Der unter höchstem Oberbefehl – Andrea Zanzotto

(…)

II.

Unverständliche Liebe wie
wirklich die Hügel unverständlich sind
Es ist nicht verständlich daß so viel Liebe
offen
gezeigt wird
und zugleich vorgetäuscht ist, vielleicht sogar
                          unerreichbar

                          Beharrliche Reihung von Unerreichbarkeit
                          und doch schmeichelndes
                          fließendes Tuch über
                          dem großen Riß dem Irrsinn der Ungebräuchlichkeit
                          Hügel voll Lebensgefahr
                                            aus                               ruhig
                                            aus                               überstürzter Hilfe
                                                                                                zwischen himmlischen Höhen
                                            aus                               fehlender Sorge um sich –
                                            von Bestimmung zu Bestimmung
                                            „sie wird im Weg stehen“        „aus dem Blick gehen“

Aus: Andrea Zanzotto, Lichtbrechung, Droschl
Übersetzung: Capaldi / Paulmichl / Waterhouse

Stephan Broser: Flugsand um die Sphinx. Freud mit Freud zu lesen

Dieses Buch ist kein historischer Abriss der Psychoanalyse, es will keine Biographie ihres Begründers geben – ebensowenig wie eine Geschichte der Ideen Freuds und seiner Nachfolge. Mit einem Wort, man erwarte keine gelehrte Monographie. Hier treffen wir auf die Welt der Märchenerzählungen. Das Wunderbare liegt verstreut in den kanonischen Texten von Freud, überrascht und freigelegt von der Feenfeder des Autor-Lesers. Die Erzählung von Stephan Broser führt uns in ein Wonderland, wo nichts sich von selbst versteht, wo es an jeder Kehre des Textes aufzumerken gilt – und innezuhalten an allen Ecken und Enden der Begrifflichkeit. Das vorliegende Buch stellt das Freudsche Textgefüge vor dessen eigene implizite Fragen. Welche Bewandtnis hat es mit der Kastration, mit dem Ödipuskomplex und seinem Zerschellen – sobald man diese in Berührung bringt mit der Erzählung ihrer eigenen Metaphern – und sobald man mehr als nur eine Sphinx in Betracht zieht. Wir nehmen also an einer generellen Problematisierung des Freudschen Feldes teil. Es handelt sich um eine textuelle Bahnung, die auf einer genauen Entdeckung beruht, wie sie der Autor bis in ihre Verästelungen nachzeichnet. Scheinbar unerhebliche Details – wie etwa ein Wortfragment – gehen auf die Reise, um unterwegs andere Buchstaben und Texte, andere Briefe und Dokumente zu treffen. In einem Wonderland, wo sich das Unterste zuoberst kehrt, lädt ein Schrank, ein Schrein dazu ein, ins Gespräch zu kommen mit dem grundlegenden Begriff der Freudschen Theorie, der Kastration. Das Schatzkästlein verführt durch die Schätze, die es birgt. Stephan Broser lässt uns durch Freuds dunkles Zimmer hindurch einen Blick werfen auf Rätselfragen, die bislang keine Sphinx gestellt hat. Die systematische Verschattung dessen, was fraglos klar und unbestreitbar schien, stellt die Psychoanalyse selber als Rätsel der Aufmerksamkeit und der weiteren Deutungsarbeit des Lesers anheim. Gibt es eine Verwandtschaft zwischen Stephan Brosers Stil einer suspendierenden Befragung und den Texten von Freud? Sollte der Freudsche Corpus abgeschnitten sein von einem Ort, der für Freud unzugänglich blieb? Der Bahn solcher Fragen zu folgen, dies wäre ein möglicher Beitrag, einer unter vielen anderen, zu den kritischen Erzählungen aus der Feder von Stephan Broser. (Maria Torok, Paris, Juli 1985)

roughbook 009, herausgegeben von Werner Hamacher

132 Seiten, Euro 9,40 / sFr. 13.- 

A Poem A Day – Romina Voigt

10-Cent-Run, Mthatha-Man!
Oder: Wenn du nachts im Distrikt
O. R. Tambo zum Tanken hältst
und das Glück auf deiner Seite ist

Die Dunkelheit, Mthatha-Man
rennt aus der Dunkelheit,
die dunkle Haut, Mthatha-Man,
wir sehen dich zu spät.

