Stefan Ripplinger bespricht „POEMES – POETRA“ von Rainer René Mueller

Neues Deutschland, 17. September 2016

Jäger im Schnee

Gerade wurde ihm der erste Gerlinger Lyrikpreis zugesprochen: Der jüdische Dichter Rainer René Mueller spiegelt die Sprache eines gewalttätigen Landes. Von Stefan Ripplinger

»Haut« und »haut« – zwei Wörter kommen einander selten näher als diese. Dennoch kann ich mich nicht daran entsinnen, jemals ein Gedicht gelesen zu haben, in dem die Verbform »haut« auf das Substantiv »Haut« gefolgt wäre. Doch »haut über haut: / haut, – einen schlag« heißt es in Rainer René Muellers »Schneeschaun«, und in seinem »Hall in Schwaben«: »An der Haut, / an der / haut / hin«. Dies letzte Gedicht folgt der gehauenen Haut dahin, und das muss nicht unbedingt die eines Menschen sein, denn von etwas Tierischem ist zuvor die Rede und danach von »Ochsenblutrot«, womit nicht nur an einen Bodenanstrich, sondern auch ein Schlachthaus und an das Blut gedacht ist, mit dem im zweiten Buch Moses der Türpfosten bestrichen werden soll, damit der »Vernichter« vorübergehe.

In der Welt des Vernichters wird aus dem Menschen »ein Vieh, ein gehäutetes Vieh« und, man erinnere sich nur des Hinrichtungsraums in Plötzensee, »ein Stück, ein Hakenstück«. Diese grausame Geschichte ist die Schicht, die sich in Muellers Werk überall unterschiebt: »du Schachteljud, du / beschissener Freier« meldet sich eine Stimme zu Wort. Wer ein wenig sucht, findet in der »Hessischen Landeszeitung« vom 29. Juni 1939 diese Notiz: »Der einzige Hebräer, der sich noch in der Kreisstadt herumtrieb, der Jude Strauß, allgemein unter dem Namen ›Schachteljud‹ bekannt, ist nun endlich weggezogen. Dieser lästige Jude hat bis zuletzt versucht, bei den Volksgenossen seinen stets in einer Schachtel mitgeführten Dreck loszuwerden. Nun ist er nach Frankfurt ›ausgewandert‹. Damit ist Groß-Gerau judenfrei.«

»(Sind) Sie Jude? / gibt’s / die noch?« Mueller ist Jude. Wenn es in einem seiner jüngsten Gedichte, im April dieses Jahres in Berlin entstanden, heißt: »s’ist wohl dein Glatzenschutz, da / auf’m Kopp«, so ist damit keine fröhliche Frotzelei, sondern eine antisemitische Anmache zitiert, denn der Dichter trägt in der Öffentlichkeit eine Kippa. Von gemeinen, gedanken- und gewissenlosen Stimmen hallen seine Gedichte wider, manchmal von ihrem Schweigen, von »tausenden Stimmen, die gafften«.

Es gehen aber auch die fernen, verhaltenen, traurigen Stimmen in diese Gedichte ein; »… zirp ich leise, wie es Heimchen tun …«, zitiert er aus »Drüben«, dem allerersten veröffentlichten Gedicht von Paul Celan. Das Heimchen, Acheta domesticus, ist in Platons »Phaidros« der »häusliche Sänger«, der über dem Singen zu essen und zu trinken vergessen hat. Bei Celan und Mueller ist das Heimchen zugleich ein Wesen ohne Heim. Zu Hause sind diese Sänger nur in ihrer Haut, und die ist, wie Mueller eindringlich macht, verletzlich wie die des Satyrs Marsyas, der im künstlerischen Wettstreit dem Gott des Schönen, Apollon, unterliegt, weshalb ihm bei lebendigem Leib die Haut abgezogen wird.

Geboren ist Mueller 1949 in Würzburg. Wie Celan stammte die Großmutter mütterlicherseits aus Czernowitz, kam Ende des 19. Jahrhunderts über Wien und Prag nach Ostrau (Ostrava), überlebte und fand sich nach einem letzten Transport bei Kriegsende in Potsdam halbverrückt in einem Schweinestall wieder. Ihr zu Ehren hat Mueller eine Zeitlang den Namen Ellis Eliescher getragen. Der leibliche Vater, ein Kommunist aus Berlin, überstand die Nazizeit mit einigem Glück und wählte nach dem in Westdeutschland erlassenen KP-Verbot das Exil in Caracas. Der Stiefvater jedoch, fataler biografischer Bruch, gehörte der SS an. Er baute an den Lagern, die für den andern Vater und den Rest der Familie vorgesehen waren. Dieser Stiefvater war es auch, der den jungen Mueller einen »Schachteljuden« geschimpft hat. Es gehörte zur Tragödie der Mutter, dass sie im, wie Mueller sagt, allgemeinen »Generationenschweigen« ihres Jüdischseins nicht inne geworden ist. Diese biografische Zerrissenheit teilt sich in den Gedichten mit, die eben nicht von einem heiteren Apollon, sondern von einem geschundenen Marsyas stammen, und das scheint einer der Gründe dafür zu sein, dass Rainer René Mueller als Dichter ein Geheimtipp geblieben ist. Immerhin wurde ihm der in diesem Jahr zum ersten Mal ausgelobte Gerlinger Lyrikpreis zugesprochen. Noch kurz zuvor bekannte es Joachim Sartorius in der »FAZ« als seinen »großen Fehler«, ihn nicht ins Handbuch der politischen Poesie aufgenommen zu haben.

