Halldór Laxness Halldórsson liest „An der Deutschen Sprecherwelt“

Übersetzung von Christian Filips, aus: „Ich bin ein Bauer und mein Feld brennt“, roughbook 040 

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Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst

“Vnd bleibt ungebrochen” – Zeilen teilen[1] “Also Schrift als das Melancholicum selber.” (Rudolf Heinz)[2] “Indessen überrascht mich nun vor allem, daß, wenn man so will, das Geschriebene fas…

Quelle: Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst

Die Buchhandlung und Lesungen der Lyrikverlage während der Buchmesse in Frankfurt

http://www.lyrikbuchhandlung.de

Veranstaltungen

Lyrikbuchhandlung Frankfurt im ATELIERFRANKFURT

Mittwoch

20.00 Uhr
Martina Weber Poetenladen
Margitt Lehbert liest aus »Land ohne Ende« Edition Rugerup
Frank Milautzcki gutleut Verlag
21.00 Uhr
Charlotte Van den Broeck Gastlandlesung
Ard Posthuma Reinecke & Voss
Klaus Anders Edition Rugerup
22.00 Uhr
Aurélie Maurin roughbooks
Urs Engeler roughbooks
Verena Stauffer hochroth Wien
23.00 Uhr
Astrid Nischkauer Parasitenpresse
Tzveta Sofronieva hochroth Berlin
Andreas Bülhoff Parasitenpresse
00.00 Uhr
Thomas Möhlmann Gastlandlesung
Bertram Reinecke Reinecke & Voss
Oleg Jurjew gutleut Verlag

Donnerstag

20.00 Uhr
Leonard Nolens Edition Rugerup
Sascha Kokot Edition AZUR
Rozalie Hirs kookbooks
21.00 Uhr
Hans Thill BRUETERICH PRESS
Anja Bayer gutleut Verlag
Sudabeh Mohafez Edition AZUR
22.00 Uhr
Titus Meyer Reinecke & Voss
Kinga Tóth Parasitenpresse
Anthropozän-Anthologie kookbooks
23.00 Uhr
Max Czollek Verlagshaus Berlin
Timo Berger hochroth Berlin
Rodaan Al Galidi Gastlandlesung
00.00 Uhr
Dirk Uwe Hansen gutleut Verlag
Adrian Kasnitz Parasitenpresse
Johannes Frank Verlagshaus Berlin

Freitag

20.00 Uhr
Martin Piekar Verlagshaus Berlin
Amal Ibrahim al-Nusairi / Birgit Svensson Verlag Hans Schiler
Tsead Bruinja Gastlandlesung
21.00 Uhr
Birgit Kreipe kookbooks
Martina Weber Poetenladen
Geraldine Gutierrez-Wienken Poetenladen
22.00 Uhr
Dirk Uwe Hansen Reinecke & Voss
Kim Helbig Verlag Peter Engstler
Christoph Danne Parasitenpresse
23.00 Uhr
Christoph Georg Rohrbach Parasitenpresse
Niklas Bardeli hochroth Wiesenburg
Stephan Turowski Edition AZUR
00.00 Uhr
Ulrike Feibig Poetenladen
Michael Wagener liest Kai Pohl Gutleut Verlag
Tim Holland Gutleut Verlag
Hendrik Jackson hochroth Berlin

Jonis Hartmann bespricht „Homullus absconditus [Hypno_Homullus]“ von Magnus William-Olsson und Monika Rinck

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/magnus-william-olsson/monika-rinck/homullus-absconditus

Jonis Hartmann
Experimentelle Übersetzung

Der schwedische Lyriker, Essayist und Übersetzer Magnus William-Olsson veröffentlichte 2013 den Gedichtband Homullus absconditus im Stockholmer Verlag Wahlström & Widstrand. Er ist nun als roughbook 039 bei Urs Engeler erschienen, in einer bemerkenswerten Übersetzung von Monika Rinck.

