Michael Braun bespricht Mütze #10

Dass es freilich im Gegensatz zu Händlers Auffassung sehr wohl Texte gibt, die sehr lehr­reiche und gerade­zu beglückende Erkenntnisse über Kunst vortragen, kann man in den aktuellen Ausgaben der Zeit­schriften „Mütze“ und „Park“ sehen. Der Schweizer Lyrik-Editor Urs Engeler hat für die neue Ausgabe, das Heft 10 seiner seit drei Jahren erschei­nenden Zeit­schrift „Mütze“ einen herrlichen Essay des franzö­sischen Poeten Jean Daive über den öster­reichi­schen Maler Joerg Ortner über­setzt. Beide, Jean Daive und Joerg Ortner, waren mit Paul Celan befreundet und lernten sich bei Celans Beerdigung im April 1970 kennen. In seinem poetischen Essay beschreibt Daive den Maler­freund Ortner als einen Künstler, der seine Kunst „bis zum Gipfel des Desas­ters“ gelebt habe. Das letzte Jahrzehnt seines Lebens arbeitete Ortner mit obses­siver Inten­sität an einem Fresko im ober­italienischen Lucca; ein Fresko, das er en detail skiz­ziert hatte, ohne seine Vollendung je zu erreichen. In den sehr sinnlich geschrie­benen Erin­nerungen, Anek­doten und Szenen, die Jean Daive zu einem Porträt Joerg Ortners verflochten hat, steht eine Geschichte im Mittel­punkt, in dem das Imagi­nations­vermögen des Künstlers in der Art eines Mysteriums auf­blitzt. Bei einem Abend­essen mit Freunden findet Ortner zu einer magischen Formel, die er unab­lässig wieder­holt, bis er schließ­lich wie in Ekstase in Tränen ausbricht. Fast litanei­artig repetiert der Künstler einen Satz: „Man muss das Herz von Rimbaud waschen.“ Die stärksten Momente hat dieser exzellente Essay, wenn Daive in poetischen Evo­kationen von Licht und Wasser über seine ästhe­tische Erfahrung berichtet. Der Dichter wird zu einer Art „Licht­schreiber“, der die Inten­sitäten der Elemente beim Blick auf den nächtlichen Fluss darstellt: „Ein Mysterium, wahr­haftig – was sich in der Nacht auf der Ober­fläche des Wassers kräuselt – eine Frage der Reflexion, eine Frage des Wetters, eine Frage des Lichtes, eine Frage der Strömung – unbeweg­lich und bewegt – am selben Ort, es fließt und es fließt nicht, rückwärts oder an Ort und Stelle. …Nicht immer ist es nötig zu sprechen [enoncé], um die Hauptsache zu zeigen.“

Zeitschriftenlese von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch, auch hier: http://poetenladen.de/michael-braun-zeitschriftenlese-dezember15.htm

Der Hochbunker steht. Jan Kulbrodt über Rainer René Mueller

die Rüben sind eingemietet,der Hochbunker steht,                           horcht

Das sind die letzten Verse des Gedichts Vaterland, kornblumenblau. Das Gedicht ist nicht mit einem Datum versehen. Es könnte irgendwann im letzten Jahrhundert geschrieben worden sein, und auch heute behält es seine Geltung. Während die Rüben jährlich eingemietet werden, hält sich ein Hochbunker nicht an Vegetationszyklen. Das sind zwei einander widersprechende Formen von Dauer: das sich immer wieder Reproduzierende und der Fakt als betongraues Artefakt. Die Hochbunker, die hierzulande für und während des zweiten Weltkrieges errichtet wurden, sind haltbar. Gerade werden sie umgestaltet, weil es zu teuer wäre, sie abzureißen, den Schutt zu entsorgen. Wie aber steht es um die Ideologie?

„In den frühen achtziger Jahren entwickelte Rainer René Mueller seine lyrischen Positionen“, erfahre ich aus Dieter M. Gräfs knappem, aber instruktiven Nachwort. Er führt die Publikationen Muellers auf, allesamt in Klein- und Kleinstverlagen, deren Namen ich nicht kenne. Ich hatte von diesem Dichter, bevor ich das Roughbook 34 in Händen hielt, noch nichts gehört. Dass er 1949 in Würzburg geboren wurde, erfahre ich aus dem Nachwort, und dass er Anfang der Achtziger Jahre einen Förderpreis zum Leonce-und-Lena Preis zugesprochen bekam. Danach wurde es ruhig um ihn.

Man fragt sich natürlich, warum das geschah. Ich denke, dass es sowohl gesellschaftspolitisch-historische als auch ästhetische Gründe hat. Wenn eine Stimme nicht gehört wird, sagt das zunächst einmal nichts über die Qualität ihres Sprechens aus. Man kann daraus auch auf den gesellschaftlichen Hallraum schließen. Zu vermuten wäre, dass Dichtung, die als experimentell angesehen wird, Gönner braucht, Menschen, die ihr die Existenz gönnen, und eine intellektuelle Umgebung, die ihnen das gestattet. Ende der Achtziger Jahre und Anfang der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde zudem vieles im Vereinigungstaumel erdrückt, das Memento zog sich in Kunst und Lyrik zurück, die Orte, wo es ungehört überdauerte – eine Zeitlang zumindest.

Mueller hält an einigen ästhetischen Positionen Celans fest, an einer Hermetik, die dem Klang der Sprache zu gleichen Teilen vertraut und misstraut, die versucht, der Sprache eine Erinnerung zu entlocken, die unter ihr selbst verschüttet liegt. … im Entborgenen dann Schönheit und Erschrecken … In Muellers Texten finden wir ein zuweilen ein fast verzweifeltes Festhalten am Psalm; immer wieder implantierte Liedzitate.

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