Gisela Trahms bespricht „wehbuch“ von Dagmara Kraus

Heulknirpse und Tränerinnen
Den Wehlaut auf den Punkt gebracht: Neue Gedichte von Dagmara Kraus

Sollten die Coen-Brüder irgendwann Lust haben, statt eines Drehbuchs einen Gedichtband zu verfassen, würden ihre Texte wohl durch entlegene Kulissen streifen, seltsame Sprachscherze wagen und in historischen Anspielungen und verrückten Einfällen luxurieren. Also genau das, was Dagmara Kraus mit ihrem „wehbuch (undichte prosage)“ schon einmal vormacht.

Der Titel verspricht Schmerzliches und kündigt die verwendete Form an: Prosagedichte, einer Sagenwelt entsprungen. „Undicht“ sind sie, weil aus der in Kapitel gegliederten Textfolge hin und wieder ein Nebentext an den unteren Seitenrand tropft. Als Szenerie dient der Totenkult im alten Ägypten: nicht gerade das, was uns auf den Nägeln brennt. Allerdings wird darüber in einer höchst ungewöhnlichen und sehr zeitgemäßen Weise gesprochen. Und die Frage dahinter lautet: Wie gehen Kulturen mit dem Tod und den Toten um, wer bestimmt die Riten, was fordern die Religionen? Und wer zahlt?

Am Beginn steht ein Seufzer: „mein klagevorrat ist in diesen tagen wie geplündert // ich habe das otototoi der tragödien mindestens / zwei oktaven zu heiter intoniert“. Ja, schwierig ist es, sich „auf ein adäquates maß mitleid runterzuleiden“, wenn die Horrornachrichten nicht enden wollen. Kinderarbeit etwa überlebt als Skandal seit Jahrtausenden, und die Waisen am Nil hatten es noch vergleichsweise gut, wenn sie in eine Klageschule aufgenommen wurden: „fünfjährig hätte ich nackt die dürren ärmchen um ein paar / schonend entdarmte staatsleichen gerungen“.

Solche Verse zeigen klipp und klar, was die Autorin antreibt: keine rückwärtsgewandte Betroffenheit, sondern ein Sprechen, das vielfach vermittelt der Gegenwart auf den Leib rückt. Klischees oder Sentimentalitäten bleiben außen vor, Teilnahme vollzieht sich gewitzt, auch im Grotesken und Widersprüchlichen, aber ohne Zynismus. Das dekorative Ägypten dient als Folie, die das Unsrige erkennen lässt. Der ba, der shât und die achkraft leben ja munter fort, was sie bedeuteten und heute bedeuten, lässt sich erahnen. Ebenso wenig muss man das „Ägyptische Totenbuch“ der Esoteriker kennen. Im „wehbuch“ herrscht Nüchternheit: „es war auf die kulanz der witwen angewiesen / wer vom klagecatering lebte // die selteneren witwer zahlten besser“.

„Ägypten“ ist aber vor allem ein Wortfeld, das wunderbare Pusteblumen hervortreibt: „tuste nulpe / tuste pumpelrose // fühlste dich nicht in der culpa / fühlste dich wohl in der pose“ – vom Übermut hinab zur Trauer und wieder nach oben ins Bizarre saust die Lektürefahrt durch die Stimmungslagen. Das Wortfeld ist offen: keine Grenzen, keine Zäune. „Culpa“ weist voraus ins Christentum, dem sich besonders die beiden „zwischenstücke“ widmen.

Im ersten befragt ein nervös Zweifelnder den Johannes der „Offenbarung“: „warum hast du den honig im munde begehrt / wohl wissend ums bitter im bauch // warum hast wermutsmeere dem menschen beschert / und die größere pein auch der frau“? Jeder Doppelvers kritisiert die Schöpfung und rüttelt am göttlichen Konstrukt, bis sich der Klagende am Ende nach der Bibelausgabe erkundigt, um die Theodizee in Textkritik zu überführen – ein typisch europäischer Weg, die Unruhe zu bewältigen, die niemand stillen kann.

Tiefenbohrungen sind das, zwischen denen Leichtes und Leichtfertiges oszilliert. Das zweite Zwischenstück etwa gibt sich als engelhafte Ikea-Etüde („vertaburettet mich denn niemand vorm verbillyen“), andere Texte reisen nach China, und was dem Wort „mull“ entspringt, reicht von den Mumien bis zu Christo. Furchtlosigkeit und Sprachlust halten die Balance zwischen Artistik und Kalauer und präsentieren verzwickte Rätsel.

Die Schlusspointe bildet die Versicherung der 1981 in Polen geborenen Autorin, dass es sich hier um „ein gemorstes e-buch“ handelt – nein, kein E-Book, sondern ein quadratisches, sorgfältig und schön gesetztes Büchlein, das sich dem Wehlaut „e“ widmet, der in der Morseschrift durch einen Punkt wiedergegeben wird. „Wenn man bis auf die punkte / alles streicht“, bleibt eben als Lebensessenz das Weh, der Schmerz. Damit ist klar, was die letzten beiden Seiten füllt und womit auch diese Rezension endet, obwohl, was die poetische Schöpfung von Dagmara Kraus betrifft, zu Klagen wahrlich kein Anlass besteht.

24.08.2016, FAZ

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