Letzte Notizen 46

Sie möchten danken. „Ganz einfach danken“. Dir, mir, dem Schicksal, und manchmal sogar „allen, die mich kennen“.
Ihr Dank kennt keine Gnade.
Es muss sich um eine Spezies handeln, die das Gegenteil von Torheit inkarniert.
(Zum Unterschied von Horch- und Hörerwünschen)

A Poem A Day – Dieter Roth

über Hochfelden möchte ich wandern,
über Hochfelden möchte ich wandern,
über Hochfelden möchte ich wandern,
über Hochfelden möchte ich wandern.

Bei Glattfelden möchte ich rasten,
Bei Glattfelden möchte ich rasten,
Bei Glattfelden möchte ich rasten,
Bei Glattfelden möchte ich rasten.

Nach Rheinfelden möchte ich ziehen,
Nach Rheinfelden möchte ich ziehen,
Nach Rheinfelden möchte ich ziehen,
Nach Rheinfelden möchte ich ziehen.

Auf Regensberg möchte ich übernachten,
Auf Regensberg möchte ich übernachten,
Auf Regensberg möchte ich übernachten,
Auf Regensberg möchte ich übernachten.

Auf der Regensburg möchte ich überwintern,
Auf der Regensburg möchte ich überwintern,
Auf der Regensburg möchte ich überwintern,
Auf der Regensburg möchte ich überwintern.

Über die Bogenbrücke möchte ich schreiten,
über die Bogenbrücke möchte ich schreiten,
über die Bogenbrücke möchte ich schreiten,
über die Bogenbrücke möchte ich schreiten.

Die Rundschilde möchte ich betrachten,
Die Rundschilde möchte ich betrachten,
Die Rundschilde möchte ich betrachten,
Die Rundschilde möchte ich betrachten.

Den Freienstein möchte ich schauen,
Den Freienstein möchte ich schauen,
Den Freienstein möchte ich schauen,
Den Freienstein möchte ich schauen.

In Nürendorf möchte ich weilen,
In Nürendorf möchte ich weilen,
In Nürendorf möchte ich weilen,
In Nürendorf möchte ich weilen.

Unter dem Baume vor dem golden Kreuz sitzen,
Unter dem Baume vor dem golden Kreuz sitzen,
Unter dem Baume vor dem golden Kreuz sitzen,
Unter dem Baume vor dem golden Kreuz sitzen.

Die Lägern möchte ich durchstreifen,
Die Lägern möchte ich durchstreifen,
Die Lägern möchte ich durchstreifen,
Die Lägern möchte ich durchstreifen.

In Bülach möchte ich ein Weilchen bleiben,
In Bülach möchte ich ein Weilchen bleiben,
In Bülach möchte ich ein Weilchen bleiben,
In Bülach möchte ich ein Weilchen bleiben.

Dort möchte ich das Rathaus besichtigen,
Dort möchte ich das Rathaus besichtigen,
Dort möchte ich das Rathaus besichtigen,
Dort möchte ich das Rathaus besichtigen.

Auf der Habsburg möchte ich mein Zuhause haben,
Auf der Habsburg möchte ich mein Zuhause haben,
Auf der Habsburg möchte ich mein Zuhause haben,
Auf der Habsburg möchte ich mein Zuhause haben.

In Olten möchte ich zuhause sein,
In Olten möchte ich zuhause sein,
In Olten möchte ich zuhause sein,
In Olten möchte ich zuhause sein.

In der Krone zu Solothurn möchte ich wohnen,
In der Krone zu Solothurn möchte ich wohnen,
In der Krone zu Solothurn möchte ich wohnen,
In der Krone zu Solothurn möchte ich wohnen.

Auf dem Weißenstein möchte ich Weißwein trinken (Fendant),
Auf dem Weißenstein möchte ich Weißwein trinken (Fendant),
Auf dem Weißenstein möchte ich Weißwein trinken (Fendant),
Auf dem Weißenstein möchte ich Weißwein trinken (Fendant).

Wo die Emme in die Aare fließt möchte ich sitzen,
Wo die Emme in die Aare fließt möchte ich sitzen,
Wo die Emme in die Aare fließt möchte ich sitzen,
Wo die Emme in die Aare fließt möchte ich sitzen.

A Poem A Day – Anna Louisa Karsch

An Quitungsstatt geschrieben
Im Jänner 1783
 
Seine Majestät befahlen,
Mir, anstatt ein Haus zu baun,
Doch drei Thaler auszuzahlen –
Der Monarchbefehl ward traun
Prompt und freundlich ausgerichtet,
Und zum Dank bin ich verpflichtet.
Aber für drei Thaler kann
Zu Berlin kein Hobelmann
Mir mein letztes Haus erbauen,
Sonst bestellt‘ ich ohne Grauen
Heute mir ein solches Haus,
Wo einst Würmer Tafel halten
Und sich ärgern übern Schmauß
Bei des abgegrämten, alten,
Magern Weibes Überrest,
Die der König darben läßt.

*



Die Naturdichterin Karsch, welche im Januar 1761 aus der Neumark nach Berlin kam, und sich durch ihre Heldenlieder auf Friedrich im siebenjährigen Kriege Ruf erworben hatte, fühlte sich durch eine Unterredung mit dem Könige in Sans=Souci entzückt; er versprach für sie zu sorgen und ihr ein Haus zu bauen; – wurde aber gegen sie eingenommen. Sie bekam 50 Thlr. zum Geschenke, und, als sie wieder bat, so schickte der König ihr mit der Post 2 Thlr., welches Madame Karsch mit folgendem Impromtu erwiderte:
Drum schick ich sie zurück.“

„Zwei Thaler sind zu wenig
Für einen großen König!
Zwei Thaler sind für mich kein Glück,
Drum geb ich sie zurück.

