Der unter höchstem Oberbefehl – Andrea Zanzotto

(…)

II.

Unverständliche Liebe wie
wirklich die Hügel unverständlich sind
Es ist nicht verständlich daß so viel Liebe
offen
gezeigt wird
und zugleich vorgetäuscht ist, vielleicht sogar
                          unerreichbar

                          Beharrliche Reihung von Unerreichbarkeit
                          und doch schmeichelndes
                          fließendes Tuch über
                          dem großen Riß dem Irrsinn der Ungebräuchlichkeit
                          Hügel voll Lebensgefahr
                                            aus                               ruhig
                                            aus                               überstürzter Hilfe
                                                                                                zwischen himmlischen Höhen
                                            aus                               fehlender Sorge um sich –
                                            von Bestimmung zu Bestimmung
                                            „sie wird im Weg stehen“        „aus dem Blick gehen“

Aus: Andrea Zanzotto, Lichtbrechung, Droschl
Übersetzung: Capaldi / Paulmichl / Waterhouse

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Stephan Broser: Flugsand um die Sphinx. Freud mit Freud zu lesen

Dieses Buch ist kein historischer Abriss der Psychoanalyse, es will keine Biographie ihres Begründers geben – ebensowenig wie eine Geschichte der Ideen Freuds und seiner Nachfolge. Mit einem Wort, man erwarte keine gelehrte Monographie. Hier treffen wir auf die Welt der Märchenerzählungen. Das Wunderbare liegt verstreut in den kanonischen Texten von Freud, überrascht und freigelegt von der Feenfeder des Autor-Lesers. Die Erzählung von Stephan Broser führt uns in ein Wonderland, wo nichts sich von selbst versteht, wo es an jeder Kehre des Textes aufzumerken gilt – und innezuhalten an allen Ecken und Enden der Begrifflichkeit. Das vorliegende Buch stellt das Freudsche Textgefüge vor dessen eigene implizite Fragen. Welche Bewandtnis hat es mit der Kastration, mit dem Ödipuskomplex und seinem Zerschellen – sobald man diese in Berührung bringt mit der Erzählung ihrer eigenen Metaphern – und sobald man mehr als nur eine Sphinx in Betracht zieht. Wir nehmen also an einer generellen Problematisierung des Freudschen Feldes teil. Es handelt sich um eine textuelle Bahnung, die auf einer genauen Entdeckung beruht, wie sie der Autor bis in ihre Verästelungen nachzeichnet. Scheinbar unerhebliche Details – wie etwa ein Wortfragment – gehen auf die Reise, um unterwegs andere Buchstaben und Texte, andere Briefe und Dokumente zu treffen. In einem Wonderland, wo sich das Unterste zuoberst kehrt, lädt ein Schrank, ein Schrein dazu ein, ins Gespräch zu kommen mit dem grundlegenden Begriff der Freudschen Theorie, der Kastration. Das Schatzkästlein verführt durch die Schätze, die es birgt. Stephan Broser lässt uns durch Freuds dunkles Zimmer hindurch einen Blick werfen auf Rätselfragen, die bislang keine Sphinx gestellt hat. Die systematische Verschattung dessen, was fraglos klar und unbestreitbar schien, stellt die Psychoanalyse selber als Rätsel der Aufmerksamkeit und der weiteren Deutungsarbeit des Lesers anheim. Gibt es eine Verwandtschaft zwischen Stephan Brosers Stil einer suspendierenden Befragung und den Texten von Freud? Sollte der Freudsche Corpus abgeschnitten sein von einem Ort, der für Freud unzugänglich blieb? Der Bahn solcher Fragen zu folgen, dies wäre ein möglicher Beitrag, einer unter vielen anderen, zu den kritischen Erzählungen aus der Feder von Stephan Broser. (Maria Torok, Paris, Juli 1985)

roughbook 009, herausgegeben von Werner Hamacher

132 Seiten, Euro 9,40 / sFr. 13.- 

A Poem A Day – Romina Voigt

10-Cent-Run, Mthatha-Man!
Oder: Wenn du nachts im Distrikt
O. R. Tambo zum Tanken hältst
und das Glück auf deiner Seite ist

Die Dunkelheit, Mthatha-Man
rennt aus der Dunkelheit,
die dunkle Haut, Mthatha-Man,
wir sehen dich zu spät.

Mthatha-Man mit Gummilippe,
Scheibenwischer hochgeklappt,
Wasser, Lappen, Gummilippe,
Mthatha-Man mit Lederjacke
putzt die Scheibe blank.