Mthatha-Man mit Gummilippe,
Scheibenwischer hochgeklappt,
Wasser, Lappen, Gummilippe,
Mthatha-Man mit Lederjacke
putzt die Scheibe blank.

Zehn Cent für dich, Mthatha-Man,
fünf Cent und nochmal fünf,
Wechselgeld, Mthatha-Man,
just change for you tonight.

Mthatha-Man, ten cent in hand,
rennt zum Automaten hin,
die Hand am Schlitz, gezielt, gedrückt:
– kein Plüschtierglück, Mthatha-Man,
no luck for you tonight.

Mthatha-Man, no change at hand,
rennt in die Dunkelheit,
wir winken nicht, Mthatha-Man,
und denken nur bye bye.

*
Romina Voigt, 1985 in Suhl geboren, lebt derzeit in Jena. Zum Tanken, gedanklich, fährt sie jedoch ins Distrikt. Auf ihr Gedicht bin ich bei einem Seminar des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen gestoßen. Mit zweifachem Dank an die Autorin: für den Text und die Erlaubnis, ihn zu bringen, hier.  (CF)

Richtigstellung

Ich habe Anlass, Behauptungen, die heute in einem Artikel in der FAZ über die roughbooks aufgestellt werden, mit korrekten Angaben entgegenzutreten. Es geht um folgenden Passus des Artikels:

„Problematische Situation im Buchhandel

Dass diese fortschreitende Konzentrierung und Separierung eine fortschreitende Marginalisierung der Lyrik bedeutet, liegt auf der Hand. Wie finanziell schwierig bis unmöglich es für kleine Verlage ist, mit ihren Titeln im Buchhandel, geschweige denn bei den großen Ketten zu landen, ist ein leidiges altes Lied, das man dennoch nicht oft genug anstimmen kann.

Eine extreme Konsequenz aus dieser problematischen Situation im Buchhandel hat Urs Engeler, einer der profiliertesten Lyrik-Verleger, gezogen. Nachdem sich der Investor aus seinem Verlag Urs Engeler Editor vor zwei Jahren zurückgezogen hat, hat Engeler das Label roughbooks gegründet, das die Verbindungen zum Buchhandel radikal und fast vollständig gekappt hat. Nach wie vor verlegt Engeler etwa mit Elke Erb oder dem jungen Konstantin Ames hochkarätige Lyrik.

Bestellen kann man die Bände allerdings nur auf seiner Internetseite. So spart Engeler sich zwar die für kleine Verlage schwer zu finanzierende Infrastruktur der konventionellen Vertriebswege. Gerade einmal fünfundzwanzig Exemplare müssen von einem roughbooks-Titel verkauft werden, so ist Engelers Rechnung, dann hat er seine Produktionskosten eingefahren. Das sind Zahlen, von denen andere Kleinverlage nur träumen können. „Mehr als zweihundert oder dreihundert Exemplare verkauft man von einem Band nur sehr schwer“, sagt etwa die kookbooks-Verlegerin Daniela Seel, die gerade ihren ersten eigenen Lyrikband veröffentlicht hat. „Und selbst mit dieser Menge sind die Kosten noch nicht gedeckt.“

Produktiver Unfriede

Diese Zahlen belegen, was das Fatale an Engelers Rechnung ist. Fünfundzwanzig Exemplare! Und seien es hundert – auch wer mathematisch wenig beschlagen ist, wird sehen, wie sich das Ganze asymptotisch der Null annähert. Konzepte wie roughbooks arbeiten unweigerlich daran mit, dass der Kreis der Lyrik-Leser sich künftig noch viel stärker als ohnedies auf Experten beschränken wird. Sosehr man den Überdruss an der Selbstausbeutung und das Aufgeriebensein von Verlegern wie Engeler verstehen kann, so erhofft man sich doch gerade von ihnen, dass sie nicht selbst noch die Konzentration und Separierung des Marktes und damit die eigene Marginalisierung vorantreiben.“

Soweit Wiebke Porombka.