Das Wort „Übersetzung“ und seine Bedeutung wird dabei so weit nach vorne getrieben, dass es seinen ursprünglichen Sinn, nämlich den einer Übertragung, gänzlich hinter sich lässt. Ist es eine Paraphrase, ein Echo (wie es beim Verleger heißt), ein Cover, eine Nachempfindung, -kreation, Phantasie über ein Thema von … ? Unmöglich, dies zu fassen. Vom Original scheint nicht mehr viel übrig. Zum Konzept der Publikation gehört, dass das Original nicht mit abgedruckt ist. Für Lyrik in zweisprachiger Edition an sich eine bewährte, faire Methode – hier wird das Original, aus den besagten Gründen des Forttreibens eines alten Begriffs von Übersetzung, ins Obsolete gestoßen. Es ist in Stockholm geblieben, wohingegen Monika Rinck sich der methodischen Aufgabe gestellt hat, obwohl des Schwedischen nicht mächtig, laut Selbstauskunft, unter Hypnose das Werk William-Olssons zu übersetzen. In ihrem ausführlichen Nachwort, das sowohl Licht ins Dunkel bringt als auch irritierende Passagen aufweist, schreibt Rinck, wie sie mit Orsolya Kalász bei einer früheren Übersetzung aus dem Ungarischen (János Térey) den „Wunschtraum“ verspürte, „unter Hypnose wie im Schlaf zu übersetzen“. Aus der methodischen Anwendung/Umsetzung dieses Plans ist etwas entstanden, dass Rinck folgendermaßen zusammenfasst:

Die Aufmerksamkeit musste auf eine Weise aufgelockert und weit, sehr weit hinausgeschickt werden, sodass sie zuweilen mit komplett unbrauchbarem, der Rumpelkammer des Unbewussten entnommenen Plunder zurückkehrte.

So wird eine Befreiung und ein Mut möglich, die beide auf die übersetzerische Arbeit einwirken wie eben ungesteuerte Werkzeuge, deren Arbeitsweise vertraut ist, die losgelassen ein Terrain beackern, besäen und als Ernte eintragen können, was an glänzender Originalität kaum zu übertreffen ist und was in bewusster, geistiger Kontrolle sicher nicht in dieser Form zu gebären gewesen wäre.

An gleicher Stelle schreibt Rinck und zitiert Rosmarie Waldrop:

  1. W. schreibt in einem schönen Essay zur Praxis der Übersetzung, der den Titel The Joy of the Demiurg trägt, dass Übersetzen sich nicht in harmlose Bilder fassen ließe, etwa als wolle man Wein […] von einer Flasche in eine andere gießen. ‚Translating is more like wrenching a soul from its body and luring it into a different one. It means killing.‘

Gemäß diesem Dictum und der radikalen Methodik Rinckscher Übersetzung wird Homullus absconditus als [Hypno-Homullus] zu einem sprühenden Textmonster, das sich praktisch alles erlaubt, und wäre Monika Rinck nicht Monika Rinck, wäre das Ergebnis sicher nicht halb so gelungen. Der geifernde Text ist multilingual, frech, rhythmisch, leerstellenreich und hat einen dunklen, verschlungenen Einschlag. In sechs Abteilungen werden Körper und Psyche verhandelt, steht Portugiesisch, Englisch, Schwedisch, Spanisch und Deutsch etc. gegeneinander, wird der Haupttext unterbrochen, kommentiert oder verbessert von typographischen Extrapolationen, treffen sich Sermon, Lamento, Flirt und Zitat. Die Besonderheiten und Regelmäßigkeiten der Texte sind schwer zu verallgemeinern, man begegnet ihnen am besten mit Unvoreingenommenheit. Vieles scheint lautmalerisch übersetzt, klingt zum Teil gar nicht mal unlogisch, weil – darin liegt die Kunst – wenn eingeführt, dann konsequent fortgeführt, beruht auf Assoziation, häufig sexuell, körperlich oder traumphantastisch, und wirft mit Philosophemen um sich, verkürzt auf Stichworte von Augustinus über Husserliana, Sozialismus, Staat und Revolte. Vielfach beherrscht ein komisches Element die Szene, eingebunden in polymodale Wortlandschaften, singulär zum Lachen reizend. Die zwei nachfolgenden Ausschnitte können nur als snapshots dienen – obwohl nur schmal, ist Homullus absconditus ein überwältigend vielgestalter Band.

