Andreas Kohm bespricht Mara Genschel „Cute Gedanken“

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roughbook 043: Attila József, Liste freier Ideen

Attila Liste freier Ideen

 

„Krepier – Karierte Decke – ich denke – coito ergo sum – ich schwanz-denke, also bist du“. Die am 22. Mai 1936 im Budapester Café Japan entstandene „Liste freier Ideen” ist das Resultat eines radikalen Selbstversuchs, an dem mehrere Persönlichkeiten des ungarischen Dichters Attila József maßgeblich beteiligt waren. Sie beginnt mit einer Schimpfrede auf eine Tischdecke im Kaffeehaus, entledigt sich sogleich des gesicherten cartesianischen Bewusstseins und gibt sich dem regressi- ven Denken und Reden des Unbewussten hin. So lallt und grunzt die Liste fröhliche Glossolalien, hält dann aber mit einem Mal inne, stellt Überlegungen zur Psychologie der Arbeit und zum Wesen des Geldverkehrs an und reflektiert ihre eigene Prozesshaftigkeit. In unendlichem Regress verzehrt die Liste immer wieder ihre Autorschaft, sich selbst und den Leser, empfängt hier und da auch einen Kaffeehausbesucher, was zu einer kurzen Unterbrechung ihrer Niederschrift führt. Dann nimmt sie ihre obsessive Arbeit wieder auf, flucht über die große Anstrengung, regrediert immer weiter und will zurück in den polymorph amourösen Zustand im Mutterleib. [Aus dem Nachwort der Herausgeber]

Attila József, Liste freier Ideen, herausgegeben und übersetzt von Christian Filips und Orsolya Kalàsz

110 Seiten, Euro 10,-/ sFr. 12.-

Bestellen: http://roughbooks.ch/attila_jozsef/liste_freier_ideen.html

„Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung“ geht an Dagmara Kraus

Anlässlich des 37. Erlanger Poetenfests (24. bis 27. August 2017) vergibt die Kulturstiftung Erlangen zum siebten Mal den „Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung“. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis wird in diesem Jahr an die Lyrikerin und Übersetzerin Dagmara Kraus verliehen. Dagmara Kraus nimmt die Auszeichnung am Donnerstag, 24. August 2017, 18:00 Uhr in der Erlanger Orangerie entgegen, die Laudatio auf Dagmara Kraus hält die Lyrikerin und Übersetzerin Uljana Wolf.

„Dagmara Kraus ist eine der erstaunlichsten lyrischen Stimmen der neuen Literatur. Die in Wrocław (Polen) geborene Autorin übersetzte u. a. die polnischen Dichter Miron Białoszewski, Joanna Mueller und Edward Stachura. Ihre mehrsprachige Lyrik – „kummerang“ (2012), „kleine grammaturgie“ (2013), „das vogelmot schlich mit geknickter schnute“ (2015) und „wehbuch (undichte prosage)“ (2016) – oszilliert virtuos zwischen den Formen und Sprachen, ihre poetische Erkundung der Plansprachen („wechselreden auf langue bleue“) eröffnet neue Möglichkeiten der lyrischen Rede. Dagmara Kraus erhält den Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung für ihr lyrisches und übersetzerisches Werk.“ (Aus der Begründung der Jury)

Dagmara Kraus, geboren 1981 in Wrocław (Polen), studierte Komparatistik, Kunstgeschichte und Literarisches Schreiben in Leipzig, Berlin und Paris. Sie lebt in Carpentras (Frankreich) und Berlin. Dagmara Kraus schreibt Lyrik und übersetzt aus dem Polnischen, Englischen und Französischen, u. a. Werke von Miron Białoszewski, Joanna Mueller, Edward Stachura und Frédéric Forte. Für das Hörstück „Entstehung dunkel“ erhielt sie zusammen mit Marc Matter 2015 den Förderpreis zum Karl-Sczuka-Preis für avancierte Radiokunst und 2016 den Heimrad-Bäcker-Förderpreis. Im Herbst erscheint bei kookbooks ihr erstes Kinderbuch, „alle nase derdiedase“, illustriert von Andreas Töpfer.

Deutschland besitzt über tausend Literaturpreise, aber noch immer auffallend wenige Übersetzerpreise. Dieses Missverhältnis hat vor allem etwas mit dem nach wie vor mangelnden Bewusstsein dafür zu tun, dass der internationale Erfolg eines Buches wesentlich von der Qualität seiner Übersetzungen abhängt. Das Erlanger Poetenfest hat sich die Förderung von Poesie als Übersetzung zur Aufgabe gemacht. In diesem Jahr findet im Rahmen des 37. Erlanger Poetenfests die vierzehnte Erlanger Übersetzerwerkstatt statt. Mit Übersetzerwerkstatt und Übersetzerpreis wollen die Kulturstiftung Erlangen und das Erlanger Poetenfest gemeinsam die Wahrnehmung dafür schärfen, wie sehr gerade Übersetzungen und Einflüsse aus fremden Sprachen und Kulturen die deutschsprachige Gegenwartsliteratur bereichern.

