Das Frühlingsorakel

Eine Liedertafel mit Goethe, Monika Rinck, Christian Filips und Franz Tröger
Sonntag, 13. Mai 2012, 19 Uhr, Goethe-Haus Frankfurt am Main 

Warenförmigkeit von Affekten ist allerorten zu beklagen. Man kooperiert auf einer Matrix konsumierbarer Intensitäten, deren notwendiges Scheitern als Antidot erneut nur den Konsum bereithält. Marktgängiges Gehabe dominiert auch das euphemistisch mit dem Label „Liebesleben“ Versehene. Man weckt den Menschen, um ihm Schlafmittel anzudrehen.
Es gilt, die Affekte zu remusikalisieren, um eine komplexe Idylle zu errichten. Hier ist das Lied, das keiner singt. Hier ist der Ton, den keiner trifft. Und das Gedicht, das keiner liest. „Ich hab mein Sach auf nichts gestellt.“ Stellen auch Sie Ihr Sach auf nichts! Denn „Leben ist ein großes Fest, wenn sich’s nicht berechnen lässt“. Das ist mit FRÜHLINGSORAKEL gemeint.

In Kooperation mit dem Frankfurter Goethe-Haus / Freien Deutschen Hochstift.

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Wolfgang Schlenker – knappe bedenkzeit

was immer hier jetzt ist
mehr wird es nicht

das leben scheint zu funktionieren
wie ein tausch

was man gibt
bekommt man wieder

mit verzögerung allerdings
und manchmal aus zweiter hand

aber wie ein prinzip
dieses stirb und werde

und das negativ davon:
wenn ich nicht sterbe

dann sterbe ich
auf der dunklen erde

und siehe da:
der freie wille

ist vielleicht nicht das
wofür man ihn gerne gehalten hätte

aber das ist kein grund
ihn zu verspotten

freier wille
ist ein geschenk

und schenken heißt:
die vergangenheit gibt es nicht.

 

Heute: Das Gegenteil von Verführung

Haltet aus, seid stabil, bleibet hier!
(rough poetry performance)

Dienstag, 22. November 2011 – ab 21 Uhr
Villa Elisabeth, Invalidenstr. 3, Berlin

Es wird Zeit, gegen die panische Energie des Versäumens vorzugehen – und, in aller Schönheit, nichts zu wünschen. Nichts? Wirklich nichts? Nein, nein. Wir wünschen den Windhauch einer Berührung an einem windstillen Tag. Die neue Liedertafel wird Fünf, Herr Filips gleich Dreißig an genau diesem Abend. Unter der Moderation von Monika Rinck (Diskurs), Franz Tröger (Spieluhr) und Bo Wiget (Free-Jazz-Cello) geht es unerwartet steil nach oben oder unten. Beiträge herzlich willkommen. Ein Abend für Freunde. Solche, die es waren, wurden, werden wollten, nachdem die Verführung begonnen hatte, ihr Gegenteil zu sein.

Heute: FA:M’ AHNIESGWOW

Liedertafel der Sing-Akademie zu Berlin
Dienstag, 25. Oktober 2011, 21.15 Uhr
Villa Elisabeth, Invalidenstraße 3, Berlin

[…] unn allwedder stiernenfirmn am end =  Herflimmlvolglorelychsakspel.
= okkun filim anne wänd ebvrals temangde verrlt: Halo halehn haccoupner
do; rée. […]

Mit seinen zwischen konkreter Poesie und Musik, Gesellschaftskritik und Sprachwissenschaft changierenden Arbeiten hatte Hans G Helms (*1932) entscheidenden Anteil an den Avantgarde-Bewegungen der Nachkriegszeit. Im Kontakt mit Theoretikern wie Adorno und Kracauer und Komponisten wie Cage und Stockhausen entwickelte er zahlreiche Experimente, darunter die als sein Hauptwerk geltende Sprach-Musik-Komposition „fa:m’ ahniesgwow“ (1959).

Dieses „filigran komponierte Mosaik von äußerster Empfindlichkeit” (Helms), hervorgegangen aus einem gemeinsam mit Komponisten unternommenen James-Joyce-Lesekreis, wurde in diesem Jahr zum ersten Mal vollständig eingespielt (Label: WERGO).

Die Liedertafel der Sing-Akademie hat das Kölner SprachKunstTrio sprechbohrer (Sigrid Sachse, Harald Muenz, Georg Sachse) eingeladen, das Werk live in Auszügen vorzustellen.

[…] Unser aller lügiliebstes Vaterdankrückenland  – Gröhlvolke –  NUTNIKS […]

Im Anschluss: Gespräch bei Käse und Wein.

