Bruno Steiger: Letzte Notizen 123

Topfkollekte

Zwischen zwei Nächten gerade noch
die eine gestauchte Silbe, Unrat,

unbesessen. Da brennt die Lunte
unter jedem Rettungsschirm vergeblich.

Was dir gehörte, lässt sich nicht mehr ordnen,
Antithesen in Klammern fallen aus;

aus einem nicht nachahmbaren Innern
fällt die Rechte auf einen zu kleinen

Kinderschuh, eine Ohnmacht aus Altgold
wird die Tische räumen, zwei Handvoll Kleingeld

brüten einen leeren Eierbecher aus.

NEU roughbook 014: Robert Kelly, Die Skorpione

Das roughbook 14 ist da!

Die Skorpione. Roman. Euro 12,- / sFr. 15, hier bestellen

Als „intelligent, menschenähnlich und nur bei kurzwelligem ultraviolettem Licht sichtbar“ schildert Mrs Eulalie Prentergest ihrem Psychiater die „Skorpione“ genannten Wesen, von denen sie sich bedrängt fühlt. Eine rätselhafte Botschaft bringt den Arzt und Ich-Erzähler des Romans, eine abenteuerliche Mischung aus James Bond, Timothy Leary und Hugh Hefner, dazu, mit seinem Rolls Royce nach Florida aufzubrechen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Im Rahmen einer klassischen „road novel“ wird er vom Suchenden zum Gesuchten, auf den Spuren der Phantasmen seiner Patientin bald eingeholt von einer ebenso genüsslich wie cool zelebrierten Paranoia. Im Nachwort gibt der Autor ein paar Hinweise zur Poetik des Romans, so beiläufig wie es sich gehört und ohne auf das zutiefst Beunruhigende seiner Prosa einzugehen.

Robert Kelly, Jahrgang 1935, ist in den USA vorab mit einem umfangreichen lyrischen Werk bekannt geworden. Mit seinen auf Deutsch übersetzten Büchern gilt er in unserem Sprachraum als irgendwo zwischen Abish und Barthelme anzusiedelnder Geheimtipp. In „Die Skorpione“ zeigt sich einmal mehr, dass die amerikanische Postmoderne beerdigt wurde, bevor man sie überhaupt wahrgenommen und verstanden hat.

„Ein buchstäblich toller Roman, der mit seinem geradezu schurkischen Witz die heute grassierende tumbe Erzählerei weit hinter sich lässt“ (Bruno Steiger)

Das roughbook 015 ist da: PARA-Riding!

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PARA-RIDING. Das Reiten und PARA-Reiten hebt an! Auf zum Parforce-Ritt mit Laura (Riding) Jackson (*1901 New York City, +1991 Wabasso). Doch halt, halt, halt … Da erschallt er auch schon, der böse Widerruf aus Nottinghams Wäldern: Es müsse endlich Schluss sein mit der Poesie! In conformity with the late author’s wish, her Board of Literary Management asks us to record that, in 1941, Laura (Riding) Jackson renounced, on grounds of linguistic principle, the writing of poetry: she had come to hold that „poetry obstructs general attainment to something better in our linguistic way-of-life than we have“. Monika Rinck und Christian Filips haben sich beim Übersetzen und Überschreiben von Laura Ridings Gedichten und Essays zunehmend gefragt, ob sie aufhören sollen mit dem Dichten und sich einfach der hier verheißenen besseren Lebensart widmen. Dabei stellte sich mit der Zeit das Verfahren des PARA-Ridings ein. Das Überschreiben von Texten, die, um wahr zu sein, nicht bleiben durften, wie sie waren. Und vielleicht gerade so wieder das wurden, was sie nicht mehr zu sein versprachen: Gedichte.

„Superspitzenmässigeextraklasse!“ (Erstleser)

Zum Bestellen: bitte hier.

„WAS IST EIN GEDICHT?