Aber:

Es geht um die Rechnung, die hinter der Produktion von roughbooks steht, und um ihre Konsequenzen. Diese Rechnung geht so: Die Druckkosten eines einzelnen Exemplars der Roughbooks entsprechen einem Viertel seines Verkaufspreises. Diese Rechnung gilt unabhängig von der Auflagenhöhe. Das bedeutet: Verkaufe ich einen Viertel der gesamten Auflage, dann sind die Druckkosten der gesamten Auflage gedeckt. Begonnen habe ich mit einer Auflage von 200 Exemplaren (ich hatte ja Vergleichszahlen aus meiner Zeit mit dem Buchhandel: 200 Expl, ist für Gedichte eine bereits anständige Auflage; bei einem Erstling, und bei dem ersten roughbook unter neuen Bedingungen ging es um einen Fast-Erstling, nämlich um Christian Filips‘  Heiße Fusionen, bei einem Erstling, einem noch völlig unbekannten Autor also, ist der Vorverkauf im Buchhandel über Verlagsvertreter bei Null (0) Exemplaren – soviel zu den Erwartungen, mit denen ein Lyrikverleger rechnen muss). 200 Exemplare, das bedeutet, ich muss 50 verkaufen, um diese 200 Exemplare zu finanzieren. Bei den „Heißen Fusionen“ waren die 50 Exemplare nach wenigen Tagen verkauft, die gesamte Auflage nach wenigen Monaten (und ich spreche hier wirklich von 200 verkauften Exemplaren: Freiexemplare gibt es im Roughmodell nicht mehr). Das war vor einem Jahr. Ich hatte also Anlass, meine durch den bisherigen Buchhandel stark gedämpften Erwartungen wieder heraufzuschrauben. Die nächste Drehung waren 300 Exemplare, und auch die waren schnell vergriffen, so dass ich im Moment bei einer Startauflage von 400 Exemplaren bin. Und die Rechnung bleibt die gleiche: 100 Exemplare finanzieren die Gesamtauflage von 400 Exemplaren. Diese Rechnung garantiert, dass ein Roughbook den „Endverbraucher“ günstig zu stehen kommt. Und das garantiert, dass mehr Bücher gekauft werden, dass die Auflage steigt.

Es ist also völliger Unsinn, es ist üble Nachrede zu behaupten, ich arbeite an der Marginalisierung der Lyrik. Das Modell der Roughbooks hilft, die Situation des „Lyrikmarktes“ zu verbessern. Dass dieser Markt aber ein echter, lebendiger und bunter Marktplatz ist, das ist den vielen Autorinnen und Autoren, Leserinnen und Lesern, Produzentinnen und Produzenten zu danken, die zu einem grandiosen Reichtum an guter Literatur beitragen.

hintun, Schmähkritik

Frank Milautzcki hat auf fixpoetry einen Kommentar zu einem Gedicht von Konstantin Ames veröffentlicht, der selber zumindest an Ort und Stelle nicht wieder kommentiert werden kann. Wir wiederholen hier seinen Kommentar und laden zu weiteren Kommentaren ein:

Gedicht: [hintun]

Autor: Konstantin Ames

du wasserfilterverkäufliches
erzluder herz du tjreude
brei nichts als freibrei, hinta
meiner ohren augen nase mund

klopf mit dem kopf an / uuildu noh
poche den docht an / uuildu noh

bin nicht frei bei dir ich
sage kali messmersíl rollt sich
auf den wassern meiner augen.
meine nichts mit „ä“ drin.
aubergine. baum. schläfenschlaf

klopf mit dem kopf an / uuildu noh
poche den docht an / uuildu noh

schreitet deine zunge schritt-für-schritt-schrift
inge, schreitet in mich ein, vorher
schreibe „konstantinge“ auf meinen ohrentorbogen
wenn gefällig
beschlossen: »jugendliche dürfen nicht mehr
ins spermium« blechdosen!

klopftest mit dem kopf an / wolltest noch mehr
pochtest den docht an / wolltest noch, merde!

