A Poem A Day – Bert Papenfuß

Schonen


Für „Flip-out-Elke“

 

 

Bin in Altes Lager gewesen; allet schubbert ab.

Das Pferd ist zu Fuß ein Tusch hinterm Tod.

Ich habe Ales stenar gesehen, steht zwar noch,

aber die Steine sind wie die Wörter verrutscht:

Der Tusch ist ein Pferd hinterm Tod zu Fuß.

So bastelt man kein Sonnenobservatorium.

 

„Gedanken wie Reisig zu Füßen“[1]

„Es fängt an dunkel zu werden

Es hört auf hell zu sein“[2]

„Meine eigenen, störrische Zweige,

zum Winter geworfen“[3]

„Es hört auf dunkel zu sein

Es fängt an hell zu werden

Und zwei ist eins“[4]

 

Von der Erbin[5] lernen, heißt erben lernen: Odin war nur

ein Führer, Loki ist Anrührer, Anführer und Aufrührer!

Schoningers Adler resp. Rabe – „ist Greif“[6].

Zu allem, was recht ist, paßt – was einseift.

Dann sorgt die Biathletin[7] für Ordnung:

Frauen ins Land, Männer an den Strand.

 

Eins ist zwei und

Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es

„Lieblicher sprachst du […]

als du in dein Bett mich entbotst:

nicht darf ichs verschweigen,

 

wenn unsre Schandtaten wir / sollen nennen genau.“[8]

Frieden ist ewiger Streit, ruhig rollt das Rad,

auf Preis folgt Nachlaß, dann Preisgabe,

Zurücktritt, Unterwerfung des Geistes:

Eingeschworen ist die Pik Zehn,

auf die einheizende Herz Neun.

 

 

Gedanken wie Geschling zwischen den Zehen:

„Es fängt an dunkel zu werden

Es hört auf hell zu sein“.

Gletsch, Gleiß und Giersch zu ihrer Zeit,

der Film fängt gleich an:

„Es hört auf dunkel zu sein

Es fängt an hell zu werden

Und zwei ist eins“

 

„Unser Gelächter war urböse […],

gespeist von dem Urquell des Unmotivs,

und wir versuchten vergebens,

den Schutzherrn unseres Gemütes zu betrüben.“[9]

Nach dem Schlangenverderben

beginnt des Wurmes Werden.

 

Eins ist zwei und

Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es

„Lieblicher sprachst du […]

als du in dein Bett mich entbotst:

nicht darf ichs verschweigen …“

 

Wann sorgt die Biathletin für Ordnung?“ –

„Welche Ordnung?“ – „Die Mutter der Ordnung!“ –

„Einmal genannt ist die Mutter der Ordnung

jede Ordnung.“ – „Eine spontane Ordnung!“

„Was heißt Regel beim Dichten? – Zweierlei heißt es.

– Was denn? – Normal und Abgewandelt!“[10]

 

Gedanken wie Geäst zwischen den Zeiten:

„Es fängt an dunkel zu werden

Es hört auf hell zu sein“.

„Die fünfte Freiheit ist Zeitenwechsel[11]

in der Halbstrophe.“[12] Für janz Doofe:

„Es hört auf dunkel zu sein

Es“ fing „an hell zu werden

Und zwei ist eins“

 

Pferdeschwänze drehen am Rad, betrauern

gefallene Adoranten, Schiffsheber, Akrobaten,

Krieger und Dollentrolle, die sich selbst ausheben.

Unterstrapazierte Kindergermanen geben kein Gas;

säen und ernten nicht, sparen keinen Strom.

AIDS riskieren oder Arsch abfrieren.

 

Eins ist zwei und

Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es

Anzufangen auf hört es

Aufzuhören an fängt es

Zuzuhören auf hört es

Zuzugreifen an fängt es

 

Nokia: „Ich habe jede Möglichkeit so antizipiert,

dass mich Alleen voll Gehängter nicht stören werden,

ein Ziel zu verfolgen, das bei mir immer wiederkehrte.

Den Menschen das abbetteln, was sie nicht geben wollen,

habe ich kein Talent, weil ich an die innere Überwältigung glaube.“[13]

Die Unterwerfung des Geistes, dem es an Opfern gebricht.

 

In der Schonung haben wir gefickt.

„Es fängt an dunkel zu werden

Es hört auf hell zu sein“.

Aus der Lichtung bricht die Schneise – wüßte der Dadaskalde[14]

noch die Richtung; brunzt die Scheiße, ich wüßt’s wohl balde:

„Es hört auf dunkel zu sein

Es“ fing „an hell zu werden

Und zwei ist eins“

 

Dann steigt der Greif und Donner fährt ins Gebirge.

