Hans Thill lobt Rainer René Mueller anlässlich der Verleihung des ersten Gerlinger Lyrikpreises

Liebe Frau Schmidt-Hieber, lieber Rainer, meine sehr geehrten Damen und Herren,

»Wofür erhält man einen Preis? Für das, was man gemacht hat. Was man gemacht hat sowieso, ob Preis oder nicht, einer hats sein müssen, wie Arnold Schoenberg gesagt hat.

Der Preis ist keine Belohnung. Denn für das, was einer, wie Ernst Jandl, gemacht hat sowieso, kann man nicht belohnt werden.«

So Helmut Heißenbüttel in seiner Laudatio auf Ernst Jandl zum Büchnerpreis im Jahr 1984.

Wie sich in diesem kleinen Abschnitt die Zitate überschneiden. Heißenbüttel über Jandl, er zitiert Schoenberg. Es geht um den Büchner-Preis.

Brigitte Kronauer hat das Zitat weitergetragen in ihrer Laudatio auf Ror Wolf.

Das Zitat ist seltsam, paradox und so schön, daß man einen Schwanz an Verweisungen in Kauf nimmt.

Aber stimmt es auch für unseren Preisträger, für Rainer René Müller?

Rainer René Mueller, der heute den ersten Gerlinger Lyrikpreis erhält, hat ein ganzes, schweres Leben an seiner Gedichtsprache gearbeitet. Er schreibt Gedichte, die nicht außerhalb der Zeit stehen, das bei weitem nicht, aber solche, die ihre eigene Zeit haben, Texte, in denen sich die historischen Zeiten mischen.

Der Name seines ersten Gedichtbands, »Lieddeutsch«, erschienen 1981, legt schon die Spur in ein Gelände, wo (deutsche) Sprache und Gesang gemeinsam entstehen. Als quasi »romantische« Fügung erscheint er zu Beginn der achtziger Jahre, der Zeit der »Alltagslyrik«, ebenso verträumt wie sperrig und überhaupt nicht up-to-date.

Wer jedoch Volkstümliches oder Idyllik erwartet haben sollte, sieht verblüfft auf die Gedichte dieses Bandes: kühne Konstrukte, die Sprache strapazierende Text-Gebilde, die das uns allzu bekannte Wort – die Sprache ist ein menschliches Organ, wie Wilhelm von Humboldt sagt – plötzlich neu erscheinen lassen, auf eine befremdliche Weise schön, weil ähnlich-unähnlich neben dem Vertrauten einhergehend, dunkel und schrecklich, transparent und gesehen mit politisch wachem Auge.

Zitate, Erlebtes, Gesehenes, ins Gesagte hineingenommen und in luftigen Zeilen ausgestellt, mit dem Mut zum Wortfragment, zur Aufschürfung des Wortes, eine zerrissenene Syntax, die in Satzzeichen ausläuft, in Semikolons und Gedankenstrichen, gesetzt wie Ausrufezeichen. Poesie als ein sprachliches, inneres Geschehen.

Nach der Rebellion der 60er Jahre waren die 80er eine Zeit, als sich in der Lyrik eine neue Generation zu Wort meldet, der die leichte Mitteilsamkeit der vorgefundenen Texte ein Problem wurde. Uns waren damals die »Verständigungstexte« der im Aufwind segelnden, gesellschaftlich engagierten Leute, die zu einer neuen Form der Selbstreflexion zurückgefunden hatten, zu geheimnislos, zu mitteilungsfroh.

Die neue Generation, zu der ich mich auch zähle, war einmal sprachskeptisch, ein andermal sprach-radikal, sie fand in den Krassheiten der frühen Moderne ihr Lebensgefühl, das den avancierteren Hervorbringungen des Jazz einerseits und des Punk andererseits nicht unähnlich, eine krude Ästhetik mit dem elaboriertesten Manierismus verband. Eine Art Sprachtrunkenheit zeigte sich plötzlich da und dort, und dieses Rauschhafte, Schräge, mal Irrationale, mal Hyperzarte ist auch heute noch eine große Befreiung und ein riskantes Sprechen.

In diesem Kontext der »Zuckungsbringer« wie eine Anthologie aus Mannheim-Ludwigshafen hieß, herausgegeben von Dieter M. Gräf und Thomas Gruber, nun »Lieddeutsch«.

