roughbook024: Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen

Ames zweiter Gedichtband. Stilblüten. Stilblut für Tittentinte. Tittentinte als Pornographieallegorie. ›Totale Tinte‹ als Titel für eine Polemik. „Ames“ für einen Künstlernamen halten. Ames heißen und deswegen nach Ames/Iowa reisen. Auf Stilblüten warten, während alles unter dem Titel „Stilblüten“ steht. Es wovon wimmeln lassen, weil es stabt. Es gibt zu wenige zu wendige Kinder in diesem Land. Es gibt zu viele, die Selbstbewusstsein auf ihren Nachwuchs baun. Es gibt zu viele, die Gedichte schreiben. Es gibt zu viele, die auf ihren einen Stil ihr Selbstbewusstsein baun. Armselig die, die nur eines Stiles sind! Es muss möglich sein, projektiv zu dichten, ohne ein poeta vates sein zu müssen. Stil könnte eine Eierschale sein. Und dann wäre es erlaubt anzuklopfen.

Ames Weltwaise

Bestellen: Konstantin Ames, sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen
112 Seiten, mit CD-Audio 30 Minuten, Euro 14,-/ sFr. 17.-

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Elke Erb: Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012

Im Sommer habe ich im Tagebuch über Roswitha Gandersheim notiert:

Bin bei der Legende „Theophilus“. Habe das Gefühl, Roswithas gesamter Text sei so anmutend wie der Frühling. Es ist wohl der gute Wille, ihrer. Ich empfinde das durch die Übersetzungen hindurch, und in Unkenntnis ihres mittellateinischen Originals. Durch den Original-Text hätte ich aber wohl auch hindurch empfinden müssen, denn sie entschuldigt sich selbst für Unvollkommenheiten und bittet um Verbesserung, zunächst bei ihrer Äbtissin Gerberga, später senden sie beide die Texte auch an weitere Kompetente, sich an sie um Hilfe wendend. Obwohl ich den mittellateinischen Text noch nicht kenne, meine ich, daß sie wirklich um Hilfe fragt, denn die Frische ihrer Textbewegung läßt bei aller üblichen Ehrerbietung nicht den Verdacht zu, daß sie sich nur aus Sittsamkeit bescheiden gibt.

Ich sehe deutlich und mit wiederholtem Aufmerken auf die konkrete Schreib-Arbeit, die sprachliche, handwerkliche Bewegung ihrer literarischen Werkstatt.

Von so weit her! Vom 21. Jahrhundert ins zehnte! Es überraschte mich. Es ergab eine elementare Sympathie, die zu ihr hin in diese Ferne strömte, auch sie führt an einem Anschein devoter Demut geradewegs vorbei.

Ich sah ja von Anfang an die Lust der selbständigen Bewegung während der ersten Erfahrungen bei den Legenden, und später, bei den Dialogen, erkannte ich, daß  sich Schreib-Erfahrung angesammelt hat und ein Ausprobieren im Ganzen unternommen wird.

Vorher hatte ich bei meinem Vater über Rhrotswith von Gandersheim nachgelesen, er meinte, die Legenden seien Nacherzählungen, unanschaulich, ängstlich, klebten am Stoff; doch schon, als er die Sujets mitteilte, dachte ich: „Wie auch immer, die Thematik wirkt frisch. Ganz so verklemmt kann es nicht sein.“ Und als ich die Legenden dann selbst zu lesen anfing, hatte ich zu konstatieren: Ach, er hat das Handwerkliche nicht erkannt, die Poetik des dichterischen und erzählerischen Handwerks ist ihm fremd. Das ist bei Literaturwissenschaftlern nicht ungewöhnlich.

Beispiele für die Sujets:

Ein Kleriker verführt die Frau Gongolfs, eines jungen hohen Beamten, der dem Edelmut lebt. Das kalte Wasser einer Wunderquelle verbrennt die Hand der Frau und erweist so vor Gongolf ihre Schuld. Er betraft sie nicht, verbannt aber den Kleriker. Dieser schleicht sich wieder in sein Haus, verführt die Frau abermals und verletzt Gongolf tödlich. Dessen Edelmut trägt ihn durch den Tod in den Himmel, so wird er der Heilige Gongolf.

