Bruno Steiger: Letzte Notizen 130

Heft E/1
undatiert

Sie zogen meine Finger aus dem Staub im Hintergrund
meiner Welt, ich schlich grölend davon. So klein

können Menschen gar nicht sein, sagte ich mir. Primaten
unter Blumensträußen, geduckt um eine Zimmernummer
bittend.

Mit einer weissen Kirsche in der Gurgel floss ich aus, süss und
zwei Meter
über Meer, ein Leben in Monaco, ein Steuerfreier, bis heute das
Älteste in meiner Post.

Hier starben, rief ich, 150
Münder unter meinen Streicheleinheiten, hier hat eine Zeit
gelebt. Ich floss aus. Ich hatte mich gesehen. Weiches kaltes Gras
hätte mich auf ein Schicksal als Gesetzgeber vorbereiten
müssen, während ich an meiner Lieblingsspeise (Dörr-
bananen) weiterschliff.

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Heute: FA:M’ AHNIESGWOW

Liedertafel der Sing-Akademie zu Berlin
Dienstag, 25. Oktober 2011, 21.15 Uhr
Villa Elisabeth, Invalidenstraße 3, Berlin

[…] unn allwedder stiernenfirmn am end =  Herflimmlvolglorelychsakspel.
= okkun filim anne wänd ebvrals temangde verrlt: Halo halehn haccoupner
do; rée. […]

Mit seinen zwischen konkreter Poesie und Musik, Gesellschaftskritik und Sprachwissenschaft changierenden Arbeiten hatte Hans G Helms (*1932) entscheidenden Anteil an den Avantgarde-Bewegungen der Nachkriegszeit. Im Kontakt mit Theoretikern wie Adorno und Kracauer und Komponisten wie Cage und Stockhausen entwickelte er zahlreiche Experimente, darunter die als sein Hauptwerk geltende Sprach-Musik-Komposition „fa:m’ ahniesgwow“ (1959).

Dieses „filigran komponierte Mosaik von äußerster Empfindlichkeit” (Helms), hervorgegangen aus einem gemeinsam mit Komponisten unternommenen James-Joyce-Lesekreis, wurde in diesem Jahr zum ersten Mal vollständig eingespielt (Label: WERGO).

Die Liedertafel der Sing-Akademie hat das Kölner SprachKunstTrio sprechbohrer (Sigrid Sachse, Harald Muenz, Georg Sachse) eingeladen, das Werk live in Auszügen vorzustellen.

[…] Unser aller lügiliebstes Vaterdankrückenland  – Gröhlvolke –  NUTNIKS […]

Im Anschluss: Gespräch bei Käse und Wein.

Lyrikmail: Die tägliche Dosis Poesie

Jeden Tag ein Gedicht per E-Mail: http://www.lyrikmail.de

Oder auf dem Blog, http://www.lyrikpost.de/blog/, z.B. Konstantin Ames, Lyrikmail #2459 Ames – Hallo ich popcornmaisfelde dich

Hallo ich popcornmaisfelde dich
maisfeldest du mich
popcornmaisfeldest du mich sogar
oder bist du nur ein feiger schauer
aha. ein warmer regen wär´ mir lieber
liebe meine liebe. Ja so steht´s nun mal
keine liebe schüssel voll chips. Und wa-
rum chips und nicht popcorn. die
stituation ist felsig und felsen
siezen mich ich Tschüss
e dich tausendmal und lass
das rucksack-s in zukunft weg
melde mich hiermit an/ab
(Nichtzutreffendes bitte unterstreichen!)
„Man weiß gar nicht, ob´s heiß oder kalt draußen ist.“
provinz ist da, wo´s nur von oben auszuhalten ist. (ames)

(…« oder ??« 25./26.7.2010)

Konstantin Ames (1979)

Das Gedicht ist dem roughbook „ALSOHÄUTE“ entnommen.
Buchlink: roughbooks.wordpress.com

Andrea Zanzotto (10.10.1921 – 18.10.2011)

La perfezione della neve / Das Reichtum des Schnee

Quante perfezioni, quante
quante totalità. Pungendo aggiunge.
E poi astrazioni astrificazioni formulazione d’astri
assideramento, attraverso sidera e coelos
assideramenti assimilazioni –
nel perfezionato procederei
più in là del grande abbaglio, del pieno e del vuoto,
ricercherei procedimenti
risaltando, evitando
dubbiose tenebrose; saprei direi.
Ma come ci soffolce, quanta è l’ubertà nivale
come vale: a valle del mattino a valle
a monte della luce plurifonte.
Mi sono messo di mezzo a questo movimento-mancamento radiale
ahi il primo brivido del salire, del capire,
partono in ordine, sfidano: ecco tutto.
E la tua consolazione insolazione e la mia, frutto
di quest’inverno, allenate, alleate,
sui vertici vitrei del sempre, sui margini nevati
del mai-mai-non-lasciai-andare,
e la stella che brucia nel suo riccio
e la castagna tratta dal ghiaccio
e – tutto – e tutto-eros, tutto-lib. libertà nel laccio
nell’abbraccio mi sta: ci sta,
ci sta all’invito, sta nel programma, nella faccenda.
Un sorriso, vero? E la vi(ta) (id-vid)
quella di cui non si può nulla, non ipotizzare,
sulla soglia si fa (accarezzare?).
Evoè lungo i ghiacci e le colture dei colori
e i rassicurati lavori degli ori.
Pronto. A chi parlo? Riallacciare.
E sono pronto, in fase d’immortale,
per uno sketch-idea della neve, per un suo guizzo.
Pronto.
Alla, della perfetta.

