A Poem A Day – Levin Westermann

Die Expedition

Es war dunkel und auch ein bisschen kalt. Die Expedition begann. Wir stellten die Teelichter ins Gras und die Kerzen auf den Baumstumpf. Dann raschelte es im Schilf. Vermutlich kein Bison, sagtest du. Ich sah trotzdem nach, mit der besonderen Brille auf der Nase. Kein Bison, sagte ich und watete zurück ans Ufer. Es wurde notiert: 1) kein bison. Ich öffnete den Rucksack. Ich nahm die Taschenlampe und das Dynamit und dann gingen wir in den Wald. Ich hatte Wasser in den Schuhen und jeder Schritt schmatzte. Du hast Wasser in den Schuhen, sagtest du. Ja, sagte ich und wackelte mit den Zehen. Plötzlich standen wir vor einem Tier. Es hatte vier Beine und grosse Ohren und dann rannte es weg. Was war das?, fragtest du. Ein Reh, sagte ich. Du schautest mit zusammengekniffenen Augen auf die Stelle, wo das Reh im Unterholz verschwunden war und ich schaute mit der besonderen Brille auf der Nase auf die Stelle, wo du standest und auf die Stelle schautest, wo das Reh im Unterholz verschwunden war. Dies war der kritische Moment, vor dem man mich gewarnt hatte. Ich legte mein Hand auf das Messer am Gürtel, aber der Moment ging vorbei und ich war zufrieden und schaute wieder weg. Es wurde notiert: 2) ein reh. Wir gingen weiter und fanden einen Fliegenpilz. Kurz darauf fanden wir einen Zahn. Er war gross und scharf. Ein Vogel rief und ein anderer Vogel antwortete. Dann ging es ein Stück bergauf und danach kurz wieder bergab. Wir sind zu langsam, sagtest du. Ja, sagte ich. Wir gingen schneller. Der Himmel war schwarz mit grün und wir schwitzten. Überall standen Bäume. Haben wir Pferde?, fragtest du. Ich schüttelte den Kopf. Ich dachte daran, wie hervorragend es gewesen wäre, Pferde mitzubringen und schüttelte stärker den Kopf. Du fluchtest, ich legte die Hand auf das Messer, nichts geschah. Es wurde notiert: 3) keine pferde. Und wenn wir vielleicht, sagtest du, aber ich schnitt dir das Wort ab. Nein, sagte ich entschieden. Wir brauchen den Pilz noch. Du nicktest. Jetzt war der Himmel weniger schwarz, bald kam das Blau. Der Himmel war jetzt blau und wir begannen zu laufen. Und der Zahn?, fragtest du atemlos. Ja, dachte ich. Vielleicht der Zahn. Aber dann kam das Dynamit. Schon brannte die Lunte und wir gingen in Deckung. Über den Bäumen verblasste ein Mond, ein anderer wechselte die Farbe. Dann explodierte das Dynamit und riss ein Loch in das Gestein. Es piepste in den Ohren und ich konnte nichts sehen, weil: Rauch und Staub im Morgengrauen. Ich rieb mir den Dreck aus den Augen und schaltete die Taschenlampe ein. Es wurde notiert: 4) das loch im berg. Die Expedition ging weiter, Phase 2 begann. Wir stiegen in das Loch, ein Gang führte in die Tiefe, wir folgten dem Gang. Ich ging gebückt, die Luft war schlecht. Ich fand einen Knochen und wenig später einen Dachs. Wir gingen weiter, du sagtest nichts. Plötzlich hörten wir Wasser. Der Gang weitete sich und wir standen in einer Höhle. In der Mitte der Höhle: ein See. In der Mitte des Sees: eine Statue auf einer kleinen Insel. Über der Insel: ein Loch in der Decke, Tageslicht. Da ist sie, sagte ich. Du sagest nichts. Es wurde notiert: 5) die statue des anagrammatikers. Wir traten ans Ufer des Sees, das Wasser war schwarz. Ich nahm den Fliegenpilz aus der Tasche und warf ihn ins Wasser. Wir setzten uns auf den Boden und warteten. Es war warm und wir schwitzten. Da drüben, sagtest du plötzlich und deutetest mit dem Zeigefinger der rechten Hand. Mit der besonderen Brille auf der Nase fixierte ich das reglose Objekt auf dem Wasser. Der Hai, sagte ich. Du nicktest. Es wurde notiert: 6) der tote hai. Wortlos zogen wir uns aus, um zur Insel zu schwimmen. Ich watete ins Wasser, es war überraschend warm, da explodierte ein Schmerz in meiner Seite. Ich blickte herunter und sah mein Messer, das bis zum Griff in meinem Körper steckte. Du blicktest mich wortlos an. Dies war der kritische Moment, vor dem man mich gewarnt hatte. Ich sank auf die Knie, fiel auf die Seite. Der Schmerz breitete sich kalt in meinem Körper aus. Du wendetest dich ab und stiegst in den See. Du begannst zu schwimmen. Die Expedition ging weiter, Phase 3 begann. Die Statue des Anagrammatikers schien zu lächeln. Ich lächelte nicht. Ja, vielleicht der Zahn, dachte ich.

Levin Westermann studiert am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, er gewann 2010 mit seinen Gedichten den open mike.

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