Wolfgang Schlenker in der NZZ

29. März 2012, Neue Zürcher Zeitung

Weisse Worte

als. ⋅ Er gehört zu den Schmetterlingen im Literaturbetrieb: Dem Verleger Urs Engeler ist es immer wieder gelungen, sich und seine Passion innerhalb einer schwierigen Branche neu zu erfinden und mit unkonventionelleren Formen der Buchproduktion das Fliegen jeweils wieder von Beginn an zu lernen. Nachdem schon sein 1995 gegründeter Verlag Urs Engeler Editor mit mäzenatischer Unterstützung mehr als 60 europäische Autoren herausbrachte und damit immerhin ein bemerkenswertes Finanzierungsmodell vorlegte, beschreitet der 50-Jährige nun mit seinen Roughbooks nochmals neue Wege jenseits der klassischen Vertriebspfade: Roughbooks bedeutet kleine Digitaldruckauflagen im Direktvertrieb via Internet, unregelmässige Produktionsrhythmen in enger Zusammenarbeit mit den Autoren und handgrosse, fast quadratische Büchlein für die Jackentasche. Als jüngste unter diesen rohen Perlen ist nun der Gedichtband «doktor zeit» des 2011 verstorbenen Lyrikers Wolfgang Schlenker erhältlich – ein Bündel kraftvoll-ruhiger Texte von eindringlicher Dezenz, die zurückhaltend und beinahe liebevoll meist in zweizeiligen Strophen verschiedene Formen des Abgehens und Verschwindens umkreisen: So taucht der Tod in Schlenkers letzten Gedichten als ein fast logisches Zurückbuchstabieren der Zeit auf, ein natürlicher Übergang des Endes in den Anfang – als ein sanftes Verblassen wie die weissen Worte, die im Gedicht «fussstapfen» an einer weissen Wand «den traum vom sterben» träumen und dabei wohl bereits auf die andere Seite der Mauer geblickt haben.

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