Skizze zu einem nationalen Lehrgedicht

Wald. Bach. Mauer. Schuld.
Rhein. Reinheit. Autobahn.
Fahrkontrolle. Pusten bitte!
Den Dichtern aber allezeit
freie Fahrt, dann Schlenker:
Die Mordsgemüter mit Motiv
des Schrebergartens grüne Zonen mähen.
Die gelben Zonen werden neu besät.
Da hat ja wohl der Hasso hingepinkelt.
Elektrozaun! Elektrozaun! empfiehlt
ein Nachbar, nah mit mir verwandt,
der um seinen Teich, gedemütigtes Wasser,
Installationen spannt, weil Katzen,
Reiher oder fremde Kinder
schnappten, haschten nach den Kois.
Andere Anwohner meiden indes
schon lange diese Diskussion. Sie nehmen
lieber den Zebrastreifen zur Eckkneipe.
Auch die Zwerge, nebenbei,
die sonst schweigend stehn,
laufen nunmehr los bei Rot.
Kippen alle Fusel, der das Denken
eindeutscht, heftig eindeutscht.
Jetzt kann man den Ersten reihern sehn.
Karpfenlaich und Tresenleich.
Deutsch – die Sprache der Ideen.*

*Eine Initiative des
Auswärtigen Amtes, 2010.

Als AUDIO hören

Christian Filips
Aus: Heiße Fusionen. Gesänge von der Krisis.
Roughbook 005, Holderbank / Juni 2010

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2 Gedanken zu “Skizze zu einem nationalen Lehrgedicht

  1. Herr Murr says:

    Ganz toll….aber das ist zeitgemäßer

    Wiegenlied

    Still, mein armes Söhnchen, sei still.
    Weine mich nicht um mein bißchen Verstand.
    Weißt ja noch nichts vom Vaterland,
    daß es dein Leben einst haben will.
    Sollst fürs Vaterland stechen und schießen,
    sollst dein Blut in den Acker gießen,
    wenn es der Kaiser befiehlt und will. –
    Still, mein Söhnchen, sei still!

    Trink, mein Söhnchen, von meiner Brust.
    Trink, dann wirst du ein starker Held,
    ziehst mit den andern hinaus ins Feld.
    Vater hat auch hinaus gemußt.
    Vater ward wider Willen und Hoffen
    von einer Kugel ins Herz getroffen.
    Aus ist nun seine und meine Lust. –
    Trink von der Mutter Brust!

    Freu dich, goldiges Söhnchen, und lach.
    Bist du ein Mann einst, kräftig und groß,
    wirst du das Lachen von selber los.
    Fröhlich bleibt nur, wer krank ist und schwach.
    Vater war lustig. Ich hab ihn verloren,
    hab dann dich unter Schmerzen geboren –
    hörst drum ewig mein bitteres Ach!
    Freu dich, Söhnchen, und lach!

    Schlaf, mein süßes Söhnchen, o schlaf.
    Weißt ja noch nichts von Unheil und Not,
    weißt nichts von Vaters Heldentod,
    als ihn die bleierne Kugel traf.
    Früh genug wird der Krieg und der Schrecken
    dich zum ewigen Schlummer erwecken …
    Friede, behüt meines Kindes Schlaf! –
    Schlaf, mein Söhnchen, o schlaf …

    (Erich Mühsam)

  2. cantusfirmus says:

    Still, mein armer Fötus, still.
    Boxe mich nicht um mein bißchen Verstand.
    Sollst still sein! Komm nicht raus. Bleib bitte liegen,
    wenn keiner dich ans Leben zwingen will.
    Das Beste wäre nämlich: nie geboren sein,
    sagt Sophokles, sagt, wer es wissen müsste.
    Hier in der Welt musst du dein Blut vergießen.
    Da drinnen aber bleibt dir wohl zu ruhen,
    im Mutterland, Fruchtwasser der Fiktion.
    Du sagst, du rechnest nicht mit Schmerzfreiheit,
    das Leben sei dir wert, es zu ertragen?
    Hör zu, du Nichts: ich kann dich niemals kriegen!
    Ich bin ein Mann. Kann nicht mal Vater sein.
    Und zeuge nicht, aus Überzeugung. Hörst Du?
    Hier draußen tobt ein Krieg. Und Du, ja Du
    kommst sterben, wenn Du kommst. Na und?
    Dann komm halt, komm doch, komm, komm raus
    und boxe mit mir – um mein bißchen Verstand.

    (antwortet darauf CF)

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