A Poem A Day – Andreas Reimann

Zärtliches messer

Leiblos wär leidlos: das bild ists im spiegel, der wind
ists, der vergebne. Was treibt denn auf bitterem bier
billig verlockend das blühen holunders? Der satz,
ist er geschrieben, so wird er gewußt sein. Und doch
sollen zwei schultern, zwei ruhrunde tauben aus schnee,
einwohnen sanft sich ins fingergeflochtene nest,
soll, der den mund mir mit süße versiegelt, der kuß,
öffnen die stimme, soll heil sein, wenn sonst nichts als nichts,
zwischen den schenkeln des fleisches verkündende kirche:
leiblos wär leidlos. Und ehe mir alles mißlingt,
lob ich die leiden. O frieden verzweiflung in mir!

Aus: Andreas Reimann, Die Weisheit des Fleischs 
Mitteldeutscher Verlag 1975 

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4 Gedanken zu “A Poem A Day – Andreas Reimann

  1. bruno steiger says:

    – ein weiterer beleg dafür, dass die grenze zwischen unechtem und wahrem stuss noch immer unausgeschritten ist.

  2. cantus firmus says:

    Dürfte ich Sie bitten, lieber, sehr geschätzter Herr Steiger, diese Grenze ein klein wenig auszuschreiten? Was wohl war der erste Beleg? Worauf spielen Sie an? Und was sind die Kriterien des Stusses, zwischen Unecht und Wahr? (Der Stuss-Affekt neigt ja zur Totalität. Auch der Ihre, will mir scheinen). Das würde mich wirklich interessieren. Zumal ich derzeit offenbar nur existenziell identifikatorisch zu lesen in der Lage bin. Und ein Reimann wie dieser, der mir vor einem halben Jahr vermutlich rein gar nichts gesagt hätte (gedrechselter Rilke-Ton), mir plötzlich ganz großartig erscheint: als formale Bewältigung eines Stuss-Affekts nämlich: das Leiden zu loben. Sehr herzlich grüßend, Ihr Christian Filips

  3. bruno steiger says:

    Lieber Christian Filips
    Ihre so rasche Replik auf meine kleinen Seitenhiebe hat mich gefreut.
    Vielleicht können wir hier tatsächlich so etwas wie eine „Intelligenz des Kommentars“ etablieren im roughblog. Gab’s ja bisher fast nicht.
    Sie haben viele Fragen gestellt; es sieht bei mir so aus, als hätte ich Lust, bald mal auf einige davon einzugehen. Im Augenblick geht das nicht, Sonnenuntergang, der Kühlschrank leer.
    Einigermassen evident scheint mir, dass eine „formale Bewältigung“ von was auch immer schlichtweg NICHTS mit dem zu tun hat, was als „Sujet“ von Poesie durchgehen könnte.
    Herzlich, Ihr Bruno Steiger

    1. cantus firmus says:

      Schöne Verheißung! Daß gefüllte Kühlschränke und volle Sonnenuntergänge uns alsbald zur Seite stehen. Natürlich ist die „formale Bewältigung“ ein Popanz, Sie haben recht. Ich war es offenbar, der hier etwas zu bewältigen hatte: meine Affektsteuerung, nicht die des Textes. Nur scheint mir die Frage nach dessen durchgehendem „Sujet“ auch noch keine Lösung. Vermittelnde Formel: Die Form als Sujet? Gerade darin scheint Reimann mir ein ganz gewiefter Stratege. Ich bin jedenfalls gespannt. Ihr CF

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