(hintun« 11.7.2009)

 

Frank Milautzcki, http://fixpoetry.com/feuilleton/fixative/1138.html

 

Unbekannte Trümpfe in der Hand

„du wasserflittchen du verkäufliches
herz du erz und teure
du brei bist frei und raus aus meiner
einer sinnen zinnen“

Zwei Minuten habe ich gebraucht, um in der Bastelstube von Konstantin Ames mitzumachen und einen Text zu erzeugen, der aus seinem hervorgeht und offensichtlich nicht den allerschlechtesten. Mit etwas poetologischem Basispomp kann man das, was mir hier ein paar Momente Spaß gemacht hat, auch zur großen Kunst erheben. Da sind Reime (die bei ihm versteckt sind – denn das Verstecken ist „die Kunst“), Assoziationen, die bei ihm da „hinta“ sind – all das kann man hervorholen, oder eben auch nicht.
Je nachdem, ob man mit dem Kopf anklopft und der Sesam öffnet sich. „uuildu noh“ schreibt er dann. Ich gestehe: Ich will nicht. Denn danach fragt der Satz: er stammt aus einem mittelalterlichen Gedicht-Bruchstück namens „Hirsch und Hinde“, es befindet sich in einer alten Handschrift in der Bibliotheque Royale in Brüssel – jedenfalls kann man das im Reallexikon der germanistischen Altertumskunde so nachlesen. Im Ernst: entlegenere Quellen kann man in einem Gedicht nicht zitieren. Unverstandener kann etwas nicht bleiben. Ames sammelt das, je rätselhafter, umso mehr Punkte für den Kandidaten bei der Überzeugungsarbeit ein echter Literat zu sein.

Aber von alleine ist er nicht drauf gekommen. Sein Gedicht datiert vom 11.07.2009 und genau einen Monat zuvor schickte Gregor Koall seine Lyrikmail Nr. 1996 (in der „Szene“ von allen abonniert), nämlich exakt am 10.06.2009, durch die Lande, darin präsentierte  Dr. Martin Schuhmann von der Universität Frankfurt/Main aus seiner Reihe „Texte aus mittelhochdeutscher und althochdeutscher Zeit in Original und Übersetzung“ folgende althochdeutsche anonyme Randnotiz namens „Hirsch und Hinde“:

hirez runeta hintun in daz ora „uuildu noh hinta?“   
will heißen:
Der Hirsch raunte der Hinde [= Hirschkuh] in das Ohr: „Willst du noch, Hinde?“

In dem Lyrikmail erklärt uns Dr. Martin Schumann das tatsächlich Bemerkenswerte an diesem Text („seit etwas mehr als 1000 Jahren raunt der Hirsch der Hinde ins Ohr und lädt ein, das Spiel von Tanz und Liebe noch einmal zu beginnen. Das mag banal sein, aber auch notwendig.“) und offensichtlich hat das Ames so beeindruckt, daß er das Bruchstück im Sinn behält und für sein eigenes Gedicht mehrfach benutzt, einmal „hinta“ und dann wieder extra das „uuildu noh“ und insgesamt geht es um Brunft.