Der Winterwanderer[15] beschreibt ein Sommergewitter:

Brachst die Knochen der Spielgefährtin,

machst den Dreigewaltigen zum Hoschi,

barbiertest den mächtigen Kampfbart,

malträtierst die leblosen Schreihälse.

 

Eins ist zwei und

Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es

Anzufangen auf hört es

Aufzuhören an fängt es

Zuzuhören auf hört es

Zuzugreifen an fängt es

 

Verschiedene sich angelegentlich kreuzende Wege resp. Verse

führen zu der Straße resp. Strophe in das Gebiet resp. Gedicht,

in dem steht, was in Schonen und rund um Schonen rum abgeht:

Abgedrehte Vegetationszyklen und jeweiliges Wetter beugen sich

über schräge Großsteingräber und zerfurchte Felszeichnungen.

Die allgemeine und spezielle Poëtologie, die Erörterung zwischen-

 

menschlicher Beziehungen hingegen,

die – zugegeben, innere – Überwältigung

des spröden Geistes, und der Kommunismus

folgen genauso auf dem Fuß wie der Formalismus.

In der Schonung knospt’s –

„Es hört auf dunkel zu sein

Es“ wird angefangen geworfen sein „hell zu werden

Und zwei ist eins“.

 

Der Feind des Trichterbechermannes ist der Steinschläger,

Trassen hauend – „Hucker,“ die wir sind, „nicht Maurer“[16]

für Paperbacks? „Wir gehn über die grauen Wiesen.

Wir grüßen den lautlosen Regen über dem Leunawerk.“[17]

Fehlt dem Raubein das gryphische Element,

hat er glatt die Schiffssetzung verpennt –

 

„die monologe gehen fremd“[18].

Vorbeigefahren, eingeschliffen:

Eins ist zwei und null zugleich.

„Werden zu hell an fängt es

Sein zu dunkel auf hört es

Sein zu hell auf hört es

Werden zu dunkel an fängt es“

Mainstream ist woanders.

 

„Ich nehme keine Befehle entgegen. Ich folge dem Ratschluß

meiner“[19] Schwänze. „Ich sehe den Zauber der Entzauberung.“[20]

„Frauen, die unser Leben teilen, in den enteigneten Betrieben.

[…] nicht gedrückt in die winterliche Struktur.“[21]

„Die Poesie verwandelt ihre Widerstände in Siege.

[…] Je knapper die Siege sind, desto besser.“[22]

 

Schonen … ist die Herausforderung meiner Wassersuppe![23]


[1] Aus: Schonen. In: Elke Erb. Meins. Hg. v. Christian Filips. roughbook 006, Wuischke, Berlin und Holderbank SO, Juni 2010, S. 126. http://www.roughbooks.ch

[2] Aus: SPIELRAUM. In: Elke Erb. Kastanienallee. Texte und Kommentare. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1987, S. 77. SPIELRAUM ist ein Black Metal-Lyric der reinsten Form – seiner Zeit weit voraus.

[3] Aus: Schonen, s. Anm. 1

[4] Aus: SPIELRAUM, s. Anm. 2

[5] In seinem Essay Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität (In: Sinn und Form, Rütten & Loening, Berlin, 5. Heft, 1985, S. 978 – 998) spielt Volker Braun auf Elke Erbs Engagement für die damals jungen Autoren an. Seit 1983 arbeitete sie zusammen mit Sascha Anderson an einer Anthologie, die diese Generation versammelt, sie erschien 1985 unter dem Titel Berührung ist nur eine Randerscheinung bei Kiepenheuer & Witsch in Köln – also im Westen. Der von Braun durchaus aufmunternd für die junge Dichterschar gemeinte Essay ergeht sich in mehr oder minder kryptischen Anspielungen auf die „Szene“: „Unsere vermeintlichen Neutöner, Hausbesetzer in den romantischen Quartieren (wo sie sich ordentlich führen), sind wohl gute Anschaffer, die fleißig auf den Putz hauen. Hucker, nicht Maurer. […] Technisch die Wiederholung des geistlosen Handbetriebs der Avantgarde, niedrige Verarbeitungsstufe.“ (S. 990) Er nennt keine Namen, zitiert einmal eine Zeile von Anderson ohne Angabe von Autor und Quelle (S. 983), spielt jedoch auf Elke Erb an, er nennt sie „die Erbin“ (S. 996) und „unsere Flip-out-Elke“ (ebd.). In dem Text Sehen. Notate zu Volker Brauns Rimbaud-Essay schreibt der damalige Herausgeber von Sinn und Form Max Walter Schulz: „Braun verlangt’s nach ‚radikaleren Sätzlein‘ als den in der ‚Erb-Sache‘ gebrauchten.“ (S. 1009) Richtig ist wohl die oft geäußerte Annahme, daß Braun versuchte, in der „Szene“ die Spreu von Weizen zu trennen und den Weizen zu ermutigen. Seine vagen Anspielungen, selbst für gewiefte Zwischen-den-Zeilen-Leser unter den Germanisten unverständlich, riefen eine vergleichsweise engagierte Reaktion der „Szene“ hervor. Anderson polemisierte hyperverschroben mehr oder minder gegen Braun (in dem Untergrund-Blatt SCHADEN 8/1985), Leonhard Lorek nahm etwas weniger verschroben teils Position für Braun, teils gegen Anderson ein (in SCHADEN 9/1985), Elke Erb schrieb einen Brief an Sinn und Form (auszugsweise dokumentiert in: K. Michael/Th. Wohlfahrt (Hg.). Vogel oder Käfig sein. Druckhaus Galrev, Berlin, 1992, S. 293) usw. – weitere essayistische Texte erwähnten den Anlaß der Debatte nicht mal mehr. Volker Braun hatte einen Sturm im Wasserglas angezettelt. Alle waren irgendwie beleidigt – und die Spreu trennt sich bis auf den heutigen Tag vom Weizen. Und Elke? Elke Erb war, ist und bleibt ausgeflippt, dem Teufel sei’s gedankt.

