Jonis Hartmann bespricht „Homullus absconditus [Hypno_Homullus]“ von Magnus William-Olsson und Monika Rinck

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/magnus-william-olsson/monika-rinck/homullus-absconditus

Jonis Hartmann
Experimentelle Übersetzung

Der schwedische Lyriker, Essayist und Übersetzer Magnus William-Olsson veröffentlichte 2013 den Gedichtband Homullus absconditus im Stockholmer Verlag Wahlström & Widstrand. Er ist nun als roughbook 039 bei Urs Engeler erschienen, in einer bemerkenswerten Übersetzung von Monika Rinck.

Das Wort „Übersetzung“ und seine Bedeutung wird dabei so weit nach vorne getrieben, dass es seinen ursprünglichen Sinn, nämlich den einer Übertragung, gänzlich hinter sich lässt. Ist es eine Paraphrase, ein Echo (wie es beim Verleger heißt), ein Cover, eine Nachempfindung, -kreation, Phantasie über ein Thema von … ? Unmöglich, dies zu fassen. Vom Original scheint nicht mehr viel übrig. Zum Konzept der Publikation gehört, dass das Original nicht mit abgedruckt ist. Für Lyrik in zweisprachiger Edition an sich eine bewährte, faire Methode – hier wird das Original, aus den besagten Gründen des Forttreibens eines alten Begriffs von Übersetzung, ins Obsolete gestoßen. Es ist in Stockholm geblieben, wohingegen Monika Rinck sich der methodischen Aufgabe gestellt hat, obwohl des Schwedischen nicht mächtig, laut Selbstauskunft, unter Hypnose das Werk William-Olssons zu übersetzen. In ihrem ausführlichen Nachwort, das sowohl Licht ins Dunkel bringt als auch irritierende Passagen aufweist, schreibt Rinck, wie sie mit Orsolya Kalász bei einer früheren Übersetzung aus dem Ungarischen (János Térey) den „Wunschtraum“ verspürte, „unter Hypnose wie im Schlaf zu übersetzen“. Aus der methodischen Anwendung/Umsetzung dieses Plans ist etwas entstanden, dass Rinck folgendermaßen zusammenfasst:

Die Aufmerksamkeit musste auf eine Weise aufgelockert und weit, sehr weit hinausgeschickt werden, sodass sie zuweilen mit komplett unbrauchbarem, der Rumpelkammer des Unbewussten entnommenen Plunder zurückkehrte.

So wird eine Befreiung und ein Mut möglich, die beide auf die übersetzerische Arbeit einwirken wie eben ungesteuerte Werkzeuge, deren Arbeitsweise vertraut ist, die losgelassen ein Terrain beackern, besäen und als Ernte eintragen können, was an glänzender Originalität kaum zu übertreffen ist und was in bewusster, geistiger Kontrolle sicher nicht in dieser Form zu gebären gewesen wäre.

An gleicher Stelle schreibt Rinck und zitiert Rosmarie Waldrop:

  1. W. schreibt in einem schönen Essay zur Praxis der Übersetzung, der den Titel The Joy of the Demiurg trägt, dass Übersetzen sich nicht in harmlose Bilder fassen ließe, etwa als wolle man Wein […] von einer Flasche in eine andere gießen. ‚Translating is more like wrenching a soul from its body and luring it into a different one. It means killing.‘

