Polylog zur Essigmutter. Lezama Lima I

Corta la madre del vinagre

Corta la madre del vinagre.
Taja, tajada, taja, sijú.
De la rama al entredós, búho,
tu péndulo raspa el suelo.
Al ras de la inmensa madera
horizontal, raspa, sijú.
Cuelga tu péndulo en el rocío,
búho; raspa, sijú, silva,
almíbar sobre la roca cubierta
de medusas que enrollan el péndulo.
Raspa la arena que ayer manchaba
el péndulo: taja, sijú,
corta la médula del aceite.
El péndulo raspa la madre del vinagre.
Lánzate, búho, tu sombra está en la arena.
Deseas clavarte carnalmente
en tu sombra espesa. Allí está,
en la médula del aceite.
No te cuelgues del péndulo
que raspa la madre del vinagre.

José Lezama Lima, aus La fijeza, 1949

*

Die Essigmutter teile

Die Essigmutter teile.
Schneide sie, Scheiben, schneide, Sijú.
Vom Ast zum Einsatz, Uhu,
Dein Pendel kratzt den Grund.
Auf Kragenhöhe mit dem übergroßen Holz,
dem waagerechten, kratze, Sijú.
Häng Dein Pendel in den Tau,
Uhu; kratze, Sijú, Silva,
Sirup auf dem Fels bedeckt
von Quallen die rollen das Pendel ein.
Kratz den Sand der gestern befleckte
das Pendel: schneide, Sijú,
teil das Fettmark.
Das Pendel kratzt die Essigmutter.
Stürz Dich, Uhu, Dein Schatten ist im Sand.
Du willst Dich bohren, fleischlich,
in Deinen dicken Schatten. Dort ist er,
im Fettmark.
Häng Dich nicht am Pendel auf
das kratzt die Essigmutter.

(Übersetzung: Léonce W. Lupette)

*

Hack ab: Essigs Mutter

Hack ab: Essigs Mutter.
Scheiben, Schnitter, schneide, Käuzlein klein.
Uhu Du, vom Stamm bis hin zum Schrank
soll Dein Pendel übern Boden schrammen.
Ans übergroße Holz, horizontal,
schramme, kleiner Kauz, auf seiner Höh.
In den Regen häng Dein Pendel,
Uhu: schramm, Du Käuzchen, Sammelwerk,
Sirup überm Felsen, der bedeckt ist
von Medusen, die das Pendel wirren.
Schramm ab den Sand, der gestern ins Getriebe
des Pendels kam: schneids, Käuzlein klein,
hacke das Öl aus dem Mark.
Das Pendel schramme auch die Essigmutter.
Wirf Dich zu Boden, Uhu, Sand Dein Schatten.
Leibhaftig zu rammen begehr
Deinen fetten Schatten. Schau, da ist er,
tief drin im Mark des Öls.
Nein, häng Dich nicht am Pendel auf,
das schrammt: Essigs Mutter.

(Übersetzung: Christian Filips)

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12 Kommentare zu „Polylog zur Essigmutter. Lezama Lima I

  1. Dünne scheiben essigchips ess´ ich jetzt mit andärm mund.

    (Kommentarintelligenzzäsur zum ersten August des Lehms« = 2.
    widergefundene [sic!] Stelle« 2.8.2011)

    1. Ojeeh, erwischt! Und der Rest ist von Hölderlin seinem Oppa abgekupfert, der´s von Goethe seinem Nennonkel hat; geb ich lieber gleich zu.

      Sehr beeindruckt von Ihrer Kommentarin+elligänz usw.

      Glück auf!

  2. Meine Dame, meine Herren, zur Frage der Kommentar-Intelligenz: Léonce W. Lupette, ohne den ich mich an meiner eigenen Übersetzung nicht versucht hätte, schrieb mir, dieses Gedicht gleiche einer Beschwörungsformel, einer „Propfung“ von „cubanischer Fauna, Volksglauben, antiker und christlicher Mythologie.“ Man muss hier ja nun wirklich nicht kommentieren. Es steht schließlich alles da. Aber wenn schon kommentiert und dabei auch noch diffamiert, gerauft und Intelligenz eingefordert wird, warum dann nicht auf die Wirkungsmechanismen und allegorischen Strukturen des Textes selbst eingehen, jenseits der bloßen Affektäußerung?

    Kollege Lupette hat dazu einige Anregungen gemacht, die ich nicht vorenthalten möchte. Ich zitiere aus seiner Mail vom 30. Juli: „Sijú: das ist der im Spanischen/auf Cuba geläufige Name des Cuba-Sperlingskauzes (lat. Glaucidium siju). […] Im Alten Testament gilt der Uhu als unreiner Vogel, der nicht verspeist werden darf. [..] Die Eule ist auch in anderer Hinsicht der Tod: im (südamerikanischen) Volksglauben sind Eulen Überbringer der Todesnachricht – Pfeift/Singt Dir das Käuzchen, heißt es, jemand in Deinem Umkreis wird sterben. Bei Lezama kippt dieses Bild: Die Verkünderin des nahenden Todes will sich nun selbst umbringen, durchbohren, aufhängen (am Pendel). Auch gibt es ein Bild von Manet: „Toter Uhu“. Kopfüber, wie er im Gedicht sich durchbohren will, hängt er auf dem Gemälde tot an der Holzwand (http://de.wikipedia.org/wiki/Toter_Uhu).“

