene“ hervor. Anderson polemisierte hyperverschroben mehr oder minder gegen Braun (in dem Untergrund-Blatt SCHADEN 8/1985), Leonhard Lorek nahm etwas weniger verschroben teils Position für Braun, teils gegen Anderson ein (in SCHADEN 9/1985), Elke Erb schrieb einen Brief an Sinn und Form (auszugsweise dokumentiert in: K. Michael/Th. Wohlfahrt (Hg.). Vogel oder Käfig sein. Druckhaus Galrev, Berlin, 1992, S. 293) usw. – weitere essayistische Texte erwähnten den Anlaß der Debatte nicht mal mehr. Volker Braun hatte einen Sturm im Wasserglas angezettelt. Alle waren irgendwie beleidigt – und die Spreu trennt sich bis auf den heutigen Tag vom Weizen. Und Elke? Elke Erb war, ist und bleibt ausgeflippt, dem Teufel sei’s gedankt.

[6] Aus: SPIELRAUM, s. Anm. 2. – „Und Greifswalds Vogel ist Greif“

[7] Skaði

[8] Aus: Lokis Zankreden. In: Edda. Götterdichtung und Spruchdichtung. Übertragen von Felix Genzmer. Eugen Diederichs Verlag, Jena, 1934, S. 58.

[9] Aus: Das Gesicht. In: Angela Rohr. Der Vogel. Gesammelte Erzählungen und Reportagen. Hg. v. Gesine Bey. BasisDruck Verlag, Berlin, 2010, S. 97 f.

[10] Aus: Strophenverzeichnis [Háttatal]. In: Snorri Sturluson. Die jüngere Edda mit dem sogenannten ersten grammatischen Traktat. Übertragen von Gustav Neckel und Felix Niedner. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf u. Köln, 1966, S. 273.

[11] „Wechsel von Gegenwart und Vergangenheit. – Manchmal bewegt sich die erste Halbstrophe in der Vergangenheit, die zweite in der Gegenwart; das gilt nicht als Freiheit, sondern als etwas Natürliches.“

[12] Ebd., S. 281

[13] Aus einem Brief von Ernst Fuhrmann an Gertrud Osthaus vom 26. 1. 1920. Quelle: Karl Ernst Osthaus-Museum, Fuhrmann-Archiv, F 3.15.

[14] Eyjólfr dáðaskáld, der „Skalde der Taten“, schrieb (vermutlich im frühen 11. Jahrhundert in Island) die Bandadrápa, ein Preislied auf den Sproß des norwegischen Adelsgezüchts Erik Håkonsson, Herrscher von Dingsdal und Bumsdalsborg.

[15] Vetrliði Sumarliðason, isländischer Skalde des 10. Jahrhunderts. Wurde, angeblich wegen seiner heidnischen Weltanschauung, von dem deutschen Missionar Þangbrandr (Dankbrand) ermordet. Überliefert ist eine Strophe, die Thor glorifiziert: „Leggi brauzt þú Leiknar, / lamðir Þrívalda, / steypðir Starkeði, / stéttu of Gjalp dauða.“ – „Leikn du erlegtest, / Ließ’st fall’n Thriwaldi. / Starkard du stürztest, / Stundst ob Gjalp, toter.“ (Aus: Die Dichtersprache [Skáldskaparmál]. In: Die jüngere Edda, s. Anm. 10, hier S. 139)

[16] Nach: Volker Braun. Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität. In: Sinn und Form, Rütten & Loening, Berlin, 5. Heft, 1985, S. 990.

[17] Ebd., S. 993.

[18] Aus: S[ascha] Anderson. Jeder Satellit hat einen Killersatelliten. Rotbuch Verlag, Berlin, 1982, S. 49.

[19] Aus: Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität, s. Anm. 16, hier S. 992.

[20] Aus: Max Walter Schulz. Sehen. Notate zu Volker Brauns Rimbaud-Essay. In: Sinn und Form, Rütten & Loening, Berlin, 5. Heft, 1985, S. 1009.

[21] Aus: Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität, s. Anm. 16, hier S. 993.

