Bettina Hartz bespricht Elke Erb: Das Hündle kam weiter auf drein

Im frisch aus dem Netz gefischten fixpoetry von heute bespricht Bettina Hartz roughbook028, Elke Erb: Das Hündle kam weiter auf drein, oder genauer: das erste Gedicht, mit dem Band auf dem Umschlag beginnt:

„Das Politische der politischen Kunst – die Wahrheit – liegt nicht im Inhalt, sondern in der Form. In der Art, wie ein Thema behandelt wird. Ob da unter etwas ein Haken gemacht wird, oder ein Strich mitten durch. Ein Strich, aus dem eine Linie wird, man weiß nicht, wohin. Geht aber mit in dieses Ich-weiß-nicht, aus Neugier, aus Widerspruch, aus Lebenslust.

Politisch ist, was die Sinne weckt. Was stört. Nervt. Was Schönheit knapp vermeidet. Dadurch herstellt. Was einen unauflösbaren Rest lässt, von dem man nicht weiß, ob man daran erstickt oder ob er einen nährt.

Das kann auch ein Liebesgedicht sein. Ein Naturgedicht.

Die jetzige Welt scheint abgedichtet gegen den Zweifel. Das Nichteinverstandensein.

Das Randständige, Stumme, Abgewandte, das seine Spuren löscht, restlos, also auch jede Erinnerung an die Spur.

Wie kündigt man den Verhältnissen, begibt sich in die einzig noch mögliche – ja, was für ein Paradox – Utopie?

Es gibt, wird beim Weiterlesen dieses den schmalen Band eröffnenden Textes (er entstand 1965, im März 2013 hat Erb ihn „emphatisch ververst“), es gibt, wird beim Weiterlesen klar, keinen Ort mehr, von dem aus sich so ein Text heute schreiben ließe, nicht hier, in diesem Land, in diesem System. Das alles vereinnahmt, domestiziert, indem es ihm einen Preis gibt, es zu einer Marke macht.

[…]

Was tun?

Nichts tun.

Warten.

Zur-Ruhe-Kommen.

Lesen.

Erb lesen.“

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Zehnte Erlanger Übersetzerwerkstatt

Öffentliches Arbeitstreffen mit Marica Bodrožić, Christian Filips, Ursula Gräfe, Kristina Kallert, Esther Kinsky, Bert Papenfuß, Yoko Tawada und Wolfgang Tschöke; Moderation: Adrian La Salvia . Polyphone Räume außerhalb der Muttersprache eröffnet die zehnte Erlanger Übersetzerwerkstatt: Abenteuer-Spielpolyglotte an den Grenzen des Eigenen und des Fremden mit Marica Bodrožić, Esther Kinsky und Yoko Tawada, Sprachmischungen mit François Rabelais’ grotesken Wortkaskaden (Wolf-
gang Tschöke), einer Übersetzung in eine utopische Ostseesprache (Bert Papenfuß), Erzählungen der Chassidim (Kristina Kallert) und einem szenischen Oratorium nach Laurence Sterne von Christian Filip und Monika Rinck. „Gefährliche Geliebte“ von Haruki Murakami spaltete das „Literarische Quartett“, Ursula Gräfe übersetzte den Roman erstmals direkt aus dem Japanischen.

9:00 Uhr Esther Kinsky – Fremdsprechen
10:00 Uhr Kristina Kallert – Erzählungen der Chassidim
11:00 Uhr Bert Papenfuß – Øyvind Rimbereid: Solaris korrigiert
12:00 Uhr Wolfgang Tschöke – François Rabelais: Gargantua und Pantagruel
13:00 Uhr Pause
14:00 Uhr Christian Filips – Tristram Shandy. Ein szenisches Oratorium
15:00 Uhr Ursula Gräfe – Haruki Murakami: Südlich der Grenze, westlich der Sonne
16:00 Uhr Yoko Tawada – Überseezungen
17:00 Uhr Marica Bodrožić – Vexierbilder und Landschaften der (Er-)Innerungen
 
Moderation: Adrian La Salvia
Freitag, 30. August, 9:00 bis 18:00 Uhr, Markgrafentheater, Bühnenhaus
Eintritt frei!

Jan Kuhlbrodt bespricht Paul Bogaert, Der Soft-Slalom

Kuhlbrodts Besprechung für fixpoetry beginnt so:

„Ganz Mitteleuropa ist zum Themenpark geworden, und wir wissen manchmal nicht, auch wenn wir gerade erwachen, ob wir noch hier wohnen oder schon Angestellte sind, was aber in letzter Konsequenz auf das gleiche hinausläuft. Die Bedrohungen, die lauern, wirken meist inszeniert, und für alles gibt es eine Anleitung, die man sich aus dem Internet aufs Smartphone herunterladen kann.“

Und endet so:

„Paul Bogaert schildert in fünf Abschnitten einen Tagesablauf. Allerdings braucht die so entworfene Realität, traum- wie alptraumhaft, eben das Gedicht, das sie zusammenhält. Denn auch der Traum ist eine Zwangsvorstellung, worin deutlich wird, dass es im Gasthaus Zum Torschluss keine Besuchszeiten gibt.

Die vorgestellte Welt ist am Zerfließen, sie verliert Kontur, die analytischen Setzungen verlieren ihre Gültigkeit, und so verleiht ihr das Gedicht in seiner Formstrenge Festigkeit, die sie von selbst nicht mehr aufbringen kann.

Dem Leser allerdings ist das ein Fest.

P.S.: es lebe das lange Gedicht.“

Alles zwischen Anfang und Ende steht hier. Das Buch selbst gibt es über die Webseite der roughbooks (die übrigens nach wie vor in Solothurn erscheinen).