Vorm Lidschluss der Geschichte. Walter Fabian Schmid über Rainer René Mueller

Muellers Erinnerungspoetik ist stets etwas Präsentes, weil das Geschehene immer auch anwesend bleibt. Aus der Lebenszeit des Dichters heraus gehen die Texte durch die Geschichte hindurch mit dem Ziel „Sätze wie’n Fahrplan / zu machen“ und „da entlang, wo man / G- / sagt; Geschichte“. Von da aus tauchen 80er-Jahre Realitätsfetzen auf wie „Züge und Bronx-Style : / Punkersprayerhermetik / Graffiti-Kinder“ und die Texte beobachten, wie sich die gemachte Erinnerung erst im Prozess entwickelt: „(dem Polaroid zu- / schaun …)“

Generell ist die Wahrnehmung und das Motiv der Augen sehr wichtig in der Dichtung Muellers. Mit olympischer Betrachtung besitzen die Texte einen verzerrten und zugleich extrem scharfen Fokus. Die Augen sind zu verstehen als ein Instrument der Verschmelzung von Realität und Fiktion. Dabei wollen die Texte immer auch hinter die Dinge blicken denn „hinter welchen Augen leb‘ ich“? Klar, dass diese Frage nicht mit Sicherheit beantwortet werden kann, oder wie sich Celan notierte: „Es gibt Augen, die den Dingen auf den Grund gehen. Die erblicken einen Grund. Und es gibt solche, die in die Tiefe der Dinge gehen. Die erblicken keinen Grund. Aber sie sehen tiefer.“ Bei Mueller kann sich das schon mal ins Ekstatische steigern.

Sehen

das Zirren, oigerle
deine oigen :

wir werrn plärren schön

oh, Schönes du
du Hautstück, hinter

mir’s Augen, schönes

Äugen / wir sehn uns
nimmer satt

[Die ganze Besprechung bei signaturen. Forum für autonome Poesie]

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