Michael Braun bespricht „O Cadoiro“ von Erín Moure und Uljana Wolf

Michael Braun
(http://www.signaturen-magazin.de/uljana-wolf–translinguale-poesie.html)

WURZELLOS! KREUZWEIS!
Die translinguale Poesie der Uljana Wolf

„Unsere übertragungen“, so hat einmal der Philosoph und Sprachforscher Rudolf Pannwitz angemerkt, „auch die besten gehen von einem falschen grundsatz aus sie wollen das indische griechische englische verdeutschen anstatt das deutsche zu verindischen vergriechischen verenglischen. Sie haben eine viel bedeutendere ehrfurcht vor den eignen sprachgebräuchen als vor dem geiste des fremden werks … der grundsätzliche irrtum des übertragenden ist dass er den zufälligen stand der eignen sprache festhält anstatt sie durch die fremde sprache gewaltig bewegen zu lassen.“ Dieses von Pannwitz monierte Verständnis von der Aneignung des Fremden durch sprachliche Eingemeindung und Kolonialisierung („Verdeutschung“) wird in den Arbeiten der Dichterin und Übersetzerin Uljana Wolf entscheidend korrigiert. An die Stelle der hegemonialen Aneignung fremder Dichtungskulturen tritt bei ihr eine Poetik der „translationalen“ und „translingualen Poesie“, die Verwirklichung einer lyrischen „Vielsprachigkeit“ durch die vorsätzliche Überschreitung der Sprachgrenzen im poetischen Kunstwerk selbst. Bereits in ihrem Prosagedicht „Doppelgeherrede“ (in „Meine schönste Lengevitch“, kookbooks 2013) hält ein gewisser „Mr. Veilmaker“, den wir uns als den Philosophen Friedrich Schleiermacher vorstellen dürfen, ein Kressekästchen vor die Brust und es entfährt ihm ein programmatischer Seufzer: „ohne alle erde! wurzellos!“ Diese Wurzellosigkeit des Sprechens und des poetischen Standorts ist bei Uljana Wolf Programm. „Ich ging ins tingeltangel, lengevitch angeln“, so beginnt ihre „Doppelgeherrede“. Wer nach der „lengevitch“ angelt, nach der in die Verballhornung gelockten „language“, sollte nicht auf einen fixen Standort in einem imaginären „Haus der Sprache“  hoffen, sondern auf eine permanente Nomaden-Existenz. Ihre Dichtung hat tatsächlich etwas von einem „Tingel-Tangel-Spiel“, einem lustvollen Ritual mit vokabulären Vexierbildern, „ohne alle erde, wurzellos“.
Poesie entsteht hier aus einer Unsicherheit, aus einer Störung des Sprachgewissheit, aus einem fundamentalen Sprachzweifel. Der Störfall in der Rede, das Stolpern in eine Fremdheit ist die Urszene dieser Dichtung. Das Deutsche und das Englische, das Polnische und das Portugiesische sind bei Uljana Wolf fluide Sphären, in ihren Wörter-Explorationen inszeniert sie in virtuosem Sprachspiel die poetische Durchlässigkeit all dieser Sprachen. Es geht um ein multilinguales Spiel: um die Wanderungsbewegungen der Wörter, und damit auch um die eminent politischen Fragen der Einwanderung und Migration.

Zwei anschauliche Beispiele dieser „translingualen“ Poetik hat Uljana Wolf nun in einem faszinierenden Essay über die koreanische Performance-Künstlerin Theresa Hak Kyung Cha und in einer Übersetzung der kanadischen Autorin Erín Moure vorgelegt. Der Essay über Theresa Hak Kyung Cha, der im Juni 2015 im Lyrik Kabinett in München vorgetragen wurde, ist zugleich das Meisterstück der Reihe „Zwiesprachen“, die seit März 2016 im Wunderhorn Verlag erscheint. Ausgangspunkt von Wolfs Porträt der koreanischen Künstlerin ist die luzide Analyse eines Stempels, den Theresa Hak Kyung Cha 1978 angefertigt hat. Im Zentrum des Stempels stehen, umkreist von anderen Ausdrücken, zwei Worte in Spiegelschrift: „mot caché“, also „verborgenes Wort“. Wenn der Stempel eingesetzt und auf Papier gestempelt wird, setzt – so Uljana Wolfs Deutung – je nach Leserichtung eine Wanderungsbewegung der Wörter ein, der „richtige Ausdruck“ und ihre letztgültige Bedeutung bleiben dabei unauffindbar.

