Richtigstellung

Ich habe Anlass, Behauptungen, die heute in einem Artikel in der FAZ über die roughbooks aufgestellt werden, mit korrekten Angaben entgegenzutreten. Es geht um folgenden Passus des Artikels:

„Problematische Situation im Buchhandel

Dass diese fortschreitende Konzentrierung und Separierung eine fortschreitende Marginalisierung der Lyrik bedeutet, liegt auf der Hand. Wie finanziell schwierig bis unmöglich es für kleine Verlage ist, mit ihren Titeln im Buchhandel, geschweige denn bei den großen Ketten zu landen, ist ein leidiges altes Lied, das man dennoch nicht oft genug anstimmen kann.

Eine extreme Konsequenz aus dieser problematischen Situation im Buchhandel hat Urs Engeler, einer der profiliertesten Lyrik-Verleger, gezogen. Nachdem sich der Investor aus seinem Verlag Urs Engeler Editor vor zwei Jahren zurückgezogen hat, hat Engeler das Label roughbooks gegründet, das die Verbindungen zum Buchhandel radikal und fast vollständig gekappt hat. Nach wie vor verlegt Engeler etwa mit Elke Erb oder dem jungen Konstantin Ames hochkarätige Lyrik.

Bestellen kann man die Bände allerdings nur auf seiner Internetseite. So spart Engeler sich zwar die für kleine Verlage schwer zu finanzierende Infrastruktur der konventionellen Vertriebswege. Gerade einmal fünfundzwanzig Exemplare müssen von einem roughbooks-Titel verkauft werden, so ist Engelers Rechnung, dann hat er seine Produktionskosten eingefahren. Das sind Zahlen, von denen andere Kleinverlage nur träumen können. „Mehr als zweihundert oder dreihundert Exemplare verkauft man von einem Band nur sehr schwer“, sagt etwa die kookbooks-Verlegerin Daniela Seel, die gerade ihren ersten eigenen Lyrikband veröffentlicht hat. „Und selbst mit dieser Menge sind die Kosten noch nicht gedeckt.“

Produktiver Unfriede

Diese Zahlen belegen, was das Fatale an Engelers Rechnung ist. Fünfundzwanzig Exemplare! Und seien es hundert – auch wer mathematisch wenig beschlagen ist, wird sehen, wie sich das Ganze asymptotisch der Null annähert. Konzepte wie roughbooks arbeiten unweigerlich daran mit, dass der Kreis der Lyrik-Leser sich künftig noch viel stärker als ohnedies auf Experten beschränken wird. Sosehr man den Überdruss an der Selbstausbeutung und das Aufgeriebensein von Verlegern wie Engeler verstehen kann, so erhofft man sich doch gerade von ihnen, dass sie nicht selbst noch die Konzentration und Separierung des Marktes und damit die eigene Marginalisierung vorantreiben.“

Soweit Wiebke Porombka.

Aber:

Es geht um die Rechnung, die hinter der Produktion von roughbooks steht, und um ihre Konsequenzen. Diese Rechnung geht so: Die Druckkosten eines einzelnen Exemplars der Roughbooks entsprechen einem Viertel seines Verkaufspreises. Diese Rechnung gilt unabhängig von der Auflagenhöhe. Das bedeutet: Verkaufe ich einen Viertel der gesamten Auflage, dann sind die Druckkosten der gesamten Auflage gedeckt. Begonnen habe ich mit einer Auflage von 200 Exemplaren (ich hatte ja Vergleichszahlen aus meiner Zeit mit dem Buchhandel: 200 Expl, ist für Gedichte eine bereits anständige Auflage; bei einem Erstling, und bei dem ersten roughbook unter neuen Bedingungen ging es um einen Fast-Erstling, nämlich um Christian Filips‘  Heiße Fusionen, bei einem Erstling, einem noch völlig unbekannten Autor also, ist der Vorverkauf im Buchhandel über Verlagsvertreter bei Null (0) Exemplaren – soviel zu den Erwartungen, mit denen ein Lyrikverleger rechnen muss). 200 Exemplare, das bedeutet, ich muss 50 verkaufen, um diese 200 Exemplare zu finanzieren. Bei den „Heißen Fusionen“ waren die 50 Exemplare nach wenigen Tagen verkauft, die gesamte Auflage nach wenigen Monaten (und ich spreche hier wirklich von 200 verkauften Exemplaren: Freiexemplare gibt es im Roughmodell nicht mehr). Das war vor einem Jahr. Ich hatte also Anlass, meine durch den bisherigen Buchhandel stark gedämpften Erwartungen wieder heraufzuschrauben. Die nächste Drehung waren 300 Exemplare, und auch die waren schnell vergriffen, so dass ich im Moment bei einer Startauflage von 400 Exemplaren bin. Und die Rechnung bleibt die gleiche: 100 Exemplare finanzieren die Gesamtauflage von 400 Exemplaren. Diese Rechnung garantiert, dass ein Roughbook den „Endverbraucher“ günstig zu stehen kommt. Und das garantiert, dass mehr Bücher gekauft werden, dass die Auflage steigt.