Zehn Cent für dich, Mthatha-Man,
fünf Cent und nochmal fünf,
Wechselgeld, Mthatha-Man,
just change for you tonight.

Mthatha-Man, ten cent in hand,
rennt zum Automaten hin,
die Hand am Schlitz, gezielt, gedrückt:
– kein Plüschtierglück, Mthatha-Man,
no luck for you tonight.

Mthatha-Man, no change at hand,
rennt in die Dunkelheit,
wir winken nicht, Mthatha-Man,
und denken nur bye bye.

*
Romina Voigt, 1985 in Suhl geboren, lebt derzeit in Jena. Zum Tanken, gedanklich, fährt sie jedoch ins Distrikt. Auf ihr Gedicht bin ich bei einem Seminar des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen gestoßen. Mit zweifachem Dank an die Autorin: für den Text und die Erlaubnis, ihn zu bringen, hier.  (CF)

Richtigstellung

Ich habe Anlass, Behauptungen, die heute in einem Artikel in der FAZ über die roughbooks aufgestellt werden, mit korrekten Angaben entgegenzutreten. Es geht um folgenden Passus des Artikels:

„Problematische Situation im Buchhandel

Dass diese fortschreitende Konzentrierung und Separierung eine fortschreitende Marginalisierung der Lyrik bedeutet, liegt auf der Hand. Wie finanziell schwierig bis unmöglich es für kleine Verlage ist, mit ihren Titeln im Buchhandel, geschweige denn bei den großen Ketten zu landen, ist ein leidiges altes Lied, das man dennoch nicht oft genug anstimmen kann.

Eine extreme Konsequenz aus dieser problematischen Situation im Buchhandel hat Urs Engeler, einer der profiliertesten Lyrik-Verleger, gezogen. Nachdem sich der Investor aus seinem Verlag Urs Engeler Editor vor zwei Jahren zurückgezogen hat, hat Engeler das Label roughbooks gegründet, das die Verbindungen zum Buchhandel radikal und fast vollständig gekappt hat. Nach wie vor verlegt Engeler etwa mit Elke Erb oder dem jungen Konstantin Ames hochkarätige Lyrik.

Bestellen kann man die Bände allerdings nur auf seiner Internetseite. So spart Engeler sich zwar die für kleine Verlage schwer zu finanzierende Infrastruktur der konventionellen Vertriebswege. Gerade einmal fünfundzwanzig Exemplare müssen von einem roughbooks-Titel verkauft werden, so ist Engelers Rechnung, dann hat er seine Produktionskosten eingefahren. Das sind Zahlen, von denen andere Kleinverlage nur träumen können. „Mehr als zweihundert oder dreihundert Exemplare verkauft man von einem Band nur sehr schwer“, sagt etwa die kookbooks-Verlegerin Daniela Seel, die gerade ihren ersten eigenen Lyrikband veröffentlicht hat. „Und selbst mit dieser Menge sind die Kosten noch nicht gedeckt.“

Produktiver Unfriede

Diese Zahlen belegen, was das Fatale an Engelers Rechnung ist. Fünfundzwanzig Exemplare! Und seien es hundert – auch wer mathematisch wenig beschlagen ist, wird sehen, wie sich das Ganze asymptotisch der Null annähert. Konzepte wie roughbooks arbeiten unweigerlich daran mit, dass der Kreis der Lyrik-Leser sich künftig noch viel stärker als ohnedies auf Experten beschränken wird. Sosehr man den Überdruss an der Selbstausbeutung und das Aufgeriebensein von Verlegern wie Engeler verstehen kann, so erhofft man sich doch gerade von ihnen, dass sie nicht selbst noch die Konzentration und Separierung des Marktes und damit die eigene Marginalisierung vorantreiben.“

Soweit Wiebke Porombka.

Aber:

