A Poem A Day – Danyal Nacarli

Danyal Nacarli: Der Demiurg

vertaucht

in eine grelle Sonne hoch eingezäunt
die Erde, das Feld,

auch die bröckelnde Krume,
seltsam
in der Wüste verharrt

ein Fluss,
der bunte Kiesel spült
böschiges Land,
das hinter einem Bache träumt

wie ein Blinder tastet sein Huldiger den Weg
als zerbrechliches Klagen
längst in Einsamkeit verweht

und doch…
auch wenn acht Quadratmeter bisweilen die Welt
ein doppeltüriger Raum, den eine gläserne Röhre hellt

bringt uns ein Bund Lauchzwiebel vielleicht der Freund,
die Hoffnung
die uns wieder sehnen lässt

und
die Freude,
wenn es uns zum Frühling
nie vergessener Heimat trägt

das von neuem
leichte
beinah linde Herz


(Dieses Gedicht ist mir heute kommentarlos per E-Mail zugestellt worden.)

Bruno Steiger: Letzte Notizen 110 (Skala A / 12)

In einer Zeit, die längst vergangen ist, bricht ein völlig unmusikalischer Friseur aus Neapel nach Florenz auf, um sich mit Georg Friedrich Händel über dessen kurz vor der Fertigstellung stehende Oper „Rodrigo“ zu unterhalten. Im Verlauf des Gesprächs erwähnt Händel seine Absicht, nach Neapel zurückzukehren und an die dortigen Erfolge anzuknüpfen. Der Friseur findet den Gedanken „interessant“. In seiner Befürchtung, damit einerseits nichts, andrerseits alles gesagt zu haben, setzt er sich nach Norddeutschland ab, wo er endlich zur Ruhe kommt und schliesslich stirbt, zeitgleich mit Händels Erblindung.

Bruno Steiger: Letzte Notizen 109 (Skala A / 11)

Das Spiel der schwarzen Affen gefällt nicht allen Tieren. Immer wieder entfernen sie sich aus ihrem Revier. Nur die Vögel bleiben manchmal da. In Bodennähe wird ein Abenteuer inszeniert. Sieben Tage dauert es, am achten Tag wird es zur Siegesfeier. Alles flattert lustig umher, die Tiere haben sich herausgeputzt, sie fühlen sich offensichtlich wohl in ihrer Rolle. Es ist die Rolle, die ihr Sein bestimmt. Am neunten Tag hebt der schwarze Affe den Kopf, ein Gewitter hat sich angekündigt, die Vögel fliehen in den Schutz der Wälder. Das, was noch das kleinste Tier dem Menschen neidet, ist das, was den schwarzen Affen über seine Artgenossen erhebt. Man wird es Anstand nennen dürfen. Geist.

Bruno Steiger: Letzte Notizen 108 (Skala A / 10)

Ein spanisch aussehendes Ehepaar wird wegen seiner ausgeprägten Empfänglichkeit für Lobbekundungen getadelt. Der Frau gelingt es, den Vorwurf zu überhören, der Mann behauptet, gegen solche Dinge gefeit zu sein, „und zwar nicht erst seit meiner Heirat!“ Im Übrigen solle man sich doch einmal vorzustellen versuchen, wie es wäre, wenn Lob wie Tadel keines Anlasses mehr bedürften, und somit, wie die Frau nachzudoppeln nicht umhin kommt, nur da als gerechtfertigt gelten könnten, wo beides von Menschen geäussert würde, die aufs Haar genau gleich aussähen wie man selbst. Notiz zum Weinen
(…vor Freude über Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht „Das Spiegelbild“, zum Beispiel).

A Poem A Day – Annette von Droste-Hülshoff

Annette von Droste-Hülshoff: Das Spiegelbild

Schaust du mich an aus dem Kristall
Mit deiner Augen Nebelball,
Kometen gleich, die im Verbleichen;
Mit Zügen, worin wunderlich
Zwei Seelen wie Spione sich
Umschleichen, ja, dann flüstre ich:
Phantom, du bist nicht meinesgleichen!