Mueller schreibt politische Gedichte, mit denen weder Staat noch Partei zu machen ist. Obwohl sie die Schichten und Geschichten der deutschen Sprache freilegen, ziehen sie ihr nicht die Haut ab, aber sie lassen sie sich selbst begegnen, und das ist vielleicht schmerzhafter. »Haut« und »haut«– solche minimalen Differenzen finden sich überall bei ihm, aus ihnen baut er seine zerbrechlichen Gebilde, oft musikalisch, mit Anklängen und Reprisen. Sie klingen nicht wie Balladen, sondern wie die Bagatellen von Anton Webern, kurz, trocken, hingesprengt.

Anders als bei Celan ist es nicht das beladene Wort, das diese Gedichte in Bewegung setzt, es sind die Reaktionen der leichten, knappen, gewöhnlichen Wörter aufeinander. »Haut« und »haut« und »Haus« und »Hauch« treffen zusammen, prallen aufeinander und erst so ergibt sich schockartig Sinn. – Oder »schneit«, »schreit«, »schreibt«, denn daran, dass sein Schreiben ein Schreien ist, lässt Mueller keinen Zweifel. Sein »Munch-Stück« erinnert an den »Schrei«, das berühmteste Bild des norwegischen Malers: »kyrie-heh … / eintreten Hirnen. Eins- / zweidrei // ‚Liegen in der Mitten‘ : / Lampenschein und Haut // draufschreiben : Oh / Staunen // : einer hängt Schlagen- / drauf, Schlager-le // ‚emblem, -atik, ticken : // -tockte, / -pannte : / s,s. / : cri«. Hier reagiert »le cri«, der Schrei, wenn auch nach einigen Schrecksekunden, direkt auf das »Staunen«, und dank der nachgestellten »s,s« indirekt auf »Statik«, »Stocken« und »Spannen«, allesamt Wörter der Stabilisierung. Erst demjenigen, der das »s,s« als »SS« begreift, wird die Stabilität entzogen, vor ihm öffnet sich wie ein Abgrund die »Emblematik« von Schlagen, Einschlagen und Draufschlagen, er sieht vor sich das Totenkopfemblem und die bestickte, beschriebene Haut.

Eine Haut, »ein Tuchenes / ein Hemdenes«, deckt sich über die Landschaft, es ist der Schnee. Mueller bietet eine überaus reiche »Konjugation / von Schnee«. Der Schnee kann in Liebesgedichten fallen, meist ist er aber ein Anzeichen der Auslöschung. Aus dem Märchentitel »Schneeweißchen und Rosenrot« wird bei ihm »rosentot / ist winterviel«. Der Schnee ist ein »großes Weiß« wie bei Stéphane Mallarmé, ein Ausgangspunkt wie das leere Papier und ein Endpunkt wie das Verschwinden aller Gestalten, also, anders als die vielen Stimmen und Sprüche, etwas Stummes, Gesehenes. Immer wieder antwortet das Wort »Schnee« auf »Sehen«, ja, es ist sogar dessen Anagramm, denn lässt man den zweiten weg, enthält »Schnee« alle Buchstaben von »Sehen«. Das ist paradox, denn zwar ist der Schnee etwas Sichtbares, aber auch die Aufhebung alles Sichtbaren. Was gesehen werden kann, wenn im Winter nichts mehr gesehen werden kann, ist der Schnee.

»Schneejagd«, der Titel eines Zyklus aus dem Jahr 1994, sei, schreibt mir der Dichter, »eine abwandlung des bildtitels ›winterjagd‹, eines brueghel-bildes, das mir zuerst so um 1964 vor augen kam, als ich im gymnasium eine bildbeschreibung (postkarte) als strafarbeit anfertigen mußte, weil ich mich geweigert hatte, einen schwachsinnigen text von Rosegger, darin das für mich damals giftsüße wort ›rosmarienkräutlein‹, auswendig zu lernen«. Pieter Brueghels Gemälde von 1565, auch als »Jäger im Schnee« bekannt, ist das erste in Europa, das Schnee zeigt. Es ist das erste, das es wagt, einen Großteil der Leinwand nicht mit Farbe und Figuren, sondern mit Weiß auszufüllen.

Seither sind Weiß, Leere, Schweigen nicht mehr bloß das unmarkierte Andere von Farbe, Form und Sinn, sondern ihre dialektischen Gegenstücke. Manche halten das bloß für eine philosophische Denkfigur. Wenn sich aber in Muellers Gedichten der Schnee ausbreitet, wenn das Weiß des Papiers, auf dem die Gedichte gedruckt sind, sich in die Zeilen schiebt, erinnert das auch an die Asche, die sich über die Menschheit gedeckt hat. Bei Edmond Jabès heißt es: »Dies ist ein wahrhaftiger Mensch. Er schreitet über Aschenteppiche.« Rainer René Mueller ist ein wahrhaftiger Mensch, er geht über den Schnee.

Rainer René Mueller: Poèmes – Poëtra. Ausgewählte Gedichte 1981–2013. Herausgegeben von Dieter M. Gräf. Roughbook 2015. 108 S., brosch., 9 €

Neueste Gedichte finden sich unter dem Titel »Geschriebes« in der Zeitschrift »Mütze«, Juli 2016, 6 € Beide Titel lassen sich bestellen über http://www.engeler.de/

 

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