Dieter M. Gräf war übrigens neuerdings auch der Herausgeber des Bandes bei Urs Engeler, jenes »roughbook Nummer 34«, das mit einer zwar kleinen, aber spektakulären Auswahl aus dem Werk Rainer René Muellers auf den nahzu vergessenen Dichter aufmerksam machte.

Lieddeutsch: Schöne, seltsame Gedichte mit Titeln wie »Der Mai ist ´kommen«, »Lirum-Larum«, jawohl, dieses Mueller-Deutsch ist eine alte neue Sprache, mit starker Brüder-Grimm-Tendenz oder Wunderhorn-Intensität. Wenn Wunderhorn (des Knaben Wunderhorn), dann aber ein schwarzes, erfüllt von Todes-Sehnsucht und Schmerz, wie es etwa in dem Lied »Großmutter Schlangenkönigin« aufscheint.

Gilles Deleuze zufolge wäre es eine Aufgabe der Poesie, neue Völker und Sprachen zu erfinden. Lieddeutsch. Das ist eine Sprache, die das ganze Werk des Dichters Rainer René Mueller durchzieht. Dieses Werk, das, erstaunlich genug, schon von Anfang an sich seiner ästhetischen Verpflichtung gewiss, und vom ersten Band an gleich mit großer poetischer Kraft zugegen ist.

Wer unter Lieddeutsch etwa das Mittelhochdeutsch der Minnelyrik verstehen möchte, ist nur knapp daneben. Bis heute sind in diesen Gedichten unzählige dialektale Anklänge zu finden, volkssprachliche Formulierungen, seltsam handfest, konkret, von berückender sprachlicher Sachlichkeit.

Wir finden alemannische, fränkische Zitate und Wortreste in ihnen, französische Brocken, italienische Splitter und jiddische Fetzen.

Rainer René Müllers Sprache ist eine, in der sich die Homonyme aneinander reiben. Es ist eine, die im Gedicht passend gemacht wird für die Verhältnisse unter den Menschen. Sie ist im emphatischen Sinn eng anliegend, den Verhältnissen auf den Leib geschneidert.

Damit ist Rainer Rene Müller dem großen Sprach-Finder Celan näher als dem Sprachzertrümmerer Hugo Ball oder Thomas Kling. Er ist organisch wie Hans Arp, allerdings auf eine existentielle, schmerzliche Weise. Mit ihm gibt es nur noch wenige sprachmagische Dichter in der heutigen Zeit, die der Celan’schen Tradition folgen, etwa Gregor Laschen oder Manfred Peter Hein.

Dem Jiddischen kommt in den Gedichten von Rainer René Mueller eine besondere Rolle zu. Als Sprache mit zahlreichen alemannisch-fränkischen Elementen, die in ihrer Aussprache dem Elsässischen ähnlich ist, ermöglicht das Jiddische dem Bewohner Südwestdeutschlands eine Annäherung.

Unter dem Titel »aus den Gedichten für Ruth« aus dem Band »Augen« von 1983 gibt es einen Text, in dem das Norddeutsche Idiom den Ton vorgibt, während im zweiten Ruth-Stück mit der Überschrift »Sehen« der Dichter die jiddischen »oign« auf dem Umweg über »plärren schön« und »Hautstück« mit dem Äugen der Jägersprache zusammenführt.

Hier haben wir die ganze Kunst des Dichters vor Augen, der auf poetisch-transformativem Weg die volkstümlich-sentimentalen Einschlüsse in der Sprache mit feiner Erotik und einem Anklang des krassen Entsetzens über die Vernichtung der Juden kurzschließt, um sie in einem Prozess der sprachlichen Rückführung schließlich in ein happy-end münden zu lassen.

Ich lese Ihnen das Gedicht, das ebenfalls im Urs Engelers »roughbook« neu abgedruckt ist, einmal vor.

Sehen

das Zirren, oigerle
deine oigen :

wir werrn plärren schön

oh, Schönes du
du Hautstück, hinter

mir’s Augen, schönes

Äugen / wir sehn uns
nimmer satt

Ein Liebesgedicht? Seltsam makaber-erotische Anspielung im »Hautstück«. Nicht immer wird Historisches so eingekapselt wie hier. Oft legt der Dichter auch den Schmerz frei, operiert ihn aus dem Gesprochenen heraus. Da haben wir, in den für den Gerlinger Lyrikpreis neu eingereichten Gedichten unter dem Titel »Lormen mit Primzahl« eine Zeile:

»liegen wi’a Toter im Holz«.

