André Hatting bespricht roughbook 029: „Die 1000 Tage des BRUETERICH“ von Ulf Stolterfoht im Deutschlandradio

 

Blog-Doku Ein literarischer Allesfresser

Ulf Stolterfoht: „Die 1000 Tage des BRUETERICH“

Von André Hatting

Der Lyriker Ulf Stolterfoth, schwarz-weiß-Aufnahme

 
Der Lyriker Ulf Stolterfoth (Ayse Yavas)

1000 Tage hat Ulf Stolterfoht Online-Tagebuch geführt, immer fünf Zeilen pro Blog-Eintrag. Herausgekommen ist eine „saukomische Gedanken-Black-Box“, die zur Einstiegsdroge zu diesem derzeit besten deutschen Lyriker werden kann.

„Die 1000 Tage des BRUETERICH“  sind das Produkt eines Selbstversuchs: Vom 10. September 2010 bis zum 5. Juni 2013 hat der Lyriker Ulf Stolterfoht Blog-Einträge auf seiner Homepage verfasst. Jeden Tag, immer fünf Zeilen – mehr passte nicht in die Eingabemaske  – und  immer mit einem Link zu einem Youtube-Musikvideo als Soundtrack dazu. Die Zeit drängte, nach Mitternacht sollte der jeweils neue Eintrag im Netz sein, keine Zeit für große Bearbeitungen, Reflexionsrohkost als Riesenspaß: 

„der BRUETERICH in Rom: zwanzigminütige einführung des moderators, dann spricht eine germanistin 40 min über die aporien nichtbezüglicher dichtung. als der BRUETERICH gerade loslegen will mit seinen zwei gedichten, beginnen die zuhörer das büffet im vorraum zu stürmen. dort sind auf einem kapitalen bildschirm die einsamen bemühungen des BRUETERICHs nachzuvollziehen – allerdings ohne ton. alles nicht ganz so schlimm, wie es klingt“

…diesem Eintrag vom 7. März 2012 ist „Grazie Roma“ des italienischen Liedermachers Antonello Venditti beigelegt.

Große Fragen des Lebens

Stolterfoht ist ein literarischer Allesfresser, das konnte man schon bei seinem Debüt, den „Fachsprachen“ bewundern. Ein Forstfachbuch, das er sich in seinem österreichischem Zweitwohnsitz vom dortigen Jäger geborgt hatte, Graffiti in Berlin („Schöneberger Thesenanschläge“), erinnerte Witze aus der Jugendzeit –  der BRUETERICH nimmt alles ein und auf. Dabei lustwandelt er durch unzählige Textgattungen von der Kontaktanzeige zur Kriegsberichterstattung. Tagespolitik kommt selten vor, Beschreibungen der eigenen, also Stolterfohts politischen Sozialisation gibt es häufiger.  Und natürlich werden auch immer wieder die großen Fragen des Lebens gestellt:

„‘wünsche, wohl geruht zu haben!‘ seit jahren schon brütet der BRUETERICH intensivst – allein es will sich ihm diese periode ums verrecken nicht erschließen. […] insbesondere der modus des nachträglichen wünschens verwirrt ihn sehr.“

„Die 1000 Tage des BRUETERICH“ – der Titel erinnert von fern an de Sades „120 Tage von Sodom“, der Inhalt erinnert an andere Dokumentationen von Blogs. Die haben seit dem „Abfall für alle“ von Rainald Goetz aus dem Jahr 1999 in Deutschland Tradition. Dazu gehört, dass es Längen gibt. Manchmal hat man auch das Gefühl, lustig wird mit albern verwechselt und nicht jede Gedanken-Black-Box kann der Leser knacken. Aber Weiterblättern lohnt! Schon der nächste Eintrag ist dann wieder saukomisch.

Der „fetteste Stolterfoht“, so preist Herausgeber Urs Engeler den BRUETERICH an. Er meint den Umfang des Buches. Auf den Inhalt bezogen, darf man sagen: Der zugänglichste Stolterfoht. Diese Doku kann die Einstiegsdroge sein zu einem der derzeit besten deutschen Lyriker. Sie wirkt erheiternd und bewusstseinserweiternd.

Ulf Stolterfoht: Die 1000 Tage des BRUETERICH
Schöneberg, Wedding, Lutherstadt Feistritzwald und Steingruben 2013
roughbook 029
282 Seiten, 15,80 Euro

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