A Poem A Day – Jan Wagner

holunder

wofür die tinte, fragt man, im geäst
die schwarzen tropfen, die sich unverhofft
zum amselklecks verdichten? welcher text
für welches grundbuch, welches heft?

neben der alten scheune, wo in den beeten
das land versickert, hinterm zaun. der duft
der doldenrispen im april, das bütten-
papier, das er aus seinen tiefen schöpft,

während die wäsche trocknet, an der stange
zu flattern beginnt, die amseln sich in dohlen
verwandeln. welches süße oder strenge
geheimnis, fragt man, wird er mit uns teilen,

wenn wir im herbst ums dunkel der terrinen
versammelt sind, mit unseren blankgeputzten
silberlöffeln, jenen allzureinen
sonntagshemden, schweigsam wie kopisten?

Quelle: aus Jan Wagner, Achtzehn Pasteten, Berlin Verlag 2007 (S. 10, für Richard Pietraß)

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