Bruno Steiger: Letzte Notizen 98 (Das Element des Aufbruchs XII)

Unbefragte Gewässer, umgetaufte Küsten. Ich blies eine Fliege von meiner Maus, zählte die Blumen auf der Karte. Ich langte nach dem Telefon, liess mich mit Texas, dann mit Südschweden verbinden. „Hallo Lars“, rief ich in den Hörer. „Selber Hallo Lars!“ tönte es in einem merkwürdig weichen, wie gelallten Deutsch zurück. Dann brach die Verbindung ab. In meinem Entsetzen darüber machte ich kehrt, es passte perfekt zu meiner Stimmungslage. Zu lange hatte ich den Picknickkorb am Fuss der grauen Esche nicht beachtet, nun nahm ich seinen Inhalt in Augenschein. Ich verglich den Inhalt mit dem Inhalt der Karte von Gustafsson. Einerseits die Stearinkerze und der Gottesdienst der Ballonfahrer, andererseits die Blumen und der rote Zeiger auf dem Messingchronometer, dachte ich. Der Zeiger bewegte sich in regelmässigen Ausschlägen. Mit jedem Vorrücken des Zeigers wurde meine Angst vor dem Wort Nachsalzen (abgebr.)

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die Eselin bei besagtem Gleitschirmflug

 

Heute Liedertafel: Dienstag, 29.3.2011
Villa Elisabeth, ab 21 Uhr, Invalidenstr.3, Berlin

Schüttler und Genschel machen ihre Kladden auf. Berweck sitzt u.a. am Klavier.

Auszug:

– Veronika
– Schiebetür (mechanische)
– Fernlautsprecher
– der Hund (Genie)
– mit Pudelmütze!
– (nach dem sie wohl stirbt, aber das dann wann anders..)
– (k)(l)eine “W(e)rk(e)”
– 1x mit Ton?
– Gadenstätter-Spalt-Problematik
– Abstände ≠ Material
– transkribieren?
– Quälersymptome
– die Eselin bei besagtem Gleitschirmflug

*
Round Table, ab 22.30 Uhr:

– Verschränkung von Musik und Sprache nicht in der Ausführung von Werken, sondern im Sichtbarmachen von Produktionsprozessen?
– Best Off. Das Kaufhaus als Ausläufer
– Käseplatte
– Träubchen werfen verboten!
– Urkundenverleihung Kanon-Wettbewerb
– Gnadenlos ausgeführt?

Bruno Steiger: Letzte Notizen 97 (Das Element des Aufbruchs XI)

Auf einer kaum kniehohen sattelähnlichen Geländeerhebung der Gedanke, dass es nicht immer Windverhältnisse sind, die einen die Schritte beschleunigen lassen, mit über die Stirn geschobener Sonnenbrille. Der leichte Trab, in den ich alsbald verfiel, konnte mich nicht davon abhalten, den Blick hin und wieder auf die Blechverkleidung all der Mäuerchen zu richten, die meinen Weg immer dann kreuzten, wenn ich schon meinte, endlich freie Bahn zu haben. Das Blech fühlte sich porös an, die Schraubenlöcher schartig, stellenweise von dürrem Moos überwuchert. Dürres Blech, dürre Schraubenmuttern, das Muster der Mauern in der Landschaft Zeugnis einer Jahrtausende alten Verödung. Ich bewegte mich in Gegenrichtung zu den Farben des Musters. Grün vor Neid auf die Position des immer in Rechnung zu ziehenden Beobachters, setzte ich zum Sprung über ein Rinnsal an, das Bächlein zu nennen mir umso schwerer fiel, als dass es, keine zwei Meter vor einem nahezu kreisrunden kleinen Teich und noch bevor meine Füsse wieder den Boden berührten, in demselben in einer Schnelligkeit versickerte, die ich nie für möglich gehalten hätte.

Bruno Steiger: Letzte Notizen 95 (Das Element des Aufbruchs IX)

Kein Mensch fragte mich, ob ich für das Kommende gerüstet sei. Es sah ganz danach aus, als habe sich in mir etwas gewandelt. Ich war nicht mehr der Simulant der Reinigung; ich war rein. Über meinem Zwerchfell schlug die Zeit in Sekundenschnelle zusammen. Meine Körpertemperatur nach wie vor im grünen Bereich, das mir Mögliche in den Aggregatzustand einer in Fetzen gerissenen Zipfelmütze ausgelagert, und auch dies nur, um im Bild zu bleiben. Inzwischen war es geradezu unwirklich kalt geworden. Zu meinen Füssen tat sich eine Grube auf, ungastlich wie der Abstand zwischen den Flammen der bengalischen Hölzchen, die ich mit klammen Fingern hochhielt, um mir etwas Raum zu verschaffen, da, wo ich mein Revier ausgemacht hatte. Ich sah keine Notwendigkeit, Oberflächen als organische Formen in Betracht zu ziehen. Offenbar hatte ich meine Gewohnheit, alles mit allem zu vergleichen, an einen universellen Rest abgetreten, um nicht Überrest zu sagen, anständigerweise. Es war Mittwoch, und wie fast jedermann war ich von der Sorge erfüllt, mit den Lottozahlen schon wieder falsch zu liegen. Wie erschlagen vom Fehlen jedes sich daraus ergebenden echten Problems, hielt ich mich an die Tatsachen. Ich richtete den Blick auf eine im Gras kauernde Ente. Ich faltete die Ente auf das ihr gemässe Format, ich brannte darauf, sie weiter und weiter zu falten und mir irgendwann, wenn es keiner sah, einen ihrer Flügel in den Mund zu schieben. Es war allein mein Widerstand gegen jede Art von Appetit, der mich davon abhielt, den Staub vom anderen Flügel zu wischen und zuzubeissen. Den damit verbundenen Terrainverlust nahm ich in Kauf.

Zarte Texte, rauhe Lieder

Nils Kahlefendt schreibt im Börsenblatt: „Am Messefreitag wird die 72jährige Dichterin Elke Erb unter der Glashallenkuppel den Preis der Literaturhäuser erhalten. Ganz feierlich, TV-Kameras und Blitzlichtgewitter inklusive. Literaturbetrieb eben. In der schummrigen Gastwirtschaft „Waldfrieden“, im tiefsten Connewitz, feierte sie mit ihren Freunden in den großen Tag hinein. Das Geschenk der jungen Dichter kam eben aus der Druckerei: Ein Bändchen, das Texte von 31 der wichtigsten zeitgenössischen Lyrik-Stimmen mit ausgewählten Gedichten Erbs vereint (Deins. 31 Reaktionen auf Elke Erb. Hrsg. Von Urs Engeler und Christian Filips, roughbook 013). Jetzt, unter dem ausgeblichenen Wandläufer mit dem röhrenden Hirsch, im Raum Schwaden von Nikotin, müssen sich filigrane Textgespinste gegen die Stammtischrunde neben der Theke durchsetzen. Aber wir können auch anders: Christian Filips, den nackten Fuß auf dem Tisch und die Gitarre im Arm, eine Mischung aus Baal und Long John Silver, stimmt gegen Mitternacht das Lied der Roughbooks an; Gläser schlagen den Takt. Ein Abend für alle, die gern mit Dichtern trinken. Ein Abend für alle, die nach einem Messetag „der Zweckrationalität ihrer Lebenswelt“ entkommen wollen. Rough! rough! rough! bellen die Hunde im „Waldfrieden“.“

Zum Originabeitrag hier