Hut ab: Michael Braun bespricht die erste „Mütze“ im Tagesspiegel

„Mit diesem Coup hat der Schweizer Lyrik-Editor Urs Engeler alle überrascht. Die Skeptiker glaubten an seinen allmählichen Rückzug, als der poesiebesessene Lyrik-Vermittler kürzlich nach zwanzig Jahren seine exzellente Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ einstellte. Nun zeigt es sich, dass der mittlerweile in Solothurn ansässige Engeler eine hervorragende Alternative buchstäblich aus dem Hut gezaubert hat.

Seine neue Zeitschrift nennt sich „Mütze“, und sie folgt in der technischen Ausstattung wie der Distribution über das Internet dem Konzept der von Urs Engeler 2010 begonnenen „roughbooks“ Reihe, die mittlerweile Titel von Autoren wie Tim Turnbull, Elke Erb, Ulf Stolterfoht, Michael Stauffer oder Konstantin Ames umfasst.

Diese neue „Mütze“ setzt man sich gerne auf, belebt sie doch den Kopf mit aufregenden Texten. Das verdankt sich auch einer neuen thematischen Offenheit. Die „Mütze“ versteht sich als „literarische Zeitschrift“ nicht nur für die Königsdisziplin Lyrik, sondern für alle Gattungen. Ein poetischer Essay von Werner Hamacher thematisiert im ersten Heft die Verbindung von Sprache und Feuer. Bereits im biblischen Buch Mose kam die Sprache der Offenbarung ja aus dem Feuer – aus dem brennenden Dornbusch sprach Gott zu Moses.

In der „Mütze“ finden sich noch weitere Texte, die brennen: eine erste Übersetzungsprobe eines radikal obszönen Epos des französischen Avantgardisten Pierre Guyotat („Grabmal für fünfhunderttausend Soldaten“). Krieg und Begehren, Gewalt und Sexualität werden hier verbunden wie einst in den Schriften des Philosophen Georges Bataille. Hinzu kommen Gedichte von Simone Kornappel und Tim Turnbull, letztere in der hervorragenden Übersetzung von Dagmara Kraus.

Fünfmal im Jahr mit einem Umfang von jeweils 52 Seiten soll die neue, von Marcel Schmid gestaltete Zeitschrift erscheinen, wesentlich häufiger also als das finanziell aufwendige Lyrik-Periodikum „Zwischen den Zeilen“. Was in den kommenden Ausgaben der Zeitschrift folgen könnte, sagt der Titel eines Lyrikbands von Ernst Jandl aus dem Jahr 1978. Er lautet: „Die Bearbeitung der Mütze“. Das nächste Heft widmet sich dem Thema „Affaire“.“ (Der Artikel steht hier.)

Nur am Ende irrt Michael Braun: die Hefte haben keine andern als implizite Themen, Affaire verweist auf das, was noch zu machen bleibt: à faire.

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