Es geht um die Rechnung, die hinter der Produktion von roughbooks steht, und um ihre Konsequenzen. Diese Rechnung geht so: Die Druckkosten eines einzelnen Exemplars der Roughbooks entsprechen einem Viertel seines Verkaufspreises. Diese Rechnung gilt unabhängig von der Auflagenhöhe. Das bedeutet: Verkaufe ich einen Viertel der gesamten Auflage, dann sind die Druckkosten der gesamten Auflage gedeckt. Begonnen habe ich mit einer Auflage von 200 Exemplaren (ich hatte ja Vergleichszahlen aus meiner Zeit mit dem Buchhandel: 200 Expl, ist für Gedichte eine bereits anständige Auflage; bei einem Erstling, und bei dem ersten roughbook unter neuen Bedingungen ging es um einen Fast-Erstling, nämlich um Christian Filips‘  Heiße Fusionen, bei einem Erstling, einem noch völlig unbekannten Autor also, ist der Vorverkauf im Buchhandel über Verlagsvertreter bei Null (0) Exemplaren – soviel zu den Erwartungen, mit denen ein Lyrikverleger rechnen muss). 200 Exemplare, das bedeutet, ich muss 50 verkaufen, um diese 200 Exemplare zu finanzieren. Bei den „Heißen Fusionen“ waren die 50 Exemplare nach wenigen Tagen verkauft, die gesamte Auflage nach wenigen Monaten (und ich spreche hier wirklich von 200 verkauften Exemplaren: Freiexemplare gibt es im Roughmodell nicht mehr). Das war vor einem Jahr. Ich hatte also Anlass, meine durch den bisherigen Buchhandel stark gedämpften Erwartungen wieder heraufzuschrauben. Die nächste Drehung waren 300 Exemplare, und auch die waren schnell vergriffen, so dass ich im Moment bei einer Startauflage von 400 Exemplaren bin. Und die Rechnung bleibt die gleiche: 100 Exemplare finanzieren die Gesamtauflage von 400 Exemplaren. Diese Rechnung garantiert, dass ein Roughbook den „Endverbraucher“ günstig zu stehen kommt. Und das garantiert, dass mehr Bücher gekauft werden, dass die Auflage steigt.

Es ist also völliger Unsinn, es ist üble Nachrede zu behaupten, ich arbeite an der Marginalisierung der Lyrik. Das Modell der Roughbooks hilft, die Situation des „Lyrikmarktes“ zu verbessern. Dass dieser Markt aber ein echter, lebendiger und bunter Marktplatz ist, das ist den vielen Autorinnen und Autoren, Leserinnen und Lesern, Produzentinnen und Produzenten zu danken, die zu einem grandiosen Reichtum an guter Literatur beitragen.

hintun, Schmähkritik

Frank Milautzcki hat auf fixpoetry einen Kommentar zu einem Gedicht von Konstantin Ames veröffentlicht, der selber zumindest an Ort und Stelle nicht wieder kommentiert werden kann. Wir wiederholen hier seinen Kommentar und laden zu weiteren Kommentaren ein:

Gedicht: [hintun]

Autor: Konstantin Ames

du wasserfilterverkäufliches
erzluder herz du tjreude
brei nichts als freibrei, hinta
meiner ohren augen nase mund

klopf mit dem kopf an / uuildu noh
poche den docht an / uuildu noh

bin nicht frei bei dir ich
sage kali messmersíl rollt sich
auf den wassern meiner augen.
meine nichts mit „ä“ drin.
aubergine. baum. schläfenschlaf

klopf mit dem kopf an / uuildu noh
poche den docht an / uuildu noh

schreitet deine zunge schritt-für-schritt-schrift
inge, schreitet in mich ein, vorher
schreibe „konstantinge“ auf meinen ohrentorbogen
wenn gefällig
beschlossen: »jugendliche dürfen nicht mehr
ins spermium« blechdosen!

klopftest mit dem kopf an / wolltest noch mehr
pochtest den docht an / wolltest noch, merde!

(hintun« 11.7.2009)

 

Frank Milautzcki, http://fixpoetry.com/feuilleton/fixative/1138.html

 

Unbekannte Trümpfe in der Hand

„du wasserflittchen du verkäufliches
herz du erz und teure
du brei bist frei und raus aus meiner
einer sinnen zinnen“

Zwei Minuten habe ich gebraucht, um in der Bastelstube von Konstantin Ames mitzumachen und einen Text zu erzeugen, der aus seinem hervorgeht und offensichtlich nicht den allerschlechtesten. Mit etwas poetologischem Basispomp kann man das, was mir hier ein paar Momente Spaß gemacht hat, auch zur großen Kunst erheben. Da sind Reime (die bei ihm versteckt sind – denn das Verstecken ist „die Kunst“), Assoziationen, die bei ihm da „hinta“ sind – all das kann man hervorholen, oder eben auch nicht.
Je nachdem, ob man mit dem Kopf anklopft und der Sesam öffnet sich. „uuildu noh“ schreibt er dann. Ich gestehe: Ich will nicht. Denn danach fragt der Satz: er stammt aus einem mittelalterlichen Gedicht-Bruchstück namens „Hirsch und Hinde“, es befindet sich in einer alten Handschrift in der Bibliotheque Royale in Brüssel – jedenfalls kann man das im Reallexikon der germanistischen Altertumskunde so nachlesen. Im Ernst: entlegenere Quellen kann man in einem Gedicht nicht zitieren. Unverstandener kann etwas nicht bleiben. Ames sammelt das, je rätselhafter, umso mehr Punkte für den Kandidaten bei der Überzeugungsarbeit ein echter Literat zu sein.