Zu der „Hinde“ und dem „hinta“ gehört noch „hintun“. Der mehrdeutige Titel. Außerdem kann man den Docht auch noch hinten hintun. Zumindest im Kopf klopft das an. Denn spaßig ist das mit dem Docht. „Poche den Docht an!“ – vor dem Hintergrund, daß der Hirsch der Hinde ins Ohr raunt, ob sie vielleicht noch Lust habe, ist schnell der immer willige und schon steife Pimmel als eigentlicher Anfrager identifiziert, der das Erzluder bedrängt. „herz du trjeude“ – hier zitiert Ames google books, das die „Freude“, wenn sie in alten Werken in Fraktur gesetzt ist, oftmals als „Trjeude“ liest und so in den Ergebniszeilen liefert.

Das kann man dann in den Zusammenhang eines mittelalterlichen Gedichtes [hintun] – schon klar. Klonschar. Das Leben des Clochard ist aufm Klo wahr. So funktionierts. Wenn die Funken sprühen und die Nieren mitmachen. Man hält sich für intelligent und mit allem, was in einem so heraufzuckelt, spielt man Karten, bis der eine Trumpf gefunden ist, den keiner mehr aussticht. Schon gar nicht mit einem „a, bä oder sä“ drin. Hörz Öss. Hört ihr uns? Kunst is‘!

Zum Schluß klappts dann doch nicht – und wird alles zur französischen Fäkalie. Olala! Was kann der Mann eigentlich nicht? Er spricht mittelalterhochdeutsch (oder wie das heißt), googlebookisch, und jetzt auch noch französisch! Irre. So ein Tausendsassa! Und das alles ausm Handgelenk. Aus dem „wolltest noch mehr“ wird ein „wolltest noch, merde!“ – ich bin sprachlos – was steht bloß auf dem Ames sein Herd. Ich falle auf die Knie und denke Ames – Deutschland deine Dichter! Grandioser geht’s nichtmehr.

Ulf Stolterfoht erhält den Heimrad-Bäcker-Preise 2011

«Ulf Stolterfoht hat mit seinem bisherigen literarischen Werk der experimentellen Literatur einen neuen Weg gewiesen. Seine Bände „fachsprachen“ sind zugleich Summe, Fortschreibung und Neudefinition einer auf Montage und Sprachthematisierung setzenden Literatur. Stolterfohts Gedichte sind Forschungen am Bedeutungsprozess, sie führen vor, wie referenzfreie sprachliche Gebilde durch unausweichliche Kognitionsleistungen in Verstehen münden.» Die «fachsprachen»-Bände sind allesamt liefer- und bestellbar. Ulf Stolterfohts letztes Buch sind die Ammengespräche (roughbook 010)

Urs Engeler: Laudatio auf Elke Erb

Liebe Beatrice Stoll, geehrte Elke Elke, verehrtes Publikum

Die Bedingungen, unter denen wir heute Abend hier zusammenkommen, haben etwas Eigenartiges: Elke Erb reist von Berlin, ihrem Wohnort, zu den verschiedenen Literaturhäusern in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz, sie reist nach Leipzig, Salzburg, Graz, Hamburg, sie reist in Berlin vom Wedding nach Charlottenburg, sie reist nach Rostock, München, Stuttgart, Zürich, Frankfurt und Köln, sie reist, um aus ihren Texten vorzulesen, und an jeder ihrer Stationen hört sie die Rede eines Laudators auf sich und ihr Werk.

Insofern, als es in diesen Bedingungen eine Konstante gibt, nämlich Elke Erb als die Vorlesende, und wechselnde Milieus, in denen sie liest, also ein immer anderes Haus mit einem immer wechselnden Publikum, könnte man von einer Versuchsanordnung sprechen. Diese Versuchsanordnung nennt sich Preis der Literaturhäuser.

Versuchsanordnungen sind Elke Erbs natürliche Umgebung. Ich erinnere nur an eines ihrer letzten Bücher, um deutlich zu machen, wie sehr sie an Versuchen und Verfahren, wie stark sie an Versuchsanordnungen interessiert ist: Der Band Sonanz ist mit 5-Minuten-Notate untertitelt, weil die Versuchsanordnung seiner Produktion war, sich Tag für Tag hinzusetzen und 5 Minuten lang zu schreiben, was ihr in den Kopf und von da unter die Feder, oder eher: was ihr unter die Feder und von da in ihren Kopf kam.