Der Einfall wurde königlich belächelt – eine neue Bitte beschenkte der König mit 3 Thlr., worauf folgende Verse entstanden…

Quelle: Anna Louisa Karschin, Gedichte, Berlin 1792, S.324-25

Letzte Notizen 44

Unter dem Gedudel einer berittenen Dreimann-Combo die Flucht der Zahntechniker. Alte Ohren. Mit der Fussspitze schubsen wir sie über den Bootsrand.

In den Erdbeerfeldern des Schlusskapitels ab und an ein menschliches Gesicht, unausgeschlafen und konsterniert zugleich.

Deutlich sichtbar dann das Blinken der Taschenlampe der einzigen Witwe im Pulk der Verfolger. Es muss als Andeutung eines Signals begriffen werden.

Aus derlei Umständen einen Ausweg gefunden zu haben, grenzt an ein Wunder.

Mit Selbstüberwindung hat es nichts zu tun.

Ulf Stolterfoht nach Peter Waterhouse: konstruktives verfahren

der anfang verläßt das gedicht scheints zuletzt. „erstens“ oder
„jetzt“ – so kann man sicherlich beginnen. mit „zweitens“ ist man
mittendrin. es folgt ein „schon“ im sinne von: schon weiß man
nicht mehr weiter. also noch einmal von vorn. erstens: die säge.
zweitens: der stift. das dringliche ding. drittens: oh zwingli! oh

schutz vor ihm! geschrieben haut das halbwegs hin. ob es jedoch
gehört verstört – ich weiß es nicht! der zweifel weist seinen
schranken die schulter. bier formte diesen wundersamen sang.
zwingli changiert. steht fürderhin für drang. das hätten wir. vorschläge
für weiteren verlauf heben sich entsprechend gegenseitig auf.

entgegennahme des danks wie der huld in schierer „nicht dafür“-
manier. wir wollen nämlich mehr. viel mehr! gelenkte verschränkung
der syntaxstruktur. ergibt: die supertextur. so eilt man durch den
mittelteil. er (zwingli sei bei!) besteht aus baulich zweierlei – hören sie
nur: gerade mach ich den mund zu – und wer steht da schon wieder

am häcksler? ist das nicht – zweitens: derselbe lyriker, der oben noch
mit skrupeln protzte? ich schließe hier mit kolon ab. dann naht bereits
das ende. wie schön es ist, den anfang in den schluß zu schieben? sehr
schön ist es. der schluß ist immer das längste. wir schieben und schieben
und freuen uns arg an der leere. so steht die sache fest im schuh. wie

aber schiebt man weiter? man treibt die weile in den keil. man ahmt
salamander, begutachtet ausführlich türgriffe (bulgarische botschaft) und
schreit: so weit sind wir schon! es braucht eine gilde von waltern, uns
jetzt noch zu halten! dann – fast schon gehaucht: es stimmt! wir lieben es,
am bleistift zu lutschen. nichts weiter – alles drin. hier endet der beginn.

Ulf Stolterfoht nach Peter Waterhouse: Konstruktives Verfahren
und süße Bestimmung, in: passim, S. 23, und demnächst in: http://www.roughbooks.ch/uebersetzungswerkstatt/dtdt.html

A Poem A Day – Peter Waterhouse

Peter Waterhouse: Konstruktives Verfahren und süße Bestimmung

Der Beginn steht auf den eigenen Füßen (erstens tut den ersten Schritt:
Jetzt heißt, was längst verwandelt ist, Gehen, auch wir
gehen anhand der eigenen Füße: Alles ist gemeint. Ausruf des Ausrufs:
Nicht immer ist alles gemeint.)

Das Gehen wird folgendermaßen und unpersönlich beschrieben:
Apfel, Apfel, Himmel, Köln, Apfel wird Kirsche, Himmel
Trinkglas, Bremen, Graz, Mainz, Trinkglas, Trinkglas wird
Köln, Himmel, Schuhe, alles, Bremen im Schuh, Kirsche
der Himmel geht durch einen undeutlichen Himmel, Graz beginnt
unterm Schuh, Köln, Köln, Äpfel, Äpfel, das Gehen ist
eine gehende Birne im Schuh. Was auf den Beginn folgt
heißt in der Kurzfassung: Alles ist gemeint.

Der Sommer, der gemeint ist, heißt: Man macht sich im Mund
zum Eßapfel und liebt die süße Bestimmung. Wir
stehen auf den eigenen Füßen des Sommers, zu spüren ist
der Beginn, der alles meint: Im Mund sind wir Kölner
im Mund ist auch der Himmel, im Mund geht die Birne auf und ab
und wird zerlegt in alles, was gemeint ist. Mit
den konstruktiven Verfahren der Kirschen
entsteht ein süßes Gehen in Köln: Nicht immer. Das Verfahren
geht durch ein Verfahren: Nicht immer. Wir machen aus der Bestimmung
einen süßen Beginn. Die Kurzfassung unserer Absicht lautet:
Schuh. Jetzt steht der Beginn im Schuh. Wenn der Beginn steht
reisebereit, ein großes eigenes Gehen ist gemeint.

aus: Peter Waterhouse, passim, S. 23, demnächst in: http://www.roughbooks.ch/uebersetzungswerkstatt/dtdt.html