Offener Antwortbrief an Stefan Weidle und die Kurt-Wolff-Stiftung

Lieber Stefan

Heute hat mich Deine E-Mail erreicht, die ich hier, weil sie mir eine Sache von öffentlichem Interesse zu betreffen scheint, wiederholen und beantworten will:

„Lieber Urs, wir hatten uns bei der Kalkulation des neuen Katalogs der Stiftung vertan und mußten einen Verlag rausnehmen. Leider hat es Dich getroffen. Der Grund ist, daß wir doch einige feste Bedingungen setzen: Die Bücher müssen eine ISBN haben und der Verlag eine Auslieferung. Und die Bücher müssen der Preisbindung unterliegen. Alle Kriterien erfüllen Deine Bücher nun nicht. Außerdem scheint Roughbooks ein Schweizer Verlag zu sein (auf Deiner Website fehlt das Impressum!). Deshalb mußten wir, als es darum ging, einen Verlag zu streichen, aus formalen Gründen den Deinen wählen. – Sehen wir uns denn in Frankfurt? Herzlich, Dein Stefan“

Nicht, dass ich wirklich enttäuscht bin, nicht im „Katalog der Stiftung“ zu stehen. Ich fand die formalen Vorgaben, denen man sich zu beugen hat, immer schon sehr beengend und das Resultat entsprechend uninspiriert. Sehr zweifelhaft scheint mir überdies Reichweite und Wirksamkeit der Broschüre. Ich bin also nicht gegen den Ausschluss. Ich finde sogar, er trifft in mir, der dem Bemühenden solcher Veranstaltungen immer fern und ferner steht, den richtigen.

Peinlich überrascht bin ich aber von Deinen Gründen: keine ISBN, keine Auslieferung, keine Buchpreisbindung, und dann auch noch Schweizer!

Eine E-Mail von Dir als Vorsitzendem des Vorstandes der Kurt-Wolff-Stiftung in der Sache „es geht um das Buch“ des Inhalts: Wir beginnen an der Wirksamkeit unserer Publikation  zu zweifeln, und wir würden uns deshalb mit Dir als einem Verleger, der nach neuen Wegen und Ideen sucht, gerne über andere Möglichkeiten unterhalten – eine solche mail hätte ich produktiver gefunden.

Es könnte der Stolz der Kurt-Wolff-Stiftung sein, dass sie Verleger auszeichnet und fördert, die in schwieriger Lage (in denen sich wohl fast alle Bücher und ihre Macher und Verkäufer befinden) Neues, auch Ungewohntes und Unübliches, versuchen. Es müsste Teil der Arbeit der Kurt-Wolff-Stiftung sein, die Erfahrungen mit diesen neuen Wegen und Ideen auszuwerten und Interessierten zu vermitteln. Es geht schliesslich um das Buch.

Aber offenbar geht es eher um den Börsenverein des deutschen Buchhandels.

Das ist sehr bedenklich.

Wenn Du mal in die buchpreisbindungsfreie Schweiz fahren willst, dann bist Du mir in Solothurn herzlich willkommen. Ich weiss, Du magst guten Wein, und ich koche gern. Dann können wir fern vom Reich des Börsenvereins über Bücher sprechen – und über das, worum es geht.

Mit herzlichem Gruß
Urs

PS: Hier die Seite roughbooks, die die Kalkulation von „es geht um das Buch“ zu sprengen droht.

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6 Kommentare zu „Offener Antwortbrief an Stefan Weidle und die Kurt-Wolff-Stiftung

  1. lieber urs,
    nur eine kurze nachfrage – weil ich mir nicht sicher bin, ob ich den vorgang verstanden habe: das geld reicht nicht, um dich in den katalog aufzunehmen? wieviel kostet das denn? zwei arbeitsminuten? oder geht es um etwas anderes? papierkosten? ich versteh es nicht. alles andere versteh ich gut – aber das ist dann vielleicht wirklich nicht so schlimm. da tut es mir eher leid für die stiftung, die doch bisher wirklich segensreich gewirkt hat. ich fang jetzt erst langsam an zu begreifen, wie die sachen laufen. gruß!