Die Direktheit der Redensart gibt mehrere Bedeutungen frei: der Tote könnte im Wald, im Unterholz, er könnte aber genausogut in einem Sarg liegen. Ich erinnere an das alte Wort »Totenbaum/Toteboim« für Sarg. Die nächste Zeile spricht kritisch Martin Heidegger an »(Holzwege / – gerede)« in Klammern gesetzt und somit einfach beiseite gesagt. Und dann folgt in der typischen Rainer René Mueller Schnitttechnik eine weitere jiddische Zeile :

»red‘ ein’r zum Kind:

»Es wäre besser gewesen, man
hätt‘ dich mit Kohle ausge-
stopft, in ein´ Waschtrog gelegt
& angezündet«

Auch das, meine Damen und Herren, ist Lieddeutsch. In den Märchen der Brüder Grimm und in des Knaben Wunderhorn sind solche mit schwarzer Tinte ausgemalten grausamen Bestrafungsphantasien zu finden, durch den Wechsel vom Jiddischen ins Dialektdeutsche wird aber klar, daß ein jüdisches Kind hier so malträtiert werden soll.

In einem weiteren von diesen Gedichten, die – muss man es noch sagen? – ganz auf der Höhe der Zeit sind, von einer Auseinandersetzung mit sehr aktuellen Dichtern wie Jack Spicer und Rosmarie Waldrop zeugen, wird das lyrische Ich nachts in Berlin wegen seiner Kopfbedeckung, der Kippa, die es trägt, angemacht. Der Dichter gibt die Koordinaten an, wo das geschah: Er kommt aus dem sehr angesagten Kulturclub »ausland« und passiert »Westhafen, Moabit«, gleich fühlt er sich, den Namen des Clubs aufnehmend, »außerlandes«, denn da sagt einer sehr berlinerisch:

»s’ist wohl dein Glatzenschutz, da
aufm Kopp«

»Pasquill, bitter« heißt der Text.

Auch Rosa Reidel, geb. Eliescher, seiner jüdischen Großmutter widmet Rainer René Mueller ein Gedicht. Es heißt »Kohlenkutscher vor Kind«, und wir beginnen zu ahnen, welches Kind das war, das im anderen Gedicht eben mit Kohle ausgestopft werden sollte.

Wir haben es hier mit einer sehr poetischen aber auch sehr finsteren Materialkunde zutun, dem Transformationsstoff Holz / Kohle, der, wenn man genau hinsieht, durch die ganze frühe Moderne geistert. Bei Rainer René Mueller führt das Gedicht für seine Großmutter, deren Mädchennamen Eliescher er einige Zeit als Pseudonym angenommen hatte, in einen ebenso privaten wie historischen Schluß: einem Poster bei ihm zuhause, in seiner zweiten Heimat, dem lothringischen Harbouey.

»zu ›guernica‹, hier
an der Wand im alten Schulhaus,
in der Lorraine.«

Mit seiner elementaren Poesie gelingt es dem Dichter Rainer René Mueller, uns direkt zu berühren. Seine Gedichte führen auf das Gebiet der poetischen Notwendigkeit. Diese höchst eigene Notwendigkeit hat er mit dem Kollegen Ernst Jandl gemeinsam (und das ist übrigens nicht das Einzige, was er mit Jandl gmeinsam hat), mit Helmut Heißenbüttel und mit Ror Wolf. Seine Handschrift hat er aber, anders als diese, allerdings wie viele Kollegen, man muss es sagen, mit lebenslanger Erfolglosigkeit erkauft, mit Selbstzweifeln, Desinteresse, Armut. Weit ab vom vergnüglichen Treiben, fern vom Tipp-Kick, wie es im Gedicht »Pasquill, bitter« heißt, klingt uns sein Lieddeutsch im Ohr.

Für das, was einer, wie Rainer René Mueller, gemacht hat, sowieso, kann man nicht belohnt werden. Umso mehr hat er den Gerlinger Lyrikpreis verdient, der heute, meine Damen und Herren, zum ersten Mal verliehen wird. Wir wünschen ihm und uns zahlreiche, ebenso würdige Nachfolger.

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