Das Ich war ein Zar von Geburt – Sätze zur Poetologie 2

Im vorigen Herbst habe ich mich dank einer großartigen deutschsprachigen Anthologie mit der ungarischen literarischen Avantgarde zwischen 1915 und 1930 bekanntmachen können. Sie war ein kollektiver Aufbruch aus überkommenen Formen und erlebte eine wunderbare, selbst für Avantgarden unvergleichbare Blüte, aber sie dauerte nicht lange, denn ihr Aufschwung verdankte sich dem Programm eines utopischen politischen Aktivismus. In ihrer Utopie war es, als spräche der Weltgeist mit dem Weltgeist. Es ging um die Gesellschaft außen, und das Ich war ein Zar von Geburt, hochstehend, unverletzlich. Trotz der Bauernschaft und der Proletariermasse. Das Ich selbst, das Ich-Haus, den eigenen geistigen Haushalt haben sie nicht in Arbeit genommen. Die Arbeit war draußen, sie selbst waren nicht ihr Gegenstand.
Die Formel meiner eigenen Entwicklung sagte: die Gesellschaft kannst du nicht ändern, ein starres Massiv von hier bis Kamtschatka. Hier, das bedeutete: die DDR. 
Aber was du verändern kannst, das ist dein eigenes Denken.
So begann ein Lernprozeß.
Sein Gewinn ist die Befreiung aus einer konsumtiven Position in eine produktive.
Das war für mich immer der entscheidende Unterschied.

***

Hier erscheinen in regelmäßiger Folge die „Sätze zur Poetologie“ von Elke Erb.
Neue Gedichte der Autorin finden sich in dem soeben erschienenen Band
Meins; roughbook 006

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