Aber von alleine ist er nicht drauf gekommen. Sein Gedicht datiert vom 11.07.2009 und genau einen Monat zuvor schickte Gregor Koall seine Lyrikmail Nr. 1996 (in der „Szene“ von allen abonniert), nämlich exakt am 10.06.2009, durch die Lande, darin präsentierte  Dr. Martin Schuhmann von der Universität Frankfurt/Main aus seiner Reihe „Texte aus mittelhochdeutscher und althochdeutscher Zeit in Original und Übersetzung“ folgende althochdeutsche anonyme Randnotiz namens „Hirsch und Hinde“:

hirez runeta hintun in daz ora „uuildu noh hinta?“   
will heißen:
Der Hirsch raunte der Hinde [= Hirschkuh] in das Ohr: „Willst du noch, Hinde?“

In dem Lyrikmail erklärt uns Dr. Martin Schumann das tatsächlich Bemerkenswerte an diesem Text („seit etwas mehr als 1000 Jahren raunt der Hirsch der Hinde ins Ohr und lädt ein, das Spiel von Tanz und Liebe noch einmal zu beginnen. Das mag banal sein, aber auch notwendig.“) und offensichtlich hat das Ames so beeindruckt, daß er das Bruchstück im Sinn behält und für sein eigenes Gedicht mehrfach benutzt, einmal „hinta“ und dann wieder extra das „uuildu noh“ und insgesamt geht es um Brunft.

Zu der „Hinde“ und dem „hinta“ gehört noch „hintun“. Der mehrdeutige Titel. Außerdem kann man den Docht auch noch hinten hintun. Zumindest im Kopf klopft das an. Denn spaßig ist das mit dem Docht. „Poche den Docht an!“ – vor dem Hintergrund, daß der Hirsch der Hinde ins Ohr raunt, ob sie vielleicht noch Lust habe, ist schnell der immer willige und schon steife Pimmel als eigentlicher Anfrager identifiziert, der das Erzluder bedrängt. „herz du trjeude“ – hier zitiert Ames google books, das die „Freude“, wenn sie in alten Werken in Fraktur gesetzt ist, oftmals als „Trjeude“ liest und so in den Ergebniszeilen liefert.

Das kann man dann in den Zusammenhang eines mittelalterlichen Gedichtes [hintun] – schon klar. Klonschar. Das Leben des Clochard ist aufm Klo wahr. So funktionierts. Wenn die Funken sprühen und die Nieren mitmachen. Man hält sich für intelligent und mit allem, was in einem so heraufzuckelt, spielt man Karten, bis der eine Trumpf gefunden ist, den keiner mehr aussticht. Schon gar nicht mit einem „a, bä oder sä“ drin. Hörz Öss. Hört ihr uns? Kunst is‘!

Zum Schluß klappts dann doch nicht – und wird alles zur französischen Fäkalie. Olala! Was kann der Mann eigentlich nicht? Er spricht mittelalterhochdeutsch (oder wie das heißt), googlebookisch, und jetzt auch noch französisch! Irre. So ein Tausendsassa! Und das alles ausm Handgelenk. Aus dem „wolltest noch mehr“ wird ein „wolltest noch, merde!“ – ich bin sprachlos – was steht bloß auf dem Ames sein Herd. Ich falle auf die Knie und denke Ames – Deutschland deine Dichter! Grandioser geht’s nichtmehr.

Ulf Stolterfoht erhält den Heimrad-Bäcker-Preise 2011

«Ulf Stolterfoht hat mit seinem bisherigen literarischen Werk der experimentellen Literatur einen neuen Weg gewiesen. Seine Bände „fachsprachen“ sind zugleich Summe, Fortschreibung und Neudefinition einer auf Montage und Sprachthematisierung setzenden Literatur. Stolterfohts Gedichte sind Forschungen am Bedeutungsprozess, sie führen vor, wie referenzfreie sprachliche Gebilde durch unausweichliche Kognitionsleistungen in Verstehen münden.» Die «fachsprachen»-Bände sind allesamt liefer- und bestellbar. Ulf Stolterfohts letztes Buch sind die Ammengespräche (roughbook 010)