An verschiedenen Beispielen aus Chas Werk erläutert Wolf ihre Vorstellung eines „translingualen Sprachereignisses“, basierend auf der prinzipiellen „Unzugehörigkeit“ der mehrsprachigen Dichter. Auch hier wird Schleiermacher kritisch zitiert, nämlich sein Dogma, dass der Mensch zwischen den diversen Sprachen sich angeblich entschließen müsse, einer bestimmten (Mutter)Sprache anzugehören, „oder er schwebt haltungslos in unerfreulicher Mitte“. Das Schweben in der „haltungslosen Mitte“ ist aber gleichsam das Fundament der poetischen Translingualität, wie sie Uljana Wolf an den „wandernden Geheimnissen“ und „mäandernden Mandaten“, den „wandernden Errands“ der Theresa Hak Kyung Cha zu erläutern sucht.

Ein ganz starkes, poetisch vibrierendes, in verschiedenen sprachlichen Echoräumen resonierendes Exempel für „mehrsprachige Dichtung“ führt Wolf auch in ihrer Übersetzung von Erín Moures im Original 2007 erschienenen Gedichtband „O Cadoiro“ vor. Diese Übersetzung entpuppt sich als Durchquerung gleich mehrerer Sprachen und eigenwilliger poetischer Übertragungen. Denn Erín Moures „O Cadoiro“ ist im kanadischen Original eine Anverwandlung der sogenannten „cancioneiros“, einer Sammlung der galizisch-portugiesischen Troubadour-Lyrik des 12. und 13. Jahrhunderts.

Die Kanadierin Moure hat sich von den iberischen Liedersammlungen zu sehr eigenwilligen Übertragungen und Fortschreibungen dieser Gedichte inspirieren lassen. Dabei hat sich Moure von der „physischen Präsenz“ und Visualität der verschiedenen Handschriften und Abschriften der Lieder mehr bewegen lassen als von ihren Thematiken. „Was mich an den Gedichten in Bann schlug“, so Moure in ihrem Vorwort, „war die Fluidität ihrer iterativen Klanghaftigkeit, die Ebenen von Nicht-Bedeutung, von Klage als Klang, die Ausuferungen des Atems.“ Moures Gedichte orientieren sich – so Uljana Wolf in einem „Merkur“-Essay, der sich als Nachwort zu ihrer Übersetzung lesen lässt – an den „klanglichen >Tapisserien< der Worte, ihren Wiederholungen und Mustern“. In Moures Nachdichtungen integriert sind Lektürenotizen französischer Philosophen, die auf die Gedichte aufgenäht wurden. Uljana Wolf wiederum hat nach einer Form der mehrsprachigen Übertragung dieser „cantigas de amor“ gesucht, in der das Diverse, die Überlagerung der verschiedenen Sprachen nachklingt. So entwickelt sie in ihrer Übersetzung von Moures „cancioneiros“-Aneignung eine Gedichtsprache, die zwischen dem Hochdeutschen, dem Mittelhochdeutschen, dem Englischen und dem Portugiesischen changiert, gewissermaßen in einem polylingualen Gleiten der Signifikanten. Als Nummer 290 der „cantigas“ findet sich unter dem Namen des Troubadours („Johan Lopez D Ulhoa“) folgende Übertragung, die geradezu mustergültig das Verfahren der radikalen poetischen Transgression demonstriert. Verschiedenste Sprachregister werden durchmischt: Hoher Ton, Jargon, Abbreviaturen und Lässigkeiten, Anklänge ans Mittelhochdeutsche, ans Portugiesische und ans Englische wie auch allerjüngstes Kampf-Vokabular („Lügenpresse“). So entsteht ein wunderschönes babylonisches Sprachvergnügen:


Uljana Wolf: Wandernde Errands. Theresa Hak Kyung Chas translinguale Sendungen. Reihe „Zwiesprachen“. Hrsg. v. Holger Pils und Ursula Haeusgen. Heidelberg (Verlag Das Wunderhorn) 2016. 40 Seiten, 15,80 Euro.

Erín Moure: O Cadoiro. Aus dem kanadischen Englisch übersetzt und herausgegeben von Uljana Wolf. Berlin/New York/Schupfart (Roughbooks 37) 2016. 144 Seiten, 10,00 Euro.

Uljana Wolf: O Cadoiro. inter_poems I. In: Merkur, Heft 8/2016, S. 88-93.

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