HIRN AN BUSCH

Im Buschprospekt

liegt wild und nett

das Hirn parat

das sagt dir dann

was du hier siehst

heisst Wahrnehmung

und  was den Busch so

kratzt am Tag,  macht Schule

wenn ers allgemein vermag

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A Poem A Day – Eckard Sinzig 2

KAPAZITÄTEN-ERWEITERUNG
 
Da man von mir erwartet,
daß ich mich für das Los all dieser
Elenden interessiere,
daß ich Mitleid empfinde mit all diesen Hungernden,
Abstürzenden, Abgestürzten,
verkohlt in den Feldern Umherliegenden,
daß ich mich seelisch engagiere für die Geknuteten,
Vergewaltigten, Gehetzten und Ausgesetzten
– da man all dies von mir erwartet
und diese Erwartung nicht unbillig ist,
habe ich mich entschlossen,
meine Herzkapazität zu erweitern.
Ich habe gewaltige Empfindungsenergien entwickelt.
Mein Herz ist ein Apparat, der simultan
zwanzig verschiedene Mitleidsgefühle bewältigt.
Ich bin ein hochtourig arbeitender Schmerzensmann,
der das Leid etlicher Kontinente im Griff hat.
Drückt auf irgendeine Stelle meines Körpers,
und schon quellen Tränen hervor.
Es gibt Tage, da fühle ich mich als globale
Trauerinstanz, als der weltweit zum Weinen Erwählte.
Man beachte: Dies ist das Ergebnis einer gezielten
Arbeit an mir selbst. Wie gesagt:
Kapazitäten-Erweiterung!
 
Eckard Sinzig: Kopfpunktierer, Herztranchierer, Eremiten-Presse 1997

Bruno Steiger: letzte Notizen 86

All die Leute, die im Dunkel vor dem Eingang meines Hauses auf eine schwarze Katze einreden. Obgleich sie ahnen, das Tier lebt nicht mehr, reden sie. Die Hoffnung, auf ihre alten Tage eine Antwort zu erhalten, hält sie davon ab, von sich selber zu sprechen. Der Aberglaube, dass der menschliche Verstand sich nur in Gegenbeispielen dingfest machen lässt, bewahrt sie nicht davor, in Katzensprache zu verfallen, hier, früh um halb fünf, ist es die Sprache des Kadavers. Zu verstehen ist nichts und ein paar leise Flüche, der Zeuge des Vorgangs muss sich mit Begreifen begnügen. Die Aussicht auf Unbelehrbarkeit besteht.

Exultate, jubilate!

Weg Libido! Weg, Bücher! Körper, weg!
Ihr wollt mir alle doch nur an die Leber.
Weg, Liebes-Hudelei! Lass keinen ran.
Und wenn Ihr mir mit Kränen auf den Leib rückt:
Geht besser nach Kamtschatka oder Leipzig,
Baut Euch im Umkreis Kolonien, benennt sie
Nach mir (So: Filips-Kongo. Oder: Christograd),
Errichtet Zoos, Gedächtnisorte, Nightclubs,
Schreibt Hausarbeiten zu meinen Gedichten,
Bringt mich ins Ungarische, pflegt mich, fleht nur –
Das alles lässt mich kalt. Ich, die Grandezza,
Bin schnellen Herzens, geh zu Bett um neun.
Verlier mich nicht im Denken, spekulier
Auch jetzt nicht länger mehr auf Euren Anruf
– Ob jemand etwa grad bereit zu teilen
Mit mir sein bisschen Leben, Arbeit, Triebstruktur –
Ich leg mich einfach schlafen. Sage laut:
Legenden wachsen weiter. Bis sie wahr sind.
Der Teufel prahlte mit dem Glauben fauchend.
Ward zur Substanz. Und gab sich hin: dem Geist.

*
Christian Filips

Para-Riding nach „Rejoice, Liars

Mehr demnächst im gemeinsam mit Monika Rinck verfassten roughbook 013, Riding & Para-Riding.