[Weil ich ein verständnisloser Förster war]

Als ich mich aufs Küssen verstand, küsste ich alle.

Das ist heiligheilig, engelsfalsch. Du standest

mit einer Waffe rings um meinen Hals, und ich war

ohne Ich, ich hatte Hände an anderen Gehöften

ließ manche Lippen funken, auch die Zunge! Tierisch, füllte

Münder und stelzte behände über den Grat. Mensch,

Du, mit der Taille eines Mullahs in einer Buntkatzenfalle,

der sich Rinnen schminkte und arme Länder verlachte.

Du, dort, wo der Anfang erst begonnen hatte, entschiedst Dich

für ein anderes Leben, das ich heller hätte nennen können,

es erblühten unter Deinem Bart die Blumen. Und ich, wie

eine Schrankwand starr, sehe mich; in meinen jungen Augen

war ein derart wildes Sehnen. Ja, Freundchen! Und er tat seine Kleider an.

Ging hinaus in die Sommernacht und krähte vor Scham.

[Und ging ohne Kleider seither]

 

  1. Doxa – Antidoxa

I.

Vorhanden sind Hände, ein geliehenes [eigens unzugehöriges]

Ding, etwas Landschaft, etwas darüber. Halt, schmeckt deine

Hand, die fort will von dir, denn dein

Springbrunnen ist uns bekannt, nicht wahr. Wie Sex mit der

Hungerhand sich für die ungefähren Finsternisse anfühlt. Was

geht’s dich an, du siehst ihn nicht, hörst ihn ja nur plätschern? Aber

wer dich trifft, wird wohl nicht entkommen? Nein. Wird seine

septische Rose in deinen Hals schlagen

Du denkst: Wie sollen wir unser Rankenleben befahren, mit zwei so

unterschiedlichen Ruderern wie Begehren und Verlust? Das eine

gleicht einem Stör, das andere spuckt glühende Kohlen …

Ja, in der Nacht

breitet sich ein unterjochender Schwefelschimmer aus. Mmmh …

und ich, hier, im Dunkeln, kann kaum entscheiden, ob das ein

Teich oder ein Ozean ist. Aber jemand sitzt wohl doch

da drüben und schleckt voran … ich wollte glauben … an Glas.

[…]

Homullus absconditus sei wärmstens empfohlen. Sein Mut und sein (unbewusstes) Spiel mit der Verblüffung und dem offensichtlich Erwartbaren, sein Konterkarieren, sein Parodieren, sein Neuerfinden eines uralten Begriffs, dem der Übersetzung, ist es wert, ihn mit offenen Augen zu empfangen. Mag vieles abseitig, irritierend und ins-Nirvana-führend erscheinen, steht einer reichhaltigen, anregenden Lektüre auf knapp 80 Seiten nichts entgegen. Eine wichtige Publikation.

 

 

Hans Thill lobt Rainer René Mueller anlässlich der Verleihung des ersten Gerlinger Lyrikpreises

Liebe Frau Schmidt-Hieber, lieber Rainer, meine sehr geehrten Damen und Herren,

»Wofür erhält man einen Preis? Für das, was man gemacht hat. Was man gemacht hat sowieso, ob Preis oder nicht, einer hats sein müssen, wie Arnold Schoenberg gesagt hat.

Der Preis ist keine Belohnung. Denn für das, was einer, wie Ernst Jandl, gemacht hat sowieso, kann man nicht belohnt werden.«

So Helmut Heißenbüttel in seiner Laudatio auf Ernst Jandl zum Büchnerpreis im Jahr 1984.

Wie sich in diesem kleinen Abschnitt die Zitate überschneiden. Heißenbüttel über Jandl, er zitiert Schoenberg. Es geht um den Büchner-Preis.

Brigitte Kronauer hat das Zitat weitergetragen in ihrer Laudatio auf Ror Wolf.

