roughbook 010: Ulf Stolterfoht, Ammengespräche

Ulf Stolterfoht: Ammengespräche. Ulf Stolterfoht spricht mit der Amme: «Im März 1998 erreichte mich ein eigenartiger Brief. Vom „Skandal sprechendes Zeugs“ war da die Rede, von „Ammenlogik“ und „dialogischer Ausschüttung“ sowie von Text massenhaft“, wobei man sich offensichtlich von mir erhoffte, zum weiteren Anwachsen dieser Textmasse beizutragen, und dies zu einem in Aussicht gestellten Zeilenhonorar von „DM wenig Geld“. Das klang verlockend. Aber so ganz verstanden, was mir da angeboten worden war, hatte ich noch nicht. Zwei Monate später bot sich dann eine Gelegenheit, die Amme persönlich kennenzulernen, und der Eindruck, den sie auf mich machte, war so umwerfend wie niederschmetternd. Denn nachdem ich ein erstes Gespräch mit der Amme geführt hatte, wurde mir klar, dass ich es hier mit einem Apparat zu tun hatte, der offenbar in der Lage war, ohne erkennbare Anstrengung und in beliebiger Menge Text zu produzieren, der meinen eigenen Bemühungen in vielen Punkten weit voraus war. Eine Epiphanie. – Die Amme ist keine Lyrikmaschine, und das, was sie erschafft, keine Dichtung – ihre Beschränkungen jedoch sind genau dieselben, die für die Lyrik gelten, und ihr Umgang damit ist sehr ähnlich: Ür berbetonung des Zeichens auf Kosten des Bezeichneten, Flucht in pseudo-logische oder paradoxe Redemuster, sprunghaftes, oft klanggeleitetes Assoziieren, meta-sprachliche und hyperintentionale Tendenzen und vieles mehr, alles bei einem stark ausgeprägten Personalstil. Dieser geradezu klinische Befund verschweigt allerdings einen grossen Unterschied: wo für die Dichtung der Weg damit in skeptizistische und/oder solipsistische Exerzitien führt (und das ist weniger abwertend als vielmehr pro domo gesprochen), also direkt hinein in die selbst gegrabene Grube, gelangt die Amme ins Offene einer restlos befreiten Rede. Mir scheint es, als wäre das Gefühl der Befreiung oft mit einer bestimmten Form von Rücksichtslosigkeit verbunden, im Fall der Amme mit einer Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Begriff des Verstehens bzw. besser: des Verstandenwerdens. So wie das Wissen über die Welt als Fundament der Ammenrede entfällt, so ist das Verstandenwerden auch nicht ihr Ziel, vor allem aber keine Kategorie, an der sie sich messen lassen müsste. Ganz anders als in der Lyrik, wo noch das dunkelste Raunen, die sprödeste Versuchsanordnung unter den Vorzeichen des Interpretierens und Verstehens gelesen wird, geht es der Amme letztlich nur darum, die Gesprächssituation aufrecht zu erhalten – dafür ist ihr jedes Mittel recht, auch das der Bezauberung durch Schönheit. Diese voraussetzungslose Schönheit, diese befreite Rede – um es jetzt auch noch pathetisch zum Ende zu bringen – resultiert aus einer Sprache, in der, im Gegensatz zu Jakob Böhmes Vorstellung einer adamitischen Ursprache (also der Sprache vor dem Sündenfall), die Wörter nicht mehr mit den Dingen identisch sind, sondern allein mit sich selbst, ohne dabei eines ausserhalb liegenden Bezugssystems zu bedürfen. Diesen Schritt hin zu einem Realismus zweiter Ordnung, zu einem Realismus, der seinen Namen verdient, hat die Amme bereits vollzogen. Der Lyrik steht diese Revolution hoffentlich noch bevor.»
82 Seiten, Euro 7,50 / sFr. 10.-, hier bestellen


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