Der spätere heilige Pelagius wird grausam gequält, weil er sich den homoerotischen Gelüsten des Sarazenischen Fremdherrschers widersetzt.

Bei den auf die Legenden folgenden sechs Dialogen  geht der Titelheld des vierten, der Eremit Abraham als vorgeblicher Liebhaber in ein Freudenhaus, um sein Mündel, Maria, aus den Klauen des Teufels zu retten. Der hatte sie solange betört, bis sie, zu weltlicher Lust entflammt, durch das Fenster ihrer Zelle, in welche sie eingemauert war, entfloh. Vor Abraham im Freudenhaus übermannt sie Reue und Verzweiflung. (Ich lerne und sehe ein, daß Verzweiflung ebenso eine Sünde ist wie der Grund der Reue). Die Rettung gelingt natürlich.

Roswitha wagt sich in heikle Sujets.

So auch bei der letzten, der achten, Legende: Agnes widersteht der heftigen  Begierde  des Sohns des heidnischen Präfekten, der läßt sie aus Rache nackt in ein Freudenhaus führen und dort gefangen halten. Diese Geschichte will ich nun mit Zitaten und Kommentaren ausführlicher wiedergeben, um ein Beispiel ihrer Werkstatt-Arbeit vorzuführen.

Sie beginnt mit einem großartigen Vorspruch. geltend für jene, die um Christi willen, mit des heiligen Schleiers Zeichen versehen, Christus allen anderen Freunden vorziehen – / ihn, der, über die Maßen schimmernd wie Gold; auffallend schön in lieblicher Wohlgestalt, / aus gutem Grund aller Weiber Söhne übertrifft.

Übertrifft er sie, ist das ein guter Grund, meine ich, sich für ihn zu entscheiden.

(Ich zitiere aus der Übersetzung von Otto Baumhauer. Sie gibt das Original ohne Reim und ohne Hexameter wieder).

So hebt der Text an:

Die Jungfrau, die der Welt – einstürzen wird sie – eitles Gepränge / und des vergänglichen Fleisches Ausschweifungen zu verachten begehrt, / verdient, Braut des immerwährenden Königs genannt zu werden, / wenn sie wünscht, für die Ehre engelhafter Jungfräulichkeit, / in des himmlischen Bräutigams gestirntem Palaste / den Himmelsbewohnern beigegeben, in glänzender Krone zu strahlen / und, dem Lamme folgend, das schallende Lied zu singen.

Zum Lamm möchte ich ein eigenes Gedicht zitieren:

Gar sehr Jesus

Unterm Kuppelmosaik der Apsis ein Streifen Schafe,
Hammel, je sechs von links und von rechts.

Das in der Mitte
aus der Art geschlagene kleine,
das dreizehnte  –

wie geschrumpft
unter heimlicher Drosselschnur  –

lädt jene andern mit innerem Licht auf so,
daß deren Rücken zu fliegen scheinen.

Santa Maria in Trastevere, Rom
8.3.95

Rom ist auch der Ort der Legende. Die schöne Agnes, selbst edler Geburt, aber für Christus bereit. des ehelosen Lebens hartes Ringen anzutreten, wird heftig begehrt vom Sohne des Stadtpräfekten Sempronius, sie antwortet dem Heidensohn:

O Sohn des immerwährenden Todes, zu Recht verdammenswert, / o Zunder des Frevels und Verächter des Allmächtigen, / scheide von mir […].

 

Der, sich in maßlosem Schmerz verzehrend, heuchelt nun Krankheit, die Ärzte finden nichts und merken, daß verschmähte Liebe der Grund ist. Der Vater spricht zu Agnes, wirbt und droht, umsonst. Dann bietet er ihr tückisch an, wenn sie keusch bleiben wolle, Opferpriesterin der Göttin Vesta zu werden. Weigere sie sich, befehle er, sie in der Verborgenheit eines unsittlichen Hauses einzusperren, […] damit du […] die ganze Schande und Bestürzung der Deinen bist.“

 

Sie, obwohl in Unruhe und Angst, antwortet kühn (ich kürze ab): „ich hoffe[…], alle Unflätigkeiten des hinfälligen Fleisches zu überwinden.“

Christus hilft prompt. Der Präfekt läßt Agnes von ihren Kleidern entblößen, nackt am ganzen Körper zum Freudenhaus schleppen, das Volk strömt herzu, aber da wuchsen sogleich ihre Haare und verdichteten sich trefflich, / in langen Wellen flossen sie oben vom Scheitel, / wallten herab, bis sie der Füße zarte Sohlen berührten.