Das Zitat ist seltsam, paradox und so schön, daß man einen Schwanz an Verweisungen in Kauf nimmt.

Aber stimmt es auch für unseren Preisträger, für Rainer René Müller?

Rainer René Mueller, der heute den ersten Gerlinger Lyrikpreis erhält, hat ein ganzes, schweres Leben an seiner Gedichtsprache gearbeitet. Er schreibt Gedichte, die nicht außerhalb der Zeit stehen, das bei weitem nicht, aber solche, die ihre eigene Zeit haben, Texte, in denen sich die historischen Zeiten mischen.

Der Name seines ersten Gedichtbands, »Lieddeutsch«, erschienen 1981, legt schon die Spur in ein Gelände, wo (deutsche) Sprache und Gesang gemeinsam entstehen. Als quasi »romantische« Fügung erscheint er zu Beginn der achtziger Jahre, der Zeit der »Alltagslyrik«, ebenso verträumt wie sperrig und überhaupt nicht up-to-date.

Wer jedoch Volkstümliches oder Idyllik erwartet haben sollte, sieht verblüfft auf die Gedichte dieses Bandes: kühne Konstrukte, die Sprache strapazierende Text-Gebilde, die das uns allzu bekannte Wort – die Sprache ist ein menschliches Organ, wie Wilhelm von Humboldt sagt – plötzlich neu erscheinen lassen, auf eine befremdliche Weise schön, weil ähnlich-unähnlich neben dem Vertrauten einhergehend, dunkel und schrecklich, transparent und gesehen mit politisch wachem Auge.

Zitate, Erlebtes, Gesehenes, ins Gesagte hineingenommen und in luftigen Zeilen ausgestellt, mit dem Mut zum Wortfragment, zur Aufschürfung des Wortes, eine zerrissenene Syntax, die in Satzzeichen ausläuft, in Semikolons und Gedankenstrichen, gesetzt wie Ausrufezeichen. Poesie als ein sprachliches, inneres Geschehen.

Nach der Rebellion der 60er Jahre waren die 80er eine Zeit, als sich in der Lyrik eine neue Generation zu Wort meldet, der die leichte Mitteilsamkeit der vorgefundenen Texte ein Problem wurde. Uns waren damals die »Verständigungstexte« der im Aufwind segelnden, gesellschaftlich engagierten Leute, die zu einer neuen Form der Selbstreflexion zurückgefunden hatten, zu geheimnislos, zu mitteilungsfroh.

Die neue Generation, zu der ich mich auch zähle, war einmal sprachskeptisch, ein andermal sprach-radikal, sie fand in den Krassheiten der frühen Moderne ihr Lebensgefühl, das den avancierteren Hervorbringungen des Jazz einerseits und des Punk andererseits nicht unähnlich, eine krude Ästhetik mit dem elaboriertesten Manierismus verband. Eine Art Sprachtrunkenheit zeigte sich plötzlich da und dort, und dieses Rauschhafte, Schräge, mal Irrationale, mal Hyperzarte ist auch heute noch eine große Befreiung und ein riskantes Sprechen.

In diesem Kontext der »Zuckungsbringer« wie eine Anthologie aus Mannheim-Ludwigshafen hieß, herausgegeben von Dieter M. Gräf und Thomas Gruber, nun »Lieddeutsch«.

Dieter M. Gräf war übrigens neuerdings auch der Herausgeber des Bandes bei Urs Engeler, jenes »roughbook Nummer 34«, das mit einer zwar kleinen, aber spektakulären Auswahl aus dem Werk Rainer René Muellers auf den nahzu vergessenen Dichter aufmerksam machte.

Lieddeutsch: Schöne, seltsame Gedichte mit Titeln wie »Der Mai ist ´kommen«, »Lirum-Larum«, jawohl, dieses Mueller-Deutsch ist eine alte neue Sprache, mit starker Brüder-Grimm-Tendenz oder Wunderhorn-Intensität. Wenn Wunderhorn (des Knaben Wunderhorn), dann aber ein schwarzes, erfüllt von Todes-Sehnsucht und Schmerz, wie es etwa in dem Lied »Großmutter Schlangenkönigin« aufscheint.