Versuchsanordnungen sind nötig, um über das Bekannte hinauszugehen. Sie sind der Versuch einer neuen, einer andern Ordnung. Versuchsanordnungen sind eine natürliche Weise, unnatürliche oder eigenartige Bedingungen zu schaffen, um mehr und anderes über die Natur zu erfahren. Bei Elke Erb, und deshalb ist sie mit der Versuchsanordnung Preis der Literaturhäuser 2011 bedacht worden, geht es um eine Erprobung der Natur von Literatur.

„Elke Erbs Werk hinterlässt Spuren”, lautet die Begründung der Jury, die den Preis der Literaturhäuser 2011 vergab, “Spuren im Leser, den die Gedichte zum Leben brauchen und den sie deshalb suchen, mit aller Kraft.” Das ist es, was diese Versuchsanordnung erweisen will: das Hinterlassen von Spuren in Lesern durch das Vorlesen von Gedichten.

Unklar ist vielleicht, was Elke Erbs Rolle in diesem Versuch ist: Ist sie das Kaninchen, das von einem Ort zum andern springt, oder ist sie diejenige, die das Kaninchen beim Springen beobachtet, die die Reaktionen eines immer je andern Milieus auf sein Springen beobachtet, die die verschiedenen Antworten der Laudatoren auf seine Sprünge beobachtet? Bin ich das Kaninchen? Oder sind Sie die Kaninchen? Wer auch immer das Kaninchen ist: Elke Erb beobachtet es mit Sicherheit.

Zweifel habe ich daran, ob die Reden der Laudatoren sich tatsächlich so sehr voneinander unterscheiden. Deshalb habe ich es vorgezogen, die Reden der andern, die meiner bereits im Internet vorausgeeilt sind, nicht zu lesen. Es ist gut möglich, dass ich die Rede eines andern wiederhole. Wenn ich hier wiederhole, will ich es in aller Selbstverständlichkeit tun. Wiederholung gewisser Gedanken, vielleicht sogar Wiederholungen Wort für Wort sind nicht auszuschliessen, denn schliesslich denken wir alle in Worten und geleitet von Worten, und wir denken von Wort zu Wort. Das kann man bei Elke Erb lernen, diese unwillkürlichen, diese oft leidigen, weil erlittenen, bevormundenden Lautleiten von einem Wort zum andern kann man bei ihr studieren. Und da sich alle diese Gedanken auf Elke Erb und auf ihr Werk beziehen, ist es wahrscheinlich, dass sie gewisse Dinge wieder und wieder hören wird.

Und das ist wahrscheinlich ein bisschen langweilig. Und Langeweile können Kaninchen ebenso wenig leiden wie Bevormundung. Wer sie zu bevormunden sucht, dem entweichen sie in Sprüngen. Laudationes sind immer Bevormundung. Da ist ein Mund, der vor dem eigentlichen Mund spricht. Und Laudationes sprechen ihrem Gegenstand nach dem Mund. Ich ziehe es vor, den Kaninchen beim Springen zuzuschauen.

Aber Wiederholung ist nicht wirklich ein Problem. Wiederholung ist notwendig. Wiederholung gehört zu Versuchsanordnungen. Man wiederholt, um das Resultat zu erproben. Man wiederholt, um die Richtigkeit des Resultats zu erweisen. Man wiederholt, um zu verifizieren. Man wiederholt, um sicher zu gehen. Man wiederholt, um über das Sichere hinaus zu gehen. Man wiederholt, um Neues zu erfahren. Man wiederholt, um sich zu wundern.