[6] Aus: SPIELRAUM, s. Anm. 2. – „Und Greifswalds Vogel ist Greif“

[7] Skaði

[8] Aus: Lokis Zankreden. In: Edda. Götterdichtung und Spruchdichtung. Übertragen von Felix Genzmer. Eugen Diederichs Verlag, Jena, 1934, S. 58.

[9] Aus: Das Gesicht. In: Angela Rohr. Der Vogel. Gesammelte Erzählungen und Reportagen. Hg. v. Gesine Bey. BasisDruck Verlag, Berlin, 2010, S. 97 f.

[10] Aus: Strophenverzeichnis [Háttatal]. In: Snorri Sturluson. Die jüngere Edda mit dem sogenannten ersten grammatischen Traktat. Übertragen von Gustav Neckel und Felix Niedner. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf u. Köln, 1966, S. 273.

[11] „Wechsel von Gegenwart und Vergangenheit. – Manchmal bewegt sich die erste Halbstrophe in der Vergangenheit, die zweite in der Gegenwart; das gilt nicht als Freiheit, sondern als etwas Natürliches.“

[12] Ebd., S. 281

[13] Aus einem Brief von Ernst Fuhrmann an Gertrud Osthaus vom 26. 1. 1920. Quelle: Karl Ernst Osthaus-Museum, Fuhrmann-Archiv, F 3.15.

[14] Eyjólfr dáðaskáld, der „Skalde der Taten“, schrieb (vermutlich im frühen 11. Jahrhundert in Island) die Bandadrápa, ein Preislied auf den Sproß des norwegischen Adelsgezüchts Erik Håkonsson, Herrscher von Dingsdal und Bumsdalsborg.

[15] Vetrliði Sumarliðason, isländischer Skalde des 10. Jahrhunderts. Wurde, angeblich wegen seiner heidnischen Weltanschauung, von dem deutschen Missionar Þangbrandr (Dankbrand) ermordet. Überliefert ist eine Strophe, die Thor glorifiziert: „Leggi brauzt þú Leiknar, / lamðir Þrívalda, / steypðir Starkeði, / stéttu of Gjalp dauða.“ – „Leikn du erlegtest, / Ließ’st fall’n Thriwaldi. / Starkard du stürztest, / Stundst ob Gjalp, toter.“ (Aus: Die Dichtersprache [Skáldskaparmál]. In: Die jüngere Edda, s. Anm. 10, hier S. 139)

[16] Nach: Volker Braun. Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität. In: Sinn und Form, Rütten & Loening, Berlin, 5. Heft, 1985, S. 990.

[17] Ebd., S. 993.

[18] Aus: S[ascha] Anderson. Jeder Satellit hat einen Killersatelliten. Rotbuch Verlag, Berlin, 1982, S. 49.

[19] Aus: Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität, s. Anm. 16, hier S. 992.

[20] Aus: Max Walter Schulz. Sehen. Notate zu Volker Brauns Rimbaud-Essay. In: Sinn und Form, Rütten & Loening, Berlin, 5. Heft, 1985, S. 1009.

[21] Aus: Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität, s. Anm. 16, hier S. 993.

[22] Aus: Elke Erb. Sätze zur Poetologie 3 (16. 7. 2010). Quelle: https://roughbooks.wordpress.com/category/satze-zur-poetologie-elke-erb (26. 7. 2010)

[23] Elke Erb versicherte mir am 20. September 2010 nachdrücklich, „daß wir wesentlich mehr können, als wir uns zutrauen“ – bzw. uns zugemutet wird.

Advertisements

3 Gedanken zu “A Poem A Day – Bert Papenfuß

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s