Es ist also völliger Unsinn, es ist üble Nachrede zu behaupten, ich arbeite an der Marginalisierung der Lyrik. Das Modell der Roughbooks hilft, die Situation des „Lyrikmarktes“ zu verbessern. Dass dieser Markt aber ein echter, lebendiger und bunter Marktplatz ist, das ist den vielen Autorinnen und Autoren, Leserinnen und Lesern, Produzentinnen und Produzenten zu danken, die zu einem grandiosen Reichtum an guter Literatur beitragen.

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7 Gedanken zu “Richtigstellung

  1. Susaschu sagt:

    Wichtige Anmerkung: Der Autor der FAZ hat aus dem einen Viertel (=25%) der Auflage, die die Druckkosten wieder hereinholt, 25 Exemplare gemacht, was in diesem Zusammenhang einfach falsch ist. Diese Ausssage muss korrigiert werden!

  2. Reiner Schwebke sagt:

    Frau Porombka meint aber nicht, dass Sie an der Marginalisierung mitarbeiten – das glaube, das lese ich nicht so, Sie sind mit Ihrem Geschäftsmodell doch vielleicht auch nur Symptom? Sie schreiben selbst, dass Sie langsam wieder Ihre Erwartungen hochschrauben mussten. 200, 300, 400 Exemplare, neue Schränke müssen gekauft werden, damit wieder alles Platz hat… Die Erwartungen aller Lyriker sind hoch, sie wollen gelesen werden und glauben offensichtlich, dass es mehr als dreihundert, vierhundert Menschen da draußen gibt, die ein Buch lesen. Das ändert sich nicht. Das bringt das Genre ja auch mit sich, diese Bestimmtheit, Überzeugung, dieser Vorsatz. Nur läuft sie im aktuellen Umbruch und bei jedem weiteren wahrscheinlich auch an so einigen Ecken ins Leere…

    Also, ich bin fest überzeugt, dass Frau Porombka gerne auch mit Ihnen zusammen gegen die Marginalisierung antreten möchte (tut sie das nicht schon mit dem Artikel, der mal wieder ein „Update“ darstellt?). Gegen Ende des Artikels nochmal relativiert sie ja das Statement in Verbindung mit roughbooks selbst, als weitere neue Wege aufgezeigt werden, wie man auf Lyrik besser aufmerksam macht. Die Krise des Buchhandels insgesamt (was soll ich jetzt lesen? wo wird mir das vorgeschlagen? wo kann ich mir selbst neue bücher und autoren suchen? und warum überhaupt? ach ja…) schlägt sich auf die Lyrik doppelt nieder. Das heißt natürlich nicht, dass der „Kampf“ aussichtslos bleiben muss, ganz im Gegenteil. Mehr Sichtbarkeit fordere ich sehr gerne. Auf meinen Schirm tauchen immer neue Möglichkeiten auf, mich für Lyrik zu interessieren. Auf dieses Blog von Ihnen hat mich Frau Seel per Facebook aufmerksam gemacht. Frau Porombkas Artikel wäre auch an mir vorbeigegangen, wenn sie mir da nicht mit dem Fingerzeig geholfen hätte (man muss dazu wissen, dass Frau Porombka und ich Arbeitskollegen sind, die sich so einmal im Monat sehen)…

    Also, ich glaube, die „Szene“ emanzipiert sich sozusagen von der althergebrachten Infrastruktur, und das stellt Frau Porombka letztlich doch ganz schön heraus. Die neuen Wege sind doch schon eingezeichnet. Mehr Übersicht, Datenbanken müssen her, öffentliche Förderung, breiter gefächertes Interesse… Bis ich mein erstes Buch zusammenschreibe zur Herausgabe (ich schätze so in fünf Jahren kriege ich das vielleicht hin, vielleicht später, damit es gut wird), hat sich die Lyrik vielleicht schon gesund gestoßen, multimedial, vernetzt – wie auch immer: anders gut halt.

    Besten Gruß!
    Reiner Schwebke

      1. Reiner Schwebke sagt:

        Ja, nee, so war das nicht gemeint. Dass LyrikerInnen generell auch anders leiden, ist mir klar. Das hat nichts mit Gesundheit, Konto oder Kugelstoßen zu tun. LyrikerInnen sind ungeheuer unnahbare Menschen, die Kunst selbst liegt weder in den Wehen noch im Sterben, geht nicht an Krücken oder Krankenhausgeländern, ich will den Satz so ja gar nicht mehr gesagt haben.

        Jetzt ist die Lyrik anders als alles andere, in fünf Jahren wird sie noch viel mehr anders sein.

        Beste Grüße
        Reiner

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