Elke Erb an den Literaturtagen Lana 2013: „Der sechste Sinn“

PROGRAMM

Dienstag, 20.08., 20 Uhr

Begrüßungen: Harald Stauder, Bürgermeister der Marktgemeinde Lana, Prof. Elmar Locher, Präsident der Bücherwürmer

Ruth Klüger: Zerreißproben.  Kommentierte Gedichte. (Zsolnay Verlag 2013)

Einführung und Gespräch: Christine Vescoli und Theresia Prammer

Mittwoch, 21.08., 18 Uhr

Wie richtet es sich auf? Fragen der Haltung

Gespräch mit Elke Erb, Ryszard Krynicki und Ferdinand Schmatz

19 Uhr

Ferdinand Schmatz: Elke Erb die Sprache

Elke Erb: Das Hündle kam weiter auf drein. Gedichtesammlung von 2005-2012 (Roughbook 2013)

20 Uhr

Valzhyna Mort:Kreuzwort. Gedichte. Aus von Uljana Wolf  (Englisch) und Katharina Narbutovic (Weißrussisch). (Suhrkamp 2013).

Gespräch: Elke Erb und Valzhyna Mort

Donnerstag, 22.08., 18 Uhr

Petr Borkovec: Sich an die Dinge verlieren

Lesung und Gespräch mit dem Dichter und der Übersetzerin aus dem Tschechischen Christa Rothmeier

19 Uhr

Lucija Stupica: Mit unsichtbarem Gepäck

Lesung mit der Dichterin und dem Übersetzer aus dem Slowenischen Fabjan Hafner

20 Uhr

Tomaž Šalamun:Die Unendlichkeit ist immer hungrig

Lesung mit dem Dichter und dem Übersetzer aus dem Slowenischen Fabjan Hafner

Gespräch mit Tomaž Šalamun, Lucija Stupica und Fabjan Hafner

Freitag, 23.08., 19 Uhr

Kito Lorenc: Gedichte. Ausgewählt und mit einem Vorwort versehen von Peter Handke. (Suhrkamp 2013)

20 Uhr

Julia Hartwig: Und alles wird erinnert. (aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann. Text+Kritik, 2013)

Ryszard Krynicki und Bernhard Hartmann sprechen über die Poesie von Julia Hartwig

Die Literaturtage Lana 2013 werden kuratiert von Theresia Prammer und Christine Vescoli.

Ort:

Schallerhof in der Vill

Raffeingasse 2, 39011 Lana

 

Mehr Infos hier.

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Jan Kuhlbrodt bespricht Mütze #4

Durch Jan Kuhlbrodts Besprechung bin ich aufmerksam geworden auf eine neues Internet-Forum: Signaturen – Ein Forum für autonome Poesie. In der Abteilung Rezensionen schreibt Kuhlbrodt:

„Unter den Literaturzeitschriften im deutschsprachigen Raum ist sie wohl die puristischste, im einfachen Schwarzweiß; selbst das Cover, das das Inhaltsverzeichnis und die Angaben zum Herausgeber trägt, hat sich ins Innere zurückgezogen, als wollte es dem, um das es letztlich geht, den vordringlichen Platz nicht streitig machen. Der Text als Kunst. Aber das sind wir von Produkten des Schweizer Verlegers Urs Engelers gewohnt, alles dient letztlich dem Text. Keine Kapriolen der Coverart. Daraus beziehen die Zeitschriften und Bücher, seien es die des inzwischen (leider) historisch gewordenen Verlags Urs Engeler Editor, seien es die von Engeler herausgegebenen Zeitschriften oder die Roughbooks, ihre eigenwillige Schönheit. Das macht die Typographie eben auch zu einer Schönheit.“Die ganze Besprechung steht hier.

André Hatting bespricht Elke Erb: Das Hündle kam weiter auf drein

Zum 75. Geburtstag hat die Lyrikerin Elke Erb in diesem Jahr den Ernst-Jandl-Preis bekommen. Ein guter Verleger reagiert natürlich mit einem neuen Buch. Der Schweizer Urs Engeler ist ein guter Verleger. Er hat soeben in seiner nur über das Internet zu beziehenden ISBN-freien Reihe „roughbooks“ Erbs gesammelte Lyrik aus den Jahren 2005 bis 2012 herausgegeben, Titel: „Das Hündle kam weiter auf drein“.

Und damit sind wir mittendrin: Nicht beim Thema des Bandes, weil auf den 62 Seiten etwa Hunde und andere Haustiere gefeiert würden, sondern bei seiner Technik. Elke Erb ist Sprachlaborantin, ihre Dichtungen sind Näherungsverfahren, und zwar an ihre ganz persönliche Wirklichkeit, zur Kenntlichkeit entstellt. Wie im Gedicht „Sitzplatz“. Das beginnt so:

Komme an den Bhf erkenne plötzlich
eine (broschenförmige) Ähnlichkeit meines Hingehns
zu diesem Nichts, einem Bhf

Wen’s jetzt schon aus diesem „Sitzplatz“ herausschleudert, ist in guter Gesellschaft. Elke Erb liebt die Chiffre, also die Metapher ohne tertium comparationis, ohne den gemeinsamen „Vergleichsmaßstab“. Das macht ihre Lyrik oft schwer zugänglich. Wem dazu Paul Celan einfällt, liegt nicht ganz falsch. Beide folgen aber einer noch älteren Tradition, der des russischen Symbolismus und Akmeismus. Das ist kein Zufall, denn Elke Erb hat in den 1960er-Jahren als Übersetzerin von Alexander Blok, Marina Zwetajewa und Ossip Mandelstam begonnen.

Letzterer ist im aktuellen Band gleich mehrfach Trigger dieser datierten Gelegenheitstexte. Daneben lösen Tagebucheinträge, Postkarten, Bahnfahrten, Spaziergänge und andere Alltäglichkeiten den Rückzug in Erbs Gedankengemach aus. Zum Glück ist das nicht immer eine Dunkelkammer wie beim „Sitzplatz“.

Am 3. 9. 2007 schreibt sie das Gedicht „Zu gleich“:

Das eintretende Alter erheiterte mich
mit einer neuen Neugier und der Lust,
die Nase in Dinge zu stecken, die einen gar nichts angehen,
zum Beispiel Diverses von Pflanzen:
Heimat in Mittelasien. So?
Hat eine Pfahlwurzel, ach?

Eingenommen sein im Alter ist getrennt sein zu gleich.
Ein Ich, das geht – und so kommt, wie es geht.

Prosaisch klar strömen die ersten Verse dahin. Die letzte Strophe hat es dann in sich: eine feine Minimeditation, die zum Wiederlesen einlädt. Davon hat das Buch mehrere in petto, mal bekenntnishaft-beklemmend wie in dem „Was sie will“, mal philosophisch-vielschichtig wie in dem großartigen „Ein Bild springt einem Satz bei“.

Erb eröffnet dieses Gedicht mit einem hochabstrakten Zitat des Philosophen Theodor W. Adorno und schließt das dann auf faszinierende Weise mit „Strohhalmsträhnen [ … ] / an den seitlichen Hecken“ kurz.

Dazwischen stehen viele Gedichte aus dem, was Volker Braun einmal Erbs „Reservat der poésie pure“ genannt hat – schwer zugänglichen Gedankengelände. Lyrikeinsteiger brauchen für diesen Band deshalb Mut. Fortgeschrittenen reicht die übliche Portion poetischen Wahnsinns.

(Im Original steht die Besprechung hier, und das Buch gibt es hier.)