Wiederholungen und das Bilden von Reihen gehören auch zu den Verfahren von Elke Erb. In der Vorbemerkung zu dem eben erwähnten Band Sonanz schreibt sie: Von selbst hätte ich mit dem Gesumm wohl auch nicht angefangen: Eines Tages im Herbst 2002 sagte Ulrike Draesner, sie schreibe jeden Tag fünf Minuten lang etwas nieder. Als ich meinte, ich könne das nicht, sagte sie: Wenn du nicht weiter weißt, schreibe einfach immer das letzte Wort, bis die Zeit um ist. Eben dies war (nicht die Ermunterung, sondern) der auslösende Reiz: das Nichts, das die Hemmung wegstrich.

Ich wiederhole: Die Wiederholung ist der Reiz, die Wiederholung ist das Nichts, das die Hemmung wegstreicht. Die Wiederholung ist das Wunder. Die Wüste ist nichts für sie.

Und weiter schreibt Elke Erb in ihrer Vorbemerkung: In der Regel wußte ein neues Notat nichts von dem davor, es begann aus dem Nichts (ich erinnere an und wiederhole: das Nichts, das die Hemmungen wegstreicht) mit keiner Überschrift, nur dem Datum … Der assoziative Ablauf beförderte eine unwillkürliche (oft leidige, weil erlittene, bevormundende) Lautleite von einem Wort zum andern. Unerwartet aber produzierten sie von selbst ideelle, poetologische Reize … Erst während der Bearbeitung erkannte ich nach und nach, daß diese halbautomatischen Wortfolgen sogar aktuelle, schlechthin existentielle ebenso wie auch theoretische, Themen / Aufgaben behandelten, und zwar an einem Tag um den andern, fortschreitend. Hell und schnell, im Vergleich etwa zur Traumarbeit, geführt von Reiz wie Lust. Ende Zitat.

In diesen wenigen Worten steckt, was Elke Erb interessiert, was sie antreibt, was sie ausmacht, was sie anmacht, was sie entfacht: Schreiben ist Reiz und Lust, Schreiben ist Aufgabe, Schreiben ist existentielle Praxis, Schreiben ist Alltag, Schreiben ist Poesie, Poesie ist Poetologie, Poetologie ist Theorie, Theorie ist Alltag, Alltag ist Aufgabe, Aufgabe ist Reiz, Reiz ist Lust.

So kann die Reihe weitergehen. Was ihr hilft ist Assoziation. Nichts steht für sich allein. Alles ist in Verbindung. In Berührung. Was ihr weiter hilft sind Sprünge. Nichts steht fest. Alles kann springen. Sich verändern. Uns verwandeln. Berühren.

Darauf kommt es an. Auf Berührung. Bewegung. Mitmachen. Mitgehen. Verstehen. Vergehen. Adieu. Lesen von einem zum andern. Klärung. Punktuell. Thema. Nichts geht verloren. Nichts steht fest. Alles kann springen. Ruht nicht. Geleitet. Fluch ruhig, die Wolken ziehn.

Das eben war eine Reihe, eine Reihe im Stile von Elke Erb, und es war eine Reihe reeller Überschriften, die sich in Elke Erbs letzter Veröffentlichung finden, in “Meins”. Letztlich ist alles ihres. Wendet sie sich allem zu. Verwandelt sie sich alles an. Die Wüste ist nichts für sie.