 Das befriedigt, nicht wahr?

 

Weiter Zitat:

Und als sie auf die Schwelle des widerlichen Bordells trat, / nahm sie im Augenblick die Süße des lieblichen Wohlgeruchs wahr, nämlich ein Engel erscheint und bringt ein in schneeweißem Glanze funkelndes Gewand, […] ihren Maßen genau angepaßt.

 

Nun eilen, in sinnlicher Begier rasend, / von allen Seiten Jünglinge in vollem Lauf herbei, aber angesichts der Strahlen wunderbar schimmernden Lichts […] und des aufblitzenden Gleißens von des Engels Gewand, werfen sie sich der Reihe nach vor ihr nieder und sind zu ihrem Glauben bekehrt.

Frohlockend kommt der Sohn des Präfekten, meint, er könne sie nun haben, aber er stürzte jäh, die Glieder erschlafft, / in unvorhergesehenem Tode: durch Christi Macht vernichtet.

Als sein erbärmlicher Vater davon hört, kommt er, weint und beschimpft sie – und, das ist werkstattlich neu, in derselben Art, wie Roswitha in den Texten sonst die Bösen beschimpft: „du knirschst mit den Zähnen wie ein wildes Tier“; „O maßlos grausames Weib, Wildheit wohnt in dir, / […] / zart ist dein Körper, doch du knirschst mit den Zähnen wie ein wildes Tier […] Offen zu Tage liegt es daher, daß dein maßlos lasterhafter Sinn / voll Gier ist nach den Strömen tückischer Zauberei.

Sie läßt also, erkenne ich, hier zum ersten Mal zwei Religionen sich begegnen. So setzt es sich auch fort: Sie antwortet milde, er selbst sei schuld, nicht sie, schickt alle hinaus und bittet, um ihres Gottes Gnadenmacht zu zeigen, Christus um die Auferstehung des Toten. Der Sohn kehrt ins Leben zurück und glaubt nun an ihren Gott, und auch der Vater ist einsichtig.

Mit einer solchen Vergebung erhellt uns Roswitha oft das mitleidende Gemüt. Die Logik ist: Christus hat uns von den Sünden erlöst, wir leben in der Gnade. Und die Autorin verfügt erzählerisch recht uneingeschränkt über diese strahlende Gnade.

Aber jetzt treten die Vertreter des anderen Glaubens in Aktion, seine Priester verlangen mit grausamem Herzen, Agnes schnell unter blutigen Martern umzubringen. Der Präfekt kann sich nicht dazu entschließen und überläßt seine Befehlsgewalt einem andern, der das Richteramt mit wölfischer Wildheit ausübte.

Sie wird ins Feuer geworfen, da jedoch ihren Körper der fleischlichen Liebe Glut nicht entflammte, verletzte dieses Feuer ihn nicht, sondern, wogend brachen die Flammen hervor und rasten unmäßig,/ vernichteten zuerst alle Henkersknechte, verbrannten sie; / dann bedeckten sie nach allen Seiten hin das ungläubige Volk, / das im Kreise herumstand, warfen im Fluge viele Scharen zu Boden.

Das ärgert mich, aber da  ich meine vermutlich junge Kollegin nicht tadeln will, denke ich etwas spitzfindig, auf Liebesglut, die des Sohns, antwortet Gnade, auf Vernichtung Vernichtung.

Bei anderen Stellen, wo ich nicht umhin konnte, einen Bauteil in ihren Erzählungen als unhaltbar zu kritisieren, half ich mir mit der folgenden Erwägung heraus: Es handelt sich nicht um Realismus oder eine Dialektik in der Sache selbst, sondern allein um die Wahrnehmung der erzählenden Stimme. Gerade die literarische Unwahrscheinlichkeit  bewirkt vielleicht die Annehmbarkeit des vorgetragenen Glaubens, in recht feinen Balancen.