Gilles Deleuze zufolge wäre es eine Aufgabe der Poesie, neue Völker und Sprachen zu erfinden. Lieddeutsch. Das ist eine Sprache, die das ganze Werk des Dichters Rainer René Mueller durchzieht. Dieses Werk, das, erstaunlich genug, schon von Anfang an sich seiner ästhetischen Verpflichtung gewiss, und vom ersten Band an gleich mit großer poetischer Kraft zugegen ist.

Wer unter Lieddeutsch etwa das Mittelhochdeutsch der Minnelyrik verstehen möchte, ist nur knapp daneben. Bis heute sind in diesen Gedichten unzählige dialektale Anklänge zu finden, volkssprachliche Formulierungen, seltsam handfest, konkret, von berückender sprachlicher Sachlichkeit.

Wir finden alemannische, fränkische Zitate und Wortreste in ihnen, französische Brocken, italienische Splitter und jiddische Fetzen.

Rainer René Müllers Sprache ist eine, in der sich die Homonyme aneinander reiben. Es ist eine, die im Gedicht passend gemacht wird für die Verhältnisse unter den Menschen. Sie ist im emphatischen Sinn eng anliegend, den Verhältnissen auf den Leib geschneidert.

Damit ist Rainer Rene Müller dem großen Sprach-Finder Celan näher als dem Sprachzertrümmerer Hugo Ball oder Thomas Kling. Er ist organisch wie Hans Arp, allerdings auf eine existentielle, schmerzliche Weise. Mit ihm gibt es nur noch wenige sprachmagische Dichter in der heutigen Zeit, die der Celan’schen Tradition folgen, etwa Gregor Laschen oder Manfred Peter Hein.

Dem Jiddischen kommt in den Gedichten von Rainer René Mueller eine besondere Rolle zu. Als Sprache mit zahlreichen alemannisch-fränkischen Elementen, die in ihrer Aussprache dem Elsässischen ähnlich ist, ermöglicht das Jiddische dem Bewohner Südwestdeutschlands eine Annäherung.

Unter dem Titel »aus den Gedichten für Ruth« aus dem Band »Augen« von 1983 gibt es einen Text, in dem das Norddeutsche Idiom den Ton vorgibt, während im zweiten Ruth-Stück mit der Überschrift »Sehen« der Dichter die jiddischen »oign« auf dem Umweg über »plärren schön« und »Hautstück« mit dem Äugen der Jägersprache zusammenführt.

Hier haben wir die ganze Kunst des Dichters vor Augen, der auf poetisch-transformativem Weg die volkstümlich-sentimentalen Einschlüsse in der Sprache mit feiner Erotik und einem Anklang des krassen Entsetzens über die Vernichtung der Juden kurzschließt, um sie in einem Prozess der sprachlichen Rückführung schließlich in ein happy-end münden zu lassen.

Ich lese Ihnen das Gedicht, das ebenfalls im Urs Engelers »roughbook« neu abgedruckt ist, einmal vor.

Sehen

das Zirren, oigerle
deine oigen :

wir werrn plärren schön

oh, Schönes du
du Hautstück, hinter

mir’s Augen, schönes

Äugen / wir sehn uns
nimmer satt

Ein Liebesgedicht? Seltsam makaber-erotische Anspielung im »Hautstück«. Nicht immer wird Historisches so eingekapselt wie hier. Oft legt der Dichter auch den Schmerz frei, operiert ihn aus dem Gesprochenen heraus. Da haben wir, in den für den Gerlinger Lyrikpreis neu eingereichten Gedichten unter dem Titel »Lormen mit Primzahl« eine Zeile:

»liegen wi’a Toter im Holz«.