    Und ich schrieb zurück, am Tag danach: „Erst jetzt ahne ich, dass das Gedicht die Zeit selbst aufzuheben versucht. Aus der Zeit des Pendels, des Uhus nämlich Heilszeit, d.h. ewige Zeit zu machen. Der Tod, der sich selbst aufhebt; die Todeseule, die sich selbst durchbohrt. „Essigmutter“ ist ja im Wortsinn auch die Substanz, die auf dem Wein entsteht, wenn man ihn zu lange offen lässt. Nicht in die Ewigkeit überführt. Hebt das Gedicht also die Fäulnis der Zeit von Christus, dem Weingott ab? Die Essigmutter Maria wäre somit seine irdisch gärende, aufzuhebende, weil nicht ewige Herkunft?“

    Und Kollege Ames verweist seinerseits in einer Nachricht vom 2. August angesichts meiner Übersetzung der Verse 3/4 voller Begeisterung auf „The Wicker Man, den Film, mit dem dollen Lied über den Kuckuck von R. Burns zu Christen[Kretin]verbrennung“.

    Hic Rhodus, hic salta! Hihi! – Nun lassen wir die wendige Intelligenz doch bitte auch mal funkeln. Statt sie immer nur vorzugaukeln. Das hier ist, anständig kommentiert, doch erst der Anfang.

    1. Gefahr laufend, einmal mehr als matter Funkler im Halbdunkel dazustehen, halte ich fest: Kommentare haben ausser Parallel- oder Parakommentaren kein Sujet.
      Mit der einen, superheiklen Ausnahme: dass jeder Primärtext in gewisser Hinsicht Kommentarcharakter hat.
      Darüber (über obige 2 Behauptungen) ein anständiges Gespräch zu führen, würde, glaube ich im Moment, mich vielleicht doch ziemlich interessieren. Aber es muss nicht sein.

      1. Nun muss ich aber auch mal heftig mit den Augen flunkern und fragen, weil Sie den Begriff zum wiederholten Mal ex negativo verwenden: was verstehen Sie denn nur unter „Sujet“? Der Kommentar selbst scheint Ihnen eines zu sein.

  3. Tolle, schöne Frage, man müsste vielleicht den Begriff Sujet (od. Motiv etc.) tatsächlich vergessen.
    Eins scheint mir evident: Sujet = Sprache
    (oder Ausüben von ‚Sprache‘ als Darstellung/Bluff ihrer selbst)
    geht nicht. Nicht mehr.
    Es ist nur so eine Art Gefühl, ich kann’s nicht belegen.
    Ich könnte es, wenn’s sein müsste.

    1. Sorry, bin vorhin wahrscheinlich zu rasch in Fundamentales verrutscht.
      Mein Vorschlag: Wir reden weiter über den Begriff Kommentar. Da könnte, meine ich, etliches die Netzliteratur generell Betreffendes herausgearbeitet werden. Eben z. B. in der Frage nach einem „Qualitätsunterschied“ zwischen lit. Webofferten und deren Kommentaren. Diese Diskussion gibt es meines Wissens noch nicht.
      Sie ist auch gar nicht notwendig; Frage.
      Herzlich, Ihr B. S.

      1. oder vielmehr ist sie, wenn ich mich kurz einklinken darf (denn: heißa, hier gehts ja heiß her, die Herren), nicht allgemein zu führen: hängt sie doch in jedem Fall von der jeweiligen Offerte und vom jeweiligen Kommentar und Kommentarkommentar ab, mit erheblichen qualitativen Abweichungen auf beiden Gebieten.
        Also zurück zum Primärtext? Wenn jeder Primärtext Kommentar ist, ist jeder Kommentar auch Primärtext, sofern jede sprachliche Äußerung Kommentarcharakter hat und kommentarbedürftig ist.
        Wie lässt sich da differenzieren? Und was ist mit den abschweifenden Kommentaren, die jenseits des Kommentierten ganz andres sommentieren, sagen, fragen, setzen? Da kriegt ein Neues das Primat. Oder anders gefragt: wo steht Lezama Limas Kommentar zu alledem?

  4. Oder: ein Rezept für eine sehr gute Vinaigrette. Die ja auch sehr lang geschlagen werden muss. Ungeduldige sind da im Nachteil. Oder wie man mir erklärte, dass der Essigschwamm der dem Gekreuzigten gereicht worden ist, keine Gemeinheit gewesen sei, sondern eine Erfrischung. Und der Himbeeressig, der selbstgemacht in der Hofenfelsstraße in Flaschen im Keller stand. Und der sommers sehr viel Arbeit war. Ihn so zu machen, dass er hielt, über den Winter. Man verdünnte ihn mit Wasser, dann konnte man ihn trinken. Gut.

  5. Oder: Der Doktorenhof.

    Schärfen Sie Ihre Sinne beim kerzenbeleuchteten Essigkellerrundgang und lassen Sie sich bei der anschließenden Essigverkostung verführen. Planen Sie gute 90 Minuten ein.

    Mit besten Grüßen
    Ihre Service-Redaktion

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