A Poem A Day – Matthias Claudius

Des alten lahmen Invaliden Görgel sein Neujahrswunsch

Sie haben mich dazu beschieden,
So bring ich´s denn auch dar:
Im Namen aller Invaliden
Wünsch ich ein fröhlich Jahr.

Zuerst dem lieben Bauernstande;
Ich bin von Bauern her,
Und weiß, wie nötig auf dem Lande
Ein fröhlich Neujahr wär.

Gehn viele da gebückt, und welken
In Elend und in Müh,
Und andre zerren dran und melken;
Wie an dem lieben Vieh.

Und ist doch nicht zu defendieren,
Und gar ein böser Brauch;
Die Bauern gehn ja nicht auf vieren,
Es sind doch Menschen auch;

Und sind zum Teil recht gute Seelen.
Wenn nun ein solches Blut
Zu Gott seufzt, daß sie ihn so quälen;
Das ist fürwahr nicht gut.

Ein fröhlich Jahr den Fürsten,
Die nach Gerechtigkeit,
Nach Menschlichkeit und Wohltun dürsten;
Der Fürsten Ehrenkleid!

Sie sind in diesem Ehrenkleid
Wie Gottes Engel schön!
Und haben selbst die meiste Freude;
Sonst muß ich´s nicht verstehn.

Ein fröhlich Jahr und Wohlbehagen
Dem Fürsten unserm Herrn!
Der auch in unsern alten Tagen
Noch denket an uns gern;

Der als ein Vater an uns denket
Auf seinem Fürstenthron,
Und uns des Lebens Pflege schenket!
Dank ihm und Gotteslohn!

Und seinen Untertanen allen,
Wir sind ja Brüder gar,
Uns lieben Brüdern Wohlgefallen
Und ein recht gutes Jahr!

Und allen edlen Menschen Friede
Und Freud auf ihrer Bahn!
Ich segne sie in meinem Liede,
So viel ich segnen kann;

Und fühl in diesem Augenblicke
Den lahmen Schenkel nicht,
Und steh und schwinge meine Krücke,
Und glühe im Gesicht.

Aus dem Wandsbecker Boten

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Wie kannst du Welt
Sagt Gackerich
Bloss ohne mich
Dich drehen
Kann ich nicht verstehen
Wie du auf mich verzichten kannst
Du Ignoranz, du Weltengans

A Poem A Day – Kenneth Patchen

Der Wolf des Winters

Der wolf des winters
Schlingt straßen, dörfer runter
In seinem weißen hunger.

Der wolf des winters
Patscht die tatze in den verranzten hafen der stadt,
Rührt fahl in seiner suppe aus huren, suiziden.

O, der wolf des winters
Knirscht, käut auf den knochen der armen
In seiner kühlen weißen höhle.

Der wolf des winters…
Der grimme, der kalte, der weiße
wunderschöne winterwolf,
der sich von unsrer welt ernährt.

Zum Original

Elke Erb: Notiz zur Deutsch-Deutschen Übersetzungswerkstatt

Deutsch-Deutsch

28.4.09

Christine Tresch sagte, es habe sich für sie 1 Stereo-Effekt hergestellt, die Wirkung der zwei Gedichte aufeinander sei raumbildend gewesen, zwischen ihnen (Deutsche übersetzen Deutsche, das Paar Urweider, Erb).

2x auf die Welt können, geboren werden + aus der Taufe gehoben.
Freilich dann auch ungetauft weiterleben – das Original.

Auch das Getaufte, d.i. es mit seiner Taufe, ist geboren worden.
Hm, hm. Der Vorgang ist gemeint & nur er.

Uetz sagte nach den Fazit-Übertragungen Bauers, er habe 5 Jahre lang keine Gedichte geschrieben: kleinere (in sich gebundene).
Es werde jetzt von den Anregungen vielleicht wiederkommen. Von Bauers kurzen Gedichten. (Christian Uetz – Christoph W. Bauer).

Die eine Stimme übersetzt die andere in sich.

Stimme: 1 Gestimmtheit, lebende Einheit, mit Erkenntnisvermögen, Ausblick, Empfänglichkeit.

Leib des Sinns (für Freunde des Genitiv-Attributs: Sinnleib)
ist eher die Stimme als die Person / leicht auch die Stimme, nicht nur die Person.