Die Direktheit der Redensart gibt mehrere Bedeutungen frei: der Tote könnte im Wald, im Unterholz, er könnte aber genausogut in einem Sarg liegen. Ich erinnere an das alte Wort »Totenbaum/Toteboim« für Sarg. Die nächste Zeile spricht kritisch Martin Heidegger an »(Holzwege / – gerede)« in Klammern gesetzt und somit einfach beiseite gesagt. Und dann folgt in der typischen Rainer René Mueller Schnitttechnik eine weitere jiddische Zeile :

»red‘ ein’r zum Kind:

»Es wäre besser gewesen, man
hätt‘ dich mit Kohle ausge-
stopft, in ein´ Waschtrog gelegt
& angezündet«

Auch das, meine Damen und Herren, ist Lieddeutsch. In den Märchen der Brüder Grimm und in des Knaben Wunderhorn sind solche mit schwarzer Tinte ausgemalten grausamen Bestrafungsphantasien zu finden, durch den Wechsel vom Jiddischen ins Dialektdeutsche wird aber klar, daß ein jüdisches Kind hier so malträtiert werden soll.

In einem weiteren von diesen Gedichten, die – muss man es noch sagen? – ganz auf der Höhe der Zeit sind, von einer Auseinandersetzung mit sehr aktuellen Dichtern wie Jack Spicer und Rosmarie Waldrop zeugen, wird das lyrische Ich nachts in Berlin wegen seiner Kopfbedeckung, der Kippa, die es trägt, angemacht. Der Dichter gibt die Koordinaten an, wo das geschah: Er kommt aus dem sehr angesagten Kulturclub »ausland« und passiert »Westhafen, Moabit«, gleich fühlt er sich, den Namen des Clubs aufnehmend, »außerlandes«, denn da sagt einer sehr berlinerisch:

»s’ist wohl dein Glatzenschutz, da
aufm Kopp«

»Pasquill, bitter« heißt der Text.

Auch Rosa Reidel, geb. Eliescher, seiner jüdischen Großmutter widmet Rainer René Mueller ein Gedicht. Es heißt »Kohlenkutscher vor Kind«, und wir beginnen zu ahnen, welches Kind das war, das im anderen Gedicht eben mit Kohle ausgestopft werden sollte.

Wir haben es hier mit einer sehr poetischen aber auch sehr finsteren Materialkunde zutun, dem Transformationsstoff Holz / Kohle, der, wenn man genau hinsieht, durch die ganze frühe Moderne geistert. Bei Rainer René Mueller führt das Gedicht für seine Großmutter, deren Mädchennamen Eliescher er einige Zeit als Pseudonym angenommen hatte, in einen ebenso privaten wie historischen Schluß: einem Poster bei ihm zuhause, in seiner zweiten Heimat, dem lothringischen Harbouey.

»zu ›guernica‹, hier
an der Wand im alten Schulhaus,
in der Lorraine.«

Mit seiner elementaren Poesie gelingt es dem Dichter Rainer René Mueller, uns direkt zu berühren. Seine Gedichte führen auf das Gebiet der poetischen Notwendigkeit. Diese höchst eigene Notwendigkeit hat er mit dem Kollegen Ernst Jandl gemeinsam (und das ist übrigens nicht das Einzige, was er mit Jandl gmeinsam hat), mit Helmut Heißenbüttel und mit Ror Wolf. Seine Handschrift hat er aber, anders als diese, allerdings wie viele Kollegen, man muss es sagen, mit lebenslanger Erfolglosigkeit erkauft, mit Selbstzweifeln, Desinteresse, Armut. Weit ab vom vergnüglichen Treiben, fern vom Tipp-Kick, wie es im Gedicht »Pasquill, bitter« heißt, klingt uns sein Lieddeutsch im Ohr.

Für das, was einer, wie Rainer René Mueller, gemacht hat, sowieso, kann man nicht belohnt werden. Umso mehr hat er den Gerlinger Lyrikpreis verdient, der heute, meine Damen und Herren, zum ersten Mal verliehen wird. Wir wünschen ihm und uns zahlreiche, ebenso würdige Nachfolger.