Die Jury des Erlanger Literaturpreises für Poesie als Übersetzung besteht selbst aus Übersetzerinnen und Übersetzern. Dieses bislang einzigartige Konzept verbürgt die sprachschöpferische Qualität der ausgezeichneten Arbeiten. Der Jury gehörten in diesem Jahr an: Annette Kopetzki (Hamburg), Adrian La Salvia (Oranienbaum-Wörlitz – Jury-Sprecher), Benedikt Ledebur (Wien), Ilma Rakusa (Zürich), Yoko Tawada (Berlin), Peter Waterhouse (Wien) und Uljana Wolf (Berlin, New York). Der Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung wurde bisher an Felix Philipp Ingold (2005), Georges-Arthur Goldschmidt (2007), Barbara Köhler und Ulf Stolterfoht (2009), Elke Erb (2011), Yoko Tawada (2013) sowie an Uljana Wolf (2015) verliehen.

Über Gedichte sprechen

Zum fünften Mal treffen sich Gregor Dotzauer (Der Tagesspiegel), Insa Wilke (freie Kritikerin) und Jan Bürger (Deutsches Literaturarchiv) am 12. Juli, 19.30 Uhr, im Berthold-Leibinger-Auditorium des Literaturmuseums der Moderne, um von Gedichten zu schwärmen und über sie zu streiten.

Die neue Folge der Veranstaltungsreihe in Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur, so eine Mitteilung aus dem Deutschen Literaturarchiv, widmet sich der amerikanischen Lyrikerin Ellen Hinsey, der deutschen Avantgardistin Mara Genschel sowie Rilkes Stunden-Buch. Mit „Des Menschen Element“ (Update on the Descent, 2009) wird das neueste Werk der amerikanischen Lyrikerin Ellen Hinsey (geboren 1960 in Boston) besprochen.

In ihren Gedichten widmet sich Hinsey vornehmlich ethischen und gesellschaftspolitischen Themen. Mit dem jüngst bei roughbooks erschienenen Buch „Gute Gedanken“ von Mara Genschel (geboren 1982 in Bonn) über einen längeren Aufenthalt in den USA wird die jüngere Lyrik-Szene in den Blick genommen. Genschel ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, ihr erster Gedichtband erschien 2008. Sie entwarf für die Installation von Katharina Mertens „The Secret Life of Arabia“ (2015) das Textkonzept, basierend auf dem gleichnamigen Song von David Bowie.

Gregor Dotzauer über den Netzverlag von Robert Kelly und Charlotte Mandell

Vielleicht war es „Die Sprache von Eden“, roughbook 041, das Gregor Dotzauer vom Tagesspiegel auf den Netzverlag metembesen.org von Robert Kelly und Charlotte Mandell aufmerksam gemacht hat. „Der Mann mit dem imposanten weißen Schnauzer und den noch imposanteren Augenbrauen ist ein Genie der Freundschaft, weshalb das Familienprojekt im Nu einen erstaunlich weiten Wahlverwandtschaftenradius angenommen hat.“

In seinem schönen kleinen Artikel beschreibt Dotzauer Robert Kelly als Künstler einer „frühromantisch durchdrungenen Welterfahrung, die nach dem Heiligen im Gewöhnlichen, einer „sacredness of ordinary things“, sucht, wie es im Vorspruch zu Kellys „I Tarocchi Nuovi“ heißt.“ Kelly, schreibt Dotzauer weiter, „verknüpft das Offensichtliche auf der Stelle mit dem Unscheinbaren, der vom Austrocknen bedrohten Regenpfütze, die „in ihren Tiefen den ganzen Himmel darüber enthält, den edlen Anker der Bäume, der sich zu uns nach oben ausstreckt“. Dabei will er von Tiefe gar nichts wissen. „Das Bild“, schreibt er, „ist ganz Oberfläche – auf der Oberfläche. Wenn wir wie Narziss durch die Oberfläche zum Bild selbst vordringen wollen, finden wir nichts als Drecksuppe, Schotter, Schlamm.“ Das kann man ruhig als poetologische Auskunft eines Mannes lesen, der zusammen mit Jerome Rothenberg und Clayton Eshleman einst die symbolistisch geprägte Schule des „Deep Image“ begründete und heute längst über allen ihren Wassern schwebt.“

Hier der ganze Artikel:

http://www.tagesspiegel.de/kultur/netzverlag-an-den-ufern-des-metambesen/19859848.html#

Monika Rinck bespricht Mara Genschels „Cute Gedanken“

Und zwar so:

«Genschel erörtert in guten, so zaghaften wie treffenden, mehr analogen als digitalen und zudem sehr feinen Gedichten, was Höflichkeit mit Negation zu tun haben kann. Steckt die Verzweiflung tief in den Knochen, während die Theorie nur die Hautoberfläche liebkost? Halb „Susan men hang loser Zombie“, der keine Ahnung hat, wie gut das ist, was er tut, halb Generälin der Avantgarde.

