A Poem A Day – Pier Paolo Pasolini

Nie mêre lieben,
umbe zuo lieben,
waz ein als wir
niht lieben kan.

Lieben der Herde
Heilige Zîten
umbe jm herze
zuo hân Kapital.

Wênen vür allez,
vür allez lachen,
ein houpt bewarn,
niuwgieric ûf allez.

*

No amà pi nuja
par amà alc
che un di nu
no’l pos pi amà.

Amà il Timp sant
dal Fogolàr
par vej tal còur
un capitàl.

Planzi di dut,
ridi di dut,
vej un sarviél
curiòus di dut.

***
Aus Dunckler Enthusiasmo, Friulanische Gedichte von Pier Paolo Pasolini, Urs Engeler 2009, S.119
Ausgesucht und übersetzt von Christian Filips

A Poem A Day – Ulrich Schlotmann

Die Berge schmerzen
nur den, den sie wirklich stören,
sagt man
(gemeinhin).

Die Unempfindlichen/& Indolenten
dagegen sehen in Bergen kaum mehr als Erhebungen,
Geländeemissionen, meinetwegen.
Durchzogen von Stollen, angelegt worden von
hemdsärmeligen Kerlen in Holzfällerhemden mit
groben Karos, schwarzen & roten wohl
findigen Selfmademen/geleckten Dollarmillionären in
edlem Zwirn zu gefallen, Männern,
die Gold wollten, allenfalls Tränen fanden, Salz
fanden und irgendwann einfach aufgaben,
schlicht nicht mehr konnten –
war eh nichts mehr zu holen/kaum mehr rentabel
und ab: mit der Lufthansa auf die Komoren/nach
noch namenlosen Pazifikatollen – hin:
zu den Postkartenidyllen der Südsee/zum
Humboldthain, meinetwegen.

***
Quelle: Dieser Text entstammt einer Variationsreihe, entstanden im Rahmen des Liedertafel-Projekts Variations sérieuses. Von Ulrich Schlotmann ist 2009 bei Urs Engeler Editor der monumentale Roman Die Freuden der Jagd erschienen.

Ausgesucht von Christian Filips

A Poem A Day – Laura Riding

Die Welt und Ich

Das ist nicht ganz, was ich meine
Viel mehr als die Sonne ist Sonne.
Doch wie lässt sich das genauer deuten
Wenn die Sonne nur beizeiten scheint?
Was für eine Welt aus Unbeholfenheit!
Wie viele feindliche Sinn-Einlagen!
Womöglich ist das einem Sinn so nah
Wie Wissen womöglich seinem Entstehen.
Ansonsten müssen, denke ich, die Welt
Und ich, fremd miteinander, leben, sterben –
Eine bittre Liebe, jeder im Zweifel, ob
Das jemals Thema war: den andern lieben.
Nein, besser sind sich beide beinah sicher
Jeder für sich – genau dort, wo
Genau Ich und genau die Welt
Einander nicht begegnen, um ein Haar, ein Wort.

***

The World and I

This is not exactly what I mean
Any more than the sun is the sun,
But how to mean more closely
If the sun shines but approximately?
What a world of awkwardness!
What hostile implements of sense!
Perhaps this is as close a meaning
As perhaps becomes such knowing.
Else I think the world and I
Must live together as strangers and die–
A sour love, each doubtful whether
Was ever a thing to love the other.
No, better for both to be nearly sure
Each of each–exactly where
Exactly I and exactly the world
Fail to meet by a moment, and a word.

***

Ausgesucht und übersetzt von Christian Filips
Eine Auswahl von weiteren Gedichten der Anti-Dichterin und „weißen Göttin“ Laura Riding erscheint demnächst im roughbook 013, RIDING & PARA-RIDING.

Elke Erbs Bemerkungen zu Urs Engelers Edition roughbook

Diese mir neue Editionsform begegnete mir mit meinem eigenen Text
zuerst als Mail-Sendung einer provisorischen Darstellung der Seiten
und in der für alle books gleichen Schrift.
Zur Ansicht und zur Text-Korrektur.

Obwohl ich die beiden fertigen books, die ich gesehen hatte
(das Cowboylyrikbuch, 003, und das von Christian Filips, 005)
als Erscheinung noch nicht verstand,

kam ich beim Korrekturlesen sofort zurecht.

Das erste Neue, was auf mich wirkte, war:
Diese Schrift auf den sehr weißen fast quadratischen Seiten
trägt die Stimme vor.

Zum Buch hin gedacht:
Die Buchseiten tragen also nicht die Stimme vor.
Sie nehmen den Text in sich auf.

Daß ich die Stimme hörte,
bewirkte außer der Schrift und dem Weiß
der geringe obere Rand und der zuweilen kleine Textrest
oben allein auf weißer Seite. Mit ihm wurde die Stimme fast ohrfüllend.

Indem er die Schrift die Hauptsache sein läßt,
favorisiert der Druck die Stimme. Sie führt.

Auch auf gewohnten Buchseiten liest man, wie beim Schreiben,
die Stimme mit, aber sie führt nicht.

Eine zweite Wirkung war, als erriete der Satz
eine Tendenz, die bei dem neuen Manuskript selbst neu war:
nämlich gegenwärtige Umstände eines Gedankens und Textes
als seine Eigenschaften mitzugeben.

(Das Startbeispiel für diese Tendenz war der Text „Reaktion“ gewesen).
Das roughbook setzte die Daten in gleichgroßer Schrift unter den Text.

Auch hatte ich Anmerkungen in einen Textablauf hineingenommen,
keß & streng in der bei Anmerkungen kleineren Schrift.
Urs setzte sie gleichgroß (s. „Studienblatt“).

So bekamen sie gleiche Geltung mit dem wortführenden Text.
Gleiche Geltung: dieser kleine Hokuspokus-Effekt, wo gleich gültig
das genaue, direkte, prompte Gegenteil von gleichgültig ist!

Da ja das roughbook von dem gewohnten Buch,
samt dessen gewohnter mannigfaltigen Art und Qualität,
sich durchaus abhebt und neu behauptet,

wird es möglich, die Gewohnheit selbst wahrzunehmen,
mit diesem Außenlicht.

Da blicke ich auf die drei Sternchen (statt eines Titels).
Mein Blick ist wegen ihrer Größe etwas irritiert.
Deswegen schaue ich länger hin,

und es begibt sich etwas Ungewöhnliches:
Ich spüre, daß ich mich gewöhnen werde,
spüre eine künftige Gewohnheit, aha?:
Gewohnheit als Zukunft!

„Du gewöhnst dich, nachher merkst dus nicht mehr.“
Ja, ohne das Außenlicht, das das roughbook ihm gibt,
könnte ich die Gewöhnung an die drei kleinen Sternchen
im gewohnten Buch nicht wahrnehmen,

und umgekehrt, ohne sie nähme ich die Gewöhnung
an die drei neuen nicht wahr!

Noch undeutlich fühle ich, daß das kleine weiße Ding
nicht provokant ist, sondern Kraft hat, diesen Unterschied.
Es ist, wie beim gewöhnlichen Buch, nicht meine Kraft,
sondern seine eigene.

Zuerst ist darin wohl Urs Engelers Kraft,
aber auch die Kraft der Rezipienten, denen das Buch gefällt,
und zwar jedesmal auf die ihnen eigene Weise, erstaunend!

Und ganz allgemein, neben der jeweils ideellen, die materielle,
jene die gesellschaftlichen Gegebenheiten seiner Produktion
schön und bescheiden würdigende Kraft.

***

Elke Erbs roughbook MEINS ist im Juli 2010 erschienen und lässt sich hier bestellen.