Die Legende endet logisch so: um in den Himmel zu kommen, zu ihrem Bräutigam, muß sie sterben, Christus erfüllt ihr den Wunsch: der ungerechte Richter, / wutschnaubend. weil sie noch lebte, durchbohrt ihre Kehle. Dem Herrn gab sie im Sterben den letzten Atemzug zurück. Engelscharen erscheinen, und sie trugen die Seele fröhlich durch die Lüfte empor.

 

Zuletzt geht es noch um den toten Körper, der ja in der Reliquienverehrung eine große Wirkung tut. Öfter ist es auch so bei ihren Texten, daß am Grabe schöne Wunder geschehen: der Lahme geht, der Blinde sieht, der Taube hört.

Die Eltern begraben sie mit großer Pracht und ganzer Ehrerbietung / in der Erde Schoß, sie erscheint ihnen in einer Engelsschar, strahlend wie die Engel, die Eltern trockneten die Tränen […] und sangen nach der Psalmen Weise mit wohlklingender Stimme Lobgesänge dem Herrn, / der seinen heiligen Blutzeugen nach harten Kämpfen / milde des ewigen Lebens Lohn gewährt. Amen.

Ich danke Ihnen für den Roswitha-Preis und nicht weniger auch für die ebenso unerwartete Freude, sie zu lesen.

Hinweis: Jean Daive

Deutschlandradio Kultur bringt am 16. Dezember „Erzählung des Gleichgewichts 4: W“ von Jean Daive, übersetzt von Werner Hamacher, als zweisprachige Hörspielfassung von Ulrich Lampen, mit Musik von Ulrike Haage:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/hoerspiel/1926329/

W. ist die Aufschrift auf einem Papierbündel und einem Paket, in dem eine störende Schwester, ein stummer Vater, eine entfernte Mutter auf die Post gebracht und verschickt werden, um vom Adressaten – einem Leser/Hörer – Stück für Stück einverleibt zu werden. W, ein gezahnter Buchstabe, ist sein Biss. Er richtet sich gegen alles, was W sonst noch ist oder andeutet: das Weiß, auf das es geschrieben ist, Wien als den Ort einer bestimmten, Psychoanalyse genannten Hör- und Sprechpraxis, das Weh, das mit der Sprache und mit ihrem Fehlen verbunden ist.

W., das Gedicht, ein paranalytischer Parcours, eine Übung in gehemmter Dissoziation, eine stenographische Erzählung von einem, der sich zur Sprache zu bringen versucht und, da er viele ist, nur zu verschiedenen, geteilten und widersprüchlichen Sprachen kommen kann.
Als Vorbereitung zur Sendung strahlt Deutschlandradio Kultur am 9. Dezember (im Anschluss an ein Hörspiel von Claude Simon) ein Gespräch mit Jean Daive aus: „Jean Daive, französischer Lyriker, Schriftsteller, Übersetzer, Journalist„, Werkraum von Carsten Hueck zur Ursendung am 16. Dezember 18.30 Uhr
Jean Daive, geboren 13. Mai 1941 in Bonsecours, französischer Lyriker, Romancier und Übersetzer, u.a. von Paul Celan. War seit 1975 Redakteur bei France Culture, initiierte das Magazin „Visuelle Künste“, Direktor des cipM (centre international de poésie Marseille). Lebt in Paris

roughbooks lässt Nicolas Pesquès am Mont Juliau wieder auf die Gipfel der Sprache klettern

Barbara Zeizinger bespricht für fixpoetry roughbook 023, Nicolas Pesquès: Die Nordseite des Julia: „Pesquès Schreibprozess verläuft nicht linear. „Oft stellte sich das Wort ein wie eine Zärtlichkeit“, berichtet er. Aber manchmal wird das Schreiben zur „Plackerei“. Er vergleicht seine Arbeit mit der Cézannes. So wie dieser immer wieder an den gleichen Ort ging, neue Schraffierungen, Tönungen vornahm, um ein Gemälde zu vollenden, so begibt sich Pesquès in die „Silbenküche“, überprüft Bedeutungen und Skandierungen von Wörtern, bis sie seinen Ansprüchen genügen und er sie im „Mosaik“ seiner Texte unterbringen kann. Dieses Mosaik ist aus unterschiedlichen Stilrichtungen zusammengesetzt. Seine Steine bestehen aus prosaischen Feststellungen, sehr poetischen Beschreibungen bis hin zu Gedichten.“ Die ganze Besprechung steht hier.

