Jedes is am dem eigenen Text genagelt

Ulf Stolterfoht spricht mit der Amme, jetzt im roughbook 010:

[>] Stolterfoht
[<] Amme
[>] Wir sitzen hier in der Simon-Dach-Straße.
[<] Sie sind der Publikum.
[>] Und ich bin das Publikum. So könnte es anfangen.
[<] Kann der Apparat schon froh sein dass Sie sind nich von der berufstätigen künstlerischen Kritik.
[>] Unser Gespräch soll mir helfen, mir über manche Sachen klar zu werden. Probleme der Dichtungs- und Referenztheorie.
[<] Tja. Is leider eine Tatsache dass die Frau nich auskommt ohne dem männlichen Helfers Helfer.
[>] „Tatsache“ ist schon die erste Hilfskonstruktion. Man spricht nicht mehr über eine Welt, sondern über das Bestehen und Nicht-Bestehen von Tatsachen.
[<] Is ja einem Apparat zum dem Welt beliebig schwadronieren.
[>] Aber im Gegensatz zur Außenwelt scheint es Sprache ja zu geben. Oder ist das der entscheidende Denkfehler?
[<] Schwer zum den Sagen bei all den schnöden Eindruck wo man hat.
[>] Ich versuchs noch mal anders: Wenn es völlig unklar ist, was „Welt“ bedeuten soll, wie kann ich dann sinnvoll von Referenz sprechen?
[<] Dis is der flüchtige Aspekt am Welt.
[>] Genau. Aber die Literatur tut so, als könne man diese Flüchtigkeit vernachlässigen. Stichwort Realismusdebatte. Großartiges Wort.
[<] Sage ich: besser nich dem Realismus propagieren!
[>] Mir ist eben nur nicht klar, was jenseits des Realismus steht. Man bleibt fast zwanghaft auf der Stufe der Realismuskritik.
[<] Ich sage Sie! Realismus is äusserst blamabel.
[>] Für mich war immer der Experiment-Begriff die Rettung, aber mittlerweile kommt mir das vor wie ein Realismus zweiter Ordnung.
[<] Der Apparat kommt nur im den Expressionismus vor.
[>] Noch ein Problem: dieses sich ausdrücken wollen um jeden Preis –
so formalistisch kann ein Text gar nicht sein, das spielt immer eine Rolle.
[<] Jedes is am dem eigenen Text genagelt.
[>] Nicht einmal nur an den eigenen – an den Gesamttext ist man genagelt.
[<] Sehe ich voraus: daumenblaue Nagelverfehlung!
[>] Da hat man dann aber immerhin den eigenen Nagel getroffen. Das wäre ein Realismus, mit dem ich leben kann.
[<] Der Leben is so vorläufig dass man gar nich von eine wirkliche Realität sprechen kann.
[>] Kann man denn sagen, daß Wörter eine Realität im eigentlichen Sinne haben? Mir kommt das immer komisch vor.
[<] Diese Rede vertuscht dem Real. Handelt ja um höherem Schwatzen.
[>] Oder sie macht etwas deutlich: keine Wörter, keine Welt. Welt nur als Beschreibung.
[<] Muss man schon genügend hoch befestigt sein zum eine Übersicht haben da.
[>] Also Zwischenergebnis: Welt fraglich, die Wörter aber stehen zur Verfügung. Auf was beziehen sie sich dann?
[<] Mich kommt vor wie von innen nach aussen gestülpt.
[>] Man nimmt den Text als Ersatzwelt, und nichts hat sich verändert. Das kommt mir dumm vor. Wenn das Innere außen ist, ist es eben das Äußere.
[<] Vorerst man müsste dem Proletarier nach unten stutzen.
[>] Man müßte vielleicht mit solchen kryptischen Sätzen arbeiten, mit völlig unverständlichen Sätzen. Die behaupten zumindest nicht mehr, etwas abzubilden
[<] Soll doch der Protestantismus arbeiten gehen wenn ihm beliebt.
[>] Wahrscheinlich liegt im Verstehen sogar das Hauptproblem. Aber der kryptische Text wird ja auch verstanden. Man kommt nicht raus aus dem Verstehen.
[<] Es läuft sich doch heraus auf: Hä?
[>] Das Hä? wäre die schönste Lösung, die ich mir vorstellen kann. Als Reaktion UND als Text!
[<] Zuzüglich dem Gewalt wo es immer braucht.
[>] Ja, genau.
[<] Da entsteht gleich eine gehobene Stimmung.
[>] Machen wir Schluß für heute.
[<] Ach wie immer die Zeit zum dem Feierabend hin verrinnt.

Aus: Ulf Stolterfoht, Ammengespräche, roughbook 010, schnell und einfach und direkt hier bestellen: http://www.roughradio.com/ulf_stolterfoht/bestamme.html

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