Andrea Zanzotto (10.10.1921 – 18.10.2011)

La perfezione della neve / Das Reichtum des Schnee

Quante perfezioni, quante
quante totalità. Pungendo aggiunge.
E poi astrazioni astrificazioni formulazione d’astri
assideramento, attraverso sidera e coelos
assideramenti assimilazioni –
nel perfezionato procederei
più in là del grande abbaglio, del pieno e del vuoto,
ricercherei procedimenti
risaltando, evitando
dubbiose tenebrose; saprei direi.
Ma come ci soffolce, quanta è l’ubertà nivale
come vale: a valle del mattino a valle
a monte della luce plurifonte.
Mi sono messo di mezzo a questo movimento-mancamento radiale
ahi il primo brivido del salire, del capire,
partono in ordine, sfidano: ecco tutto.
E la tua consolazione insolazione e la mia, frutto
di quest’inverno, allenate, alleate,
sui vertici vitrei del sempre, sui margini nevati
del mai-mai-non-lasciai-andare,
e la stella che brucia nel suo riccio
e la castagna tratta dal ghiaccio
e – tutto – e tutto-eros, tutto-lib. libertà nel laccio
nell’abbraccio mi sta: ci sta,
ci sta all’invito, sta nel programma, nella faccenda.
Un sorriso, vero? E la vi(ta) (id-vid)
quella di cui non si può nulla, non ipotizzare,
sulla soglia si fa (accarezzare?).
Evoè lungo i ghiacci e le colture dei colori
e i rassicurati lavori degli ori.
Pronto. A chi parlo? Riallacciare.
E sono pronto, in fase d’immortale,
per uno sketch-idea della neve, per un suo guizzo.
Pronto.
Alla, della perfetta.

«È tutto, potete andare.»

 ***

Solche Reichtümer, solche
solche Alle. Der stachelig zusammensteckt.
Und auch Abstraktionen Astrifikationen Attraktion aus Asterisken
Eisung, in sidera und coelos
Eisungen, Weißungen –
ich stiege im Königreich
über die riesige Blendung, über Fülle und Leere hinaus,
könnte Steige erkunden
erscheinen, scheuen vor
entrischen düsteren; wüsste sagte.
Aber wie fest er ist, wie weit das weiße Überall
wie strahlend: zu Tal in der Frühe zu Tal
zu Berg aus hellen Quellen.
Bin gestapft hinein in dieses funkelnde Schneien-Scheinen
hui erstes Schaudern im Schnee, im Verstehen,
Prozessionen fordern: schau alles.
Und deine Enteinung Eilandung und meine, Frucht
dieses Winters, verquickt, verdickt,
auf den gläsernen Graten des Immer, auf den Schnee-Säumen
des Nein-nie-niemals-ließ-ich-los,
und der Stern der am Wuschelkopf brennt
und die aus dem Eis geholte Kastanie
und – alles – und Eros-alles, Lib.-alles Liebe in meine
Umgarnung Umarmung: geschneit,
der hereingeschneite Gast, ein weißes Programm, ein weißes Werk.
Gell, ein Lächeln? Und das (Da)Sein (Sehen-Es)
jenes für das man nichts kann, nichts wissen,
es lässt auf der Schwelle sich (kosen?).
Eiii übers Eis und Felder von Farben
gefrorene Feuer aus Gold.
Hier bin ich. Wer spricht? Wieder schließen.
Und bin hier, in der Unsterblichkeitszeit,
für eine Schnee-Skizze, ein Schnee-Blitzchen bereit.
Hallo.
Der, der Erreichten.

«Das ist alles, ihr könnt gehen.»

(Übersetzung Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl und Peter Waterhouse, aus: Andrea Zanzotto, La Beltà / Pracht)

Samuel Daniel (1562-1619)

Let others sing of knights and paladins
In agèd accents, and untimely words;
Paint shadows in imaginary lines
Which well the reach of their high wits records;
But I must sing of thee, and those fair eyes
Authentic shall my verse in time to come,
When yet th’ unborn shall say, „Lo where she lies,
Whose beauty made him speak that else was dumb.“
These are the arks, the trophies I erect,
That fortify thy name against old age;
And these thy sacred virtues must protect
Against the dark and time’s consuming rage.
Though th’ error of my youth they shall discover,
Suffice, they show I lived and was thy lover.

***

Lass andre singen: ritter, paladine
Mit ältlichem akzent, auf unzeitwörtern,
Paar schatten pinseln, vorgestellte linien,
Sie werden trefflich ihr talent erörtern;
Ich kann nur singen du und diese augen,
Mein vers soll, glaubts mir, nur für später taugen,
Wenn alle föten schrein: schau, die da liegt,
(Den rest vergesst), wie schön die reden hieß!“
So sehen archen, so trophäen aus,
Die deinen namen gegens altern wehren,
Und so talente, heilig, die ich schütz
Gegen den dunklen konsumenten zeit.
Könnt meine jugendsünde ruhig besehen,
Wenn sie nur zeigt: Der lebte. Liebte wen.

(CF)