Es entstehen Gedichte in zärtlichem Brockenenglisch mit einer immensen Empathie für fehlerhafte Menschlichkeit. Ehrlich, stolz und traurig und mit dem Mut es nicht gut sein zu lassen, selbst wenn fraglich ist, ob es überhaupt gut zu machen ist.»

Und das hier:

https://www.piqd.de/literatenfunk/cute-gedanken-von-mara-genschel

Wer sich selber Gutes tun will, bestellt hier:

http://roughbooks.ch/books/roughbook042mara-genschelcute-gedanken.html

 

Die Lyrik-Empfehlungen 2017 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

Gleich drei roughbooks werden von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für 2017 empfohlen:

 

Mara Genschel: Cute Gedanken
roughbook 042

«Was habe ich zu verkörpern, als »hinkender, / angeschossener General (mit / eisblaue mm Haar)«? How to live a poet’s life? Geht es noch um Fragen der Ästhetik oder schlicht um Sichtbarkeit? Genschel erörtert in guten, so zaghaften wie treffenden, mehr analogen als digitalen und zudem feinen Gedichten, was Höflichkeit mit Negation zu tun hat. Steckt die Verzweiflung tief in den Knochen, während die Theorie nur die Hautoberfläche liebkost? Wer weiß. Bei Cute Gedanken handelt es sich um ein widerständiges und verführerisches Produkt der cia, die hochkomische Abschrift eines Residenzstipendiums in Iowa für »Autor und rinnen«. Genschel stellt sich im Zwiegespräch mit der Korrekturfunktion ihres amerikanischen Mobiltelefons den strukturellen Bedingungen der Produktion. Halb »Susan / men hang loser Zombie«, der keine Ahnung hat, wie gut das ist, was er tut, halb Generalin der Avantgarde. Das ist Institutionskritik auf hohem Niveau, in zärtlichem Brockenenglisch, mir einer immensen Empathie für fehlerhafte Menschlichkeit.» (Empfehlung von Monika Rinck)

Hans Thill: Dunlop
roughbook 035

«Die Gedichte in Hans Thills neuem Band finden ihr Ausgangsmaterial in anderen Dichtern. Thill hält die Sprache von Petrarca und John Donne, Paul Fleming, Georg Trakl, Daniel Heinsius und Hölderlin in der Hand, schnuppert die Schrift, die Bilder, die Wendungen, die Musik und schließt mit ihnen Bekanntschaft, nicht durch Übersetzung, sondern durch Fortführung. Kenntnisnahme durch Sprache – darin ist Hans Thill ein Akrobat. Sein Schwindelgefühl wird unser Schwindelgefühl. Als Oskar Pastior 33 Gedichte von Petrarca zu den seinen machte, schrieb er von dem Reiz, »unter die Kuppel einer fremden Sprache zu treten, sozusagen in einen Raum, in dem die Eigengeräuschlichkeit deutlich wird.« Hier ist es ähnlich. Hans Thill ergeht sich in wilden Assoziationen und ureigenen Geräuschen, zeigt Irreverenz gegenüber den »Meistern« und hebt doch ihre schimmernden Schätze, übertölpelt sich und erfrischt uns. So birgt der typographisch raffinierte Band eines der schönsten Sprachprojekte der letzten Jahre.» (Empfehlung von Joachim Sartorius)

Erín Moure: O Cadoiro
herausgegeben und übersetzt von Uljana Wolf
roughbook 037

«Was ist »translinguale Poesie«? Ein ganz starkes, poetisch vibrierendes Exempel für »mehrsprachige Dichtung«, in der die Sprachgrenzen überschritten werden, führt Uljana Wolf in ihrer Übersetzung von Erin Moures im Original 2007 erschienenen Gedichtband O Cadoiro vor. Im kanadischen Original geht es um eine Anverwandlung der cancioneiros, einer Sammlung der galizisch-portugiesischen Troubadour-Lyrik des 12. und 13. Jahrhunderts. Die Kanadierin Moure hat sich von den iberischen Liedersammlungen zu sehr eigenwilligen Fortschreibungen dieser Gedichte inspirieren lassen. Uljana Wolf wiederum hat nach einer Form der mehrsprachigen Übertragung dieser »cantigas de amor« gesucht, in der das Diverse, die Überlagerung der verschiedenen Sprachen nachklingt. So entwickelt sie eine Gedichtsprache, die zwischen dem Hochdeutschen, dem Mittelhochdeutschen, dem Englischen und dem Portugiesischen changiert. Eine Durchmischung der Sprachregister: Hoher Ton, Jargon, Abbreviaturen, Anspielungen auch auf allerjüngstes Kampf-Vokabular (»Lügenpresse«) … Und ein großes babylonisches Sprachvergnügen.» (Empfehlung von Michael Braun)