Was ist ein Gedicht? Ein Gedicht ist nichts. Durch Beharrlichkeit kann aus einem Gedicht etwas werden, aber dann ist es etwas und nicht ein Gedicht. Warum ist es nichts? Weil es nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden kann (was gelesen werden kann, ist Prosa). Es ist kein Ergebnis von Erfahrung, sei sie gewöhnlich oder ungewöhnlich, es ist das Resultat der Fähigkeit, innerhalb der Erfahrung ein Vakuum zu schaffen – es ist ein Vakuum und daher ist es nichts. Es kann nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden, weil es ein Vakuum ist. Da es ein Vakuum ist, kann der Dichter sich nicht schmeicheln noch dafür Schmeicheleien einfordern. Da es ein Vakuum ist, kann es nicht vor Publikum wiedergegeben werden. Ein Vakuum ist unveränderlich und unverrückbar ein Vakuum – das einzige, was ihm zustoßen kann, ist Zerstörung. Wäre es möglich, es vor Publikum wiederzugeben, würde daraus die Zerstörung des Publikums resultieren.“

(Aus: PARA-Riding, S. 71)

Bruno Steiger: Letzte Notizen 120

Der dunkle Schweiss der Einsamkeit

… und das Sitzen in einem Satz aus Salz.
Da spricht ein Vierbeiner, lässt sich in seine
Haare fallen, im Hinterhaus der spitze Falz
von Vaduz. Das ist die biblische Faszination
und das inkarnierte Steinbild. Kalt wie jener
Becher Ovomalz, an den sich 1954 zwei
Zungen schmiegten, verstaubte Felle über
Lieblingstieren, hereingeweint in zarte Verschläge,
in ein windiges Konstrukt aus falschen Zähnen
oder Leichtmetall.

Offener Antwortbrief an Stefan Weidle und die Kurt-Wolff-Stiftung

Lieber Stefan

Heute hat mich Deine E-Mail erreicht, die ich hier, weil sie mir eine Sache von öffentlichem Interesse zu betreffen scheint, wiederholen und beantworten will:

„Lieber Urs, wir hatten uns bei der Kalkulation des neuen Katalogs der Stiftung vertan und mußten einen Verlag rausnehmen. Leider hat es Dich getroffen. Der Grund ist, daß wir doch einige feste Bedingungen setzen: Die Bücher müssen eine ISBN haben und der Verlag eine Auslieferung. Und die Bücher müssen der Preisbindung unterliegen. Alle Kriterien erfüllen Deine Bücher nun nicht. Außerdem scheint Roughbooks ein Schweizer Verlag zu sein (auf Deiner Website fehlt das Impressum!). Deshalb mußten wir, als es darum ging, einen Verlag zu streichen, aus formalen Gründen den Deinen wählen. – Sehen wir uns denn in Frankfurt? Herzlich, Dein Stefan“

Nicht, dass ich wirklich enttäuscht bin, nicht im „Katalog der Stiftung“ zu stehen. Ich fand die formalen Vorgaben, denen man sich zu beugen hat, immer schon sehr beengend und das Resultat entsprechend uninspiriert. Sehr zweifelhaft scheint mir überdies Reichweite und Wirksamkeit der Broschüre. Ich bin also nicht gegen den Ausschluss. Ich finde sogar, er trifft in mir, der dem Bemühenden solcher Veranstaltungen immer fern und ferner steht, den richtigen.

Peinlich überrascht bin ich aber von Deinen Gründen: keine ISBN, keine Auslieferung, keine Buchpreisbindung, und dann auch noch Schweizer!

Eine E-Mail von Dir als Vorsitzendem des Vorstandes der Kurt-Wolff-Stiftung in der Sache „es geht um das Buch“ des Inhalts: Wir beginnen an der Wirksamkeit unserer Publikation  zu zweifeln, und wir würden uns deshalb mit Dir als einem Verleger, der nach neuen Wegen und Ideen sucht, gerne über andere Möglichkeiten unterhalten – eine solche mail hätte ich produktiver gefunden.

Es könnte der Stolz der Kurt-Wolff-Stiftung sein, dass sie Verleger auszeichnet und fördert, die in schwieriger Lage (in denen sich wohl fast alle Bücher und ihre Macher und Verkäufer befinden) Neues, auch Ungewohntes und Unübliches, versuchen. Es müsste Teil der Arbeit der Kurt-Wolff-Stiftung sein, die Erfahrungen mit diesen neuen Wegen und Ideen auszuwerten und Interessierten zu vermitteln. Es geht schliesslich um das Buch.

Aber offenbar geht es eher um den Börsenverein des deutschen Buchhandels.

Das ist sehr bedenklich.

Wenn Du mal in die buchpreisbindungsfreie Schweiz fahren willst, dann bist Du mir in Solothurn herzlich willkommen. Ich weiss, Du magst guten Wein, und ich koche gern. Dann können wir fern vom Reich des Börsenvereins über Bücher sprechen – und über das, worum es geht.

Mit herzlichem Gruß
Urs

PS: Hier die Seite roughbooks, die die Kalkulation von „es geht um das Buch“ zu sprengen droht.