Gemäß diesem Dictum und der radikalen Methodik Rinckscher Übersetzung wird Homullus absconditus als [Hypno-Homullus] zu einem sprühenden Textmonster, das sich praktisch alles erlaubt, und wäre Monika Rinck nicht Monika Rinck, wäre das Ergebnis sicher nicht halb so gelungen. Der geifernde Text ist multilingual, frech, rhythmisch, leerstellenreich und hat einen dunklen, verschlungenen Einschlag. In sechs Abteilungen werden Körper und Psyche verhandelt, steht Portugiesisch, Englisch, Schwedisch, Spanisch und Deutsch etc. gegeneinander, wird der Haupttext unterbrochen, kommentiert oder verbessert von typographischen Extrapolationen, treffen sich Sermon, Lamento, Flirt und Zitat. Die Besonderheiten und Regelmäßigkeiten der Texte sind schwer zu verallgemeinern, man begegnet ihnen am besten mit Unvoreingenommenheit. Vieles scheint lautmalerisch übersetzt, klingt zum Teil gar nicht mal unlogisch, weil – darin liegt die Kunst – wenn eingeführt, dann konsequent fortgeführt, beruht auf Assoziation, häufig sexuell, körperlich oder traumphantastisch, und wirft mit Philosophemen um sich, verkürzt auf Stichworte von Augustinus über Husserliana, Sozialismus, Staat und Revolte. Vielfach beherrscht ein komisches Element die Szene, eingebunden in polymodale Wortlandschaften, singulär zum Lachen reizend. Die zwei nachfolgenden Ausschnitte können nur als snapshots dienen – obwohl nur schmal, ist Homullus absconditus ein überwältigend vielgestalter Band.

[Weil ich ein verständnisloser Förster war]

Als ich mich aufs Küssen verstand, küsste ich alle.

Das ist heiligheilig, engelsfalsch. Du standest

mit einer Waffe rings um meinen Hals, und ich war

ohne Ich, ich hatte Hände an anderen Gehöften

ließ manche Lippen funken, auch die Zunge! Tierisch, füllte

Münder und stelzte behände über den Grat. Mensch,

Du, mit der Taille eines Mullahs in einer Buntkatzenfalle,

der sich Rinnen schminkte und arme Länder verlachte.

Du, dort, wo der Anfang erst begonnen hatte, entschiedst Dich

für ein anderes Leben, das ich heller hätte nennen können,

es erblühten unter Deinem Bart die Blumen. Und ich, wie

eine Schrankwand starr, sehe mich; in meinen jungen Augen

war ein derart wildes Sehnen. Ja, Freundchen! Und er tat seine Kleider an.

Ging hinaus in die Sommernacht und krähte vor Scham.

[Und ging ohne Kleider seither]

 

  1. Doxa – Antidoxa

I.

Vorhanden sind Hände, ein geliehenes [eigens unzugehöriges]

Ding, etwas Landschaft, etwas darüber. Halt, schmeckt deine

Hand, die fort will von dir, denn dein

Springbrunnen ist uns bekannt, nicht wahr. Wie Sex mit der

Hungerhand sich für die ungefähren Finsternisse anfühlt. Was

geht’s dich an, du siehst ihn nicht, hörst ihn ja nur plätschern? Aber

wer dich trifft, wird wohl nicht entkommen? Nein. Wird seine

septische Rose in deinen Hals schlagen

Du denkst: Wie sollen wir unser Rankenleben befahren, mit zwei so

unterschiedlichen Ruderern wie Begehren und Verlust? Das eine

gleicht einem Stör, das andere spuckt glühende Kohlen …

Ja, in der Nacht

breitet sich ein unterjochender Schwefelschimmer aus. Mmmh …

und ich, hier, im Dunkeln, kann kaum entscheiden, ob das ein

Teich oder ein Ozean ist. Aber jemand sitzt wohl doch

da drüben und schleckt voran … ich wollte glauben … an Glas.

[…]

Homullus absconditus sei wärmstens empfohlen. Sein Mut und sein (unbewusstes) Spiel mit der Verblüffung und dem offensichtlich Erwartbaren, sein Konterkarieren, sein Parodieren, sein Neuerfinden eines uralten Begriffs, dem der Übersetzung, ist es wert, ihn mit offenen Augen zu empfangen. Mag vieles abseitig, irritierend und ins-Nirvana-führend erscheinen, steht einer reichhaltigen, anregenden Lektüre auf knapp 80 Seiten nichts entgegen. Eine wichtige Publikation.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s