Mario Osterland bespricht „Ich bin ein Bauer und mein Feld brennt“ von Halldór Laxness Halldórssons

http://www.signaturen-magazin.de/halldor-laxness-halldorsson–ich-bin-ein-bauer-und-mein-feld-brennt.html

Mario Osterland
Manchmal spannend, manchmal banal
Halldór Laxness Halldórssons wilde Sammlung „Ich bin ein Bauer und mein Feld brennt“

Nicht zu verwechseln ist der 1985 geborene Halldór Laxness Halldórsson mit seinem Großvater Halldór Laxness. Letzterer ist der weltweit wohl berühmteste isländische Schriftsteller und erhielt 1955 den Nobelpreis für Literatur. Halldórsson hingegen ist bisher vor allem in seiner Heimat bekannt und das als Rapper und Comedian Dóri DNA. Es bestünde also gar keine echte Verwechslungsgefahr, wäre nicht jüngst ein Buch vom jungen Halldórsson erschienen.

Ich bin ein Bauer und mein Feld brennt, übersetzt und herausgeben von Christian Filips bei roughbooks, ist eine merkwürdige Sammlung unterschiedlichster Texte. Einerseits finden sich darin durchaus interessante, biografisch wirkende Langgedichte oder Kurzprosatexte auf der Kante von Realismus und Surrealismus (wie Hendrik Jackson es in seiner Rezension auf fixpoetry.com treffend beschrieb). Andererseits ist das Buch gespickt von kurz ausgeführten Ideen zu alternativen Skaldensagen, Theaterstücken und TV-Serien, die mal bissig, mal grotesk, oft aber einfach nur beknackt wirken.

Ich bin mir sicher, dass man zu einer anderen Einschätzung kommen würde, insofern man den gleichen Humor des Autors besitzt – und/oder firm ist in Sachen isländischer Kulturgeschichte. Wenn man bei Halldórsson für die aus nur einem Satz bestehende Idee zu einem Theaterstück #2in der Übersetzung drei Fußnoten braucht, um verständlich zu werden, ist diese Idee dann überhaupt übersetzbar? Oder handelt es sich hier nur um einen dieser überspannten (von Jackson ebenfalls erwähnten) Manierismen des Übersetzers, der, nach eigenen Angaben „im Zustand vulkanischer Trance“ gearbeitet hat? Schulterzucken.

Wesentlich interessanter ist hingegen Halldórssons Idee zu einer Performance, bei der vier kanadische Touristen als isländische Nationaldichter verkleidet auf eben deren Gräben scheißen sollen. Dabei ist natürlich schon der Gedanke an die tatsächliche Durchführung der Performance großer Quatsch. Die Idee allerdings spiegelt Halldórssons Kritik am der merkwürdigen „Touristenepidemie“, die Island seit einiger Zeit heimsucht. Und vielleicht tut sich hier ein nicht unwesentlicher Zugang zu den längeren Texten des Bandes auf. Denn Halldórsson bzw. sein literarisches Ich scheint von der Gegenwart ziemlich angefressen zu sein.

Es erzählt von ironisierten Endzeitvision[en] mit surrealem Setting. „Schönheit ist ein kalter Profilstahl, und mein Sofa wirklich kein Sofa mehr, seit drei lebendige Männer in seinem Polster wohnen. / Darin raufen sie von morgens bis Abends.“ Vor allem aber sind es die Erinnerungen des Ichs, die oft in einer Art Bewusstseinsstrom von Hölzchen auf Stöckchen kommen oder in denen der Subaru Impreza zur Zeitmaschine für einen Road Trip in die eigene Jugend wird. Da wird „geraucht, geprügelt, geruht“ – gefeiert, gesoffen und geangelt. Es ist in diesen Texten alles möglich, von Vollgas bis totaler Verweigerung gegenüber dem Leben „da draußen“. Düster, ironisch, exaltiert und melancholisch, oder alles zusammen. Halldórsson schreibt auf der Kante von Entertainment und persönlicher Saga. Manchmal spannend, manchmal banal und oft mit einer orientierungslosen Ratlosigkeit, die sich auf den Leser überträgt.

Halldór Laxness Halldórsson: Ich bin ein Bauer und mein Feld brennt. Isländisch / deutsch. Übers. von Christiánður Filipsson. Reyjkajavik, Schupfart (roughbook 040) 2016. 86 Seiten. 9,00 Euro.