    1. Lieber Urs,

      wenn Du’s also schon öffentlich machst, antworte ich auch auf diesem Weg, auch wenn ich nicht der Ansicht bin, daß es sich hier um wahrhaft weltbewegende Dinge handelt. Wir hatten uns schlicht verrechnet, 65 Verlage konnten aufgenommen werden, und plötzlich waren da 66. Also mußten wir überlegen, wen es trifft. Da der Katalog von der Bundesregierung, dem Beauftragten für Kultur und Medien, finanziert wird, dürfen wir nur deutsche Verlage aufnehmen. Und wir haben die genannten anderen Kriterien, hätten Dich also von vornherein ausschließen müssen. Aber wir schätzen Deine Arbeit, und Du bist 2007 von der Stiftung mit dem Förderpreis ausgezeichnet worden. Deshalb haben wir schlicht so getan, als sei alles wie immer bei Dir und Deinem Verlag. Wenn man aber einen Verlag rausnehmen muß, schaut dieser streng auf diejenigen, die dringeblieben sind, und einem solchen Blick wollten wir keine deutliche Angriffsfläche bieten.
      Erleichtert bin ich, daß Dir der Katalog ohnehin nicht gefällt und Du ihn für nicht sonderlich wirksam hältst. Daß Du dennoch wieder darin vertreten sein wolltest, zeigt Deine Verbundenheit mit der Stiftung. Ich hoffe, die bleibt uns weiterhin erhalten.
      Danke für die Einladung! Ich war endlos lange nicht in Solothurn, hätte durchaus Lust, mal wieder hinzufahren. Selbstverständlich bist Du mir hier in Bonn jederzeit willkommen (und auch ich koche gern).

      Herzlich,
      Dein Stefan

  2. Lieber Stefan

    Danke für Deine Antwort. 65 Verlage, die freies Publizieren hochhalten, das ist doch was! Mit den Kollegen aus Österreich und der Schweiz könnten es leicht 100 sein. Natürlich weiss ich, dass die Geldtöpfe nationalen Interessen gehorchen müssen. Habt Ihr oder haben die Kollegen von SWIPS schon mal mit der Pro Helvetia über Erweiterungen nachgedacht? Der Franken ist gerade viel wert.
    Aber wichtiger noch als Geld scheint mir diese andere Sache, und die ist zwar nicht weltbewegend, aber sie kann Bücher anders bewegen: ich rede von Eure formalen Vorgaben, was einen Verlag angeblich zum Verlag macht, also ISBN, Auslieferung, Buchpreisbindung. Das ist die Buchhandelswelt von gestern. Ihr alle geht mit mehr oder weniger Heimlichkeit andere Wege. Ich glaube, mehr Offenheit täte der Sache des Buches gut.
    Schreib mir doch bei Gelegenheit, was die eine Seite kostet, dann will ich mir überlegen, ob ich mir das Fähnchen für die Alternative zum herkömmlichen Buchhandel leisten will und kann.

    Mit herzlichem Gruß
    Urs

    1. Lieber Urs,

      ja, wir haben über Erweiterungen nachgedacht, allein ist es auch eine Frage des Umfangs: Wie dick kann und darf ein solcher Katalog sein? Mit seinen 72 Seiten ist er jetzt an einer Grenze angekommen, die wir nicht allzuweit überschreiten sollten. Auch aus Portogründen.
      Dir als Verleger muß ich nicht sagen, daß wir nicht 1 Seite mehr machen können.
      Unsere formalen Vorgaben mögen antiquiert wirken, aber wir haben sie noch. KNV z.B. ist einer unserer Partner und hält sämtliche Titel, die im Katalog vorgestellt werden, lieferbar. Dazu bedarf es einer ISBN. Ansonsten hast Du natürlich recht, und, wie gesagt, wir wollten Dich ja klammheimlich drinlassen.

      Herzlich,
      Dein Stefan

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