Georg-Trakl-Preis 2012 geht an Elke Erb

Die 1938 in Scherbach in der Eifel geborene deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin Elke Erb erhält den heurigen Georg-Trakl-Preis des Landes Salzburg für Lyrik. Der Preis ist mit 8.000 Euro dotiert.

„Mit diesem Preis wollen wir einerseits die Erinnerung an den bedeutenden Salzburger Lyriker Georg Trakl lebendig halten und zugleich die literarische Gattung der Lyrik entsprechend würdigen“, so David Brenner.Der Georg-Trakl-Preis für Lyrik wurde anlässlich der 65. Wiederkehr des Geburtstages des Salzburger Dichters Georg Trakl am 3. Februar 1952 erstmals gestiftet. Seither wird dieser Preis jeweils zu runden oder halbrunden Geburts- und Todestagen (3. Februar 1887 – 3. November 1914) des Dichters alternierend als Landespreis an eine/n deutschsprachigen Lyriker/in oder als gemeinsamer Bundes- und Landespreis an eine/n österreichische/n Lyriker/in vergeben.

Der Preis gilt der Würdigung eines lyrischen Gesamtwerkes und ist mit 8.000 Euro dotiert. Der Würdigungs-Preisträger wird über Vorschlag einer unabhängigen, dreiköpfigen Jury (keine Einreichungen) ermittelt.

Bisherige Preisträger waren unter anderem Ernst Jandl (1974), Friederike Mayröcker (1974), Ilse Aichinger (1979), Julian Schutting (1989), Franz Josef Czernin (2007) oder zuletzt Michael Donhauser (2009).

Jurybegründung Georg-Trakl-Preis für Elke Erb

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Dr. Uta Degner (Universität Salzburg), Dr. Fabjan Hafner (Universität Klagenfurt) und Dr. Thomas Wohlfahrt (Literaturwerkstatt, Berlin), begründete ihre Entscheidung für Elke Erb folgendermaßen:

„Elke Erbs lyrisches Werk zeichnet sich durch eine einzigartige Stimme aus, in der sich hohe ästhetische Sensibilität, souveräne Autonomie von ästhetischen Konventionen, Experimentierfreude, Gesprächslust und poetologische Reflektiertheit verbinden. In ungewöhnlicher Weise gelingt es Erbs Gedichten, sich als ‚Werdende‘ sichtbar zu machen, sie treten nicht mit der Autorität festgefügter Endgültigkeit auf, sondern als lebendige, noch in Bewegung befindliche, und besitzen gleichsam offene Möglichkeits-Horizonte. Erbs Texte lassen ihre Leser(innen) teilhaben an einem vieldimensionalen, unabgeschlossenen Prozess von Denken und Dichten, sie besitzen eine beeindruckende gedankliche Versabilität, die auch nicht davor zurück scheut, eigene Publikationen erneut zur Disposition zu stellen. Immer orientiert am Konkreten, halten sie sich vollkommen frei von Ideologie und verweigern sich trotz ihrer Einladung zur Partizipation jeglicher Vereinnahmung.

Die Haltung unprätentiöser, neugieriger Wachheit sowohl gegenüber dem Vorhandenen, als auch gegenüber den darin enthaltenen, unendlichen Möglichkeiten von Welt und Sprache verleihen den Dichtungen einen abenteuerlichen Geist und eine Intensität, die weit über das hinausreichen, was die einzelnen Texte jeweils sprachlich machen. Mindestens ebenso zentral ist, was sie jenseits ihrer selbst möglich machen: Sie wirken nämlich auf gänzlich unpathetische Weise befreiend: sie schenken ihren Leser(inne)n eine ästhetische Erlebnisfähigkeit, die deren Leben, Lesen – und vielleicht auch Schreiben – um die Dynamik des Offenen bereichert.“