«È tutto, potete andare.»

 ***

Solche Reichtümer, solche
solche Alle. Der stachelig zusammensteckt.
Und auch Abstraktionen Astrifikationen Attraktion aus Asterisken
Eisung, in sidera und coelos
Eisungen, Weißungen –
ich stiege im Königreich
über die riesige Blendung, über Fülle und Leere hinaus,
könnte Steige erkunden
erscheinen, scheuen vor
entrischen düsteren; wüsste sagte.
Aber wie fest er ist, wie weit das weiße Überall
wie strahlend: zu Tal in der Frühe zu Tal
zu Berg aus hellen Quellen.
Bin gestapft hinein in dieses funkelnde Schneien-Scheinen
hui erstes Schaudern im Schnee, im Verstehen,
Prozessionen fordern: schau alles.
Und deine Enteinung Eilandung und meine, Frucht
dieses Winters, verquickt, verdickt,
auf den gläsernen Graten des Immer, auf den Schnee-Säumen
des Nein-nie-niemals-ließ-ich-los,
und der Stern der am Wuschelkopf brennt
und die aus dem Eis geholte Kastanie
und – alles – und Eros-alles, Lib.-alles Liebe in meine
Umgarnung Umarmung: geschneit,
der hereingeschneite Gast, ein weißes Programm, ein weißes Werk.
Gell, ein Lächeln? Und das (Da)Sein (Sehen-Es)
jenes für das man nichts kann, nichts wissen,
es lässt auf der Schwelle sich (kosen?).
Eiii übers Eis und Felder von Farben
gefrorene Feuer aus Gold.
Hier bin ich. Wer spricht? Wieder schließen.
Und bin hier, in der Unsterblichkeitszeit,
für eine Schnee-Skizze, ein Schnee-Blitzchen bereit.
Hallo.
Der, der Erreichten.

«Das ist alles, ihr könnt gehen.»

(Übersetzung Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl und Peter Waterhouse, aus: Andrea Zanzotto, La Beltà / Pracht)

Bruno Steiger: Letzte Notizen 129

Für eine „schwache“ Hermetik III

III.1.
Was unser Sehnen nach Nichtwissen unerfüllbar macht, sind die „Einsichten“ in unser Wissen, nicht Wissen als solches?

III.2.
Es sind die Fragen, die täuschen, nicht all die Antworten.

III.3.
Eine „schwache“ Hermetik erhielte sich da, wo sich Frage wie Antwort erübrigen, ohne auf ein Modell von Einstimmen (oder Staunen) reduziert worden zu sein. Man könnte es Entgeisterung nennen; Betonung auf „Ent“. Mystik der lahmsten, ja lümmelhaften Art, nah einer simulierten Selbstkreuzigung.

Samuel Daniel (1562-1619)

Let others sing of knights and paladins
In agèd accents, and untimely words;
Paint shadows in imaginary lines
Which well the reach of their high wits records;
But I must sing of thee, and those fair eyes
Authentic shall my verse in time to come,
When yet th’ unborn shall say, „Lo where she lies,
Whose beauty made him speak that else was dumb.“
These are the arks, the trophies I erect,
That fortify thy name against old age;
And these thy sacred virtues must protect
Against the dark and time’s consuming rage.
Though th’ error of my youth they shall discover,
Suffice, they show I lived and was thy lover.

***

Lass andre singen: ritter, paladine
Mit ältlichem akzent, auf unzeitwörtern,
Paar schatten pinseln, vorgestellte linien,
Sie werden trefflich ihr talent erörtern;
Ich kann nur singen du und diese augen,
Mein vers soll, glaubts mir, nur für später taugen,
Wenn alle föten schrein: schau, die da liegt,
(Den rest vergesst), wie schön die reden hieß!“
So sehen archen, so trophäen aus,
Die deinen namen gegens altern wehren,
Und so talente, heilig, die ich schütz
Gegen den dunklen konsumenten zeit.
Könnt meine jugendsünde ruhig besehen,
Wenn sie nur zeigt: Der lebte. Liebte wen.

(CF)