Bist nur entschlüpft der Träume Hut,
Zu eisen mir das warme Blut,
Die dunkle Locke mir zu blassen;
Und dennoch, dämmerndes Gesicht,
Drin seltsam spielt ein Doppellicht,
Trätest du vor, ich weiß es nicht,
Würd‘ ich dich lieben oder hassen?

Zu deiner Stirne Herrscherthron,
Wo die Gedanken leisten Fron
Wie Knechte, würd‘ ich schüchtern blicken;
Doch von des Auges kaltem Glast,
Voll toten Lichts, gebrochen fast,
Gespenstig, würd‘, ein scheuer Gast,
Weit, weit ich meinen Schemel rücken.

Und was den Mund umspielt so lind,
So weich und hülflos wie ein Kind,
Das möcht‘ in treue Hut ich bergen;
Und wieder, wenn er höhnend spielt,
Wie von gespanntem Bogen zielt,
Wenn leis‘ es durch die Züge wühlt,
Dann möcht‘ ich fliehen wie vor Schergen.

Es ist gewiß, du bist nicht Ich,
Ein fremdes Dasein, dem ich mich
Wie Moses nahe, unbeschuhet,
Voll Kräfte, die mir nicht bewußt,
Voll fremden Leides, fremder Lust;
Gnade mir Gott, wenn in der Brust
Mir schlummernd deine Seele ruhet!

Und dennoch fühl‘ ich, wie verwandt,
Zu deinen Schauern mich gebannt,
Und Liebe muß der Furcht sich einen.
Ja, trätest aus Kristalles Rund,
Phantom, du lebend auf den Grund,
Nur leise zittern würd‘ ich, und
Mich dünkt – ich würde um dich weinen!

Bruno Steiger: Letzte Notizen 107 (Skala A / 9)

Faulheit und Verfinsterung schliessen sich nicht notwendig aus. In gewissen Fällen bedingen sie einander sogar. Wird Faulheit nur gemimt, hat man es mit der Faulheit eines Schauspielers zu tun; es ist eine Faulheit in Anführungszeichen. Umflort von einer aus tiefster Schauspielerseele geschöpften Dunkelheit, zwängt sich der Schauspieler mit aller ihm zu Gebote stehenden Müdigkeit in das Bild eines grundsätzlich Untätigen hinein. In der Maske des von ALLEM Entlasteten entwirft er eine Trägheit, die von profaner Lethargie nur im Vergleich mit der sprichwörtlichen Schlappheit eines Zuschauers zu unterscheiden ist. Wo letzterer alles daran setzt, seine Energielosigkeit als sachgemäss zu rechtfertigen, sehnt sich der Schauspieler nach einer Darstellungsform, die ihn noch bei hellstem Sonnenschein als jenen begnadeten Tagedieb sichtbar werden liesse, der er immer schon – und nicht erst seit seinem ersten Bühnenauftritt in einer Vergeblichkeit sondergleichen – werden wollte.

Bruno Steiger: Letzte Notizen 106 (Skala A / 8)

Genugtuung muss nicht immer und unbedingt in Vergnügtsein oder Tristesse umschlagen. Verbindet sie sich mit Übermut (oder Ekel), kommt es zu seelischen Vorgängen, die an die ältesten Schichten des Eindrucks rühren, man sei ein Mensch. Dürfte heissen: Hätte man sich und alles, was einen ausmacht, nicht früh genug in die erste und letzte Kopfwehtablette von Hanussen II zurückverwandelt, man würde sich noch jetzt mit der Vorstellung eines „Spiels zwischen Invarianten“ herumschlagen müssen, das weder „auf der Bühne“ noch auf der Bühne des Lebens darstellbar ist. April 2011 / Erster Versuch einer definitiv letzten Notiz.