Der Hochbunker steht. Jan Kulbrodt über Rainer René Mueller

die Rüben sind eingemietet,der Hochbunker steht,                           horcht

Das sind die letzten Verse des Gedichts Vaterland, kornblumenblau. Das Gedicht ist nicht mit einem Datum versehen. Es könnte irgendwann im letzten Jahrhundert geschrieben worden sein, und auch heute behält es seine Geltung. Während die Rüben jährlich eingemietet werden, hält sich ein Hochbunker nicht an Vegetationszyklen. Das sind zwei einander widersprechende Formen von Dauer: das sich immer wieder Reproduzierende und der Fakt als betongraues Artefakt. Die Hochbunker, die hierzulande für und während des zweiten Weltkrieges errichtet wurden, sind haltbar. Gerade werden sie umgestaltet, weil es zu teuer wäre, sie abzureißen, den Schutt zu entsorgen. Wie aber steht es um die Ideologie?

„In den frühen achtziger Jahren entwickelte Rainer René Mueller seine lyrischen Positionen“, erfahre ich aus Dieter M. Gräfs knappem, aber instruktiven Nachwort. Er führt die Publikationen Muellers auf, allesamt in Klein- und Kleinstverlagen, deren Namen ich nicht kenne. Ich hatte von diesem Dichter, bevor ich das Roughbook 34 in Händen hielt, noch nichts gehört. Dass er 1949 in Würzburg geboren wurde, erfahre ich aus dem Nachwort, und dass er Anfang der Achtziger Jahre einen Förderpreis zum Leonce-und-Lena Preis zugesprochen bekam. Danach wurde es ruhig um ihn.

Man fragt sich natürlich, warum das geschah. Ich denke, dass es sowohl gesellschaftspolitisch-historische als auch ästhetische Gründe hat. Wenn eine Stimme nicht gehört wird, sagt das zunächst einmal nichts über die Qualität ihres Sprechens aus. Man kann daraus auch auf den gesellschaftlichen Hallraum schließen. Zu vermuten wäre, dass Dichtung, die als experimentell angesehen wird, Gönner braucht, Menschen, die ihr die Existenz gönnen, und eine intellektuelle Umgebung, die ihnen das gestattet. Ende der Achtziger Jahre und Anfang der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde zudem vieles im Vereinigungstaumel erdrückt, das Memento zog sich in Kunst und Lyrik zurück, die Orte, wo es ungehört überdauerte – eine Zeitlang zumindest.

Mueller hält an einigen ästhetischen Positionen Celans fest, an einer Hermetik, die dem Klang der Sprache zu gleichen Teilen vertraut und misstraut, die versucht, der Sprache eine Erinnerung zu entlocken, die unter ihr selbst verschüttet liegt. … im Entborgenen dann Schönheit und Erschrecken … In Muellers Texten finden wir ein zuweilen ein fast verzweifeltes Festhalten am Psalm; immer wieder implantierte Liedzitate.

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/rainer-rene-mueller/dieter-m-graef/poems-poetra

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