Ich fürchte allerdings, die Versuchsanordnung Preis der deutschen Literaturhäuser ist keine, wie  Elke Erb sie sich ausdenken würde, dafür ist sie nicht streng genug, ist sie zu wenig Prozess, zu sehr auf Repräsentation und zu wenig auf Produktion ausgerichtet. 11 Lesungen, das ist gerade mal ein Beginn, gerade ausreichend, um mit der Versuchsanordnung, um mit ihren Regeln, den Konstanten und Eventualitäten, den Schwierigkeiten und Möglichkeiten angefangen zu haben und bekannt geworden zu sein. Nach 11 Lesungen geht es erst wirklich los. Will der Preis der Literaturhäuser Ernst machen mit seinem Versuch, dann ist er mit den elf Lesungen nicht abgefeiert, dann muss er sich fortsetzen und erneuern in der Gründung von 111 neuen und andern Literaturhäuser. Elke Erb wird wissen, wie die funktionieren können. Deshalb macht man ja den Versuch: um Spuren zu hinterlassen in den Lesern. Man muss die Kaninchen und seine Beobachterin befragen, um den Versuch auszuwerten. Das Kaninchen, warmes, wolliges Kaninchen, warmes, wolliges, fernes, ferne hockendes, graues. Die Wüste ist nichts für es. Wir brauchen mehr Literaturhäuser.

Und dafür springt das Kaninchen von Ort zu Ort: weil es beim Preis der deutschen Literaturhäuser um ein bestimmtes Verfahren geht, um ein Verfahren der Wiederholung und Veränderung, der Fortsetzung und Erneuerung, der Tradition und Innovation. Der Preis der Literaturhäuser 2011 passt also ausgezeichnet zu Elke Erb und zu ihren Verfahren. Liebe Literaturhäuser, die Ihr Euch diesen Preis ausgedacht habt: Ich gratuliere Euch, mit Elke Erb habt ihr Euch die richtige Autorin zur Selbsterneuerung und Selbsterfindung gewählt.

Und Dir, liebe Elke, gratuliere ich nicht minder. Auch wer sein Revier im Ungesicherten hat, kann hin und wieder Bestätigung gebrauchen. Du hast sie sehr verdient.

Gerne würde ich auch sagen: Wir brauchen mehr Kaninchen. Auch wir hätten es verdient. Aber ich weiss, dass sie nicht vom Himmel fallen. Es geschehen keine Wunder. Wir können froh sein, dass es wenigstens eine Elke Erb gibt. Und die werden wir jetzt vorlesen hören.

(Einige andere der Laudationes sind gleichfalls zu lesen auf literaturhaus.net.)

Elke Erb, Christian Filips und Bo Wiget in Hildesheim, Prosa Nova

Tageszeitung vom 31. Mai 2011:

Eine neue Form bei gelungenem Inhalt gibt es dagegen bei der Lesung „Haushaltsfragen“.

Die Autorin Elke Erb, 73, und der Autor Christian Filips, 29, leben in Berlin in einer Wohngemeinschaft, deren Küche sie in Berlin ab- und in Hildesheim wieder aufgebaut haben. An diesem Küchentisch lesen und singen sie ihre Texte, während sie Kartoffeln schälen und Sektflaschen entkorken. Die Musik kommt live vom Cellisten Bo Wiget.

Erbs Lyrik und Kurzprosa sind witzig und hintergründig, Filips gesungene Gedichte erinnern an Bert Brecht und Kurt Weill und erst bei näherem Hinhören bemerkt man ihre Absurditäten. Am Ende hängen Erb und Filips Küchengeräte auf an Fäden, die von der Decke kommen. So wird dann aus der Homestory auch noch eine Installation, die den Namen sogar verdient: Die Küchengeräte gehören Erb und haben einige Jahre auf dem Buckel, die sie beim Schweben über den Dingen wunderbar leicht verlieren.

Das Lesen im veröffentlichten Privaten erdet die Texte. Der heilige Ernst des Textes ist weg, und die Küchensituation befriedigt auf eine unaufdringliche Weise die Neugier, die das Publikum mitbringt: Schließlich will man auch erfahren, was der Autor für ein Typ ist, wie er klingt, und welche Ausstrahlung er hat.

Die charmanten Effekte der Küchenlesung wären wertlos, wenn die Texte nichts taugten. Und das ist dann auch das Ergebnis der Hildesheimer Suche nach der Kunstform Lesung: Neue Formen können ein Gewinn sein, ohne Inhalt aber sind sie nichts wert. Und der Inhalt bleibt nun mal der Text.