[22] Aus: Elke Erb. Sätze zur Poetologie 3 (16. 7. 2010). Quelle: https://roughbooks.wordpress.com/category/satze-zur-poetologie-elke-erb (26. 7. 2010)

[23] Elke Erb versicherte mir am 20. September 2010 nachdrücklich, „daß wir wesentlich mehr können, als wir uns zutrauen“ – bzw. uns zugemutet wird.

Sätze zur Poetologie 5 (Elke Erb)

Eine andere für mich neue poetologische Erfahrung ist, wie die Poesie während des Schreibens entsteht. Als Resultat einer Wahrnehmung. Als eine wahrgenommene Wahrnehmung. Ich nehme an, daß die Wörter, wenn es so zugeht bei einem Text, zu ihrer freiesten Geltung kommen.

***

Dies ist der Abschluß der „Sätze zur Poetologie“ von Elke Erb.
Neue Gedichte der Autorin finden sich in dem soeben erschienenen Band
Meins; roughbook 006

Sätze zur Poetologie 4 (Elke Erb)

Das Gedicht ist alles, was es tut. (1)
Es ist, als Ganzes, als Komposition, mehr als das, was es tut. (2)
Es ist auch das, daß es etwas nicht tut. (3)

Satz (1) sieht einfach aus, ist aber nach aller Praxis für mich neue Erkenntnis.
Satz (2) ist einleuchtend auch ohne eine so lange Erfahrung.
Satz (3) folgert aus Satz (1), sein Geltungsbereich ist aber so unendlich, daß dieser Satz unmöglich vollkommen sein kann.

***

Hier erscheinen in regelmäßiger Folge die „Sätze zur Poetologie“ von Elke Erb.
Neue Gedichte der Autorin finden sich in dem soeben erschienenen Band
Meins; roughbook 006

Sätze zur Poetologie 3

Die Poesie ist produktiv. Sie kooperiert mit anderer produktiver Arbeit.
Das Objekt der Arbeit sind die Voraussetzungen des Lebens.

Die Poesie verwandelt ihre Widerstände in Siege. Immer wieder und allseitig neu.
Je knapper die Siege sind, desto besser.
Das Gedicht grenzt nicht aus, verkleinert die Welt nicht.

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Hier erscheinen in regelmäßiger Folge die „Sätze zur Poetologie“ von Elke Erb.
Neue Gedichte der Autorin finden sich in dem soeben erschienenen Band
Meins; roughbook 006

Das Ich war ein Zar von Geburt – Sätze zur Poetologie 2

Im vorigen Herbst habe ich mich dank einer großartigen deutschsprachigen Anthologie mit der ungarischen literarischen Avantgarde zwischen 1915 und 1930 bekanntmachen können. Sie war ein kollektiver Aufbruch aus überkommenen Formen und erlebte eine wunderbare, selbst für Avantgarden unvergleichbare Blüte, aber sie dauerte nicht lange, denn ihr Aufschwung verdankte sich dem Programm eines utopischen politischen Aktivismus. In ihrer Utopie war es, als spräche der Weltgeist mit dem Weltgeist. Es ging um die Gesellschaft außen, und das Ich war ein Zar von Geburt, hochstehend, unverletzlich. Trotz der Bauernschaft und der Proletariermasse. Das Ich selbst, das Ich-Haus, den eigenen geistigen Haushalt haben sie nicht in Arbeit genommen. Die Arbeit war draußen, sie selbst waren nicht ihr Gegenstand.
Die Formel meiner eigenen Entwicklung sagte: die Gesellschaft kannst du nicht ändern, ein starres Massiv von hier bis Kamtschatka. Hier, das bedeutete: die DDR. 
Aber was du verändern kannst, das ist dein eigenes Denken.
So begann ein Lernprozeß.
Sein Gewinn ist die Befreiung aus einer konsumtiven Position in eine produktive.
Das war für mich immer der entscheidende Unterschied.

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Hier erscheinen in regelmäßiger Folge die „Sätze zur Poetologie“ von Elke Erb.
Neue Gedichte der Autorin finden sich in dem soeben erschienenen Band
Meins; roughbook 006